Rassismus und Diskriminierung im Alltag – Was ist das eigentlich, und was kann ich dagegen tun?

Gigi beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und hält deshalb auch Vorträge

Gigi beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und hält deshalb auch Vorträge

Rassismus und Diskriminierung im Alltag beginnen oft unbewusst und nicht immer in böser Absicht. Doch auch die „so daher gesagten“ Verallgemeinerungen aufgrund der Herkunft oder eine Benachteiligung aufgrund der Hautfarbe, treffen die betroffenen Personen mitten ins Herz. Oft werden Menschen jedoch auch in der Öffentlichkeit direkt beleidigt, bedroht und angegriffen.

Das Register Friedrichshain-Kreuzberg erfasst seit 2009 Vorfälle mit rassistischen, extrem rechten, antisemitischen, LBGTIQ*-feindlichen oder ähnlich diskriminierenden Motiven im Bezirk. Die Berliner Register sammeln und dokumentieren diese Vorfälle in allen Bezirken, und stehen als Anlaufstelle für Betroffene und Interessierte zur Verfügung.

Projektleiterin Gigi ist seit mehr als drei Jahrzenten aktiv in der Antirassismus-Arbeit tätig und beschreibt die unterschiedlichen Gesichter des Alltagsrassismus: „Immer wieder taucht zum Beispiel die Frage nach der Herkunft auf, obwohl die Person in Deutschland geboren wurde.“ Oder es befände sich plötzlich ein Hakenkreuz am Schrank in der Umkleidekabine. Es ginge sogar soweit, dass Nachbarn im Treppenhaus direkt pöbeln, und diskriminierende Nachrichten mit Edding auf den Briefkasten schmieren.
„Du bist hier fremd. Du bist hier nicht erwünscht. Das sind Botschaften, die etwas mit den betroffenen Personen machen. So, wie es auch Menschen mit anderer Hautfarbe verletzt und verändert, wenn sie immer wieder zum Beispiel für ihr „gutes Deutsch“ gelobt werden. Oder ständig auf Englisch angesprochen werden.“ Das passiere Betroffenen regelmäßig und hinterlasse das ungute Gefühl, nicht vollwertig zu sein.

Im Arbeits- und Wohnumfeld könnten sich die Betroffenen der bedrückenden Situation nicht entziehen, „Denn niemand kann von heute auf morgen den Arbeitsplatz oder die Wohnung wechseln“, weiß Gigi. „Hier sind wir bei der Suche nach Hilfe und mentaler Unterstützung behilflich. Wir sind gut vernetzt und vermitteln die entsprechenden Kontakte.“

Gigi sortiert ihre Unterlagen gründlich nach den Anforderungen des Register Friedrichshain-Kreuzberg

Gigi sortiert ihre Unterlagen gründlich nach den Anforderungen des Register Friedrichshain-Kreuzberg

Es passiert dort wo viele Menschen leben

An- und Übergriffe ziehen sich durch alle Bevölkerungsgruppen. „So gibt es momentan wieder mehr Antisemitismus, antizigantische, antimuslimische, LGBTIQ-feindliche, behindertenfeindliche oder auch gegen Wohnungslose gerichtete Vorfälle.“

Es käme auch immer wieder vor, dass zum Beispiel Eltern in Schulen, Kitas oder beim Jobcenter in der Form benachteiligt werden, dass sie viel mehr Unterlagen als nötig einreichen müssten. „Damit zieht sich ein Antragsverfahren in die Länge. Denn solange nicht alle geforderten Unterlagen da sind, gibt es auch kein Geld. Das ist eine grobe Benachteiligung, die betroffene Familie kann dadurch in eine problematische finanzielle Situation geraten.“

Rechte Strukturen in den Bezirken und die steigende Anzahl der Vorfälle passieren immer dort, wo viele Menschen auf engstem Raum leben. Es habe Jahre gegeben, in denen Friedrichshain-Kreuzberg hier weit vorn lag, inzwischen steige die Anzahl der Übergriffe jedoch eher in anderen Stadtteilen.

Für Gigi ist das kein Grund zum Durchatmen: „Ich denke auch an das israelische Restaurant, das im vergangenen Jahr in der Kopernikusstraße geschlossen hat, weil es immer wieder antisemitisch angefeindet wurde. Wir dürfen einfach nicht aufhören, diese Entwicklungen im Auge zu behalten. Auch direkt vor unseren Haustüren wird weiterhin rechtsradikale Propaganda geklebt. Und dort, wo sie auftaucht, finden auch Vorfälle statt.“ Auffällig sei hier im Bezirk der Bereich südlich der Frankfurter Allee und die Tempelhofer Vorstadt.

In die Dokumentation des Registers Friedrichshain-Kreuzberg fließen Vorfälle ein, die Bürger*innen im Alltag beobachten oder selbst erleben. Gemeldet und veröffentlicht werden Gewalttaten, Beleidigungen und Bedrohungen, Brandstiftungen, Sachbeschädigungen, Veranstaltungen, Aufkleber, Sprühereien oder diskriminierende Sprüche.

Bei Entdeckung von Schmierereien oder geklebter Propaganda solle vor der Entfernung ein Foto gemacht werden, und dann – wenn möglich – alles entfernt werden. „Das Foto und der genaue Standort und Datum kann dann an das Register übersendet werden. Das hilft bei der Identifikation des Urhebers. Verbotene Symbole können angezeigt werden, die Polizei muss sie dann entfernen.“

Das Register Friedrichshain-Kreuzberg erfasst seit 2009 Vorfälle mit rassistischen, rextrem rechten, antisemitischen, LBGTIQ*-feindlichen oder ähnlich diskriminierenden Motiven im Bezirk

Das Register Friedrichshain-Kreuzberg erfasst seit 2009 Vorfälle mit rassistischen, rextrem rechten, antisemitischen, LBGTIQ*-feindlichen oder ähnlich diskriminierenden Motiven im Bezirk

Was kann ich selbst dagegen tun?

Helfen können alle Beobachter*innen, die im Alltag auf kritische Situationen treffen, in denen Menschen diskriminierend behandelt werden.

Gigi: „Bemerkt man zum Beispiel im Bus, dass eine Person vom Busfahrer schlecht behandelt wird, kann man eingreifen und die Person fragen, ob sie Hilfe braucht. Oder, wenn man bemerkt, dass der Sitznachbar der betroffenen Person sie anstarrt oder zu pöbeln beginnt, kann man eingreifen und der Person den Platz neben sich anbieten.“

Alles helfe, was Betroffenen das Gefühl gibt, dass sie in der Situation nicht allein sind. Doch die eigene Sicherheit gehe immer vor! „Zuerst beobachten, und abwägen.

Wenn eine ganze Gruppe gegen eine Person antritt, hat weder die betroffene Person eine Chance noch ich selbst als helfende Person. Also Ruhe bewahren und Hilfe holen. Den Notruf wählen.“

Es sei völlig in Ordnung, wenn man selbst Angst habe. Eine gute Strategie wäre auch die direkte Ansprache „Hey, Sie da, mit der gelben Jacke! Kommen Sie rüber und helfen Sie uns!“

Abschließend erklärt Gigi wichtige Punkte, die bei notwendiger Unterstützung helfen können:

  • Ruhe bewahren!
  • Sofort handeln, nicht zögern oder warten, bis andere helfen.
    Hilfe holen, 110 anrufen, Notbremse ziehen, laut schreien, am besten „Feuer!“.
  • Täter verunsichern durch lautes schrilles Geschrei.
  • Zum Opfer halten, Blickkontakt halten, „Ich helfe Ihnen!“.
  • Aufmerksamkeit erzeugen! Andere Zeug*innen persönlich ansprechen.
  • Keine Gewalt anwenden, Täter*in nicht anfassen oder provozieren.
  • Täter*in genau beobachten, Gesicht, Kleidung und Fluchtweg merken und anzeigen.
  • Vorbereitet sein! Eine Situation vorstellen und überlegen, was zu tun ist.

Mehr zum Thema:
Im Rahmen der diesjährigen „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ berichten Gigi vom Register Friedrichshain-Kreuzberg und die Aktivistin Irmela Mensah-Schramm, am Freitag, den 28. März, von 18 bis 20 Uhr in der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda anhand von Zahlen und Bildern, wie und wo rassistische und andere diskriminierende Vorfälle stattfinden und wie man ihnen begegnen kann.
Der Eintritt ist frei, Hier geht’s zur Anmeldung.