Manege frei für die Zirkusfamilie: Zack und Schatzinsel feiern Doppel-Jubiläum

Zirkus Zack RAW-Gelände

Seit 25 Jahren sitzt Zirkus Zack auf dem RAW-Gelände.

Seit einem Vierteljahrhundert gehört der Zirkus Zack zum RAW-Gelände in Friedrichshain. Was einst als improvisiertes Artistikprojekt in einem alten Bahngebäude begann, ist heute ein fester Bestandteil des Kiezes. Gemeinsam mit dem Circus Schatzinsel in Kreuzberg, der dieses Jahr sein 15-jähriges Bestehen feiert, begleitet das Team jedes Jahr Hunderte Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg durch die Welt der Zirkuspädagogik. Zum Doppel-Jubiläum blickt das Team auf eine Geschichte voller Improvisation, Engagement und gelebter Mitbestimmung zurück – und richtet den Blick zugleich auf die Zukunft.

Zirkus Zack RAW-Gelände

Viele Friedrichshainer Familien sind mit dem Zirkus Zack verbunden.

Seit 1999 auf dem RAW-Gelände

Olaf Schenckenberg ist der Geschäftsführer der Vuesch gGmbH, die Träger beider Zirkusangebote ist. Er wollte eigentlich Lehrer für Biologie und Geschichte werden. Am Ende wurde er Zirkuspädagoge und Veranstaltungskaufmann. Er hat immer geturnt und wurde in seiner Heimatstadt angesprochen, als er im Handstand durch die Innenstadt lief. So kam er in den 1980er Jahren zur Akrobatik. Bevor er mit dem Zirkus Zack in Friedrichshain startete, war er einige Jahre beim Circus Fantasia in Rostock beschäftigt.

Seit 1999 ist der Vuesch e.V. auf dem RAW-Gelände beheimatet. Begonnen wurde als Plattform für Artistik mit Angeboten für erwachsene Laien und Profis. Auf dem ehemaligen Gelände der Reichsbahn begann es für das Team Ende der Neunzigerjahre noch ohne Wasser und Strom. Olaf Schenckenberg erinnert sich an die Anfänge: „Irgendwann habe ich einen Klowagen gekauft, der vorher im Backstagebereich des Tempodrom stand. Da waren schon vorher viele Superstars auf Toilette gegangen.“

Seit 2001 gibt es dort unter dem aktuellen Namen Angebote für Kinder. „Dann waren wir plötzlich nicht mehr nur ein paar verstreute Künstler, sondern für ganz viele Familien aus dem Kiez Teil des Alltags“, beschreibt der Geschäftsführer. 2002 fand dann die erste große Vorstellung mit Kindern und Jugendlichen statt. „Das war unglaublich gutes Timing“, erinnert sich Olaf Schenckenberg. Damals lief der Zwischennutzungsvertrag für das Gebäude aus. „Nach der tollen Show bekamen wir dann einen Zehn-Jahresvertrag.“ Viele Friedrichshainer Familien seien inzwischen mit dem Zirkus verbunden.

"Mit Zirkuspädagogik können Kinder und jugendlich sehr gut pädagogisch begleitetet werden.

Verbundenheit mit dem Standort

„Das RAW-Gelände ist für uns ein wahnsinnig wichtiger Ort.“, erklärt das Zirkus-Team: „Wir sind hier an den Standort gebunden. Die Familien und Kinder, die bei uns aktiv sind, wohnen ja hier im Umfeld. Auch wir gehören – genau wie 70 Künstler*innen, die ihre Ateliers hier haben, zum RAW Gelände. Mit unserem Kulturbetrieb beleben wir das Gelände tagsüber. Aktuell stellen wir fest, dass die Familien sehr nervös sind, was die Zukunft des Geländes betrifft. Wir erfahren viel Support und Solidarität.“

Jahn Heidel ist der Leiter des Zirkus Zack. Er ist Erzieher und Kulturpädagoge. „Das Thema Zirkus war neu für mich, als ich hier anfing. Damit kann man Kinder und Jugendliche sehr gut pädagogisch begleiten.“ Was kann Zirkuspädagogik? Sie ist gut prozessorientiert. Man kann sich mit Gegenständen auseinandersetzen. Man kann sie allein betreiben oder in der Gruppe und es gibt am Ende immer ein Produkt, die Show. „Da gibt’s dann für die Kinder ein bisschen Druck vor der Aufführung. Das können manche besser und andere weniger gut. Aber wir unterstützen sie dabei. Und es gibt große Erfolgserlebnisse. Irgendwann gelingt etwas.“ All das seien für Kinder wichtige Elemente. „Auch wenn es ein bisschen nach einem Klischee klingt, man spricht ja von der Zirkusfamilie. Und das sind wir auf jeden Fall“, erklärt der Leiter des Zack. „Viele Zackis sind schon immer hier. Sie haben eine hohe Identifikation mit dem Ort.“

Artistik beim Zirkus

"Zirkus vermittelt viele gesellschaftliche Kompetenzen."

Zirkus kommt fast ohne Sprache aus

Ein weiterer Vorteil: Zirkus braucht nicht viel Sprache. So funktioniert es auch sehr gut mit Kindern, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Olaf Schenckenberg: „Zirkus vermittelt viele gesellschaftliche Kompetenzen, unsere Teilnehmer achten immer sehr aufeinander und gehen sehr sozial miteinander um. Das ist ein wichtiger Aspekt.“

Steffi Fürst ist die Verwaltungsleiterin für den ZirkusZack und der Cirkus Schatzinsel. Auch für sie war das Thema Zirkus beruflich etwas Neues: „Zwar mache ich privat Jonglage. Aber beruflich hatte ich vorher keine Berührungspunkte damit.“ Sie arbeitete im Café nebenan auf dem RAW Gelände und startete 2023 mit einer Projektarbeit für das Spektakel auf der Autobahn, das im Sommer 2023 zwei Wochen lang auf der Autobahnvorhaltefläche zwischen Markgrafendamm und Ringbahntrasse stattfand. Damals arbeitete sie mit vielen anderen Initiativen aus dem Kiez zusammen und lernte die Nachbarschaft in Friedrichshain kennen.

Blick ins Zirkuszelt

2011 kam der Circus Schatzinsel dazu

Am Standort des Zirkus Zack auf dem RAW-Gelände trainieren jede Woche 300 Kinder zwischen 2 und 14 Jahren in 14 Kursen. „Wir schauen immer sehr genau, was gerade relevante Themen für Kinder und Jugendliche sind. Wir schauen, was wichtig ist“, erklärt der Leiter des Zack. Aktuell arbeitet das Team viel zu den Themen Autismus und ADHS. „Eigentlich arbeiten wir quasi tagesaktuell und integrieren die Themen in die Zirkuspädagogik.“

2011 kam dann der Circus Schatzinsel am Kreuzberger May-Ayim-Ufer dazu, der in diesem Jahr also sein 15-jähriges Bestehen feiert. In der Schatzinsel sind wöchentlich 150 Kinder in verschiedenen Workshops und Kursen aktiv. Inzwischen haben die beiden Standorte gemeinsam zwölf feste Mitarbeiter*innen. Hinzu kommen 24 Honorarkräfte. Die beiden Standorte funktionieren sehr gut und ergänzen sich gegenseitig.

Die Wartelisten sind an beiden Standorten proppenvoll. Der Geburtenrückgang im Bezirk hat bislang keine Auswirkungen auf das Interesse an der Zirkusarbeit. „Die Eltern hier wissen um die Bedeutung von Zirkuspädagogik und deren Relevanz. Sie schätzen den Mehrwert“, erklärt Jahn Heidel.

Viele der ehemaligen Aktiven helfen später ehrenamtlich oder beruflich beim Zirkus aus. „Bei uns gibt’s ja viele praktische Sachen, da bieten wir in gewisser Weise auch ein bisschen Berufsorientierung.“

Zirkuszelt

150 Kinder und Jugendliche sind jeden Sommer in Oderberg dabei.

Deutsch-polnische Jugendbegegnung in Oderberg in den Sommerferien

In den Ferien gibt es zu dem Sonderprogramme. Dann fährt der Zirkus Zack drei Wochen lang nach Oderberg in Brandenburg für eine deutsche-polnische Jugendbegegnung. In jeden Sommerferien nehmen daran 150 Kinder und Jugendliche teil. Jahn Heidel: „Die Gruppen dort funktionieren unheimlich gut.“

Viele Teilnehmende kommen im Folgejahr wieder. Für die polnisch- deutsche Zusammenarbeit dort werden Sprachmittler*innen eingesetzt. Außerdem gibt es einige bilinguale Kinder, die sowohl Deutsch als auch Polnisch sprechen. Inzwischen wird auch Englisch als mit einer Sprache vielfach verwendet. Gefördert wird die Ferienfreizeit vom deutsch-polnischen Jugendwerk.

Auch mit den Schulen in der Umgebung arbeitet der Zirkus eng zusammen. Sie bieten wöchentliche Arbeitsgemeinschaften an der Ellen-Key-Schule, der Emanuel-Lasker-Schule und der Hausburg-Grundschule. Dafür kommen die Trainer*innen direkt in die Schule.

Der Circus Schatzinsel am Kreuzberger Spreeufer bietet für Schulen Projektwochen an, die direkt dort im Zirkuszelt stattfinden. Darin wird immer geschaut, welche Themen die Kinder und Jugendlichen mitbringen, die dann am Ende der Woche auf die Bühne gebracht werden.

Kinder beim Zirkus

Vom 25. bis 27. September wird gefeiert.

Demokratie und Mitbestimmung

Demokratie und Mitbestimmung sind dem Zirkusteam wichtige Anliegen. Bereits in der Namensfindung vor 25 Jahren waren die Kinder involviert und haben den Namen zusammen erarbeitet. Am 9. September findet im Circus Schatzinsel ein Dialogformat mit dem Namen „GenZ trifft die Politik“ statt. Im Vorfeld der Berlin-Wahl können die Jugendlichen Bezirks- und Landespolitiker*innen ihre Fragen stellen. Das Format entwickeln die Jugendlichen selbst.
„Für Beteiligungen sind wir von Anfang an angetreten. Die Stimme von Kindern und Jugendlichen stehen bei uns im Vordergrund“, erklären die drei Leitungen einhellig. Auch bei der U 16 Wahl ist der Zirkus immer ein Standort und informiert die Jugendlichen vorab umfangreich zur demokratischen Teilhabe.

Das große Jubiläum der beiden Zirkusse wird an beiden Standorten vom 25. bis zum 27. September mit einem umfangreichen Punkt gefeiert.