Frau Orion, welche Erfahrungen oder Einflüsse prägen Ihre künstlerische Entwicklung?
Ich komme aus der figurativen Tradition, wobei ich den Begriff „Malerei aus der Beobachtung“ bevorzuge. Schon als Jugendliche habe ich exzessiv beobachtet und gezeichnet. Meine Lehrer:innen haben mir beigebracht, naturalistisch zu malen und eine radikale Präsenz der Materie zu erzeugen, ohne die Dinge zu idealisieren oder zu beschönigen.
Wie kam es zum Kurskonzept „Achtsame Malerei – Kreativität in Stille entdecken“?
Vor etwa zweieinhalb Jahren habe ich angefangen zu meditieren. Als ich später begann, Malereikurse an der VHS zu unterrichten, bemerkte ich die tiefen Parallelen zwischen meiner künstlerischen Lehre und meiner Meditationspraxis. Ich habe mein Wissen durch Weiterbildungen vertieft und daraus dieses Kurskonzept entwickelt. Mir fiel auf, dass sowohl meine Teilnehmer:innen als auch ich selbst oft von kritischen inneren Stimmen blockiert werden. Ich wollte einen Weg finden, durch eine andere Sprache, eine Sprache der Achtsamkeit, wieder in den kreativen Fluss zu finden.
Was unterscheidet diesen Kurs von Ihren anderen Angeboten?
Dieser Kurs ist ein Blended-Learning-Format. Wir treffen uns abwechselnd online und vor Ort in der VHS. Durch Meditationen und gezielte Übungen richten wir den Blick mal nach innen, mal nach außen. Während ich in meinen anderen Kursen den Fokus auf starkes Malen und die Technik lege, geht es hier primär um das Loslassen. Wir nutzen Achtsamkeit, um neue oder vielleicht vergessene kreative Qualitäten zu entdecken. Teilnehmende lernen, die Methoden der Achtsamkeit gezielt anzuwenden und in eigene kreative Prozesse zu integrieren.
Mit welchen Materialien arbeiten Sie?
Die Teilnehmer:innen arbeiten mit den Materialien, die für sie gut passen, wobei ich beratend zur Seite stehe. Ein Highlight ist die Arbeit mit chinesischer Tusche, die ich zu einem bestimmten Treffen mitbringe. Wir zeichnen, malen und schreiben.
Gibt es besondere Momente in Ihren Kursen, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Die Malerin Agnes Martin ist bekannt für ihre minimalistischen und meditativen Gitterstrukturen und feinen Linien. Ihr Stil ist extrem reduziert, aber gleichzeitig voller emotionaler Tiefe. Sie schafft es, mit Präzision einen Moment oder innere Zustände wie Glück oder Unschuld zu visualisieren, ganz ohne gegenständliche Motive.
In meinem Kurs war es inspirierend zu sehen, wie die Teilnehmer:innen diese formale Strenge als Freiheit erlebt haben. Die Vielfalt zeigte sich darin, dass jede eine ganz eigene Interpretation von Rhythmus und Struktur fand. Es ging nicht darum, sie zu kopieren, sondern darum, die gleiche radikale Präsenz und Geduld im eigenen Schaffensprozess zu finden.
Welche Rolle spielt Achtsamkeit in Ihrem Leben und in Ihrer künstlerischen Praxis?
Das ist eine wichtige Frage. Heutzutage konkurrieren so viele Dinge um unsere Aufmerksamkeit: Nachrichten, E-Mails, soziale Medien, aber auch existenzielle Sorgen und unsere eigenen Gedanken. Meine tägliche Praxis beginnt direkt nach dem Aufstehen mit Schreiben und Meditation. Ein ganz wesentlicher Teil meiner persönlichen Achtsamkeit ist der Verzicht auf Social Media, was ich jedem wärmstens empfehle.
Wenn Sie nicht malen, welche Kunstformen leben Sie noch und wo kann man ihre Werke ansehen?
Ich arbeite multidisziplinär. Auf meiner Website finden Sie einen Überblick über meine Arbeit, die von Malerei bis hin zu autofiktionalen Kunstfilmen reicht. Außerdem singe ich in einer Band namens SET. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, abonniert am besten meinen Newsletter, dort teile ich Infos zu Ausstellungen, Konzerten und neuen Kursen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Orion.