„Grüne Lunge unter Druck: Stadtbäume in Friedrichshain-Kreuzberg zwischen Klimastress und Sparzwang“

Kerstin Ehlebracht, Projektleiterin der Berliner Stadtbaumkampagne, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKUBerlin)

Kerstin Ehlebracht, Projektleiterin der Berliner Stadtbaumkampagne, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKUBerlin)

Inmitten von Beton, Asphalt und dicht gedrängten Häuserzeilen offenbart sich in Friedrichshain-Kreuzberg ein grüner Schatz: die Stadtbäume. Nirgendwo in Berlin leben mehr Menschen auf so engem Raum – rund 16,7 Einwohner*innen teilen sich hier einen der 16.467 Straßenbäume, die Tag für Tag Sauerstoff spenden, Schatten bieten und das Stadtbild begrünen.

Im Frühjahr 2025 beteiligte sich Friedrichshain-Kreuzberg gemeinsam mit den Bezirken Mitte, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg an der Stadtbaumkampagne. Im Rahmen dieser Aktion wurden rund 600 neue Bäume in den vier Bezirken gepflanzt.

Gemeinsam mit etwa 19.000 Bäumen in Grünanlagen und 6.000 weiteren auf sonstigen Flächen bilden sie die unverzichtbare „grüne Lunge” des Bezirks. Doch im permanenten Wettstreit mit steigenden Temperaturen, Trockenperioden und knappem Raum benötigen die Bäume mehr Pflege denn je – und damit auch unser aller Aufmerksamkeit.

Kerstin Ehlebracht, Projektleiterin der Berliner Stadtbaumkampagne, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKUBerlin): „Unser Stadtgrün ist unverzichtbar für die Lebensqualität und für die Gesundheit der Menschen in unserer Stadt. Dafür ist eine gute fachliche Pflege erforderlich und eine erhöhte Wertschätzung des Stadtgrüns auf allen Ebenen. Doch es fehlt an Personal und Finanzmitteln, sodass wir berlinweit etwa 3.000 Straßenbäume pro Jahr verlieren. Es muss dringend gegengesteuert werden.“

Enge Zusammenarbeit zwischen den Bezirksämtern und dem Team der Stadtbaumkampagne

Für viele sind Bäume einfach Teil des Stadtbilds – für andere sind sie wahre Lebensretter im Alltag. Gerade an heißen Sommertagen zeigt sich, wie wertvoll ihr kühlender Schatten ist. „Wer einmal 20 Minuten in der prallen Sonne auf den Bus warten musste weiß, wie wichtig Bäume für uns sind“, sagt Kerstin Ehlebracht, die ihr Berufsleben seit 35 Jahren den Berliner Straßenbäumen widmet. Sie und ihr kleines Team der Stadtbaumkampagne sorgen in enger Kooperation mit den Bezirksämtern dafür, dass pro Jahr ca. 1.200 Straßenbäume gepflanzt werden – eine Aufgabe, die angesichts klimatischer Veränderungen immer anspruchsvoller wird.

Viele gute Gründe sprechen für einen gesunden und vitalen Stadtbaumbestand, denn Bäume…

  • steigern die Lebensqualität und dienen der Gesundheit
  • begrenzen Temperaturextreme
  • bilden Schatten
  • sind Lebensraum und Nahrungsquelle für Lebewesen
  • binden CO₂
  • haben eine ästhetische Wirkung
  • gliedern den Straßenraum
  • filtern den Feinstaub
  • produzieren Sauerstoff
  • führen überschüssiges Regenwasser ab
  • reduzieren die Lärmwahrnehmung
  • reduzieren die Windgeschwindigkeit

Die Stadt Berlin hat Berlin 438.729 Straßenbäume

Beispiele dafür, warum sich die Pflege und Erhaltung der Straßenbäume als eine riesige Herausforderung lohnt: „Wir haben in der gesamten Stadt Berlin 438.729 Straßenbäume, deren Planung, Pflanzung sowie die Pflege und Kontrolle im Zuständigkeitsbereich der bezirklichen Straßen- und Grünflächenämter liegt. Unsere Aufgabe als Senatsverwaltung ist es, hier soweit wie möglich zu unterstützen“, erklärt Kerstin Ehlebracht.

In den letzten Jahren konnten den Bezirksämtern 27,5 Mio. Euro an Sondermitteln für Maßnahmen zur nachhaltigen Stärkung des Berliner Baumbestands zur Verfügung gestellt und insgesamt rund 17.500 Straßenbäume im Rahmen der Berliner Stadtbaumkampagne gepflanzt werden. Ferner erarbeitet die Senatsverwaltung fachlich-rechtliche Vorgaben und Rechtsvorschriften und formuliert fachliche Empfehlungen. „Wir arbeiten eng verzahnt mit den Kolleginnen und Kollegen der Bezirksämter zusammen und koordinieren einen berlinweiten, fachlichen Austausch.“

Doch trotz aller Bemühungen stoßen die Möglichkeiten an ihre Grenzen. So konnte die Senatsverwaltung seit 2018 zwar zusätzliche Sondermittel verteilen, derzeit sieht sie sich aber heftigen finanziellen Einschnitten gegenübergestellt: „Die kommenden Jahre werden holzig für unsere Bäume, vor denen die Sparmaßnahmen nicht haltmachen.“

Doch eine nachhaltige Lösung sind auch diese Sondermittel nicht. Der Fachausschuss Stadtbäume hat den jährlichen Finanzbedarf für die Pflege eines Straßenbaums auf mindestens 120 Euro geschätzt. Aktuell werden jedoch nur 86 Euro pro Baum im Haushalt angesetzt und selbst dieser Betrag kommt den Bäumen häufig nicht vollständig zugute. Dies verdeutlicht, dass die tatsächlichen Bedürfnisse unserer Stadtbäume oft unterschätzt oder nicht ausreichend berücksichtigt werden. Die ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung der Bezirksämter ist unabdingbar für den Erhalt unseres Stadtgrüns.

Bäume - wie hier am Landwehrkanal - steigern die Lebensqualität und dienen der Gesundheit

Bäume - wie hier am Landwehrkanal - steigern die Lebensqualität und dienen der Gesundheit

Pflanzung von Mischalleen beugt Krankheiten und Schädlingsbefall vor

Kerstin Ehlebracht, die vor ihrem Studium der Landschaftsplanung an der TU Berlin auch eine Ausbildung zur Gärtnerin absolviert hat, unterstreicht die Bedeutung kontinuierlicher Unterstützung für die Bäume Berlins: „Wir müssen unsere Bäume unterstützen, denn über 50 Prozent aller Straßenbäume sind bereits über 40 Jahre alt. Das bedeutet, dass vermehrt gepflegt und nachgepflanzt werden muss. Dafür müssen wir etwas tun.“

Der Pflegebedarf ist insbesondere bei älteren Bäumen hoch und kostspielig. Kerstin Ehlebracht hebt hervor: „Besonders die mittelalten und alten Bäume sind ökologisch von hohem Wert. Die Pflege ist das A&O!“ Die Situation wird zusätzlich dadurch verschärft, dass nach Schätzungen in den Berliner Straßen- und Grünflächenämtern derzeit rund 1.000 Stellen im grünen Bereich unbesetzt sind. Dadurch fehlt das dringend benötigte (Baumpflege-)Personal, um den steigenden Herausforderungen bei der Baumpflege und Pflanzung zu begegnen.

Auch wenn es dem bezirklichen Baummanagement mit den aktuellen Mitteln nicht möglich ist die Baumpflanzungen in der notwendigen wie wünschenswerten Zahl zeitnah umzusetzen, bauen die Bezirksämter auf nachhaltige Baumstandorte: zukünftige Bäume werden nur noch an Standorten gepflanzt, die in Bezug auf verfügbaren Wurzelraum und oberirdische Bedingungen auch die Chance auf eine gute Entwicklung haben. Nur so kann der Baum auch umfänglich seine Funktion erfüllen.

„Wir achten auf eine gute Mischung. Der Baumbestand zeigt sich widerstandfähiger, wenn wir keine Monoalleen pflanzen“. Das sind Straßen mit einheitlicher Baumart. „Wir bevorzugen inzwischen Mischalleen, da sie weniger anfälliger für Krankheiten und Schädlingsbefall sind. Damit können Risiken minimiert werden und die Artenvielfalt erhöht sich.“

Trotzdem können Linde, Ahorn und Eiche nicht erleichtert aufatmen, denn neben der Schwächung durch Trockenheit und Hitze sowie Schadorganismen lauert der unnatürliche Baumfeind auch im städtischen Untergrund, erklärt die Baumspezialistin: „Unter dem Asphalt befinden sich unzählige Rohrleitungen, Kanäle und Schächte.“

Beim nächsten Sturm müssen sich die Bäume als standhaft erweisen

Aber nicht nur das: „Oft sind bei Bauarbeiten die Wurzeln im Weg, die dann einfach entfernt werden.“ Die Wurzelverletzungen führen regelmäßig zu Fäulnis. Dabei sind Baufirmen in Berlin dazu verpflichtet, die Regeln des Baumschutzes einzuhalten und bei Wurzelfund nur händisch weiterzuarbeiten. Dennoch kommt es immer wieder zu Verstößen von Baufirmen gegen diese Auflagen. Aufgrund der hohen Anzahl von Baustellen und der teils nur kurzen Öffnungen der Straßen, kann das Bezirksamt bei dem ohnehin geringen Personal auch nicht immer die Einhaltung des Baumschutzes kontrollieren. Doch die Auswirkungen auf Standsicherheit und Gesundheit des Baumes können massiv schädlich sein. Sollten solche Verstöße gegen den Baumschutz beobachtet werden, können diese dem Amt gemeldet werden.

Hier fordert Kerstin Ehebracht größeren Respekt und Wertschätzung gegenüber den Bäumen, die die Wurzeln für die Standfestigkeit und für die Versorgung benötigen. Auch die sogenannten Feinwurzeln im oberen Bodenbereich sind unentbehrlich. „Der Nutzungsanspruch an den Straßenraum ist immens. Wir wissen nicht, was bei Bauarbeiten alles passiert. Sogar Starkwurzeln werden abgetrennt, die Gruben anschließend wieder geschlossen und schon der nächste Sturm kann das Elend zutage bringen“, weiß sie, „denn diese Bäume sind dann nicht mehr standsicher“.

Regelmäßig alle fünf Jahre werden Color-Infrarot-Luftbildaufnahmen erstellt und ausgewertet und anschließend die Ergebnisse im sogenannten ‚Straßenbaum-Zustandsbericht Berliner Innenstadt veröffentlicht. „Anhand dieser Bilder ist erkennbar, wie sich der Zustand der Stichprobenbäume entwickelt.“

Da die Bezirksämter ihrer Verkehrssicherheitspflicht nachkommen müssen, werden Bäume, die starke Schäden aufweisen und nicht mehr standsicher sind, gefällt. „Das entscheiden die bezirklichen Fachleute. Wir sehen mit Sorge auf die Gesamtzahlen im Verhältnis zu den Neupflanzungen: Allein in der Zeit von 2014 bis 2024 wurden in Berlin 38.500 Straßenbäume mehr gefällt als neugepflanzt!“

Für mehr Nachpflanzungen soll neben den bereits genannten Maßnahmen auch die seit 2012 bestehende Stadtbaumkampagne helfen. Hiermit unterstützt die Senatsverwaltung die Berliner Bezirksämter bei der Pflanzung und Nachpflanzung von Straßenbäumen, denn die Pflanzungen der Stadtbaumkampagne werden zusätzlich zu den Pflanzungen der Bezirksämter durchgeführt.

Kerstin Ehlebracht: „Wir müssen mehr für unsere Bäume tun – besser pflegen und mehr pflanzen. Vielen stehen sie im Weg, aber wir alle brauchen sie!