Am Mittwoch, den 3. April 2025 wurden in der Schreinerstraße 21 in Friedrichshain vier neue Stolpersteine verlegt, die an die jüdische Familie Holdstein erinnern, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurde. Als Auszubildender im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg durfte ich, Alexander, gemeinsam mit Nicolas, dualem Student für öffentliche Verwaltung, diesen bewegenden Moment miterleben und dokumentieren.
Eine besondere Begegnung mit der Vergangenheit
Die Verlegung der Stolpersteine für David, Helene, Reinhard und Selma Holdstein erhielt durch die Anwesenheit von Deborah Helene Holdstein, der Tochter des Überlebenden Reinhard Holdstein, eine besonders persönliche Note. Deborah Helene Holdstein war für die Verlegung mit ihrem Mann und einem befreundeten Paar aus Chicago angereist, um an der Zeremonie teilzunehmen.
Wir kamen ins Gespräch, als sie Nicolas’ Spiegelreflexkamera bemerkte und sich freute, dass ein junger Mann die Veranstaltung fotografisch festhielt. Im Gespräch gab sie uns einen kleinen Einblick in ihre Familiengeschichte. Mit einem Lächeln erzählte sie, dass ihr Vater “eigentlich ziemlich langweilig” gewesen sei, und zeigte uns ein Foto von ihm aus dem Jahr 1937 in Berlin, als er 22 Jahre alt war. Auf dem Bild ist er neben einem 26-jährigen Freund zu sehen – beide sehr adrett gekleidet, mit Weste und Krawatte im eleganten Stil der 1920er Jahre.
Die Geschichte der Familie Holdstein
Die Stolpersteine erinnern an eine Familie, deren Schicksal exemplarisch für die Verfolgung jüdischer Menschen während der NS-Zeit steht. David Holdstein, 1886 in Schönsee (damals Westpreußen) geboren, arbeitete als Kaufmann. Er war mit Helene Franziska Czarlinski verheiratet, die 1892 im westpreußischen Graudenz geboren wurde. 1915 kam ihr Sohn Reinhard zur Welt.
Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Stadt Graudenz gemäß des Versailler Vertrags an Polen abgetreten wurde, zog die Familie 1920 nach Berlin und ließ sich in Friedrichshain nieder. Ab etwa 1934 wohnten sie in der Schreinerstraße 21. Reinhard Holdstein heiratete 1938 Selma Rosenfeld, eine 1914 in Berlin geborene junge Frau.
Die systematische Verfolgung durch die Nationalsozialisten erfasste auch die Holdsteins. David verlor seine Stelle als Einkäufer in einem Kaufhaus infolge der sogenannten „Arisierung” um 1939. Er und sein Sohn Reinhard wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet.
Am 27. Februar 1943 wurden sie Opfer der „Fabrikaktion”, bei der Juden und Jüdinnen, die bisher wegen ihrer Zwangsarbeit in kriegswichtigen Betrieben von der Deportation verschont geblieben waren, verhaftet wurden. David und Helene Holdstein sowie die Schwiegertochter Selma wurden am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Reinhard Holdstein wurde am 4. März 1943 ebenfalls nach Auschwitz verschleppt. Anders als seine Familienangehörigen überlebte er mehrere Konzentrationslager und wanderte 1949 in die USA aus.
Deborah Helene Holdstein – die Tochter des Überlebenden
Deborah Helene Holdstein, die Tochter Reinhards, hat in den USA eine beachtliche akademische Karriere vorzuweisen. Sie ist eine Literaturwissenschaftlerin und Autorin, die mehrere Bücher veröffentlicht hat.
Zudem hat sie „The Prentice Hall Anthology of Women’s Literature“ herausgegeben, eine umfangreiche Sammlung von Werken weiblicher Autorinnen.
In den 1980er Jahren verfasste sie auch kritische Filmanalysen, in denen sie Filme aus einer feministischen Perspektive beleuchtete.