Kultur, Ästhetik und Eleganz – Stoimenka Erdmann über ihre Karrieren als Balletttänzerin, Dolmetscherin und Tanzlehrerin

Stoimenka Erdmann in ihrem Wohnzimmer.

Stoimenka Erdmann in ihrem Wohnzimmer.

Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind über 80 Jahre alt. Im Bezirksticker möchten wir die Sichtbarkeit der älteren Menschen in unserem Bezirk erhöhen und regelmäßig Personen aus dieser Gruppe vorstellen.

Stoimenka Erdmann wohnt seit über 20 Jahren mit ihrem Ehemann in Friedrichshain. Im Juni dieses Jahres feierte sie ihren 80. Geburtstag. Die Balletttänzerin blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Geboren und aufgewachsen ist sie in Bulgarien. Nach ihrer Ausbildung zur Diplomballetttänzerin kam sie 1965 auf Einladung nach Deutschland. Da viele ostdeutsche Künstler*innen und Kreativschaffende die DDR vor dem Mauerbau verlassen hatten, startete das Kulturministerium einen offiziellen Aufruf an die sozialistischen Staaten zur Gewinnung neuer Schauspieler*innen, Tänzer*innen und Musiker*innen. Auf diesem Weg kam auch Stoimenka Erdmann nach Deutschland. „Wir waren überall da, wo die Bühnen leer waren“, erzählt sie.

Ihre erste Station war das Volkstheater Halberstadt. Im Vergleich zu späteren Bühnen sei vieles dort natürlich eher provinziell abgelaufen, erinnert sie sich, aber der Zusammenhalt sei großartig gewesen. Ihr ursprünglicher Vertrag galt nur für ein Jahr, aber es hätte keinen Grund gegeben, nach Bulgarien zurückzukehren: „Mein Freundeskreis, mein Kollegenkreis, mein Leben war hier.“ Später folgten Anstellungen im Landestheater Dessau sowie in Halle.

Die Karriere einer Tänzerin ist allerdings immer zeitlich begrenzt: „Man kann nicht bis ins Rentenalter tanzen“, erklärt Stoimenka Erdmann. „Körperlich geht das natürlich nicht, und das Publikum will auch keine Omas auf der Bühne sehen!“ Nach 15 Jahren ist eigentlich immer Schluss.

Spitzenschuhe hängen unter einem Wandbild, auf dem eine Tänzerin und ein Tänzer zu sehen sind.

In ihrer Friedrichshainer Wohnung erinnern durchgetanzte Spitzenschuhe an Stoimenka Erdmanns Karriere.

Von der Balletttänzerin zur Dolmetscherin

Die Tänzerin bewarb sich aus Dessau an verschiedenen Ballettschulen in Berlin und arbeitete schließlich als Assistentin und Dolmetscherin für einen Dozenten an der Staatlichen Ballettschule. Es war üblich, dass an solchen Institutionen internationale Gastdozierende lehrten, die teilweise kein Deutsch sprachen. Stoimenka Erdmann war mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer Vertrautheit mit dem Fachbereich die perfekte Besetzung, um den Dozenten bei seiner Lehrtätigkeit zu unterstützen. Als der Vertrag des Gastdozenten auslief und man eine neue Professorin einstellte, die ein bisschen Deutsch konnte, wurde auch Stoimenka Erdmanns Vertrag nicht verlängert.

Die Weichen für ihre zweite Karriere waren nun allerdings gestellt: In den folgenden Jahren arbeitete sie als Simultandolmetscherin. „Wenn man einmal auf staatlichen Bühnen getanzt hat, dann bleibt man stolz. Man will nicht einfach irgendwas machen. Ich dachte mir: Jetzt mache ich das, was ich will!“

17 Jahre arbeitete sie freischaffend, vor allem als Kongressdolmetscherin. Nach der Wende wurden ‚kleinere‘ Sprachen wie Bulgarisch immer weniger gebraucht, erklärt Stoimenka Erdmann, und der Verband für Dolmetscher und Übersetzer empfahl seinen Mitgliedern, sich arbeitslos zu melden. „So lernte ich also das Arbeitsamt kennen“, berichtet sie. „Arbeitslos sein – das holt einen erstmal von seinem Podest runter.“

Ballett verbindet

Das Arbeitsamt finanzierte ihr eine Umschulung zur Personalreferentin, in dem Job arbeitete sie allerdings nie. Als ihr Ehemann eine Anstellung als Schauspieldirektor in Schleswig-Holstein bekam, begleitete sie ihn und war dort mehrere Jahre als Ballettlehrerin tätig.

Ende der 1990er kehrten die beiden schließlich zurück nach Berlin, um bei ihrer Tochter und den Enkelkindern zu sein. Seitdem unterrichtet Stoimenka Erdmann Ballett im Hochschulsport, erst an der Humboldt-Universität, dann an der Freien Universität – bis heute. Auch im kommenden Wintersemester gibt sie wieder zweimal die Woche Tanzstunden, jeweils von 18 bis 21 Uhr.

„Ich fahre natürlich immer sehr rechtzeitig los, meist mit dem Fahrrad. Und für den Nachmittag nehme ich mir nichts vor, sondern ruhe mich aus. Oft lese ich auch die Nachrichten, damit ich mit den jungen Leuten mithalten kann“, erzählt sie. „Ich tanze alle Schritte vor und erkläre die Choreographie. Drei Stunden geballte Konzentration – das hält fit. Nicht nur körperlich, auch mental. Diese geistige Anspannung hält meine grauen Zellen wach!“

Sie unterrichte auch viele internationale Studierende. „Was uns verbindet, ist das Ballett, die Kunst.“ Für Stoimenka Erdmann ist Ballett mehr als eine Tanzform, mehr als eine Sportart: „Ich vermittle nicht nur Ballett, sondern auch Musikalität, Kultur, Benehmen, eine gewisse Haltung im Leben.“

Sie haben Lust, sich im ehrenamtlichen Gratulationsdienstes des Bezirksamtes zu engagieren und Menschen wie Stoimenka Erdmann zum Geburtstag zu besuchen? Schreiben Sie eine Mail an unsere Kolleginnen im Bereich Stadtteil- und Seniorenangebote: ehrenamt@ba-fk.berlin.de