Dr. Georg Jansen

Deutschkurs mit Dr Georg Jansen - Ein Blick von oben in den Unterrichtsraum
  • Dr. der Literatur- und Musikwissenschaften sowie Linguistik, Dozent für Deutsch und deutsche Literatur

Georg Jansen hat Literatur- und Musikwissenschaft sowie Linguistik in Bonn, Berlin und Lissabon studiert. An der Freien Universität Berlin hat er über Thomas Bernhards Romanwerk promoviert. Er hat Deutsche Literatur und Sprache an Germanistikabteilungen in Braga, Lissabon, Peking, Göttingen und Berlin unterrichtet. Fast alle seiner Seminare waren international besetzt und bis heute sind die meisten seiner Teilnehmer:innen Nichtmuttersprachler des Deutschen. So hat er von Beginn an den Literaturunterricht immer auch als Sprachtraining und Sprachbewusstseinsbildung erlebt. Diese Erfahrungen haben seine Auffassung von Literatur und ihrer Vermittlung nachhaltig geprägt. Seit 2016 unterrichtet er regelmäßig Sprache und Literatur an der VHS Pankow.
Wenn er nicht zu Hause in Kreuzberg ist, dann auf Reisen durch die Welt. Dr. Jansen betreibt zwei Blogs: über Berlin als Literaturstadt und über seine Reisen.

Dr Georg Jansen sitzende im Unterricht - Gestik 3

Lesend die deutsche Sprache entdecken, sprechend die Welt begreifen

Dr. Georg Jansen über den Zugang zur Deutschen Sprache mittels Literatur

Über zwei Jahrzehnte lang unterrichtete ich an Germanistikabteilungen in Portugal, China und Deutschland deutschsprachige Literatur überwiegend an Studierende, die nicht muttersprachlich deutsch waren. Dabei lernte ich, dass der Weg zur Literatur immer über die Sprache führt. Dass aber auch umgekehrt der Weg über die Literatur der Königsweg der Beschäftigung mit Sprache und ihren Formen sein kann, diese Überzeugung steht hinter meinen Literaturkursen an der VHS Pankow: Die Literatur ist der ideale Zugang zur lernenden Verbesserung von Sprachkenntnissen. Sie versammelt die gelungensten, klügsten und aufregendsten Sätze unserer Sprache. In ihr liegt alles, was man mit Sprache machen kann, wie in einem Schatz.
Aus diesen Überlegungen entstand an der VHS Pankow im Jahr 2016 der Kurs „Deutsche Literatur und ausgewählte Grammatikübungen“. Der etwas spröde Titel benennt noch die zwei scheinbar unvereinbaren Welten: Die schöne Literatur und die vermeintlich trockene Strenge deutscher Grammatik, die man oft eher mit Kopfschmerzen als mit Lesegenuss verbindet.

Der Deutsch-Literaturkurs C1 findet seitdem jedes Jahr mindestens einmal statt, er heißt heute prosaischer „Deutsch-Literaturkurs C1“. An drei Wochentagen entsteht vier Wochen lang ein intensives literarisches Miteinander. Meist lesen wir zunächst die ersten Seiten von zehn Romanen. Die Titel habe ich aus verschiedenen Epochen, die sich über einen Zeitraum von über 100 Jahren erstrecken und den Teilnehmer:innen eine große Auswahl an Themen bieten sollen, ausgewählt. Ohne Romantitel und Autornamen zu nennen, sind wir schon bald mitten in der Literaturdeutung und -diskussion. Ziel ist es, ein Buch auszuwählen, das uns so sehr anspricht, dass wir es in den kommenden vier Wochen komplett lesen wollen.

Dr Georg Jansen sitzende im Unterricht - Gestik 6

Beim letzten Kurs entscheidet sich die Mehrheit nicht, wie man vermuten würde, für eine Neuerscheinung unserer Tage, sondern für ein beinahe hundert Jahre altes Buch von Erich Kästner: Fabian oder der Gang vor die Hunde. Die nun folgenden vier Wochen mit intensiven Lektüren zeigen uns allen, dass es kaum einen Roman geben dürfte, der unsere Gegenwart besser und anschaulicher spiegelt.
Etwa eine Stunde verbringen wir täglich mit gemeinsamer Lektüre und Besprechung des Romans, zu Hause liest jede:r noch einmal allein 15 Seiten weiter. Das gemeinsame Lesen wirft viele Fragen auf: Nach Vokabeln und Redewendungen etwa, die wir brauchen, um die aufregenden Fahrten Fabians durch das nächtliche Berlin nachvollziehen zu können. Wir besprechen den Sinn von stilistischen Eigenarten ebenso wie die frechen, geistreichen Antworten, mit denen sich die Damen im Roman die Männer vom Hals zu halten versuchen. Alle Fragen sind erwünscht, jede Frage vertieft unsere Diskussion. Meistens lesen wir atemlos und diskutieren wie im Fieber.
Für die restlichen Kursstunden des Tages steht uns eine große Auswahl weiterer und ganz anderer Texte zur Verfügung: philosophische und literarische Essays, Kurzgeschichten sowie aktuelle Rezensionen. So erhalten die Teilnehmer:innen nicht nur Einblicke in die Gegenwartsliteratur, sondern entdecken auch die Stadt Berlin, in der sie leben, als literarischen Schauplatz. Besonders Gedichte entfachen bei uns täglich Diskussionen. Goethe, Hölderlin, Elke Erb und Robert Gernhardt: Ihre Werke überraschen durch verdichtete Sprache und provozierende Gedanken. Denn Dichtung bedeutet, Ideen in gedrängter Sprache so präzise wie möglich zu fassen und scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen. Gernhardt gelingt das in wenigen Versen, wenn er zeigt, dass das Hässliche mindestens so edel, jedenfalls viel beständiger ist als das Schöne.

­
Dich will ich loben: Hässliches,
du hast so was Verlässliches.
Das Schöne schwindet, scheidet flieht –
fast tut es weh, wenn man es sieht.
Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,
und Zeit meint stets: Bald ist’s soweit.
Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer.
Das Hässliche erfreut durch Dauer.

(R. Gernhardt: Nachdem er durch Metzingen gegangen war)
­

Dr Georg Jansen sitzende im Unterricht - Gestik 7

In der letzten Kurswoche präsentieren die Teilnehmenden kleine Arbeiten zu selbstgewählten Themen, die sich ihnen aus dem gemeinsam gelesenen Kästner-Roman ergeben haben: Zur Rolle der Frau in der Gesellschaft der Weimarer Republik; zur filmischen Schreibweise des Romans; zum politischen Hintergrund der zu Ende gehenden Weimarer Republik. Tutu aus China fragt sich am Tag nach der Bundestagswahl, warum die AfD von so vielen Menschen in unserem Land gewählt wurde. Antwort findet sie in einer Prügelszene zwischen einem Kommunisten und einem Nazi im Roman, die im Jahr 1931 noch halbwegs glimpflich ausgeht. Aber es sind eben auch noch zwei Jahre bis zu Hitlers Machtübernahme. Die bedrückende Aktualität des Romans liegt im Vorzeichenhaften. Stehen wir heute an einer ähnlichen historischen Schwelle? Aus der Lektüre des Romans heraus entwickelt Tutu in ihrer Präsentation einen Vergleich der damals politisch und weltanschaulich auseinanderdriftenden deutschen Gesellschaft mit der heutigen und zieht dabei verblüffende Parallelen.
Auch die Anderen zeigen mit ihren Präsentationen, dass sich viele heute soziopolitisch relevante Themen an diesem Roman diskutieren lassen: Krise liberaler Demokratien; Reaktion von Kunst und Literatur auf politisch-soziale Veränderungen; Großstadtdynamik bzw. Scheitern und Hoffnung von Zugezogenen in Berlin; Geschlechterrollen und Beziehungskonflikte.

Dr Georg Jansen sitzende im Unterricht - Gestik 4

Indem die Teilnehmenden den Roman vor dem Hintergrund unserer heutigen Lebenswelt lesen, gelangen sie spielend zu spannenden Präsentationen über Themen, die uns alle brennend interessieren. Die Teilnehmenden haben den Roman auf diese Weise zum modernen Klassiker gemacht. Und wenn er auch nicht fertige Antworten liefert, so lernen wir von ihm, die richtigen Fragen zu stellen und dringend nötige Diskussionen zu führen.
Sprachvermittlung kann so im Idealfall zum Nebenprodukt echter inhaltlicher Auseinandersetzung werden. In diesem Fall erlernt man die Sprache spielerisch und unbemerkt, während man sich in der Diskussion echter, relevanter gesellschaftlicher Themen engagiert.
Ein Lehrbuch muss IMMER WAHR sein hinsichtlich des Anspruchs, die Lernenden zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden zu lassen. Hierin liegt der größte Unterschied zur Literatur, die IMMER OFFEN sein muss: Für die Spiegelung und Erklärung neuer Welten, für neue Fragen und damit neue Gestaltungsmöglichkeiten für die Welt von morgen. Nicht zuletzt deshalb sollten wir Literatur lesen: Durch das Lesen guter Literatur werden die Lernenden nicht nur sprachlich, sondern auch politisch handlungsfähiger.

Meinungen von Teilnehmer:innen zum Literaturkurs im Herbst 2024

“Im Sprachunterricht habe ich gelernt, Sprache sei ein Werkzeug. Wenn man sie nicht beherrscht, kann man nichts verstehen. Im Literaturunterricht habe ich mit Wittgenstein gelernt: Sprache ist ein Spielzeug. Wenn du die Spielregeln nicht kennst, kannst du nicht mitspielen.”

“Wir waren nicht fokussiert auf die Form des Lernens, es gab keinen Leistungsdruck – obwohl die Texte schwer waren. Aber diese Schwierigkeit haben wir im Kurs gar nicht bemerkt. Es geht nicht immer nur um die Frage: „falsch/nicht-falsch“!”

“Ich habe auch alle vorgeschlagenen Bücher, die wir nicht im Kurs gelesen haben, gekauft und habe nun das Gefühl, einen Schatz zu Hause zu haben.”

“ Am besten war der Rhythmus des Lesens: die gestellten Fragen – die nachdenkenden Teilnehmer – die stille Weile …”