Liebe Bea!
Wir feiern heute eine Führungspersönlichkeit. Eine Kämpferin. Heute feiern wir Mut, Durchhaltevermögen und den Willen zur Veränderung. Heute feiern wir Beatrice Wrenger.
Dieser Preis ist mehr als eine Ehrung. Er ist ein Zeichen für Wandel. Seit 1987 wird er verliehen – für Frauen, die Widerstände überwunden und den Weg bereitet haben. Und er steht für all jene, die noch kommen. Denn Wandel braucht Vorbilder – Menschen wie dich.
Für mich ist es ein ganz besonderer Moment, denn ich stehe hier nicht nur als Kollegin, sondern auch als ihre Ehefrau. Ich kenne ihre Stärke, ihren Mut und ihren unermüdlichen Willen, Dinge zu verbessern – aus unzähligen Gesprächen an unserem Küchentisch. Und ich verspreche der Inhalt, bleibt unser Geheimnis. Diese Rede ist mehr als eine Würdigung – sie ist ein Bekenntnis. Zu ihrem Mut, ihrer Kraft und der Zukunft, die sie mitgestaltet.
Eine erste Begegnung, die bleibt
Meine erste Begegnung mit Bea? Unvergesslich! Frühmorgens bei der Feuerwehr. Ich kam zum Dienst – und weckte sie versehentlich auf. Warum? Weil es für Frauen keinen eigenen Ruheraum gab. Damals war der Ruheraum kurzerhand in den Umkleideraum für Frauen gelegt worden, aufgrund von Platzmangel. Ich erinnere mich noch genau an die zwei wütenden Augen, die mich ansahen.
Was wie ein Zufallsmoment aussah, war in Wahrheit ein Spiegelbild der Realität vieler Frauen in der Feuerwehr. Er steht sinnbildlich dafür, was Frauen in der Feuerwehr täglich erleben: räumliche Einschränkungen, strukturelle Hürden, Barrieren, die nicht verschwinden. Dieser Moment steht für mehr. Für den jahrzehntelangen Kampf um gleiche Bedingungen, um Akzeptanz, um Respekt.
Frauen bei der Feuerwehr – ein harter Weg
Stellen Sie sich das mal vor: Eine wirklich harte Arbeitswelt, in der Können, Mut und große Einsatzbereitschaft bei Weitem nicht ausreichen. In der Frauen doppelt kämpfen müssen, um als gleichwertig anerkannt zu werden. In der immer noch der Pfeil am Chromosom einen echten Feuerwehrmann ausmacht. – Willkommen in der Realität vieler Feuerwehrfrauen.
Doch was bedeutet es eigentlich, als Frau bei der Feuerwehr zu arbeiten? Die Realität sieht so aus: Die Berliner Feuerwehr ist sowohl in der Vergangenheit als auch heute noch eine männerdominierte Welt.
Vier Prozent. So hoch ist der Frauenanteil im aktiven Einsatzdienst bei der Berliner Feuerwehr. Eine davon wird heute ausgezeichnet.
Die geringe Prozentzahl bedeutet nicht nur Unterrepräsentation – sie bedeutet auch, ständig unter besonderer Beobachtung zu stehen. Frauen müssen sich doppelt beweisen. Jeder Schritt wird beobachtet, jede Entscheidung hinterfragt.
Für Männer stellt der Dienst bei der Feuerwehr oft eine Treppe dar, für Frauen fühlt er sich an wie ein Rennen gegen eine Wand. Fehler? Sie werden überproportional wahrgenommen. Herausragende Leistungen? Finden nicht immer die Anerkennung, die sie verdienen.
Doch die Probleme sind nicht nur zwischenmenschlicher Natur – sie sind ganz konkret. Es gibt zwar mittlerweile getrennte Ruheräume und Umkleidebereiche für Frauen, aber die Realität bleibt schwierig. Die Anzahl der Schränke ist begrenzt, die Kapazitäten für Frauen vielerorts eingeschränkt. Das sendet eine klare Botschaft: Frauen sind hier nur eine Ausnahme, nicht die Regel. Eine Atmosphäre, die vermittelt: „Ihr gehört nicht hierher.“
Doch Bea hat bewiesen, dass Veränderung möglich ist – nicht nur für sich selbst, sondern für alle Frauen in der Feuerwehr. Sie hat Herausforderungen nicht nur gemeistert, sondern genutzt, um Strukturen zu hinterfragen und zu verbessern.
Sie kämpfte. Sie veränderte. Und heute? Heute steht sie hier – weil sie immer wieder Widerstände überwunden hat.
Ihr Weg – von der Herausforderung zur Veränderung
Bea wurde in Zossen, Brandenburg, geboren und zog später mit ihrer Familie nach Telz, Brandenburg. Als Jugendliche stand sie vor einer Entscheidung, die ihren weiteren Weg prägte: Tritt sie der Freiwilligen Feuerwehr bei – oder dem Modelleisenbahnverein? Sie entschied sich für die Feuerwehr – ein Schritt, der mehr als nur ein Hobby werden sollte. Diese Entscheidung war der Beginn einer Karriere voller Herausforderungen und Erfolge.
2010 startete sie ihre Laufbahn bei der Berliner Feuerwehr als Rettungsassistentin – in einer Zeit, in der Frauen in der Feuerwehr noch viel stärker um Anerkennung kämpfen mussten als heute. Sie erlebte, was es heißt, als einzige Frau in einem männerdominierten Umfeld zu agieren. Sie ertrug Demütigungen, Zurückweisungen und Rückschläge.
Doch sie ließ sich nicht bremsen. Sie wollte nicht nur Teil der Feuerwehr sein – sie wollte sie mitgestalten. Neben ihrem fordernden Beruf studierte sie Emergency Practitioner an der Akkon Hochschule, um sich weiterzuentwickeln und neue Perspektiven für Frauen in der Feuerwehr zu schaffen. Sie bewies von Anfang an Entschlossenheit, Souveränität und den Willen, Strukturen zu verändern.
Ihr Studium vertiefte ihre Überzeugung, dass erfolgreiche Führung sowohl methodisches Wissen als auch soziale Kompetenz braucht – eine Überzeugung, die sie bis heute mit jeder Entscheidung lebt.
Führung mit Herz und Verstand
Ihr nächster Schritt? Der gehobene Dienst. Doch als sie als Wachabteilungsleiterin begann, begegnete ihr massiver Widerstand. In dieser Position sah sie sich mit deutlichem Gegenwind konfrontiert. Ein Kollege der Wache zweifelte mehr als einmal öffentlich ihre Kompetenz und Autorität an. Er äußerte offen die Meinung, dass das „Mäuschen“ nur eine „Strohpuppe“ sei, dass sie eine geringe Halbwertszeit habe und er der eigentliche Wachabteilungsleiter sei.
Doch Beatrice ließ sich davon nicht entmutigen. Sie begegnete dem Widerstand nicht mit Härte, sondern mit Klarheit, Fachkompetenz und echtem Teamgeist. Durch ihre klare Führung, ihr Engagement und ihre Fähigkeit, Menschen zu motivieren, wandelte sie Skepsis in Vertrauen und etablierte sich als geschätzte Wachabteilungsleiterin.
Besonders beeindruckend finde ich, wie sie nie ihre Werte aus den Augen verloren hat: Sie verfolgt nicht nur ihre eigenen Ziele, sondern setzt sich immer auch für andere ein. Bea meistert bis heute ihren Weg bei der Berliner Feuerwehr mit Entschlossenheit. Von ihrer Arbeit als Rettungsassistentin über das nebenberufliche Studium bis hin zum Einstieg in den gehobenen Dienst hat sie stets gezeigt, dass sie ihre Ziele konsequent verfolgt. Jede dieser Etappen verdeutlicht, mit welcher Leidenschaft sie ihre eigenen Ziele realisiert und sich parallel dazu für die Gleichberechtigung von Frauen in der Berliner Feuerwehr einsetzt.
Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen als Frau in einer männerdominierten Organisation war es ihr ein besonderes Anliegen, den Nachwuchs früh für Themen wie Alltagssexismus und Diversität zu sensibilisieren. Sie war von der ersten Stunde an bei der Entwicklung des Unterrichts beteiligt und später bei dessen Durchführung. Dieser Unterricht war damals ein Novum und zeigt, wie wichtig ihr nicht nur die fachliche, sondern auch die gesellschaftliche Weiterentwicklung innerhalb der Feuerwehr ist. Mit ihrem Einsatz hat sie einen Raum geschaffen, in dem junge Einsatzkräfte für diese Themen sensibilisiert werden und sie so gestärkt in den Berufsalltag starten können. Bea zeigt ihnen, dass eine Führungskraft nicht unnahbar oder unfehlbar sein muss, sondern vor allem menschlich, ansprechbar und bereit, gemeinsam Lösungen zu finden. Ihr Einsatz für Diversität und Gleichberechtigung hat nicht nur ihr Team geprägt, sondern setzt bis heute Maßstäbe in der Feuerwehr. Genau diese Nahbarkeit macht
sie zu einer inspirierenden Lehrerin und Mentorin.
Ihre Kolleginnen und Kollegen stehen inzwischen stets hinter ihr und vertrauen auf ihre Stärke – sowohl im Alltag auf der Wache als auch bei den verschiedensten Einsätzen. Durch ihren Einsatz und ihre Unterstützung hat sie das Vertrauen ihres Teams gestärkt und ihre Führungsqualitäten unter Beweis gestellt. Bea hat eindrucksvoll gezeigt, dass wahre Stärke nicht in Dominanz liegt, sondern in Zusammenarbeit. Dass Führung bedeutet, ein Team zu formen, das Herausforderungen mit Wissen und Menschlichkeit begegnet.
Zukunft – ein Feuerwehrdienst, der für alle da ist
Der Berliner Frauenpreis, den wir heute feiern, ist eine außergewöhnliche Ehrung. Er zeichnet Frauen aus, die sich für Gleichstellung, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt einsetzen. Er ist mehr als nur eine Anerkennung – er ist ein Meilenstein für jede Frau, die ihn erhielt und in Zukunft noch erhalten wird, und ein Signal an uns alle, dass es an der Zeit ist, Mut und Engagement zu würdigen – und ihm zu folgen.
Beatrice Wrenger reiht sich heute in eine beeindruckende Liste von Preisträgerinnen ein, die unsere Gesellschaft nachhaltig geprägt haben. Mit ihrer Arbeit hat sie Strukturen aufgebrochen und neue Möglichkeiten geschaffen – für ihre Kolleginnen, aber auch für ihre männlichen Kollegen. Sie hat gezeigt, dass Vielfalt und Zusammenhalt die Feuerwehr nicht nur gerechter, sondern auch stärker machen.
Auch heute, im Jahr 2025, sehen sich Frauen noch immer mit Vorurteilen, strukturellen Hürden und Alltagssexismus konfrontiert. Bea hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich für Gleichbehandlung und Fairness einzusetzen. Sie hat stets den Mut bewiesen, Missstände anzusprechen, und hat sich dafür eingesetzt, dass Frauen nicht nur sichtbar sind, sondern auch anerkannt werden – als Kolleginnen, Führungskräfte und gleichwertige Mitglieder unseres Teams.
Diese Ehrung ist nicht nur ein Rückblick, sondern ein Auftrag. Ein Auftrag, den wir gemeinsam erfüllen müssen.
Denn eine Feuerwehr, in der alle die gleichen Chancen haben, ist keine Utopie. Sie ist ein Ziel. Und es liegt an uns, es zu erreichen.
Beatrice Wrenger zeigt uns allen, dass Veränderung nicht nur möglich ist – sie beginnt mit Menschen wie ihr.
Bea, du bist eine Kämpferin. Eine Wegbereiterin. Eine Inspiration.
Heute feiern wir eine Botschaft: Veränderung geschieht – weil Menschen wie du sie anstoßen. Weil Mut und Ausdauer etwas bewirken.
Und niemand – wirklich niemand – sollte je eine Frau unterschätzen, die für ihre Überzeugung kämpft. Wer dich unterschätzt, verliert. Wer von dir lernt, gewinnt.
Bea, du hast nicht nur Geschichte geschrieben – du schreibst Zukunft. Für dich. Für uns. Für eine gerechtere Feuerwehr.
Heute feiern wir dich. Und ich bin stolz, an deiner Seite zu stehen.
Bea, dein Engagement, deine Stärke und dein Mut inspirieren uns alle. Du bist eine wahre Vorreiterin.
Herzlichen Glückwunsch!