Jeden Morgen ein langer Spaziergang im Volkspark Friedrichshain

Karlheinz Bathe

Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind über 80 Jahre alt. Im Bezirksticker möchten wir die Sichtbarkeit der älteren Menschen in unserem Bezirk erhöhen und regelmäßig Personen aus dieser Gruppe vorstellen. Einer von ihnen ist der Friedrichshainer Karlheinz Bathe, der im März 90 Jahre alt geworden ist.

Geboren und aufgewachsen ist der Jubilar in Paaren im Glien, einem Dorf in der Nähe von Nauen. Dort hat er als ältestes Kind gemeinsam mit seinen drei Geschwistern die ersten 17 Jahre seines Lebens verbracht. Die Familie betrieb eine Landwirtschaft. Das Grundstück ist immer noch im Besitz der Familie. Gemeinsam mit seinen zwei Schwestern und seinem Bruder kümmert sich der 90-Jährige um die anfallenden administrativen Aufgaben. „Das ist eine Menge Papierkram, der meine Schränke füllt.“ Hier übernimmt er vielfach den Schriftverkehr mit den Pächtern, aber auch mit dem Finanzamt. Die Grundsteuerreform habe viel Arbeit gemacht und einige Schriftwechsel mit den Behörden bedeutet. Das koste ihn eine Menge Zeit.

Straße in Brandenburg

Weiterhin mit der brandenburgischen Heimat verbunden

Mit seinem Heimatort ist der Friedrichshainer weiterhin verbunden. Zwei seiner Geschwister leben immer noch dort. Regelmäßig fährt er mit seinem Auto dorthin. Einige Jahre hat er für eine Chronik über den Ort geforscht. Er interviewte Bewohner*innen, die älter waren, als er selbst. „Dafür bin ich von Haustür zu Haustür gezogen. Mit einem Aufnahmegerät mit Mikrokassetten habe ich die Gespräche aufgezeichnet. “ Er habe im Zuge dessen unheimlich viele Informationen über die Geschichte von Paaren im Glien gesammelt. Einiges davon floss in die offizielle Chronik zur 600-Jahr-Feier 2012 ein. Viele der historischen Fotos hat er der Gemeinde übergeben. Weitere Unterlagen aus diesen Recherchen warten in den Schränken noch darauf, weiterverarbeitet zu werden.

Nach der Schule machte Karlheinz Bathe eine Ausbildung zum Elektronmonteur. Anschließend ging er zum Studium der Elektro- und Automatisierungstechnik nach Berlin. Die Ingenieursschule befand sich direkt am Bahnhof Ostkreuz – in dem Gebäude, in dem heute die Jugendherberge untergebracht ist. In diesem Beruf arbeitete er bis zum Ende der DDR. „Danach war das nicht mehr so gefragt.“ In seine Friedrichshainer Wohnung in einer Genossenschaft zog er 1973. Einige Jahre war er als Vertreter in der Wohnungskommission der Genossenschaft aktiv. Seit seine Frau vor 15 Jahren starb, wohnt er allein in der Wohnung unweit des Strausberger Platzes. Den Haushalt übernimmt er komplett selbst.

Märchenbrunnen

3 Kilometer und 100 Stufen jeden Tag

Wichtig ist Karlheinz Bathe die tägliche Bewegung. Jeden Morgen um 6.30 Uhr geht er – unabhängig von Jahreszeit oder Wetter – zu Fuß in Richtung Volkspark Friedrichshain. Dort steigt er immer auf den großen Bunkerberg und dreht dann seine Runde. „Das sind fast 100 Stufen hoch auf den Berg. Die gehen mal besser und mal schlechter.“ Im Winter habe er in der Regel mehr Kondition als in den warmen Monaten. Mindestens drei Kilometer geht er so jeden Tag spazieren. „Im Winter ist es nicht so schön, aber Bewegung ist wichtig.“ Generell seien morgens noch nicht so viele Menschen im Park unterwegs. Auffällig seien die vielen jungen Frauen, die dort joggen. Jetzt im Frühling könne er vermehrt den Vogelstimmen lauschen. „Leider erkenne ich nur den Specht, die Krähe, die Taube und wenige andere.“ Die Vogelstimmenerkennungs-App auf seinem iPhone will manchmal nicht so, wie er das will. „Und um mehr zu erkennen, müsste ich mir ein Fernglas mitnehmen.“

Anschließend geht Karlheinz Bathe auf dem Heimweg Schrippen kaufen – für sich und für eine Nachbarin. Früher, als er noch kein Zeitungsabo hatte, hat er auf diesem Weg gleich noch die Tageszeitung gekauft. So verbindet er das Angenehme mit dem Nützlichen und kommt nach seiner Morgenrunde gut ausgerüstet nach Hause. Durch die Verpflichtung, der Nachbarin ihr Frühstück mitzubringen, habe die Routine zudem mehr Verbindlichkeit.

Gartenarbeit

Immer aktiv

Am Wochenende ist Karlheinz Bathe auf dem Grundstück seiner neuen Partnerin in Wandlitz aktiv, beispielsweise bei der Gartenarbeit. Generell ist er recht umtriebig und empfiehlt, aktiv zu bleiben. Jede Woche besucht er Vorträge, etwa bei der Volkssolidarität. Aktuell macht er einen Computerkurs in Marzahn-Hellersdorf. Jede Woche fährt er dorthin, um mehr darüber zu lernen, wie Computer funktionieren und wie man sie nutzen kann.

Regelmäßig besucht er außerdem seinen Neffen, der ein Stück Wald im Familienbesitz in der brandenburgischen Heimat bewirtschaftet. Da mache er Handlangerdienste und helfe beim Fällen und Abtransportieren. „Die anderen sagen dann: ´Das kannst du nicht mehr machen.` Dabei merkt man doch selbst am besten, was man noch machen kann!“

Außerdem organisiert der 90-Jährige regelmäßig Klassentreffen, sowohl für seine Schulzeit als auch für seinen Studienjahrgang. Früher waren das große Ausflüge mit Wanderungen. Doch inzwischen seien die meisten nicht mehr so gut zu Fuß. Daher geht der Ausflug mit den Studienkolleg*innen nächste Woche nach Köpenick und umfasse neben einem Museumsbesuch und einem Kaffeetrinken nur noch einen kurzen Spaziergang.

Usedom

Mit der eigenen Gesundheit auseinandersetzen

In den Urlaub fährt Karlheinz Bathe mit seiner Partnerin zweimal im Jahr. Gerade waren sie, wie jedes Jahr im März, vier Tage auf Usedom. Im Herbst geht es dann nach Quedlinburg. Früher seien auch diese Fahrten weiter gewesen. Tolle Wanderungen habe er in den Bergen gemacht. Doch diese Zeiten seien vorbei.

Mit seiner Gesundheit setzt er sich intensiv auseinander. „Ich kann mich zwar nicht selbst behandeln, aber ich kann verstehen, was genau passiert. Früher hatte ich keine Ahnung von Anatomie. Jetzt habe ich mich dazu weitergebildet und verstehe mehr. So kann ich mich gesundheitsbewusst verhalten.“ Er sei gesundheitlich einigermaßen vernünftig über die Runden gekommen und habe nie zu viel oder zu fettig gegessen.

Schnapsgläser

Ein Gläschen Schnaps am Abend

In der Jugend habe er durchaus mal über die Stränge geschlagen, was das Rauchen und Trinken betreffe. Das seien früher noch andere Zeiten gewesen. „Schon als Kind, direkt nach dem Krieg, wollte ich unbedingt rauchen und habe mit meinem Freund heimlich gequalmt.“ Die Zigaretten hatten Verwandte im Gegenzug für Hamsterkäufe der Berliner*innen auf dem Land bekommen. Rauchen tut Karlheinz Bathe schon lange nicht mehr. Aber einen Schnaps gönnt er sich jeden Tag: zwei Zentiliter aus immer demselben Glas, das in der Schrankwand auf den abendlichen Einsatz wartet. „Das ist klein und verleitet nicht dazu, mehr einzugießen.“ Zum Geburtstag hat er unter anderem eine Flasche Cognac bekommen.

Prägende Kindheit im Krieg

Dass er in jungen Jahren den zweiten Weltkrieg miterlebt hat, habe ihn fürs Leben geprägt. Paaren im Glien lag an der Einflugschneise der Alliierten auf dem Weg nach Berlin. „Sobald die Warnungen zu Luftangriffen kamen, wurden wir von unserer Mutter geweckt. Jedes Kind hat seinen kleinen Rucksack genommen und zusammen mit den Nachbarfamilien sind wir in den Bunker gegangen.“ Auf dem Hinweg seien die Flugzeuge immer schwer beladen mit Bomben gewesen, seien entsprechend tief geflogen und brummten. „Auf dem Rückweg waren sie dann leichter, flogen viel höher und summten.“ Nach den Luftangriffen sei Berlin in der Ferne vor Feuer dann erleuchtet gewesen. „Als Zehnjähriger nimmt man das alles nicht so ernst. Aber ich habe viel aufgeschnappt und mich später im Leben sehr ausführlich dazu belesen.“ Schon sein 1839 geborener Großvater habe ständig in irgendwelche Kriege ziehen müssen. „Dieser Wahnsinn macht mich völlig verrückt!“ Für die Gegenwart und die Zukunft wünscht sich Karlheinz Bathe daher einen deutlicheren Einsatz der Politik für den Frieden.

Geburtstagsgirlande

Seinen Geburtstag im März hat er im Kreise von Verwandten und alten Kollegen in der Waldschänke in Zühsldorf verbracht. „Es war mir wirklich wichtig, mit allen zusammenzukommen. Es war eine wirklich schöne Feier, bei der wir uns gut unterhalten haben.“ 30 Personen kamen zusammen, um den Anlass gebührend zu feiern. Der jüngste Gast war sein zweijähriger Urenkel.