Immer in Bewegegung

Alexander Saager

Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind über 80 Jahre alt. Im Bezirksticker möchten wir die Sichtbarkeit der älteren Menschen in unserem Bezirk erhöhen und regelmäßig Personen aus dieser Gruppe vorstellen. Einer von ihnen ist der Friedrichshainer Alexander Saager, der im Mai 95 Jahre alt geworden ist.

Seit 1967 wohnt der Jubilar am Platz der Vereinten Nationen. Damals ist er mit seiner Frau hier eingezogen, die vor 19 Jahren starb. Vor ihrem Tod hat er sie jahrelang zu Hause gepflegt und versorgt. Die beiden haben viele gemeinsame Reisen unternommen. Er hatte in einem Preisausschreiben bei SAT.1 eine japanische Videokamera gewonnen und in seinen Urlauben damit viel gefilmt. „Sie war wesentlich kleiner als die amerikanischen Modelle von damals. So konnte ich sie prima überall hin mitnehmen.“ Für seine kranke Frau sorgten die Urlaubserinnerungen für Unterhaltung. Acht Videokassetten mit je vier Stunden Videomaterial hatte Alexander Saager abwechselnd eingelegt, so dass sie sich im Bett liegend die gemeinsamen Reiseerlebnisse anschauen konnte. „Für sie als Schwerkranke war das eine wunderbare Sache.“ Vor einigen Jahren hat er allein eine Weltreise unternommen, die ihn nach Dubai, Bangkok, Argentinien, Peru, Australien, Neuseeland, Tahiti, auf die Osterinseln und Brasilien gebracht hat. „Da habe ich alles mitgenommen.“

Auckland Skyline

Immer auf Reisen

Sein Sohn wohnt ebenfalls in Friedrichshain, im Samariterviertel. Aus erster Ehe hat er zudem eine Tochter. Insgesamt hat er vier Enkel*innen und fünf Urenkelkinder, die zwischen Hamburg, Zinnowitz und Neuseeland verteilt leben. Seine Enkeltochter mit den neuseeländischen Urenkeln hat eine seiner Reisen in Auckland besucht. Von der zweisprachigen Erziehung der Kinder ist er begeistert.

Aufgewachsen ist er im Erzgebirge in Neustädtel. „Wir waren arm, mein Vater war Ofensetzer.“ In der Schulzeit wurde er aufgrund seines Vornamens geärgert. Alexander galt nicht als arischer Name, sondern habe als Russisch gegolten. Zudem sei er sehr gut in der Schule gewesen. Auch für die Kombination von beidem sei er damals gemobbt worden. „Die anderen Schüler haben mich niederträchtig behandelt.“
1946 beendete er die Schule. Bis heute umtreibt ihn, wie wenig Unterricht sie damals hatten und wie beschränkt die Lehrinhalte waren. „Eigentlich haben wir in der Schule nur sehr wenig gelernt. Wir haben nie Musikunterricht gehabt, nicht Chemie und nie Physik. Nur ein bisschen deutsche Geschichte, ein bisschen Rechnen und ein bisschen Schreiben.“ Das habe auch daran gelegen, dass es keine Lehrer gab. „Nur ein paar alte Knacker. Die anderen waren ja alle im Krieg. Dadurch sind wir in der Bildung zurückgeblieben.“ Drei Jahre lang besuchte er die Handelsschule. Auch dort habe sehr wenig Unterricht stattgefunden, aber immerhin Englisch und ein bisschen Französisch habe er gelernt. Englisch spreche er inzwischen fließend, da er dies später im Leben noch weiter vertieft habe. „Das hat mir bei der Arbeit immer sehr geholfen.“

Erzgebirge

Erzgebirge

Nach der Schule direkt in den Bergbau

Nach der Schule ging Alexander Saager als 16-Jähriger in den Bergbau. Im Schacht „Weißer Hirsch“ wurden Wolfram und Kobalt gefördert. Kurz darauf wurde er Teil der „Wismut“, die in der DDR Uran abbaute. Sein Arbeitsplatz war ein 60 Meter tiefer Stollen aus dem 16. Jahrhundert.

Ein Jahr später wurde er Hauer, wo er im Drei-Schicht-System arbeitete. Ergänzend nahm er an der Bergakademie Freiberg ein Abendstudium auf, das er zwei Jahre später als Meister beendete. Bis 1954 war er unter Tage eingesetzt. Dann stellte sich heraus, dass Herz und Lunge vom Uranabbau angegriffen waren, sodass er erst als Statistiker eingesetzt wurde und schließlich als Kreisvorstand für Finanzen in der Gewerkschaft.

Justitia

Karriere als Staatsanwalt

Ende der 1950er kam dann der Karrierewechsel. Da in der DDR Richter*innen und Staatsanwält*innen gebraucht wurden, wurde 1959 ein zehnmonatiger Intensivlehrgang an der Akademie in Babelsberg durchgeführt um je 30 Personen pro Berufsfeld auszubilden. Einer von ihnen war Alexander Saager. Ab 1960 war er als Staatsanwalt erst in der damaligen Karl-Marx-Stadt und anschließend in Zwickau eingesetzt. Aufgrund seiner Westverwandtschaft habe er keine Strafverfahren mit politischer Bedeutung betreut. Stattdessen war er beispielsweise mit einem Bergbauunglück und einem Vergewaltigungsverfahren betraut. „Da habe ich offenbar sehr gute Arbeit geleistet.“ So kam er Ende der 1960er als Staatsanwalt nach Berlin, wo er keine Strafverfahren mehr betreute, sondern in der internationalen Abteilung den Rechtsverkehr mit der Bundesrepublik Deutschland verantworte. Wenn Westbürger*innen in der DDR einen Verkehrsunfall hatten oder ein Bundesdeutscher für ein Kind in der DDR keinen Unterhalt zahlte, wurde er aktiv. Ab 1973 übernahm er die Zuständigkeit für sozialistische Staaten, mit denen beispielsweise Rechtshilfeverträge auf nationaler Ebene ausgehandelt wurden. „Vieles davon habe ich auf Arbeitsebene ausgearbeitet.“ Im Rahmen dieser Tätigkeit sei er viel gereist und habe unterschiedliche Menschen kennengelernt. „Ich hatte viel Kontakt zu Konsuln und wurde immer so zu den Festen an den Botschaften und Konsulaten eingeladen.“

In den 1960er Jahre verschlimmerten sich bei ihm die körperlichen Nachwirkungen des Uranbergbaus. Seine Hände seien angeschwollen. Mit der Herausnahme der Mandeln und vielen Spritzen wurde versucht, die Symptome zu lindern. Er hätte das Glück gehabt, bei einem sehr guten Arzt in Zwickau behandelt worden zu sein, der ihn schließlich auf Kur in die damalige Tschechoslowakei schickte. Dem Kurort mit Heilbad ist Alexander Saager treu geblieben. Seit den 1990er Jahren fährt er jedes Jahr einige Wochen ins slowakische Piešťany. Inzwischen verlieh ihm die Stadt sogar die Ehrenbürgerschaft.

Tennis

Sport schauen und selbst tanzen

In seiner Freizeit geht der Rentner, wenn er nicht gerade auf Reisen ist, regelmäßig zu Sportereignissen. Er besucht gern Hertha-Spiele im Olympiastadion, aber auch Handball-Matches der Füchse in der Max-Schmeling-Halle. In seiner Jugend hat er selbst bei Aue gespielt. Im Fernsehen schaut er zudem gern Tennis.

Seine eigene Sportleidenschaft sei das Tanzen. Auf der letzten Kur sei er beim Abendprogramm viel auf der Tanzfläche gewesen. Aber auch zu Hause höre er sehr gern Musik und bewege sich dazu. „Sobald ich Musik höre, wollen meine Beine tanzen.“