Gemeinsam geht vieles leichter: Der Selbsthilfe-Treffpunkt Friedrichshain-Kreuzberg

Dr. Konstantin Ingenkamp arbeitet seit 26 Jahren im Selbsthilfe-Treffpunkt. Im Laufe der Zeit hat sich dabei vor allem die öffentliche Wahrnehmung des Konzepts positiv verändert.

Dr. Konstantin Ingenkamp arbeitet seit 26 Jahren im Selbsthilfe-Treffpunkt. Im Laufe der Zeit hat sich dabei vor allem die öffentliche Wahrnehmung des Konzepts positiv verändert.

Wie geht man mit einer Krankheit um, die den Alltag bestimmt? Wie lebt es sich mit einer psychischen Belastung oder einer Suchterkrankung? Und an wen kann man sich wenden, wenn man andere nicht immer mit den eigenen Sorgen belasten möchte? Im Selbsthilfe-Treffpunkt Friedrichshain-Kreuzberg in der Boxhagener Straße 89 finden Menschen einen Ort, an dem sie mit solchen Fragen nicht allein bleiben müssen. Hier können sie sich mit anderen Betroffenen austauschen, eine Selbsthilfegruppe gründen und gemeinsam Wege finden, besser mit ihrer Situation umzugehen.

Diana Eulau und Dr. Konstantin Ingenkamp begleiten die Arbeit des Selbsthilfe-Treffpunktes. Ingenkamp ist seit 26 Jahren im Bereich der Selbsthilfe tätig. Er hat miterlebt, wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Selbsthilfegruppen über die Jahre verändert hat – und wie wichtig es ist, Menschen den Zugang zu diesem Angebot zu erleichtern.

Von der ersten Idee zur eigenen Gruppe

Am Anfang steht häufig der Wunsch, sich mit Menschen auszutauschen, die etwas Ähnliches erleben. Der Selbsthilfe-Treffpunkt hilft dabei, aus diesem Wunsch eine konkrete Gruppe zu machen. Das Team berät Interessierte, begleitet die Gründung, organisiert geeignete Räume und unterstützt die ersten Schritte.

Dabei geht es auch darum, den Gruppen Raum für ihre eigene Entwicklung zu geben. „Wenn eine Gruppe erfolgreich angeschoben wurde, ziehen wir uns zurück und lassen die Gruppe machen. Sie soll schließlich von selbst wachsen“, erklärt Ingenkamp.

Die Bandbreite der Themen ist groß. Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen oder Suchterfahrungen kommen ebenso zusammen wie Menschen in besonderen sozialen Lebenslagen, Arbeitssuchende oder Alleinerziehende. Manche Gruppen bestehen aus nur zwei Personen, andere umfassen bis zu 20 Mitglieder. Einige treffen sich bereits seit vielen Jahren.

Die Gruppen gestalten ihre Treffen ganz unterschiedlich. Manche sprechen über ihre Erfahrungen und Schwierigkeiten, andere werden gemeinsam kreativ, malen, machen Gymnastik oder essen zusammen. Was sie verbindet, ist der Austausch auf Augenhöhe: Die Teilnehmenden begegnen sich als Menschen mit eigenen Erfahrungen. Ärztinnen, Ärzte oder Therapeutinnen und Therapeuten leiten die Treffen nicht. Stattdessen bringen die Betroffenen selbst ihre Perspektiven, Fragen und Ideen ein.

Mit den eigenen Sorgen nicht alleine bleiben

Eine Selbsthilfegruppe kann dabei helfen, die eigene Situation besser zu verstehen und den Alltag mit einer Erkrankung oder einer schwierigen Lebenslage zu bewältigen. Wer erlebt, dass andere ähnliche Herausforderungen kennen, kann sich verstanden fühlen und neue Umgangsweisen entdecken. Auch die Sorge, Angehörige oder Freunde zu sehr zu belasten, kann im Austausch mit anderen Betroffenen in den Hintergrund treten.

Das gemeinsame Reden spielt dabei eine wichtige Rolle. In einer Gruppe können Erfahrungen geteilt werden, für die im Alltag manchmal wenig Platz bleibt. Niemand muss alles erklären, denn die anderen kennen viele der Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Daraus können Verständnis, gegenseitige Unterstützung und neue Perspektiven entstehen.

Dabei gibt es keinen festen Weg, wie Selbsthilfe aussehen muss. Jede Gruppe entwickelt ihre eigene Dynamik und entscheidet selbst, was ihr guttut. Mal steht das ausführliche Gespräch im Mittelpunkt, mal eine gemeinsame Aktivität. Entscheidend ist, dass Menschen einen verlässlichen Rahmen finden, in dem sie ihre Erfahrungen teilen und sich gegenseitig stärken können.

Für die Treffen stellt der Selbsthilfe-Treffpunkt seine Räume in der Boxhagener Straße 89 zur Verfügung. Die Nutzung kostet lediglich einen Euro pro Person und Sitzung. Die verschiedenen Räume bieten Platz für unterschiedliche Gruppengrößen und Bedürfnisse.

Selbsthilfe aus der Nische holen

Als Ingenkamp vor 26 Jahren in diesem Arbeitsfeld begann, wurden Selbsthilfegruppen häufig noch belächelt. Vielen Menschen war das Konzept vor allem aus Filmen bekannt, etwa durch Darstellungen der Anonymen Alkoholiker. Seitdem hat sich die Wahrnehmung verändert.

Mit der Gesundheitsreform von 2008 wurde die Förderung von Selbsthilfegruppen und Selbsthilfekontaktstellen durch die gesetzlichen Krankenkassen gesetzlich verankert. Auch die Öffentlichkeitsarbeit gehört zu Ingenkamps Aufgaben. Er möchte zeigen, was Selbsthilfe leisten kann, und dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Die Entstigmatisierung des Konzeptes sei ihm immer besonders wichtig gewesen. In diesem Bereich habe sich über die Jahre viel bewegt, berichtet er.

Dass eine neu gegründete Gruppe nicht zustande kommt, erlebt Ingenkamp nach eigener Einschätzung eher selten. Mit Beratung, Begleitung und Unterstützung gelinge es in der Regel, die anfänglichen Hürden zu überwinden. Schwieriger sei es mitunter, alle Gruppen und ihre Termine in den vorhandenen Räumen unterzubringen.

Denn der Treffpunkt ist ein lebendiger Ort, an dem viele Gruppen eigenständig zusammenkommen. Zahlreiche Treffen finden abends statt, wenn keine Mitarbeitenden mehr vor Ort sind. Dass die Gruppen ihre Räume selbstständig nutzen können, setzt deshalb gegenseitiges Vertrauen und verlässliche Absprachen voraus.

Ein Stück Lebensqualität zurückgewinnen

Was ihn an seiner Arbeit besonders erfüllt, ist für Ingenkamp die Möglichkeit, Menschen dabei zu helfen, mit ihrem eigenen Schicksal besser zurechtzukommen und glücklicher damit zu leben. Selbsthilfe bedeutet dabei nicht, dass Schwierigkeiten einfach verschwinden. Sie kann aber helfen, mit ihnen anders umzugehen – gemeinsam statt allein.

Der Selbsthilfe-Treffpunkt Friedrichshain-Kreuzberg schafft dafür die Rahmenbedingungen. Diana Eulau und Dr. Konstantin Ingenkamp unterstützen Menschen dabei, zueinanderzufinden, begleiten die ersten Schritte und stellen Räume zur Verfügung. Was daraus entsteht, gestalten die Gruppen selbst.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Wer auf Menschen trifft, die ähnliche Erfahrungen teilen, kann Verständnis finden, sich austauschen und neue Kraft für den Alltag schöpfen. Manchmal beginnt das mit einer einfachen Begegnung – und daraus wird eine Gemeinschaft, die über viele Jahre trägt.

Selbsthilfe-Treffpunkt
Boxhagener Straße 89
10245 Berlin
Telefon: (030) 291 83 48
Mobil Whatsapp: (0151) 18 08 88 61
E-Mail: info@selbsthilfe-treffpunkt.de
Web: www.selbsthilfe-treffpunkt.de
Träger: Volkssolidarität Berlin e.V.