Chemieindustrie

Ein Mann in einem weißen Overall der in einem pharmazeutischen Labor arbeitet

Produkte und Vorleistungen der chemischen Industrie sind essenziell für zahlreiche Branchen, von der Gesundheitswirtschaft über die Energie- und Bauwirtschaft bis hin zur Kreislaufwirtschaft. Besonders an diesen Schnittstellen entfaltet die Branche ihre strategische Bedeutung. Ihre enge Verzahnung mit Sektoren wie Biotechnologie, Medizintechnik und Umwelttechnik macht sie zu einer zentralen Impulsgeberin für eine zukunftsfähige industrielle Entwicklung in der Hauptstadtregion.

Exportstärke und überdurchschnittliche Löhne in einer mittelständisch geprägten Branche

Flaschen verschiedener Haushaltsputzumittel in bunten Farben

Die chemische Industrie ist in Berlin überwiegend mittelständisch geprägt: 27 Unternehmen mit jeweils mehr als 20 Beschäftigten erzielten im Jahr 2024 einen Gesamtumsatz von rund 768 Millionen Euro. Insgesamt waren etwa 6.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in diesem Bereich tätig. Unter den Großunternehmen ist beispielsweise der Körperpflegemittelhersteller Beiersdorf Manufacturing Berlin vertreten, dazu kommen produzierende KMU wie Kryolan (professionelles Make-up), Collonil (Schuh- und Oberflächenpflege), Diessner (Farben und Lacke) und Ferak (Feinchemikalien für die Chemie-, die Pharma- und die Elektronikindustrie) sowie Startups wie Creative Quantum (quantenchemische Material- und Substanzsimulationen) oder DuDeChem (Entwicklung umweltfreundlicher und nachhaltiger chemischer Stoffe).

Bemerkenswert ist die internationale Ausrichtung der Branche: Mit einer Exportquote von etwa 54,6 % zeigt sich die Berliner Chemieindustrie als hoch wettbewerbsfähig im internationalen Vergleich. Zudem besteht eine hohe Tarifbindung – die Löhne liegen deutlich über dem Berliner Industriedurchschnitt, was ein klarer Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte ist.

Starke pharmazeutische Industrie in Berlin – eng verknüpft mit der Chemie

Eine Pillenmaschine beim Abfüllen von Arzneimitteln

Die pharmazeutische Industrie ist technologisch und historisch eng mit der chemischen Industrie verbunden, nimmt in Berlin jedoch eine eigenständige Rolle ein. Mit einem Jahresumsatz von rund 6,3 Milliarden Euro (2024) ist sie die umsatzstärkste Industriebranche der Hauptstadt. Rund 11 % des bundesweiten Pharmaumsatzes entfallen auf Berlin – ein Ausdruck der hohen wirtschaftlichen Bedeutung des Standorts. Die Branche ist Teil des länderübergreifenden Clusters HealthCapital Berlin Brandenburg gehört zu den investitionsstärksten Standorten der pharmazeutischen Industrie in Deutschland. Führende produzierende Großunternehmen wie Bayer (am Standort Berlin Produktion u.a. in den Therapiegebieten Augenheilkunde und Radiologie), B. Braun Melsungen (produziert an zwei Berliner Standorten sterile Injektionslösungen in Ampullen und Fläschchen und kardiovaskuläre Produkte für die interventionelle und diagnostische Kardiologie, Radiologie, Hämodynamik und Gefäßchirurgie), Bausch + Lomb (flüssige Augenpräparate) und Berlin-Chemie (Medikamente) prägen die industrielle Basis. Der Mittelstand ist ebenfalls stark vertreten mit Unternehmen wie Klosterfrau (Lutschtabletten, flüssige Arzneiformen sowie sterile Einwegspritzen – Marken wie neo-angin®, Soledum®, nasic®, Instillagel®, Bronchicum®, Monapax® verlassen täglich das Werk in Berlin.), Dr. KADE (Arzneimittel und Medizinprodukte) und CPL Sachse (Syntheseentwicklung von pharmazeutischen Wirkstoffen).

Die Pharmaindustrie beschäftigt rund 6.977 sozialversicherungspflichtige Mitarbeitende.

Die Nähe zu exzellenter Forschung, spezialisierten Hochschulen und internationalen Kliniken macht Berlin besonders attraktiv für hochqualifizierte Fachkräfte und eine dynamische Startup-Szene, insbesondere in den Bereichen Biotechnologie und Digital Health. Im Zusammenspiel mit der chemischen Industrie entstehen Synergien bei Wirkstoffentwicklung, Analytik und nachhaltiger Produktion. So trägt die enge Verbindung beider Branchen zur Stärkung der industriellen Basis und Innovationsfähigkeit Berlins bei.

Innovationsdynamik und Transformationsdruck

Die Berliner Chemieunternehmen zeichnen sich durch ein hohes Maß an Spezialisierung, Innovationskraft und eine zunehmende Ausrichtung auf Nachhaltigkeit aus. Hergestellt werden unter anderem Wasch- und Körperpflegemittel, Reinigungs- und Imprägniermittel, Farben und Lacke, Chemiefasern, Spezialkunststoffe sowie Materialien für die additive Fertigung. Diese Grundstoffe kommen in Konsumgütern, im Bauwesen, in der Textilindustrie und in Hightech-Anwendungen zum Einsatz und prägen damit industrielle Prozesse und unseren Alltag.

Die Branche steht zugleich vor großen Herausforderungen: Hohe Energiepreise, volatile Rohstoffmärkte, Fachkräftemangel in MINT-Berufen und wachsende regulatorische Anforderungen erhöhen den Transformationsdruck. Auch die geplante EU-weite Regulierung von PFAS-Stoffen führt zu Unsicherheit, insbesondere bei Halbleiter- und Medizintechnikanwendungen. Hinzu kommt der Bedarf an umfassender digitaler Transformation, um Prozesse zu automatisieren, Lieferketten widerstandsfähiger zu gestalten und Ressourceneffizienz zu verbessern.

Innovative Verfahren und Materialien

Eine Hand hält grüne biologisch Abbaubare Plastikchips

Wachstumsperspektiven ergeben sich durch biobasierte Materialien, ressourcenschonende Verfahren sowie neue Werkstoffe für die Energiewende. Dazu zählen etwa Kunststoffe aus pflanzlichen Reststoffen (Biopolymere), leichte Verbundmaterialien für Fahrzeuge oder Flugzeuge sowie Filamente für den 3D-Druck. Auch bei Batteriematerialien, wärmedämmenden Beschichtungen oder chemischen Recyclingprozessen leistet die Branche zentrale Beiträge für eine nachhaltige Industrie.

Die Berliner Chemie ist dabei eng mit strategischen Themen wie Batterietechnologie, Bioökonomie und Circular Economy verknüpft, zunehmend auch in Zusammenarbeit mit Partnern in Brandenburg. Das Startup DUDE CHEM digitalisiert die Herstellung pharmazeutischer Wirkstoffe und senkt dabei den Einsatz von Lösungsmitteln und Energie. Der international tätige Anlagen- und Chemikalienhersteller Atotech liefert Lösungen für funktionale Beschichtungen in Batterien und Leiterplatten, während Bito Lacke am Standort Berlin lösemittelarme Lacke für Windkraftanlagen und Leichtbauteile produziert. Auch Collonil geht neue Wege: Der traditionsreiche Hersteller von Pflegechemie setzt zunehmend auf pflanzenbasierte Inhaltsstoffe und testet nachfüllbare Verpackungen.

Berlin als Standort für Forschung, Entwicklung und Gründung in der Chemie

Eine weibliche Wissenschaftlerin schaut durchs Mikroskop und macht Notizen

Die greenCHEM- Initiative zeigt Berlins Potenzial: Das geförderte Konsortium will bis 2031 ein nachhaltiges Innovationsökosystem für grüne Chemie etablieren. Es ist an drei Berliner Universitäten und Zukunftsorten verankert: dem Campus Charlottenburg (TU Berlin), dem Technologiepark Adlershof (HU Berlin) und dem entstehenden FUBIC der Freien Universität Berlin (FU Berlin). Berlin bietet entlang der gesamten Innovationskette spezialisierte Infrastrukturen: Frühphasige Gründungen unterstützt das INKULAB auf dem Campus Charlottenburg mit Laborarbeitsplätzen und technischer Betreuung. Ab 2027 wird es durch die Chemical Invention Factory (CIF) ergänzt, ein Gründungszentrum für nachhaltige Chemie mit Platz für mehrere Startup-Teams. Für die Skalierung und industrielle Anwendung steht im FUBIC zukünftig ein Scale-up Lab mit Reaktoren im Pilotmaßstab zur Verfügung.

Der Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof ist ein zentraler Ort für chemienahe Startups und Forschung. Institutionen wie die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) und IRIS Adlershof der HU Berlin bündeln dort ihre Kompetenzen, aber auch die innovativen Startups wie CreativeQuantum sind vor Ort. Berlin deckt die gesamte Bandbreite von Technology Readiness Levels ab – von Grundlagenforschung über Pilotierung bis zur Markteinführung. Netzwerke wie INAM oder der Kunststoff-Verbund Brandenburg-Berlin (KuVBB) fördern den Transfer in marktrelevante Anwendungen. Die enge Vernetzung der großen Universitäten TU, HU und FU mit Akteuren wie BAM, FMP und Fraunhofer IAP stärkt die regionale Innovationsdynamik nachhaltig. Das UNITE Netzwerk bietet ein aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft führendes, hochdigitales Ökosystem für wissenschaftsbasierte Startups und nationale und internationale unternehmerische Talente. Darüber hinaus unterstützen die Chemical Invention Factory der TU Berlin (CIF) und HU Innovation Labs (innolabs) im Bereich des Wissens- und Technologietransfers sowie der Nachwuchsförderung bezüglich neuer, nachhaltiger Materialien und Werkstoffe, wie auch das Innovationsnetzwerk für neue Materialien (INAM).

Förderlandschaft

Die öffentliche Hand flankiert diese Entwicklung durch gezielte Förderinstrumente. Dazu zählen die steuerliche Forschungsförderung, das Berliner Programm ProFIT für F&E-Projekte, die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW), EFRE-Mittel der EU, das Umweltinnovationsprogramm des Bundes sowie Programme zur Förderung von Energie- und Ressourceneffizienz und biobasierten Rohstoffen. Seit 2024 fördert das Bundesprogramm „Industrie und Klimaschutz“ Investitionen in CO₂-arme Prozesse, Elektrifizierung und industrielle Transformation gezielt auch in der Chemie.

All diese Rahmenbedingungen zeigen: Berlin bietet ein exzellentes Umfeld, um sich im europäischen Vergleich als Standort für sichere, nachhaltige und zukunftsweisende Chemieprodukte zu positionieren – mit international sichtbarer Forschung, verantwortungsvoller Produktion und hoher Innovationskraft.

Weitere Projekte und Initiativen, von denen die Chemische Industrie am Standort profitiert:

Junge Wissenschaftlerinnen in weißen Kitteln beim Experimentieren im Labor
  • Treffen der Industrie mit der Politik, wie unsere MPI Dialoge mit der chemischen Industrie Berlins, helfen bei der Sichtbarkeit von Unterstützungsangeboten sowie der politischen Flankierung von Entwicklungen in den Gremien wie Bundesrat (BR) und WirtschaftsministerInnenkonferenz (WMK): Blogbeiträge MPI Dialog Herbst 2024, MPI Dialog Frühjahr 2025.
  • Die Deep Tech Berlin Kampagne mit dem Deep Tech Award bietet Berliner Unternehmen und Startups aus der Deep Tech Szene eine nationale wie auch internationale Bühne, um ihre Bekanntheit und die ihrer Lösungen zu steigern.
  • Die Berliner Zukunftsorte zeigen 11 Orte in der Stadt, an denen die Zukunft bereits heute gedacht wird und die Innovationskraft Berlins entsprechend deutlich wird.
  • Die Transferweek Berlin-Brandenburg bringt Wissenschaft, Unternehmen und Innovatoren zusammen, um die Innovationslandschaft der Hauptstadtregion zu stärken und den Wissensaustausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu unterstützen.
  • MPI-Projekte Mädchen-Technik-Kongress und Industrie macht Schule stärken den Berliner MINT-Sektor indem Schülerinnen und Schüler regional angebotene Ausbildungsberufe im MINT-Bereich kennenlernen.
  • Das Bündnis für Ausbildung der Berliner Wirtschaft und Arbeitnehmervertretungen in Berlin zielt darauf ab, bis 2025 die Zahl der Ausbildungsplätze um 2.000 zu erhöhen, dazu soll u.a. die duale Ausbildung wieder neu belebt und verbessert werden.