Mütterreise: „Ich liebe dieses Projekt, weil es so viel in kurzer Zeit bewirkt.“

Emine Yilmaz

In der Werner-Düttmann-Siedlung im Block zwischen Hasenheide, Jahn-, Graefe- und Urbanstraße steht die Nachbarschaft täglich vor Herausforderungen. Insgesamt leben in der Siedlung 2.800 Menschen. 60 Prozent der Bewohner*innen beziehen Transferleistungen. 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund, was zu Verständigungsproblemen und interkulturellem Rassismus führt. Viele Kinder und Jugendliche leben dort auf engem Raum. Es kommt regelmäßig zu Gewalt, die sich auch in den polizeilichen Statistiken widerspiegelt. Doch auch die Dunkelziffer sei hoch. „Es gibt hier eine hohe inoffizielle Zahl häuslicher Gewalt. Das bekommen wir über die Beziehungsarbeit mit. Keine dieser Frauen würde zur Polizei gehen und Anzeige erstatten.“, sagt Emine Yilmaz.

Im Dütti-Treff bieten Emine Yilmaz und ihre Kolleg*innen viele präventive Angebote. Die Sozialarbeiterin leitet seit 2014 den Dütti-Nachbarschaftstreff im Graefekiez. Der Nachbarschaftstreff in Trägerschaft der VIA e.V. besteht seit 2006. In der Arbeit zum Thema Gewaltprävention lag der Fokus lange vor allem auf Jugendlichen. Sozialarbeiterin Emine Yilmaz stellte fest: „Wenn wir über Gewalt und Bildung sprechen, müssen wir uns aber auch das Familiensystem anschauen. Wir müssen an die Frauen und Mütter ran. Sie haben alles in der Hand, was Erziehung und Haushalt anbelangt. Für die brauchen wir aber ganz andere Formate, wenn es um Gewalt geht.“ Emine Yilmaz ist selbst Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Frau liegt auf einem Bett und hält sich die Hände vors Gesicht

Intensive Arbeit am Thema abseits des eigenen Zuhauses

Wichtig sei eine Sensibilisierung für das Thema Gewalt. Dafür hatten die Mitarbeiter*innen des Dütti-Treffs die Idee, die Frauen aus ihrem Umfeld herauszuholen und mit ihnen an einem Ort abseits des eigenen Zuhauses, intensiv an Themen zu arbeiten. Dieser Ansatz kommt aus der Jugendarbeit, wo Gruppenreisen recht verbreitet sind. Gemeinsam mit der sozialraumorientieren Planung und Koordinierung des Bezirksamtes erarbeitete Emine Yilmaz das Konzept. Das Angebot der Mütterreisen wird aus Mitteln der kiezorientierten Gewaltprävention der Landeskommission Berlin gegen Gewalt finanziert. „Ich liebe dieses Projekt, weil es so viel in kurzer Zeit bewirkt.“

Seit 2019 reist Emine Yilmaz einmal im Jahr mit 25 Frauen für eine Woche in die Türkei. „Das ist aus zwei Gründen praktisch: Einerseits passt dieses Reiseziel vom Budget her sehr gut, andererseits spreche ich dort die Landessprache.“ Die letzte Fahrt fand im November 2024 statt. Wichtig sei, dass die Mütter tatsächlich alleine reisen. Nur im ersten Jahr war ein Säugling mit dabei. Inzwischen achtet Emine Yilmaz darauf, dass keine Kinder dabei sind. „Die Frauen freuen sich, mal eine Woche, ohne ihre Familie unterwegs zu sein.“ Die Bandbreite derer, die mitfahren, reicht von Müttern mit Kleinkindern über Mütter mit Töchtern und Söhnen im Jugendalter bis zu Müttern, deren Kinder bereits erwachsen sind. Es sei sehr wichtig, die Gruppe gut zu mischen.

Die Mütter, die sie auf die Reise mitnehmen möchte, spricht Emine Yilmaz selbst an. „Ich kenne die Frauen hier in der Nachbarschaft und deren Probleme sehr gut. Ich spreche also sehr gezielt diejenigen an und frage, ob sie Lust haben, mitzukommen, von denen ich denke, dass sie ein entsprechendes Angebot sehr gut gebrauchen können.“ Anfangs seien die Reaktionen sehr verhalten gewesen. Mittlerweile kämen manche Frauen aus dem Kiez eigenständig auf sie zu. Damit die Mütter mitkommen konnten, musste Emine Yilmaz in der Vergangenheit intensive Gespräche führen, auch mit den Ehemännern. Bei den Männern müsse sie teilweise viel Überzeugungsarbeit leisten. Das inhaltliche Ziel der Reise müsse sie dabei etwas verpacken.

„Mit dem Thema Gewalt mache ich keine Werbung.“ Über die Jahre habe sich aber rumgesprochen, was auf dieser Reise passiere und worum es gehe. Jetzt wisse man in der Siedlung natürlich mehr über das Projekt als früher. Vereinzelt gab es Situationen, in denen die Männer nicht überzeugt werden konnten. Warum eine Frau nicht mitkommen kann, wird in der Regel nicht so konkret gesagt, sondern aus anderen Gründen abgelehnt. „Meistens werden die Kinder vorgeschoben, aber zwischen den Zeilen, höre ich schon raus, dass der Ehemann oder auch die Schwiegermutter nicht möchten, dass diese Frau mitkommt.“ Es gebe Männer, die Emine Yilmaz proaktiv ansprechen und klarmachen, dass sie deren Frauen gar nicht erst fragen brauche. „Auf der anderen Seite gibt es aber durchaus auch Männer, die zu mir kommen und sagen, das Projekt sei cool.“

Ein türkischer Tee auf einem Holztisch

Ein vertrauensvolles Gruppengefühl

Erste Workshops beginnen schon vor der Reise. Auch nach der Rückkehr finden im Nachbarschaftszentrum weitere Treffen zur Nachbereitung statt. Ein vertrauensvolles Gruppengefühl entstehe meist sehr schnell. Vor Ort in der Türkei gibt es jeden Tag von 9 bis 15 Uhr Workshops für die Frauen mit einer Fachdozentin. „Wir machen richtig Schule.“ Die behandelten Themen reichen von Frauenrechten und Emanzipation über Frauen in der Welt hin zu Erziehung. „Manche Frauen ist gar nicht bewusst, dass sie im Alltag Gewalt an ihren Kindern ausüben. Wenn ihnen klar wird, dass auch ein lautes anschreien der Kinder, ein Bloßstellen in der Öffentlichkeit oder ein Zerren an ihnen in Supermarkt, Gewalt ist, sind sie ziemlich schockiert.“ Es sei wichtig, hierfür ein Bewusstsein zu vermitteln. Von Tag zu Tag nähere man sich in der Gruppe dem Thema Gewalt weiter an, bis hin zum Themenkomplex der häuslichen und sexualisierten Gewalt. „Das ist ein sehr großes Thema, bei dem wir viel Aufklärungsarbeit leisten.“ Vielfach sei den Frauen auch hier nicht bewusst, was teilweise in ihren Leben passiere. „Vielen ist schlichtweg nicht klar, dass sie Sex auch innerhalb ihrer Beziehung ablehnen können, wenn sie keinen haben möchten. Wenn wir sie über ihre Rechte und den Tatbestand der Vergewaltigung in der Ehe aufgeklärt haben, sind sie überrascht und sagen: Wenn das so ist, hat mein Mann mich ganz oft vergewaltigt.“ Auch das Nein-Sagen ist ein wichtiges Modul im Programm der Reise. Teilweise wird es in den Workshops bei den Frauen emotional. Es werde über Ängste gesprochen, aber auch geweint. Die intensive Arbeit am Thema führe zu einem großen Zusammenhalt untereinander.

Während der Woche passiere unheimlich viel – auch über die Workshops hinaus. „Ich erlebe die Frauen immer wieder dabei, wie sie beim Essen oder Kaffeetrinken weiter miteinander über die Themen sprechen.“ Emine Yilmaz merke schon am zweiten Tag des Aufenthaltes Veränderungen bei den Frauen. „Manche sprechen oder bewegen sich anders, bei einigen sitzt das Kopftuch etwas lockerer.“ Nach ein paar Tagen werde dann auch gemeinsam am Pool getanzt. „Es sind immer mal Frauen dabei, die noch nie allein unterwegs waren. Für die ist diese Reise wirklich etwas ganz Besonderes.“

Die größte Freude ist es für Emine Yilmaz, wenn die Frauen ihr einige Wochen später über ihr verändertes Verhalten nach der Reise berichten. „Das ist natürlich das Beste – ich freue mich, wenn ich mitbekomme, dass sie das Gelernte auch umsetzen.“