„Mutig aufs Rad – und gemeinsam neue Freiheit erfahren.“

Eine Frau versucht sich während ihrer ersten Fahrstunde zunächst auf einem Dreirad für erwachsende Fahrer*innen bevor sie auch auf zwei Rädern das Fahren versucht

Eine Frau versucht sich während ihrer ersten Fahrstunde zunächst auf einem Dreirad für erwachsende Fahrer*innen bevor sie auch auf zwei Rädern das Fahren versucht

Kreuzberg ohne Radfahrer*innen ist unvorstellbar. In den vergangenen Jahren wurde die Fahrradinfrastruktur massiv ausgebaut, und täglich sind tausende Menschen mit dem Fahrrad unterwegs – von der Arbeit nach Hause, zum Einkaufen, ins Grüne. Doch während das Bild der flinken Radler*innen zum Alltag gehört, bleiben jene unsichtbar, für die das Fahrradfahren keine Selbstverständlichkeit ist. Viele Frauen, insbesondere mit Migrations- oder Fluchterfahrung, haben in ihrer Heimat nie Radfahren gelernt – sei es aus kulturellen Gründen, aus Angst oder weil es schlichtweg tabu war.

Diana Greim, Projektleiterin und Geschäftsführung. Mädchen und Frauen*fahrradprojekte KidBike e.V*. hat mit ihrem Team diesen Personenkreis im Blick und bietet Dank der Förderung durch die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt unkomplizierte Hilfe an: „Alle Frauen und Mädchen, die Fahrradfahren lernen wollen, können zu uns kommen.“ Sonntags, in der Zeit von 11 bis 13 Uhr, findet auf dem Gelände der Verkehrsschule am Kreuzberger Wassertorplatz maßgeschneiderter Fahrunterricht von Frauen für Frauen statt.

Gemeinsam mit einer Unterstützerin wir ein passender Helm und anschließend das richtige Rad gewählt und individuell eingestellt

Gemeinsam mit einer Unterstützerin wir ein passender Helm und anschließend das richtige Rad gewählt und individuell eingestellt

"Wir sprechen hier türkisch, arabisch, ukrainisch, russisch, bulgarisch und englisch."

Drei Mitarbeiterinnen des Vereins stehen an diesem Sonntag zur Unterstützung der Frauen an der Strecke, zwei weitere Frauen kümmern sich um die mitgebrachten Kinder, damit die Mütter sich voll und ganz auf das Rad konzentrieren können, während zwei weitere Frauen mit ihren Sprachkenntnissen dafür sorgen, dass es keine sprachlichen Missverständnisse gibt. Gut gelaunt berichtet eine Übersetzerin: „Ich selbst habe meine Wurzeln im Libanon. Ich lebe aber schon lange in Berlin. Meine Kollegin und ich sprechen türkisch, arabisch, ukrainisch, russisch, bulgarisch und englisch.“ Sie selbst habe ebenfalls erst später im Leben Radfahren gelernt – „Ich bin bei uns auf dem Balkon immer hin- und hergefahren. Inzwischen kann ich es, und bin mit dem Rad flott im Bezirk unterwegs.“

Um Punkt 11 Uhr sitzen bereits die ersten Frauen auf den Fahrrädern und nutzen den geschützten Rundkurs zwischen schattenspendenden Bäumen und blühenden Hecken. Die Unterstützerinnen heißen alle Neuankömmlinge herzlich willkommen: „Hallo, du möchtest gern Radfahren lernen?“ Eine Frau nickt etwas schüchtern und lässt sich dabei helfen, einen passenden Fahrradhelm zu finden. Sie kommt aus Afghanistan und hat zuvor noch nie auf einem Fahrrad gesessen.

Gemeinsam mit einer Helferin entscheidet sie sich für ein Minirad mit hohem Sattel, der es ihr erlaubt, mit den Fußsohlen den Boden zu berühren. So rollt sie ihre erste Runde auf dem Rad, als sei es ein Laufrad. Hochkonzentriert bemüht sie sich um Gleichgewicht, während die Helferin ihr nicht von der Seite weicht.

Nach der ersten Runde gibt es einen Radwechsel: „Das machst du richtig gut! Komm, wir versuchen es mal mit dem Fahrradtretroller.“ Die Helferin erklärt das ungewöhnliche Gefährt, das statt eines Sattels eine Stellfläche für die Füße bietet. Inzwischen hat die Frau bereits ein gutes Gefühl für das Gleichgewicht entwickelt und rollt, zunächst noch etwas wackelig, aber ohne Unterstützung von außen, langsam über die abgesteckte Strecke.

Das Minirad mit hohem Sattel, erlaubt es der Fahrerin, mit den Fußsohlen den Boden zu berühren. So rollt sie die erste Runde ganz vorsichtig

"Das macht Spaß! Ich übe jetzt jeden Sonntag!"

Auf einem etwas älteren roten Fahrrad dreht eine Frau mit Helm und längeren dunkelblonden Haaren eine Runde nach der anderen. Der Sattel ist sehr tief eingestellt, so dass sie jeden Augenblick abspringen könnte. Ihr Blick sagt aber, dass sie am liebsten so weit fahren möchte, wie die Gummireifen sie über den Asphalt tragen. In einer Kurve stoppt sie: „Für mich ist das hier die absolute Freiheit! Sie kommt aus Georgen. Dort sei es durchaus üblich, ein Rad zu nutzen, doch sie habe immer Angst davor gehabt. Vor ein paar Wochen gab ihr eine Kollegin den Tipp, dass sie in Kreuzberg üben könne. „Das mache ich jetzt jeden Sonntag, es macht mir großen Spaß. Jedes Mal geht es besser, aber bis ich mich in den Straßenverkehr traue, brauche ich noch ein paar Trainingsrunden.“

Die Stimmung ist durchweg freundlich und voll des Lobes für die mutigen Frauen, die sich hier einen großen Wunsch erfüllen: Eine weitere Frau, die aus der Türkei stammt, bremst, steigt vom Fahrrad und lacht: „Für mich gehört Radfahren zur Grundausstattung des Lebens neben Laufen und Schwimmen. Schwimmen kann ich inzwischen, jetzt möchte ich gern meine Kinder mit dem Rad von der Schule abholen. Deshalb bin ich hier.“ In ihrer Heimat, einer ländlichen Gegend der Türkei, gab es kaum Straßen, außerdem habe dort niemand ein Rad besessen. „Alle hatten Autos, mit denen sie durch die Gegend fuhren.“

Nach etwa einer Stunde Streckentraining geht es an die Feinmotorik: Eine Mitarbeiterin stellt Lübecker Hütchen in gleichmäßigen Abständen auf, so dass eine Slalom-Strecke entsteht. Eine jüngere Frau versucht sich als Erste und lässt vorsichtshalber jeden zweiten Leitkegel aus, um gerade noch so die Kurve zu bekommen. Doch nach einigen Slalom-Übungen klappt auch das ganz reibungslos.

Diese Frau versucht sich als Erste im Slalom und lässt vorsichtshalber jeden zweiten Leitkegel aus, um die Kurve sicher zu bekommen

Diese Frau versucht sich als Erste im Slalom und lässt vorsichtshalber jeden zweiten Leitkegel aus, um die Kurve sicher zu bekommen

Nach dem Radwechsel wird Slalom gefahren

Die Übersetzerin weiß auch aus eigener Erfahrung: „Aller Anfang ist schwer, doch, wenn man auf dem Rad den Bogen raushat, geht’s ganz leicht.

Das wünschen wir hier allen Teilnehmerinnen: dass sie schnell das Rad beherrschen, damit sie sicher und einfach durch den Straßenverkehr kommen.“

So endet diese sonntägliche Trainingseinheit fröhlich im Kreise der Frauen, die sich bereits auf den kommenden Sonntag freuen, wenn es wieder heißt: Strecke frei für die mutigen Frauen!

Weitere Informationen zum Fahrradfahren lernen und üben für Frauen* und Kinder gibt es bei KidBike e.V.

  • Wo? Verkehrsschule, Am Wassertorplatz 1, 10999 Berlin
    Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
  • Wann?
    Die nächsten Termine für das Training:
    Sonntag, 14. September 2025, 11 bis 13 Uhr
    Sonntag, 21. September 2025, 11 bis 13 Uhr