Verlegung von 17 Stolpersteinen in Friedrichshain-Kreuzberg
Bild: Sabine Böhnig
Pressemitteilung Nr. 194 vom 15.06.2026
Am 22. Juni werden an sieben Stellen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 17 Stolpersteine verlegt. Mit den Stolpersteinen wird am letzten freiwillig gewählten Wohnort an Menschen erinnert, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Im Bezirk sind mehr als 1.100 Stolpersteine verlegt.
Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann: „Jeder Stolperstein erinnert an einen Menschen, dessen Leben durch Verfolgung und Gewalt ausgelöscht oder zerstört wurde. Das Gedenken an diese Schicksale ist für uns Auftrag und Verantwortung zugleich.“
- Wann? Montag, 22. Juni, ab 10 Uhr
Folgende Stolpersteinverlegungen sind vorgesehen:
Für Kurt Jacobsohn wird 10 Uhr in der Regina-Jonas-Straße 11 ein Stolperstein verlegt und damit an ihn erinnert.
Kurt Jacobsohn kam 1895 in Halle (Saale) in einer jüdischen Familie zur Welt. Er erlernte den Beruf des Kaufmanns und übersiedelte zu einem unbekannten Zeitpunkt in die damalige Reichshauptstadt Berlin. Laut Berliner Adressbuch wohnte er seit etwa 1935 in der Britzer Straße 41 in Kreuzberg. Das ursprüngliche Gebäude existiert heute nicht mehr und entspricht nun der Adresse Regina-Jonas-Straße 11. Kurt Jacobsohn blieb unverheiratet.
Die zunehmende Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wirkte sich auch auf Kurt Jacobsohn aus. So war er von den zahlreichen diskriminierenden Maßnahmen, der sozialen Ausgrenzung, dem Entzug staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Beruf betroffen.
Kurt Jacobsohn wurde am 29. Oktober 1941 mit dem sogenannten „3. Osttransport“ vom Bahnhof Grunewald in das Ghetto Lietzmannstadt/Lodz deportiert. Die Lebensbedingungen im Ghetto waren unmenschlich: Die Bewohner*innen mussten Zwangsarbeit leisten und litten gleichzeitig an Unterernährung, den beengten, unzureichenden Wohnverhältnissen und der mangelhaften hygienischen Situation. Viele von ihnen starben an Krankheiten oder erfroren im Winter.
Kurt Jacobsohn kam am 17. August 1942 im Ghetto Lietzmannstadt/Lodz ums Leben.
Zur Erinnerung an Reinhold, Herta und Marion Zell werden 11.10 Uhr in der Wrangelstraße 57 Stolpersteine verlegt.
Herta Mayer kam 1905 in dem 35 km nordöstlich von Karlsruhe gelegenen Ort Rülzheim in der Pfalz in einer jüdischen Familie zur Welt. Sie besuchte die Volksschule in Rülzheim und anschließend die Höhere Töchterschule in Speyer. Danach war sie in verschiedenen Warenhäusern in Karlsruhe, Berlin und Kaiserslautern als Verkäuferin tätig. Anschließend arbeitete sie als Buchhalterin im väterlichen Geschäft in Rülzheim.
Herta Mayer zog zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Berlin und heiratete den jüdischen Kaufmann Reinhold Zell, geb. 1893 in Breslau (damals preußische Provinz Schlesien, heute Wrocław, Polen). Im Mai 1933 wurde die Tochter Marion geboren. Etwa zur selben Zeit bezog die Familie eine Wohnung in der Wrangelstraße 57.
Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Zell. Wahrscheinlich verlor Reinhold Zell, der laut der Familie seiner Ehefrau Abteilungsleiter in einem Warenhaus war, seine Stellung und musste dann Zwangsarbeit leisten.
Die Familie Zell wurde am 27. Februar 1943 Opfer der sogenannten „Fabrikaktion“: Die letzten noch in Berlin verbliebenen Juden und Jüdinnen waren in kriegswichtigen Betrieben zwangsbeschäftigt. Bei der „Fabrikaktion“ wurden sie verhaftet und deportiert. Herta Zell wurde mit der fast 10-jährigen Tochter Marion am 3. März 1943 mit dem sogenannten „33. Osttransport“ und Reinhold Zell einen Tag später mit dem „34. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert. Alle drei wurden dort ermordet.
Mit der Verlegung eines Stolpersteines 11.50 Uhr in der Frankfurter Allee 27 wird Dr. Richard Rosenthal gedacht. Die Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann wird an dieser Verlegung teilnehmen.
Richard Rosenthal kam 1876 in Berlin als Sohn in einer jüdischen Familie zur Welt. Er absolvierte ein Medizinstudium in Straßburg im Elsass, das damals zum Deutschen Reich gehörte (heute Frankreich). 1903 erhielt er seine Zulassung als Arzt und wurde von der Kieler Universität promoviert.
1905 ist Dr. Richard Rosenthal das erste Mal im Berliner Adressbuch mit einer eigenen Arztpraxis in Kreuzberg verzeichnet. Vermutlich spezialisierte er sich dann auf Frauenheilkunde und Geburtshilfe, denn ab 1911 wird er im Berliner Adressbuch als Frauenarzt aufgeführt. Seine Praxis und Wohnung befanden sich ab ca. 1916 in der Frankfurter Allee 309. Dieses Gebäude in Friedrichshain existiert heute nicht mehr und entspricht nun etwa der Adresse Frankfurter Allee 27.
Dr. Richard Rosenthal und Berta Elisabeth Schulz (*1887) heirateten im Jahr 1919. Sie war evangelisch. Ihre Ehe blieb vermutlich kinderlos.
Die systematische Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen nach 1933 durch die Nationalsozialisten wirkte sich auch auf das Leben der beiden aus. Sicherlich verlor der Gynäkologe viele seiner nicht-jüdischen Patientinnen. Möglicherweise wurde auch auf seine Ehefrau Druck ausgeübt, sich von ihrem jüdischen Mann scheiden zu lassen. Am 9. Dezember 1938 wurde Dr. Richard Rosenthal die Kassenzulassung entzogen und vermutlich gab er dann seine Praxis auf. Er verstarb am 4. März 1939 im Alter von 63 Jahren in Berlin an einem Schlaganfall.
An Bruno Schilter wird 12.15 Uhr mit der Verlegung eines Stolpersteines in der Richard-Sorge-Straße 16 erinnert.
Bruno Schilter kam 1906 in Berlin als Sohn eines Bauarbeiters zur Welt. Die Familie lebte seit ca. 1915 in der Tilsiter Straße 16 (heute Richard-Sorge-Straße) in Friedrichshain. Er besuchte bis 1920 die Schule in der Eckertstraße. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung als Schlachter. Danach war er arbeitslos, bis er 1927 in den Dienst der Städtischen Gaswerke am Stralauer Platz trat.
Bruno Schilter war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und im Roten Frontkämpferbund (RFB, paramilitärischer Verband der KPD). Friedrichshain war neben Wedding, Prenzlauer Berg und Neukölln eine Hochburg der KPD und des RFB.
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde die KPD Ende Februar 1933 verboten und ihre Mitglieder, die ihren antifaschistischen Kampf im Untergrund fortführten, äußerst brutal verfolgt. Dabei wurden Mitglieder der SA (paramilitärische Kampforganisation der NSDAP) als „Hilfspolizei“ eingesetzt. Die SA terrorisierte nun als staatliche Polizei mit Gewalt und schüchterte ihre Gegner*innen ein.
Bruno Schilter wurde am 31. Juli 1933 nach einem Skatabend mit Freunden am Petersburger Platz von SA-Leuten aufgegriffen. Sie verschleppten ihn ins „Keglerheim“ in der Petersburger Str. 86 (heute Nr. 94), dem Stammlokal des örtlichen SA-Trupps 34. Nach schwersten Misshandlungen wurde der 26-jährige Bruno Schilter zur „Schwarzen Brücke“ in der Thaerstraße gebracht. Dort wurde er mit fünf Schüssen aus nächster Nähe von der SA ermordet und anschließend von der Brücke auf die S-Bahngleise geworfen.
Die Mordschützen stellten sich später der Polizei, konstruierten aber einen anderen Tathergang. Sie behaupteten, Bruno Schilter sei „auf frischer Tat gestellt und auf der Flucht erschossen“ worden. Die Mordkommission half den Mördern dabei, ihre Taten zu verschleiern. Die Ermittlungen wurden verschleppt und schließlich eingestellt.
Am Haus Petersburger Straße 94, dem Ort des ehemaligen SA-Lokals „Keglerheim“ erinnert seit 1957 eine Gedenktafel an die Opfer des SA-Terrors.
Mit der Verlegung von vier Stolpersteinen 12.45 Uhr in der Karl-Marx-Allee 85 wird die Erinnerung an Irene und Marion Flanzreich sowie Albert und Bertie Stillmann sichtbar.
Irene Flanzreich kam 1910 in Warschau als Tochter des jüdischen Kaufmanns Moses Flanzreich zur Welt. Nach der Scheidung der Eltern übersiedelte Irene mit ihrem Vater nach Berlin, der dort 1920 erneut heiratete. Im selben Jahr wurde Irenes Halbschwester Bertie geboren. Die Familie lebte in der Großen Frankfurter Straße 10. Das Haus existiert heute nicht mehr und entspricht nun der Adresse Karl-Marx-Allee 85. Moses Flanzreich starb 1934.
Mit der systematischen Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen nach 1933 durch die Nationalsozialisten begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Flanzreich. Ihre Wohnung in der Großen Frankfurter Straße 10 mussten sie 1939 aufgeben. Irene Flanzreich lebte dann zwangsweise zur Untermiete bei einer jüdischen Familie in Schöneberg. Im Juni 1940 brachte sie ihre Tochter Marion zur Welt.
Irene und Marion Flanzreich wurden am 18. Oktober 1941 von Berlin mit dem sogenannten „1. Osttransport“ in das Ghetto Lietzmannstadt/Lodz und am 8. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und ermordet.
Bertie Flanzreich hatte den Entschluss gefasst, nach Palästina auszuwandern und begab sich zur Vorbereitung darauf in ein jüdisches Umschulungslager (Hachschara-Kibbuz) in Paderborn. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Albert Stillmann kennen, geb. 1912 in Berlin. Sie heirateten im Mai 1942 in Finow. Bertie und Albert Stillmann mussten zuletzt bei Eberswalde Zwangsarbeit verrichten. Am 1. März 1943 wurden sie in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.
Zwei Stolpersteine werden in der Karl-Marx-Allee 70 G-H 13.20 Uhr zur Erinnerung an Max und Meta Rosendorf verlegt.
Max Rosendorf kam 1883 in Neustadt (damals Provinz Westpreußen, heute: Wejherowo, Polen) in einer jüdischen Familie zur Welt. Er ergriff den Beruf des Kaufmanns und übersiedelte Anfang des 20. Jahrhunderts nach Hamburg. 1906 heirateten er und Meta Gattel, geb. 1881 in Leipzig. Sie kam ebenfalls aus einer jüdischen Familie. Ihr gemeinsamer Sohn Edgar kam 1909 zur Welt.
Max Rosendorf wurde 1915 ins Heer einberufen und kämpfte im Ersten Weltkrieg. Nach dem Kriegsende wurde er längere Zeit im Krankenhaus behandelt, da er schwer verletzt worden war und unter einem Kriegstrauma litt.
Danach betrieb Max Rosendorf in Hamburg zunächst ein fotografisches Atelier, seit Anfang der 1920er Jahre ein Herren-Konfektionsgeschäft. Das Geschäft gab er Anfang der 1930er Jahre auf und wurde Handlungsreisender in Textilwaren. Ende 1932 übersiedelte die Familie nach Berlin.
Die schrittweise Diskriminierung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten betraf auch die Familie Rosendorf. Sohn Edgar verlor Ende 1937 aufgrund der Diskriminierung seine Arbeit und wanderte 1938 in die USA aus. Er erhielt die letzte Nachricht von seinen Eltern in New York 1939, nach Beginn des zweiten Weltkrieges durch die Nationalsozialisten. Die Eltern lebten zu der Zeit in der Großen Frankfurter Straße 123. Das Gebäude existiert nicht mehr und entspricht heute der Adresse Karl-Marx-Allee 70 G-H.
Max und Meta Rosendorf wurden am 17. März 1943 mit dem sogenannten „4. großen Alterstransport“ von Berlin in das Ghetto Theresienstadt und am 9. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Für die Familie Schwersenz werden in der Strausberger Straße 47 13.50 Uhr Stolpersteine verlegt und damit Reinhold, Charlotte, Heinz, Gittel und Zilla Schwersenz gedacht.
Reinhold Schwersenz kam 1906 im westpreußischen Dorf Mlynietz (damals Provinz Westpreußen, heute in PolenMłyniec Drugi), in einer jüdischen Familie zur Welt. Er übersiedelte Anfang der 1920er Jahre mit der Familie nach Berlin und erlernte den Beruf des Kaufmanns. 1931 heirateten er und Charlotte Segall, geb. 1909 in Pankow. Sie war von Beruf Schneiderin und gehörte auch der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Im Januar 1933 wurde der Sohn Heinz geboren. Die Familie bewohnte seit Dezember 1933 eine kleine Wohnung in der Strausberger Straße 47.
Auch die Familie Schwersenz war von der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten betroffen. Am 27. August 1938 brachte Charlotte Schwersenz Zwillingsmädchen zur Welt. Ihre Eltern gaben ihnen die Vornamen Gittel und Zilla – zwei der wenigen Vornamen, die jüdische Kinder nach den diskriminierenden „Richtlinien über die Führung von Vornamen“ vom 18. August 1938 noch erhalten durften.
Reinhold Schwersenz musste Zwangsarbeit leisten. Er verstarb am 3. Februar 1941 im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde Berlin an einem Lungenriss, den er wahrscheinlich bei der Zwangsarbeit durch die Verletzung mit einem Traktor erlitten hatte.
Charlotte Schwersenz wurde mit ihren Kindern Heinz, Gittel und Zilla am 19. Oktober 1942 mit dem sogenannten „21. Osttransport“ nach Riga deportiert und nach der Ankunft am 22. Oktober ermordet.
Für Reinholds Bruder Herbert Schwersenz und dessen Familienangehörige Rosa, Günther und Eva Kindermann sind am Platz der Vereinten Nationen/ Weydemeyerstraße Stolpersteine verlegt.
Stolpersteine, deren Verlegung von Angehörigen oder Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus initiiert wird, finanziert seit 2017 das Bezirksamt. Dieses Vorgehen hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Beschluss (DS/0417-15/V) bekräftigt.
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