100 Jahre Neugier und Aktivität

Anneliese Böttner auf ihrem Balkon

Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind über 80 Jahre alt. Im Bezirksticker möchten wir die Sichtbarkeit der älteren Menschen in unserem Bezirk erhöhen und regelmäßig Personen aus dieser Gruppe vorstellen. Den Anfang macht Anneliese Böttner, die Anfang März 100 Jahre alt geworden ist.

Anneliese Böttner wurde 1925 in Freital bei Dresden geboren und wuchs dort auf. 1960 kam die Russisch-Dolmetscherin aus beruflichen Gründen nach Berlin. Nach Wohnungen in der Choriner Straße in Prenzlauer Berg und am Alexanderplatz zog sie 1964 in die Karl-Marx-Allee. „Es war eine sehr schöne Wohnung.“ Leider sei der Fahrstuhl ständig kaputt gewesen, sodass sie 1997 mit ihrem Mann in eine seniorengerechte und barrierefreie Neubauwohnung in einer Parallelstraße zog. Seit ihr Mann vor 20 Jahren gestorben ist, lebt sie allein. Den Haushalt meistert sie komplett ohne Unterstützung. Sie hat keine Pflegestufe und keine Haushaltshilfe. „Ich bin sehr zufrieden, dass ich noch alles selbst machen kann. Dann ist auch immer alles so, wie ich es gern möchte.“

Kein Jammern aufkommen lassen

Was ist das Geheimnis, um mit 100 Jahren noch so fit zu? „Da gibt’s gar kein Geheimnis. Ich packe gern zu und löse gern Probleme.“ Vor allem aber lasse sie gar nicht erst ein Jammern aufkommen.

Sport hat Anneliese Böttner ihr Leben lang immer viel und gern gemacht. Mit sieben Jahren fing sie mit dem Skifahren an, wenige Jahre später mit dem Radfahren. Ihr erster Mann war Bergsteiger. „Da musste ich immer mit – auch wenn’s teilweise aufregend und anstrengend war.“ Der zweite Mann war begeisterter Fahrradfahrer. Also fuhren sie beide zusammen viel mit dem Rad und machten Fahrradtouren, sogar bis nach Ungarn. „Das waren schon Strapazen, wenn wir mehr als 100 Kilometer am Tag gefahren sind“. Als ihr Mann Ende der 1990er Jahre gesundheitsbedingt nicht mehr Radfahren konnte, hörte auch Anneliese Böttner auf. Ihre Räder – Spezialanfertigungen mit 5-Gang-Schaltung, die ihr Mann selbst gebaut hatte, verkauften sie.

Frankfurter Tor

Sport, Lesen und Kreuzworträtsel

Bis heute ist die Seniorin täglich aktiv. Jeden Morgen verbringt sie zehn Minuten auf ihrem Heimtrainer, den sie für das Geburtstagskaffeetrinken ausnahmsweise aus dem Wohnzimmer geräumt hat. Mit ihrem Rollator ist sie regelmäßig in der Stadt unterwegs, teilweise mit dem öffentlichen Nahverkehr.
Auch Ausflüge macht sie gern. Wenn das Wetter stimmt und sie Lust hat, fährt sie zum Wannsee und nimmt die Fähre rüber nach Kladow. Dort setzt sie sich in ein Lokal am Wasser, bevor sie zur Bushaltestelle läuft, um mit dem Bus über Heerstraße wieder zurückzufahren. Diesen Ausflug macht sie in der Regel mindestens zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst. Im letzten Herbst fiel der Ausflug für sie aus, weil es ihr damals nicht so gut gegangen sei. „Das hat sich zum Glück wieder gelegt.“

In der Nachbarschaft ist die 100-Jährige gut vernetzt. Gemeinsam mit den anderen Alteingesessenen trifft sie sich jeden Freitag auf Kaffee und Kuchen. Zusammen pflegen sie auch den Nachbarschaftsgarten im Hof, ernten Äpfel und anderes Obst und verarbeiten es weiter. „Wir sind der Rest der Alten, die hier mal eingezogen sind.“ Nach und nach zögen mehr jüngere Leute ins Haus, die häufig nur ein paar Monate blieben.

Die Rentnerin liest sehr gern und viel. Die Bücher nimmt sie aus einer Tauschbörse im Seniorenclub mit und legt sie zurück, sobald sie sie durchgelesen hat. Auch einen E-Reader hat sie, um neue Bücher digital lesen zu können. Zudem liest sie täglich die Zeitung. Seit Jahrzehnten ist sie Abonnentin der Berliner Zeitung. Darin löst sie jede Woche das große Kreuzworträtsel in der Wochenendausgabe. Teilweise ärgert sie sich über die Fragestellungen im Rätsel. „Manchmal überlegen die sich blöde Sachen. Da staune ich, dass da Leute darauf kommen.“ Nachdem sie das Kreuzworträtsel ausgefüllt hat, reißt sie sich die entsprechende Seite aus, um am kommenden Wochenende nachzuschauen, was richtig war und auf welche Lösungen sie nicht gekommen ist. „Wenn ich es nicht geschafft habe, dann ärgert mich das sehr.“

Queen Mary 2

Auf Windows 11 will Anneliese Böttner nicht mehr umsteigen

Auf ihrem Wohnzimmertisch steht Anneliese Böttners Computer. Darauf spielt sie neben Schach und Kartenspielen auch gern Strategiespiele. Ihr aktuelles Lieblingsspiel ist „Die Sage von Kolossus“. Mit Computern beschäftigt sich die 100-Jährige schon eine Weile. In ihrem Berufsleben als Dolmetscherin für Russisch spielten diese zwar keine Rolle, denn Anneliese Böttner ist bereits 1985 in Rente gegangen. Als die Rechner dann für den Hausgebrauch auf den Markt kamen, habe sie sich aber umgehört, weil sie gern einen haben wollte. „Also bin ich losgegangen und habe mir für 3.000 Mark meinen ersten Computer gekauft. Und dann habe ich mich da reingefuchst.“ Ein Jahr lang habe sie an der Frankfurter Allee entsprechende Kurse besucht, um die Grundlagen zu lernen. Über die Jahre und neue Betriebssysteme hat sie sich immer weitergebildet. „Aber Windows 11 will ich mir jetzt nicht mehr kaufen.“

Eines ihrer Hobbys war das Reisen. „Das geht jetzt leider nicht mehr, denn bei Gruppenreisen gibt es klare Zeitpläne, an die man sich halten muss. Dafür bin ich morgens zu langsam.“ Mit ihrer Schwester und ihren beiden Nichten war sie viel unterwegs. „Europa habe ich ringsum abgeklappert.“ Sie war in Russland und der Ukraine unterwegs, in Spanien, Portugal und Italien. Kiew habe ihr sehr gut gefallen. „Es tut mir sehr leid, dass da jetzt alles kaputtgeht.“ Reiner Strandurlaub, wie sie ihn in Italien vielfach gesehen habe, sei gar nicht ihr Ding. „Das ist ja total langweilig, nur rumzuliegen. Man muss sich doch bewegen!“ Auch in den USA war sie mit ihrer Nichte 2011. „Ich wollte unbedingt mal mit der Queen Mary fahren.“ Also flogen die beiden nach New York und kamen mit dem Schiff zurück nach Hamburg. Über alle ihre Reisen hat sie selbst Reisetagebücher geschrieben. Die gesammelten Werke stehen im Wohnzimmer im Regal. „Die schaue ich mir regelmäßig an und schwelge in Erinnerungen.“

Anneliese Böttner in ihrem Wohnzimmer

Immer interessiert geblieben

Um sich auf Reisen zu verständigen, hat Anneliese Böttner in den 1990er Jahren noch Englisch gelernt. „Plötzlich waren überall englische Begriffe – in der Zeitung, im Fernsehen, auf Plakaten. Das wollte ich verstehen.“ Also besuchte sie zwei Jahre lang Englischkurse. Bis heute hat sie immer ein Englisch-Wörterbuch zur Hand, um Wörter, die sie nicht kennt, nachzuschlagen. „Ich bin immer noch unheimlich neugierig. Ich kann es nicht ertragen, wenn ich etwas nicht verstehe.“

Auch in technischen Dingen probiert sich die Friedrichshainerin weiterhin gern selbst aus. Als sie Probleme mit ihrer Kaffeemaschine hatte und keines der aufgesuchten Geschäfte ihr weiterhelfen konnte, legte sie selbst Hand an und schnitt den Filter mit der Blechschere zurecht. Reicht ihr eigenes Werkzeug für ihre Projekte nicht aus, leiht sie sich, was sie benötigt, von ihrem Nachbarn. „Es geht um die Erfolge. Wenn mir etwas gelingt, dann freue ich mich sehr.“ Leider würden ihre Finger langsam unsicher. „Die Kraft fehlt mir nicht, aber mit der Feinmotorik wird’s schwieriger.“

Die morgendliche Kaffeetafel im Wohnzimmer mit Vertreter*innen des ehrenamtlichen Gratulationsdienstes des Bezirksamtes, ihrem Nachbarn und ihrer Nichte ist nur der Auftakt zur dreistelligen Geburtstagssause. Am Nachmittag feiert Anneliese Böttner in größerer Runde mit Familie, Nachbar*innen und Bekannten in einem Hotel an der Landsberger Allee, wo sie einen Raum gemietet hat.

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Sie haben Lust, sich im ehrenamtlichen Gratulationsdienstes des Bezirksamtes zu engagieren und Menschen wie Anneliese Böttner zum Geburtstag zu besuchen? Schreiben Sie eine Mail an unsere Kolleginnen im Bereich Stadtteil- und Seniorenangebote: ehrenamt@ba-fk.berlin.de.