Unüberhörbar: „Es geht ums Ganze – wir müssen unsere Demokratie verteidigen!“

Stefan Pelzer

Stefan Pelzer, Initiator und Projektkoordinator des Protestbusses Adenauer SRP+

Stefan Pelzer (40), Busunternehmer aus Friedrichshain, hält sich bewusst von Social Media fern. „Ich lese keine Kommentare und habe noch nie selbst etwas gepostet“, sagt er. Stattdessen engagiert er sich seit Jahrzenten abseits digitaler Debatten: Als einer der prägenden Köpfe des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) entwickelt er gemeinsam mit rund 100 Aktionskünstler*innen Projekte, die gezielt auf politische Missstände aufmerksam machen.

Herausragender Einsatz gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung

Dafür geizt er weder an Laustärke noch an technischer Raffinesse: „In Zeiten, in denen das Pendel sehr, sehr weit nach rechts ausschlagen könnte, müssen wir alles dafür tun, unsere Demokratie zu verteidigen!“ Als zivilgesellschaftlicher Aktivist ist er Initiator und Projektkoordinator des Protestbusses Adenauer SRP+, einem Projekt des Zentrums für Politische Schönheit.

Für seinen herausragenden Einsatz gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung wird Stefan Pelzer von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in diesem Jahr mit dem Silvio-Meier-Preis ausgezeichnet. Der Preis trägt den Namen von Silvio Meier, eines leidenschaftlichen Kämpfers für Toleranz, Freiheit und politische Emanzipation, der sein couragiertes Auftreten gegen rechte Gewalt mit dem Leben bezahlten musste.

Stefan Pelzer erklärt: „Wir haben im Rahmen eines Kunstprojekts genossenschaftlich einen alten Bus gekauft und ihn zu einem ‚Gefangenentransporter‘ umgebaut.“

Adenauer SRP bei einer Kontrolle mit Kamerateam

Adenauer SRP+ bei einer Kontrolle mit Kamerateam

Mehr als 100 Akteur*innen, Kreative sowie Handwerker*innen arbeiteten wochenlang daran: Sie schraubten, schweißten und entwickelten ein Fahrzeug, das in der Anmutung einer Polizeiwache der 1960er-Jahre gestaltet ist und bundesweit überall dort eingesetzt werden kann, wo es gebraucht wird.

„Der Bus ist eine funktionale Theaterrequisite.“ Speziell engagierte Theaterhandwerker*innen sorgten durch gezieltes Patinieren für Geschichte und Authentizität im Inneren des Fahrzeugs. „Damals wurde in Polizeidienststellen noch geraucht – also haben wir auf der leicht vergilbten Oberfläche Aschenbecher angebracht. Alle Gebrauchsspuren im Bus sind gemalt.“

Die verbaute Technik – darunter Flakscheinwerfer, Luftschutzsirenen, Störsender und drehbare, Lautsprecher sowie ein großformatiges leuchtendes LED-Paneel – verleiht dem Projekt zusätzliche Wirkung und eine akustische Präsenz. „Eine laute Stimme für die Zivilgesellschaft. Eine Technik, die – bis auf wenige Ausnahmen – funktioniert.“

Stefan Pelzer im Adenauer SRP

Stefan Pelzer im Adenauer SRP+ während eines Einsatzes

Aktionen über die gesprochen wird

Stefan Pelzer, der sich bereits seit seinem elften Lebensjahr gegen Rechts engagiert, sieht sich nicht als jemanden, der Stromleitungen kappt und ganze Stadtteile im Winter tagelang ohne Strom und Heizung zurücklässt. „Das bin ich nicht! Unsere Aktionen sollen Spaß machen, die Menschen mitnehmen und dafür sorgen, dass beim Abendessen darüber gesprochen wird.“ Im Fokus steht für ihn, „antifaschistische Protestaktionen organisiert zu unterstützen“.

„Uns zieht es mit unserem Meisterwerk der Ingenieurskunst dorthin, wo Gegenwehr nötig ist.“ Gemeint sind Regionen und Orte, in denen rechte Akteur*innen stark präsent sind und Einsätze oft schwierig und gefährlich werden. Beispiele dafür sind etwa AfD-Parteitage in Riesa oder Erfurt oder – als Heimspiel – „ein Sommerkonzert mit Alice Weidel in Berlin“. Mit dem künstlerisch-politischen Anspruch, dass niemand sagen kann, er habe es nicht gewusst, dreht Stefan Pelzer die beweglichen Riesendrucklautsprecher auf und macht unüberhörbar auf seine Forderung nach einem Verbot der Alternative für Deutschland aufmerksam – im erlaubten Rahmen politischer Kunst.

Unerschrockene Haltung für den Erhalt demokratischer Werte

Auch in Friedrichshain war der von Stefan Pelzer initiierte Protestbus Adenauer SRP+ präsent und unterstützte unter anderem die Gegenproteste zu rechtsextremen Aufmärschen im März 2025.

Kreativ und mit großer Ausdauer engagiert sich Stefan Pelzer seit Jahrzehnten gegen rechtsextreme Strukturen und ihre politischen Akteur*innen. Inzwischen wird er europaweit auf der Straße erkannt und angesprochen. „Na, heute ohne Bus hier?“, habe ihn etwa jemand in Zürich auf dem Bahnsteig gefragt.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus: Einige gratulieren zu seinen Aktionen, andere äußern sich abfällig und empfehlen ihm, „es doch einmal mit Arbeit zu versuchen“, erzählt Stefan Pelzer und lacht. Als Arbeitgeber von rund 30 Mitarbeiter*innen kann er sich über Arbeitsmangel nicht beklagen. „Ich arbeite 40 bis 60 Stunden pro Woche in meinem Unternehmen. Wir beschäftigen Fahrer*innen, Disponent*innen und Mitarbeitende in der Verwaltung.“ Weitere etwa 20 Stunden investiert er in sein Ehrenamt als Vorsitzender des ZPS sowie in politisch-künstlerische Projekte wie den Adenauer SRP+. „Das füllt mich aus – und ich muss mich auch als Steuerzahler nicht verstecken.“

Erst vor wenigen Tagen sorgte ein im Oktober in Chemnitz aufgestelltes satirisches Plakat für Aufsehen. Thema der Aktion war die mutmaßliche Weitergabe interner Daten an Rechtsextreme in Sachsen. Die Folge: Hausdurchsuchungen an fünf Standorten des Zentrums für Politische Schönheit in Berlin.

„Hier wird in meinen Augen Kunst kriminalisiert. Anstatt den Anlass für die Satire genauer zu untersuchen, stehen frühmorgens Beamte vor der Tür und klingeln Menschen aus dem Bett“, kritisiert Stefan Pelzer.

Auch in sozialen Netzwerken wird der Umgang mit der Aktion diskutiert. Nutzer*innen äußern Verständnis und bieten Unterstützung, andere reagieren teils mit aufmunternden Kommentaren: „Stefan, ich will ein Kind von dir … ähm, ein Plakat.“

Stefan Pelzer hat es nicht gelesen – er lacht und strahlt und zeigt unerschrocken Haltung und sowie sein Gesicht, stellvertretend für alle im Widerstand gegen Kräfte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt, unsere demokratischen Werte und die bereichernde Vielfalt unseres Gemeinwesens nun auch verstärkt in unserem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aggressiv anzugreifen versuchen.