Wo wohnungslose Menschen zur Ruhe kommen: Das Kiez-Café in Friedrichshain

Nadja Stodden

Das Kiez-Café am Bersarinplatz ist für Unwissende nicht leicht zu finden. Das Gebäude in der Petersburger Straße 92 wird gerade saniert. Die von der Arbeiterwohlfahrt betriebene Tageseinrichtung für wohnungs- und obdachlose Menschen und die Notübernachtung für Frauen, ebenfalls unter Trägerschaft des AWO KV Berlin Spree-Wuhle sind die einzigen verbleibenden Mieter im Vorderhaus des Altbaus. Vorm Gebäude ist ein Teil des Gehweges gesperrt, im Treppenhaus sind Bauarbeiter aktiv. Doch die Gäste wissen genau, wo sie hinmüssen. Das Team des Kiez-Cafés hat sich bewusst entschieden, während der Strangsanierung im Gebäude zu bleiben. Auch wenn dies mit massiven Einschränkungen einhergeht und bedeutet, dass aktuell nur die Hälfte der Fläche für die Einrichtung zur Verfügung steht. Die Bauarbeiten haben im Juli begonnen und werden planmäßig 18 Monate dauern.

Frankfurter Tor

Das Kiez-Café befindet sich in Laufnähne zum Frankfurter Tor

Rund 100 Nutzer*innen pro Tag

„Wir konnten hier aber nicht einfach raus“, erklärt Leiterin Nadja Stodden: „Wir brauchten etwas Zentrales im Bezirk, was unsere Gäste kennen und gut erreichen können. Es gab keine Übergangsimmobilien im Bezirk und auf Außenbezirke ausweichen zu müssen, wäre sowohl für die Erreichbarkeit der Einrichtungen als auch die Sicherheit der Nutzer*innen nichts gewesen.“ Auf der Baustelle zu bleiben, war für die Einrichtung daher die beste Lösung. Die Gäste seien sehr froh, dass das Angebot weiterhin am bekannten Ort ist.

Die Diplom-Sozialarbeiterin Nadja Stodden leitet das Kiez-Café seit 20 Jahren. 2014 zog es an seinen jetzigen Standort unweit des Frankfurter Tors. Vorher war es in der Wühlischstraße im Südkiez beheimatet. Aus der dortigen Immobilie musste es damals aufgrund einer Sanierung ausziehen.

Das Kiez-Café ist montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Über den Tag verteilt besuchen es etwa 100 Nutzer*innen für verschiedene Angebote. Manche kommen zum Frühstück, andere zum Mittagessen. In den Räumen gibt es aktuell 30 Plätze, um sich aufzuhalten. Sind alle Plätze belegt, müssen weitere Gäste im Treppenhaus warten. Die Angebote der Einrichtung sind weit gefächert. Neben der Versorgung mit Mahlzeiten und Lebensmittelspenden gibt es auch mehrere Angebote an lebenspraktischen Hilfen, wie Schließfächer, Postempfang, Wäsche waschen und Duschen. Das Team kontrolliert an der Tür auf Waffen und Alkohol. Hunde sind im Café erlaubt. Auch Hundefutter wird ausgegeben. Auch Nadja Stoddens Hund ist tagsüber bei ihrer Arbeit. Die englische Bulldogge Bärbel ist in der Regel mit ihrem Frauchen im Büro anzutreffen. Hier findet in der Regel die Sozialberatung statt, welche von Hilfesuchenden aus dem Bezirk aufgesucht wird.

Klare Regeln für alle

Gelegentlich gibt es Ärger zwischen einzelnen Gruppen. Daher hat Nadja Stoddenen einen Kurs als Deeskalationstrainerin absolviert. Auch für ihre Mitarbeitenden ist es ihr wichtig, sie entsprechend zu schulen. „Konkrete Situationen arbeiten wir im Nachgang immer zusammen auf.“

In der Einrichtung achtet das Team sehr darauf, dass innerhalb der Gruppe niemand auf andere herabschaue. „Manche glauben, sie hätten mehr verdient als andere. Aber in unserer Hausordnung ist ganz klar aufgeführt, dass für Beleidigungen aufgrund welcher Motivation auch immer, kein Platz ist. Wer hier herkommt, muss sich entsprechend verhalten und allen Menschen gleich begegnen.“

Einige Gäste kommen regelmäßig. „Da macht man sich dann schon Gedanken, wenn sie plötzlich nicht mehr auftauchen und fragt herum, ob jemand etwas gehört hat.“ Für die Gäste geht es darum, sich tagsüber zu erholen und in einem sicheren Umfeld zu sein. „Einer der Gäste, der gar kein Deutsch spricht, schaut sich beispielsweise immer gern das Gala-Magazin an, ohne wirklich etwas zu verstehen. Aber beim Anschauen der Bilder kann er sich gut entspannen und seinem gewohnten Alltag etwas entfliehen.“

Essen

Das Team versucht, täglich drei Gerichte anzubieten.

Kiez-Café-Besuche als wichtiger Teil des Alltags

Am Wochenende ist das Kiez-Café nicht geöffnet. „Immer montags merke ich dann, dass durch die Schließzeiten am Wochenende ein wichtiges Element in ihrem Alltag fehlt. Die Menschen sind viel müder, da sie das Wochenende ohne Ruhephase verbracht haben.“

Von den Gästen sind rund 80 Prozent Männer. Bei den Frauen stellt Nadja Stodden fest, dass immer mehr ältere Frauen im Rentenalter sind. Einige Frauen, die regelmäßig kommen, sind über 60 Jahre alt, einige von ihnen sogar über 80.

„Wir sind relativ klein mit sehr familiärem Charakter. Für viele unserer Gäste sind wir die Konstante in ihrem Leben. Sie geben uns auch als ihren Notfallkontakt an.“

Das warme Essen, das mittags ausgeteilt wird, entsteht auch mit Unterstützung des Sozialvereins Friedrichshain, der die KiezKüche am Bersarinplatz betreibt. 35 Portionen liefert der Verein täglich an das Kiez-Café. Das Café-Team kocht aber auch selbst. „Wir versuchen, täglich drei Gerichte zuzubereiten, eines mit Fleisch, ein veganes und idealerweise noch ein anderes.“

„Wir sind ein sehr kleines Team für das, was wir hier alles umsetzen.“ Sowohl in der Küche als auch in der Kleiderkammer arbeiten jeweils ein Sozialbetreuer, hinzu kommen zwei Fahrer. Seit einigen Monaten ist eine weitere Sozialarbeiterin mit 28 Stunden in der Woche im Kiez-Café beschäftigt. „Das ist eine große Entlastung für mich“, erläutert die Leiterin. Ehrenamtliche unterstützen das Team nur unregelmäßig. „Nicht immer, können wir das bieten, was die Leute sich vorstellen.“

Im Kiez-Café werden auch Sozialberatungen angeboten. Viele Beratungen übernimmt Nadja Stodden selbst. Andere finden im Rahmen von Kooperationen statt, etwa mit dem Jobcenter.

Sonne

Im Rahmen der Hitzehilfe werden Wasser, Traubenzucker, faltbare Hundetrinknäpfe und Kopfbedeckungen ausgegeben.

Hitzehilfe im Sommer

In den Sommermonaten ist Nadja Stodden zusätzlich mit der Hitzehilfe in Friedrichshain unterwegs. In den Bereichen Frankfurter Allee, Warschauer Straße und am Forckenbeckplatz schauen die Sozialarbeiter*innen an festen Tagen nach den wohnungslosen Menschen, um sie zu informieren und zu verpflegen.

Dabei werden Wasser, Traubenzucker, faltbare Hundetrinknäpfe und Kopfbedeckungen ausgegeben. So kann auch der Kontakt zu den wohnungs- und obdachlosen Menschen im Bezirk außerhalb der Einrichtung aufrecht erhalten werden. In diesem Jahr hat sie bei den Betroffenen deutlich schlechtere Zustände festgestellt als in den Vorjahren. „Allgemein halten die Leute sich trotz der schwierigen Lebensumstände sehr gut. Aber manchen setzt die Hitze extrem zu, so dass es auch im Kiez-Café schon bei einigen Personen zu Kreislaufzusammenbrüchen kam.

Wohnungsloser Mensch

"Der Druck steigt."

In den zwei Jahrzehnten, in den Nadja Stodden in ihrem Beruf arbeitet, sei es immer schwieriger geworden, den Wohnungslosen Perspektiven zu bieten. „Wir haben so viele Menschen, die weinend vor uns sitzen in den letzten zwei Jahren, weil sie den Druck nicht mehr aushalten.“ Immer mehr Frauen und Familien seien in größeren Unterkünften untergebracht. Das habe es früher so nicht gegeben. Insgesamt stellen die Sozialarbeiter*innen eine starke Zunahme an Wohnungslosen fest.

Anträge auf Sozialleistung, etwa für das Wohngeld, seien häufig kompliziert und hätten lange Bearbeitungszeiten. Bei einigen Prozessen mit dem Amt fehle heutzutage die persönliche Komponente, die den Menschen Sicherheit gebe. „Es braucht eine stärkere Anbindung und persönliche Beratungen für diese Personen“. Gerade für Frauen auf der Straße wünscht sich Nadja Stodden mehr Angebote. „Wohnungslose Frauen haben meist schon im Vorfeld sehr viel erlebt und benötigen spezifische und perspektivisch langfristige Angebote.“
Bei manchen Gästen, erlebt Nadja Stodden, wie sie täglich schwächer werden.

„Auch für mich als Sozialarbeiterin steigt der Druck, weil die Gäste sehr viel Hoffnung auf mich setzen und es immer schwieriger wird, Wohnraum oder Unterkunftsplätze zu finden. Die Leiterin berichtet von einer Frau im Rentenalter mit zwei älteren Hunden, die dringend eine Unterkunft brauchte. „Jeden Tag, wenn die drei hierherkamen, sahen sie schlechter aus.“ Zum Glück konnte Nadja Stodden sie schlussendlich unterbringen.

Wunsch nach mehr Zusammenhalt und Schulterschluss

Ihren Job macht die Sozialarbeiterin trotz aller Widrigkeiten bis heute noch sehr gern. „Häufig machen wir hier nur sehr kleine Schritte. Es sind Mini-Erfolgserlebnisse, die wir hier haben, weil die Rahmenbedingungen viel schwieriger geworden sind.“

Der Druck auf Einrichtungen wie ihre wachse, auch politisch. „Da mache ich mir schon etwas Sorgen. Wir müssen als Gesellschaft aushandeln, was mit gewissen Personengruppen passiert. Wohnungslose sind eine der schwächsten Gruppen in der Gesellschaft. Wenn es brutale Gewalt gegen sie gibt, wie z.B. das Anzünden von obdachlosen Menschen in ihrer Schlafstätte auf der Straße, ist es schon eine Verrohung der Gesellschaft.“ Hier wünscht sich die Sozialarbeiterin mehr Zusammenhalt und Schulterschluss.

Gleichzeitig ist sie froh, in Friedrichshain-Kreuzberg zu arbeiten, wo der Bezirk berlinweit das meiste Geld für wohnungslose Menschen in die Hand nimmt. Das Kiez-Café ist eine der Einrichtungen für wohnungslose Menschen im Bezirk, die vom Amt für Soziales finanziert wird.

Kleiderspende

Spenden von Kleidungsstücken und anderen Artikeln werde im Kiez-Café entgegegengenommen.

Unterstützung und Spenden sind willkommen

Spenden werden konstant gebraucht und können immer von Montag bis Freitag abgegeben werden. Auf der Webseite findet sich eine Liste der Dinge, die gespendet werden können.

Gern hätte Nadja Stodden ehrenamtliches Engagement im Bereich kultureller Angebote oder Freizeitaktivitäten. „Jemand, der hier mit den Leuten bastelt oder etwas anderes macht, wäre sehr hilfreich. Diese Art der Aktivitäten können wir selbst nicht anbieten. Wir würden uns freuen, wenn sich jemand als Unterstützung hierbei einbringen kann.“