Margot Kutzner (85) – Ein Leben für das Ehrenamt

Margot Kutzner zeigt eine Einladung ihrer Lieben zum 85. Geburtstag - mit dem Zelt geht es gemeinsam an den See

Margot Kutzner zeigt eine Einladung ihrer Lieben zum 85. Geburtstag - mit dem Zelt geht es gemeinsam an den See

Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind über 80 Jahre alt. Im Bezirksticker möchten wir ihre Stimmen hörbarer machen und Menschen vorstellen, die viel zu erzählen haben. Eine von ihnen ist Margot Kutzner, die in diesem Jahr ihren 85. Geburtstag gefeiert hat – eine Frau, die ihr Leben dem Ehrenamt gewidmet hat und bis heute mit offenen Augen und Herz für andere da ist.

Margot Kutzner ist im Neuköllner Ortsteil Britz aufgewachsen, inmitten der kleinen Parzellen der Kleingartenkolonie Goldregen am Buckower Damm. Schon früh lernte sie, was Zusammenhalt und Verantwortung bedeuten. Mit zwölf Jahren besuchte sie ein Ferienlager, organisiert von der Gewerkschaft, und belegte dort einen Ferienkurs der Arbeitsgemeinschaft junger Sanitäter. „Das war mein erster richtiger Kontakt mit dem Ehrenamt“, erinnert sich Margot Kutzner. „Der Kursleiter erzählte, dass es am Frankfurter Tor eine regelmäßige Sanitätergruppe gab – ein winziger, dunkler Raum, in dem wir uns trafen. Mit 15 durfte ich dann den ersten Kurs für Erwachsene absolvieren.“

Mit 16 kam es dann zu einem Schlüsselerlebnis, das weit über ihr Engagement hinausragte. Während eines hochspannenden Fußballspiels im damaligen Walter-Ulbricht-Stadion in Mitte – die DDR gegen England – war sie erstmals als Sanitäterin im Einsatz. „Ich kam ja aus dem Westen der Stadt und durfte noch nicht so viel machen.“

In der Halbzeitpause, bei den Raucher*innen, traf sie auf einen jungen Mann vom Wasserrettungsdienst. „Er hatte beim Rauchen seine Sanitäter-Binde nicht umgeklappt, und ich neckte ihn, indem ich immer wieder seine Streichhölzer auspustete“, erzählt sie und lacht. Aus diesem harmlosen Spielchen wurde der Beginn einer großen Liebesgeschichte: Zwei Jahre später war Margot mit ihrem ersten Kind schwanger.

„Das war alles nicht so einfach – ich als Wessi, mein Mann als Ossi"

„Das war alles nicht so einfach – ich als Wessi, mein Mann als Ossi. Die Mauer gab es damals noch nicht. Als ich schwanger war, heirateten wir sofort. Wir suchten dringend eine gemeinsame Wohnung. Da wir im Westen keine Chance hatten eine Wohnung zu finden, zogen wir gemeinsam in einen Neubau in Friedrichshain.“ Hier lebt die Rentnerin bis heute.

Ganze 64 Jahre sollte diese Ehe halten – getragen von Liebe, gegenseitiger Unterstützung und einem gemeinsamen Pflichtbewusstsein für die Gemeinschaft.

Der Lebensmittelpunkt der Kutzners blieb über Jahrzehnte hinweg ihre kleine 59 Quadratmeter große Wohnung in Friedrichshain. Sie war nicht nur Rückzugsort für die Familie, sondern auch Ausgangspunkt für ein Leben, das von Verantwortung und ehrenamtlichem Engagement geprägt war. „Wir haben nie viel gehabt, aber wir hatten einander, unsere zwei Kinder und diese Nachbarschaft – das war uns sehr wertvoll“, erzählt Margot Kutzner. Dieses Verständnis von Gemeinschaft durchzog ihr gesamtes Leben.

Besonders die gemeinsamen Einsätze am Müggelsee prägten ihr Familienleben. Während andere Familien ihre Wochenenden mit Ausflügen oder im Schrebergarten verbrachten, waren Margot, ihr Mann Ernst und die beiden Söhne auf der Wasserrettungsstation im Einsatz. Der Berufung ihres Mannes als Rettungsschwimmer stellte sich Margot als Sanitäterin an die Seite. „Das Schöne war: Wir waren immer zusammen – bei Sonne, bei Regen, egal, wie stressig es manchmal war. Unsere Kinder wuchsen ganz selbstverständlich damit auf, dass Engagement und Familie sich nicht ausschließen, sondern verbinden lassen.“

Das Ehrenamt schenkte dem Paar kulturelle Erlebnisse

Das Ehrenamt führte die beiden auch an Orte, die andere wohl eher mit Unterhaltung statt mit Erste-Hilfe-Pflichten verbinden: Theater, Konzert- und Veranstaltungsorte. „Viele wissen gar nicht, dass auch im Theater Sanitäter gebraucht werden. Aber wir waren da – im Friedrichstadtpalast, an der Hochschule für Musik oder bei anderen großen Veranstaltungen“, erinnert sie sich. Für Margot Kutzner war es eine Selbstverständlichkeit, ihre Zeit einzusetzen, wo sie gebraucht wurde. „Wir haben unzählige Vorstellungen erlebt, manchmal saßen wir draußen und manchmal mitten im Saal. Das Ehrenamt hat uns auch diese kulturellen Erlebnisse geschenkt.“

Neben dem Ehrenamt stellten beide auch ihre beruflichen Weichen neu und ergänzten sich auch hier auf ideale Weise. Während Margot ihr Wissen im Bereich der Ersten Hilfe weitergab und so ganze Generationen von Betriebshelfer*innen ausbildete, fand ihr Mann als Ingenieurökonom im Brandschutz und später in der Bibliothek Aufgaben, die seine körperliche Gesundheit schonten und gleichzeitig seinem Interesse an Technik und Ordnung entsprachen. „Wir hatten beide das große Glück, unsere Arbeit sinnvoll zu empfinden. Es war nicht nur ein Beruf, sondern immer auch ein Beitrag für die Gemeinschaft“, sagt Margot Kutzner heute rückblickend.

Mit den Jahren, als die Gesundheit nachließ, zog sich das Paar schrittweise aus den aktiven Diensten zurück. „Irgendwann scherzten wir, dass wir selbst fast Sanitäter im Theater gebraucht hätten.“ Für Margot bedeutete das aber nicht das Ende ihres Engagements, sondern lediglich ein Wechsel der Rollen. Statt im Notfall zu helfen, begann sie, jüngere Menschen für ehrenamtliche Aufgaben zu motivieren. „Ich habe immer gesagt: Ehrenamt ist kein Job zweiter Klasse, es ist das Herz einer funktionierenden Gesellschaft.“

Bis heute ist der ehrenamtliche Dienst eine feste Konstante im Leben

Der Gratulationsdienst im Auftrag des Bezirksamtes, dessen Vorsitz ihr verstorbener Ehemann lange innehatte, ist für Margot Kutzner bis heute eine feste Konstante. Die kurzen Besuche, die kleinen Gespräche und das ehrliche Interesse am Leben der anderen Menschen schaffen für sie ein Gefühl von Verbundenheit. „Oft sind es nur ein paar Minuten, manchmal aber entwickeln sich lange Begegnungen. Diese Momente sind ein Geschenk – für beide Seiten“, sagt sie. Gerade ältere Menschen, die einsam sind, schätzen diese persönliche Zuwendung. Für Margot ist es eine Herzensangelegenheit, den Besuchsdienst fortzuführen, auch als ihr Mann Ernst die Aufgabe nicht mehr begleiten konnte.

Neben diesem Engagement war das Reisen ein großes gemeinsames Kapitel im Leben des Ehepaars. Neugier und Abenteuerlust trieben sie an, die Welt Schritt für Schritt zu entdecken. Ob ferne Länder oder europäische Nachbarstaaten – stets verbanden die Kutzners ihre Erlebnisse mit dem Wunsch, sie zu teilen. Die selbst vorbereiteten Video-Vorträge in Begegnungsstätten wurden zu kleinen Veranstaltungen, auf die sich viele ältere Menschen freuten. „Uns war wichtig, dass auch diejenigen etwas von unseren Reisen haben konnten, die nie die Möglichkeit hatten, selbst ins Ausland zu fahren. Wir wollten ihnen einen Einblick schenken, ein bisschen Sehnsucht stillen“, erzählt Margot.

Margot Kutzner hat gemeinsam mit ihrem Mann Ernst fast die ganze Welt bereist - jetzt Nadel spricht für Erinnerungen

Margot Kutzner hat gemeinsam mit ihrem Mann Ernst fast die ganze Welt bereist - jetzt Nadel spricht für Erinnerungen

Ruhestand bedeutet nicht gleich Stillstand

In mühevoller Kleinarbeit legten die beiden die Videos auf einer Computer-Festplatte ab, fein säuberlich sortiert und beschriftet – ein lebendiges Archiv eines bewegten Lebens. Für Margot sind diese Vorträge heute nicht nur ein Schatz für die Gemeinschaft, sondern auch ein wertvolles Erinnerungsstück an die lebenslange Partnerschaft mit ihrem Mann. „Wenn ich die Aufnahmen ansehe, ist es manchmal so, als wäre Ernst noch neben mir – mit seinem Lächeln, seiner Begeisterung für die Welt.“

Heute, mit 85 Jahren, ist Margot Kutzner eine Frau, die nicht nur auf ein erfülltes Leben zurückblickt, sondern auch täglich mitten im Geschehen steht. „Ruhestand“ bedeutet für sie noch immer nicht Stillstand. Vielmehr betrachtet sie diese Lebensphase als eine Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu teilen und anderen Mut zu machen. Besonders junge Menschen, die sie trifft, möchte sie ermuntern, Verantwortung zu übernehmen. „Ehrenamt ist keine Last, sondern eine Chance. Man lernt dabei so viel fürs Leben und bekommt viel zurück.“
Auch in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld ist Margot eine feste Größe. In der Nachbarschaft wird sie geschätzt, oft gefragt und gehört. Ob es um kleine Tipps zur Ersten Hilfe geht oder um ein offenes Ohr – sie ist da. Ihre Gelassenheit strahlt auf andere aus und macht sie zu einem Bindeglied zwischen den Generationen. „Die älteren Menschen haben Zeit und Geschichten, die Jüngeren haben Energie und Ideen. Wenn wir das zusammenbringen, profitieren alle.“

Margot lebt heute in einer Balance aus Erinnerung und Gegenwart. Die Tage mit ihrem Mann und die vielen Reisen sind für sie unvergesslich, zugleich findet sie Freude in den kleinen Alltagsmomenten: ein Gespräch im Treppenhaus, die Treffen mit den Enkelkindern oder der Gratulationsdienst. Diese Mischung aus Dankbarkeit und Offenheit gibt ihr die Kraft, ein Vorbild zu sein – nicht nur für ihre Familie, sondern auch für das soziale Miteinander im Bezirk.

Neugierig geworden? Der Ehrenamtliche Dienst des Bezirksamtes sucht weitere Unterstützung!

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Dann sind Sie im Ehrenamtlichen Dienst (EaD) herzlich willkommen!

EaD Friedrichshain-Kreuzberg
Telefon: (030) 90298-2781
E-Mail: ehrenamt@ba-fk.berlin.de