Bildungszeit "Auf den Spuren Europas" (2026)
Bild: Carlotta Duken
Berlin liegt im Herzen Europas – geografisch, politisch und kulturell. Kaum eine andere Stadt spiegelt die Vielfalt und die historischen Verflechtungen des Kontinents so deutlich wider. Für viele Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union ist Berlin nicht nur Wohnort, sondern auch ein Ort gelebter europäischer Ideen.
Genau hier setzte die fünftägige Bildungszeit „Auf den Spuren Europas“ der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg an, die vom 20.04. bis 24.04.2026 stattfand. Unter der Kursleitung von Olaf Riebe (Diplom-Geograph und Stadtführer) und Carlotta Duken (EU-Beauftragte vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg) erkundeten die Teilnehmenden Orte, Projekte und Menschen, die das europäische Berlin prägen. Schnell wurde klar: Europäische Bezüge finden sich überall – in der Geschichte der Stadt, in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung, in Institutionen und Initiativen, die europäische Zusammenarbeit fördern, ebenso wie in den vielen Menschen, die tagtäglich an europäischen Themen arbeiten.
Tag 1 – Einstieg in die europäische Idee
Der erste Tag der Bildungszeit stand ganz im Zeichen der Grundlagen europäischer Politik und Identität. Hans Jörg Schrötter führte die Gruppe mit einem Input zur Unionsbürgerschaft in das Thema ein. Dabei ging es um die Frage, was es bedeutet, Bürger*in der Europäischen Union zu sein, welche Rechte und Freiheiten damit verbunden sind und unter welchen Voraussetzungen Menschen eingebürgert werden können. Besonders lebhaft wurde die anschließende Diskussion zur Mehrstaatlichkeit in Europa, die viele Teilnehmende aus ihrer eigenen Lebensrealität kannten.
Ein Europa-Quiz sorgte für einen spielerischen Einstieg und machte die unterschiedlichen Vorkenntnisse sichtbar – von Detailkenntnissen bis zu Aha-Momenten, die im Laufe der Woche weiter vertieft wurden.
Am Nachmittag besuchte die Gruppe die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und lernten im Medien- und Kommunikationszentrum die vielfältigen Angebote und Publikationen der bpb kennen. Den Abschluss bildete ein Vortrag von Dr. Christian Johann (Direktor Europäische Akademie Berlin) zu den transatlantischen Beziehungen Europas. Dabei ging es um ihre historischen Wurzeln, die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen sowie die aktuellen Herausforderungen, vor denen Europa und die USA heute stehen.
Tag 2 – Perspektivwechsel in der europäischen Geschichtsschreibung
Der zweite Tag widmete sich der Frage, wie Geschichte erzählt wird – und aus welcher Perspektive. Jakub S. Sawicki vom Zentrum für Historische Forschung stellte das deutsch‑polnische Geschichtsbuch „Europa – Unsere Geschichte“ vor, das unterschiedliche nationale Narrative sichtbar macht und miteinander ins Gespräch bringt.
Schnell wurde deutlich: Geschichtsbilder sind konstruiert und geprägt von Erfahrungen und gesellschaftlichen Debatten. Besonders spannend war für viele die Erkenntnis, wie wenig polnische Sichtweisen in Deutschland bekannt sind. Der Austausch zeigte eindrücklich, wie europäische Verständigung im Kleinen beginnt – durch Zuhören und die Bereitschaft, eigene Sichtweisen zu hinterfragen.
Am Nachmittag folgte ein weiterer Perspektivwechsel – diesmal im Stadtraum. Olaf Riebe führte die Gruppe entlang der ehemaligen Stalinallee, beginnend am Haus des Kindes am Strausberger Platz über das Hochhaus an der Weberwiese bis zu den Türmen des Frankfurter Tores. Die Allee war einst das Aushängeschild einer neuen sozialistischen Gesellschaft, in der Arbeiterinnen und Arbeiter in repräsentativen „Palästen“ wohnen sollten. Die architektonische Inszenierung, die politischen Botschaften und die städtebauliche Symbolik boten reichlich Stoff für Gespräche darüber, wie Ideologien in Stein gegossen werden – und wie sich europäische Geschichte auch im Stadtbild widerspiegelt.
Tag 3 – Exkursion nach Szczecin
Der dritte Tag führte die Gruppe über die deutsch‑polnische Grenze nach Szczecin – eine Stadt, deren europäische Geschichte auf Schritt und Tritt sichtbar wird. Schon auf der Hinfahrt wurde deutlich, wie eng die Region miteinander verflochten ist: Pendelverkehr, gemeinsame Projekte und alltägliche Begegnungen prägen das Miteinander, auch wenn der seit längerem andauernde Schienenersatzverkehr die Mobilität erschwert.
Die Exkursion bot zahlreiche historische Einblicke. Szczecin ist der Geburtsort von Katharina der Großen, und die Stadt selbst wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrfach ihre Zugehörigkeit: Sie stand unter französischer, schwedischer und dänischer Herrschaft, bevor sie Teil Polens wurde. Diese wechselvolle Geschichte macht Szczecin zu einem eindrucksvollen Beispiel dafür, wie europäische Identität entsteht – durch Begegnungen, Konflikte, Austausch und Wandel.
Im Gespräch mit der Stadtführerin Katarzyna Jackowska wurde deutlich, wo heute die größten Herausforderungen liegen. Trotz wachsender Kooperation bleibt die Sprache ein Hindernis: Viele Polinnen und Polen sprechen Deutsch, während umgekehrt nur wenige Deutsche Polnisch beherrschen.
Tag 4 – Kreuzberg, Gleichstellung und soziale Realität europäischer Migration
Der vierte Tag führte die Gruppe mitten hinein in die sozialen, kulturellen und politischen Spannungsfelder Berlins. Am Vormittag stand ein Spaziergang mit Olaf Riebe durch Kreuzberg auf dem Programm – ein Stadtteil, der wie kaum ein anderer für Protestkultur, Migration und urbane Transformation steht. Beim Besuch der Omar-Ibn-Khattab-Moschee erfuhren die Teilnehmenden einiges über die Baugeschichte der Moschee und der Bedeutung des Islams in Berlin. Entlang historischer Orte der Hausbesetzerbewegung, der „langen Kreuzberger Nächte“ und der vielfältigen migrantischen Lebenswelten wurde deutlich, warum Kreuzberg oft als „drittgrößte Stadt der Türkei“ bezeichnet wird.
Zurück im Seminarraum gab die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks, Jamile da Silva e Silva, einen Einblick in aktuelle Zahlen, Herausforderungen und Fortschritte in der Gleichstellungsarbeit. Die Teilnehmenden erfuhren, wie sich gesellschaftliche Veränderungen im Bezirk widerspiegeln und welche Maßnahmen ergriffen werden, um Chancengleichheit zu fördern.
Am Nachmittag folgte ein Workshop mit dem Projekt „Frostschutzengel“, das EU‑Bürger*innen in prekären Lebenslagen unterstützt. Der Input machte deutlich, wie komplex die soziale Realität europäischer Mobilität ist. Trotz rückläufiger Nettozuwanderung aus EU‑Staaten nach Deutschland seit 2024, nimmt die Prekarität der Lebensrealität zu – besonders in Großstädten wie Berlin. Überraschend für viele war die Erkenntnis, dass die Beschäftigungsquote von Migrantinnen aus Bulgarien und Rumänien leicht über dem Durchschnitt der deutschen Gesamtbevölkerung liegt. Gleichzeitig sind EU‑Bürger*innen überproportional von Obdachlosigkeit betroffen, da ihnen häufig der Zugang zu regulären Hilfesystemen fehlt. Der Workshop zeigte eindrücklich, wie eng Freizügigkeit, Arbeitsmarktbedingungen und soziale Sicherungssysteme miteinander verflochten sind – und wie wichtig Projekte wie die Frostschutzengel sind, um Menschen in schwierigen Situationen nicht allein zu lassen.
Tag 5 – Wo Europapolitik in Berlin gestaltet wird
Der letzte Tag der Bildungszeit führte die Gruppe ins Europäische Haus, Sitz der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland und dem Verbindungsbüro vom Europäischen Parlament. Vertreter*innen der beiden Institutionen gaben Einblicke in die Funktionsweise der EU-Institutionen und Gesetzgebungsprozesse, in die Arbeit der institutionellen Vertretungen in Deutschland sowie aktuelle Kampagnen und Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger*innen.
Anschließend erläuterte die EU-Beauftragte Carlotta Duken die Strukturen der Europapolitik in Berlin: Welche Rolle spielt der Senat, welche Aufgaben haben die Bezirke, und wie arbeiten EU Beauftragte? Im Gespräch mit René Perez Dominguez, Fraktionsvorsitzender für Die Linke in der Bezirksverordnetenversammlung wurde deutlich, wie Kommunen und EU Institutionen zusammenwirken – und wo demokratische Herausforderungen bestehen.
Am Nachmittag folgte ein Besuch im Bundestag. Eine Mitarbeiterin des Abgeordneten Johannes Schraps (SPD), Mitglied im Ausschuss für Angelegenheiten der Europäischen Union, erklärte die Abläufe und Abstimmungsprozesse zwischen Fraktion, Ausschuss und Bundesregierung. Besonders interessant: Der Bundestag unterhält ein eigenes Büro in Brüssel, das als zentrale Schnittstelle zwischen dem deutschen Parlament und der EU fungiert.
Fazit
Die Bildungszeit zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig europäische Spuren in Berlin und darüber hinaus sichtbar sind. Ob in historischen Narrativen, im Stadtbild, in politischen Institutionen oder in sozialen Realitäten – Europa ist kein abstraktes Projekt, sondern gelebter Alltag. Die Woche bot Wissen, Austausch und viele neue Perspektiven auf ein Europa, das sich ständig weiterentwickelt.
Im April 2027 wird die nächste Ausgabe der Bildungszeit “Auf den Spuren Europas” stattfinden. Halten Sie sich gerne auf der Seite der VHS Friedrichshain-Kreuzberg auf dem Laufenden.
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