Chorvorstellung "The Derries"

Gruppenbild des Chores "The Derries"

Um 19.30 Uhr geht es in der großen Aula eines Friedrichshainer Schulgebäudes los. Kurz vor Beginn trudeln die Sänger*innen nach und nach ein, legen ihre Fahrradtaschen ab und nehmen entsprechend ihrer Stimmgruppe Platz auf den hölzernen Schulstühlen. Die Gruppe beginnt zum Aufwärmen auf Anweisung des Chorleiters einen Ton zu kauen und die Gesichter zu massieren. „Lasst den Kiefer offen und singt Mamemimomu.“ Bastian Holze begleitet am Flügel, der vor der Bühne steht. Weiter geht’s mit „Rubberbabybuggybumber“ – das lockert die Wangen. Zum Abschluss des Einsingens gibt es dann noch eine Rhythmusübung mit Klatschen. Das klappt nicht immer ganz synchron. Chorleiter Bastian Holze ist mit Körpereinsatz dabei und gibt den Rhythmus vor: „Ich bin euer Aerobictrainer.“

Probe der Derries

Von Kreuzfahrtschiff nach Friedrichshain

Aktuell leitet Bastian Holze drei Chöre, arbeitet als Musiklehrer an einer Schule und als Vocal Coach am Theater in Schwedt. Neben den Derries leitet er den Landesjugendchor Berlin und mongrooves.

In Wolfenbüttel absolvierte der gebürtige Niedersachse eine Ausbildung als Leiter für Chöre und klassische Orchester. Anschließend führten ihn berufliche Stationen als musikalischen Leiter auf ein Kreuzfahrtschiff, zu Stage in Hamburg, in den Berliner Spiegelpalast Palazzo, zum X-Factor Malta, als musikalischen Leiter der Kids‘ Opera nach San Francisco und als Coach für den Eurovision Song Contest nach Aserbaidschan und Malta. Inzwischen sei er sesshaft geworden. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt er in Lichtberg. Obwohl seine Ausbildung einen Fokus auf klassische Musik gehabt habe, hätte er schon immer einen Popbezug und eine Begeisterung für Musicals gehabt.

Probebild der Derries

Zusammenschluss von zwei Chören

2010 gründete der Chorleiter die Choretage „B-Vocal“ in Friedrichshain. In der Boxhagener Straße probten zehn Pop-Chöre unter einem Dach. Die Chöre hatten sehr unterschiedliche Zielgruppen, die nach und nach wuchsen. „Wir hatten Angebote für Senior*innen, aber auch für Schwangere. Für jeden war etwas dabei.“ 2022 musste die Choretage coronabedingt geschlossen werden. Durch die Infektionsschutzbestimmungen konnte lange Zeit nicht oder nur digital geprobt werden. „Auf diese Onlineproben hatten viele Leute aber einfach keine Lust. Viele sitzen ja beruflich schon den ganzen Tag vor Bildschirmen.“ Zudem seien digitale Proben sehr einseitig. So seien bei B-Vocal nach und nach die Mitglieder weggebrochen. „The Derries“ gingen als Zusammenschluss der beiden B-Vocal-Chöre „Cherries on the Cake“ und „Demons & Friends“ hervor.

Der erste Song des Probeabends ist „Something in the Water“ – im Stehen und ohne Noten. Der Gesang wird ergänzt durch Pfeifen und das Klopfen auf die Brust. Danach folgt „Don’t stop me now“, ein Song, den die Sänger*innen selbst für ihr Repertoire vorgeschlagen haben. „Wir sind durchgekommen. Das ist schon mal gut nach einer Woche ohne Probe, aber ich höre noch nicht alle Harmonien. Da waren plötzlich nur noch drei Stimmen.“ Also müssen die Sopranstimmen und die Mezzosopranistinnen ihre Parts nochmal wiederholen. „Ich will viel Drive und viel Glotti. Gebt mir diese Energie aus dem Song.“

Chorprobe

Von Pop bis hin zu Musicalsongs

Die Derries haben aktuell 33 aktive Mitglieder. Zu Probe am Dienstagabend kämen im Schnitt 25 Personen. Der Altersdurchschnitt liegt bei Ende 30. Der Großteil der Sänger*innen kommt aus Friedrichshain „Wir suchen auf jeden Fall neue Stimmen. Der Chor kann gern noch weiter wachsen. Darum machen wir im Herbst auch bei der offenen Chorprobe des Chorverbandes mit.“ Es sei sinnvoll, die einzelnen Stimmen weiter aufzufüllen. „Wenn mehr Personen pro Stimmgruppe dabei sind, fühlen sich alle wohler. Das gibt Sicherheit für jeden Einzelnen.“

Das Repertoire geht quer durch den Pop bis hin zu Musicalsongs. Aktuell singt die Gruppe beispielsweise „Teardrop“, „Somebody that I used to know“ und „Take me to church“. Die Liedvorschläge bringt Bastian Holze in der Regel selbst mit und arrangiert die Stücke für den Chor. Vor einigen Monaten durfte jede Stimmgruppe einen Song vorschlagen, daraus sollte sich der Chor auf ein Stück einigen. So landeten sie bei „Don’t stop me now“. Drei bis vier Auftritte hat der Chor pro Jahr, beispielsweise beim Chorfestival „Total Choral“, das Bastian Holze mitgegründet hat. Auch bei der Fête de la Musique sind die Derries jedes Jahr dabei. In diesem Jahr sangen sie auf den Stufen des Berliner Doms.

Bastian Holze

Neue Chormitglieder sind immer willkommen

Wie in anderen Chören auch, würde vor allem männliche Verstärkung gesucht werden. Der Chor singt fünfstimmig a cappella, mit drei Frauen- und zwei Männerstimmen. Woran liegt es, dass Männer in Chören in der Regel unterrepräsentiert sind? Bastian Holze vermutet, dass es zum Teil mit dem Stimmbruch in der Jugend zu tun habe. „Da bekommen die Jungen dann teilweise im Musikunterricht gesagt, sie sollten lieber nicht mitsingen – und dann ist das für sie so ein Stempel: Musik ist nicht so meins, ich kann nicht singen.“ Zudem gelte Singen nicht als so männliches Hobby wie beispielsweise Sport. „Für viele ist Singen einfach nicht cool – und wenn überhaupt, dann in einer Band. Das ist eigentlich genau meine Mission als Lehrer. Ich möchte die Message verbreiten, dass es egal ist, was andere sagen: Singen macht Spaß und es macht glücklich.“

Neue Chormitglieder machen bei Bastian Holze einen kurzen Stimmtest, um die Stimmgruppe herauszufinden und zu schauen, ob das Niveau zum Chor passe. In seltenen Fällen müsse der Chorleiter die Interessierten wegschicken oder empfehle ihnen Gesangsunterricht. „Ich möchte die Leute ja motivieren zu singen, aber nicht immer sind die Derries das richtige.“ Daher schlage er gelegentlich andere Chöre vor.

Nach den Sommerferien sucht der Chor einen neuen Probenraum, idealerweise in Friedrichshain oder Umgebung. Wer Ideen hat, kann sich per Mail bei Bastian Holze melden: bastian@bastianholze.com

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Im August haben wir den ukrainisch-deutschen Chor der Musikschule vorgestellt.