Hintergrundinformationen zum Netzwerk

Jüngere Hand hält eine Ältere (s/w)

1. Ausgangslage

In Deutschland nimmt infolge des demografischen Wandels seit Jahren sowohl die Zahl pflegebedürftiger Menschen als auch der Bedarf an pflegerischer Versorgung kontinuierlich zu. Gegenwärtig gelten mehr als 5,7 Millionen Menschen im Bundesgebiet [1] sowie rund 212.000 Menschen in Berlin als pflegebedürftig [2].

Mehr als die Hälfte der Menschen mit Pflegebedarf – bundesweit etwa 3,1 Mio. Personen – wird allein durch An- und Zugehörige versorgt [1]. Dazu gehören insbesondere Partner/-innen, Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder und weitere Familienangehörige, bekannte oder befreundete Personen sowie Menschen aus der Nachbarschaft. Diese übernehmen die Unterstützung in der Regel ohne pflegerische Vorkenntnisse.

Rund 1,1 Millionen pflegebedürftige Menschen werden zuhause durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt – entweder ausschließlich oder in Kombination mit Angehörigen. Lediglich 14 % der Menschen mit Pflegebedarf – also rund 800.000 Personen –werden vollstationär in Pflegeeinrichtungen versorgt [1].

Mit Pflegebedürftigkeit gehen häufig körperliche und kognitive Einschränkungen sowie besondere Abhängigkeitskonstellationen einher, die die Pflegesituation für alle Beteiligte herausfordernd machen kann. Allein in Berlin lebten im Jahr 2023 schätzungsweise rund 66.000 Menschen mit der Diagnose Demenz [3]. Studien zeigen, dass insbesondere Menschen mit Demenz in häuslichen Settings ein erhöhtes Risiko haben, Gewalt zu erfahren. [4] Auch das besondere Vertrauensverhältnis zwischen rechtlich betreuten Menschen bzw. Personen mit Vorsorgevollmacht und den für sie handelnden Personen kann mit einem erhöhten Schutzbedarf einhergehen und macht diese Personengruppen potenziell vulnerabel.

Hinzu kommen strukturelle Rahmenbedingungen wie Personalmangel, Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung in der Pflege, die das Risiko für Überforderung, Konflikte und Gewalt zusätzlich begünstigen können.
Pflegebedürftige Menschen, die von Gewalt oder Vernachlässigung betroffen sind, sind häufig nur eingeschränkt in der Lage, sich zu wehren, Hilfe zu suchen oder ihre Erfahrungen zu berichten, so dass entsprechende Vorfälle oft nicht zur Anzeige gebracht werden.

Da Anzeichen von Misshandlung oder Vernachlässigung in der Pflege häufig auch schwer von krankheits- oder pflegebedingten Veränderungen zu unterscheiden sind, bleiben Gewalterfahrungen mitunter lange unentdeckt. Umso wichtiger sind Sensibilisierung und Wachsamkeit im gesellschaftlichen Umfeld.

2. Entstehung des Netzwerks

Aus dem Schutzauftrag der Polizei ergibt sich eine besondere Verantwortung gegenüber vulnerablen Bevölkerungsgruppen. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sowie der voraussichtlich zunehmenden Pflegebedürftigkeit führte das LKA Berlin in den Jahren 2019 bis 2021 gemeinsam mit der Deutschen Hochschule der Polizei das Forschungsprojekt PaRis – Pflege als Risiko durch. Das vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt analysierte das Kriminalitätsphänomen “Gewalt an pflegebedürftigen Menschen” aus polizeilicher Perspektive mit dem Ziel, Prävention und Strafverfolgung zu verbessern.

Noch während der Projektlaufzeit konstituierte sich im September 2021 das Netzwerk Gewaltfreie Pflege als zentrales, nachhaltiges Ergebnis der Zusammenarbeit für eine sichere und gewaltfreie Pflege in Berlin.

3. Leitbild

Im Rahmen der Zusammenarbeit haben sich die Netzwerkmitglieder auf ein gemeinsames Leitbild verständigt:
„Unser gemeinsames Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen zu schützen. Das bedeutet, dass wir Handlungen und Unterlassungen, die pflegebedürftige Menschen in ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit beeinträchtigen, verhindern, erkennen und verfolgen. Wir sensibilisieren und informieren die Öffentlichkeit zu dem Thema. Dafür vernetzen wir uns berlinweit mit relevanten Akteurinnen und Akteuren des Handlungsfeldes, die am Schutz von formell und informell gepflegten Menschen beteiligt sind.

Wir erarbeiten zusammen strategische Lösungsansätze mit Praxisrelevanz und initiieren und begleiten deren Umsetzung. Dabei kombinieren wir Praxiswissen mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und berücksichtigen sowohl die Bedürfnisse und die Lebenswelt von Gepflegten als auch von Pflegenden. Wir nehmen hierbei eine empathische Grundhaltung ein und sind uns der besonderen Sensibilität des Themas Gewalt in der Pflege bewusst.

Wir verpflichten uns zu aktiver, gleichberechtigter Beteiligung und zu Kommunikation auf Augenhöhe innerhalb des Netzwerks.“

Quellen:
[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024): https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Tabellen/pflegebeduerftige-pflegestufe.html; letzter Zugriff am 08.06.2026
[2] Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2025): https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/a-i-5-hj; letzter Zugriff am 08.06.2026
[3] Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. (2024): https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/factsheets/infoblatt1_haeufigkeit_demenzerkrankungen_dalzg.pdf; letzter Zugriff am 08.06.2026
[4] Shen, Yan/Sun, Fei/Feng, Yali/Lichtenberg, Peter A./Meng, Hongdao (2025): Prevalence of Elder Abuse and Neglect of Persons with Dementia in Community Settings: A Systematic Review and Meta-Analysis, in: Gerontology, S. 400-416.

Polizei Berlin

Landeskriminalamt
LKA 123

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