Beim ersten MPI Dialog des Masterplans Industriestadt Berlin tauschten sich Vertreterinnen und Vertreter der chemischen Industrie Berlins zu Perspektiven und Potenzialen ihrer Branche aus.
Welche Perspektiven und Potenziale hat die chemische Industrie Berlins – insbesondere mit Blick auf eine nachhaltige Transformation in der Hauptstadt? Diese Frage diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der Branche beim ersten MPI Dialog. Er fand im Rahmen des Masterplans Industriestadt Berlin 2022 – 2026 (MPI) und auf Einladung von Staatssekretär Dr. Severin Fischer Mitte Oktober im Haus der Kreislaufwirtschaft statt. Am runden Tisch saßen dort Berliner Großunternehmen, KMU und Startups zusammen, um zu beleuchten, wo gemeinsame Gestaltungsmöglichkeiten für den Industriestandort Berlin liegen, vor allem auch in herausfordernden Zeiten. Der MPI setzt dabei auf den direkten Austausch der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe mit der Branche. Die Runde wurde von Sonja Jost, Vizepräsidentin der IHK Berlin, moderiert.
Zusammenarbeit als Schlüssel zur grünen Transformation
Nach einem wirtschaftspolitischen Impuls des Staatssekretärs gab Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Chemischen Industrie e.V., Landesverband Nordost, einen Lagebericht zur Berliner Chemiebranche. Die „Tour de Table“ bot Raum für einen offenen und konstruktiven Austausch, der von einem Impuls von Martin Rahmel, Geschäftsführer der Chemical Invention Factory der TU Berlin sowie Koordinator des BMBF-geförderten Projektes greenCHEM, gefolgt wurde. Er hob in seinem Impuls die Potenziale des Berliner Innovationsökosystems im Bereich grüner Chemie sowie nachhaltiger und kreislauffähiger Materialen hervor, die in der anschließenden Diskussion aus vielen Perspektiven betrachtet wurden. Alle waren sich einig: Die grüne Transformation kann nur gemeinsam gelingen – neben öffentlicher Unterstützung und der kontinuierlichen Verbesserung von Rahmenbedingungen braucht es den unternehmerischen Mut zur Veränderung.
Chemische Industrie eine bedeutende Branche für den Wirtschaftsstandort Berlin
Die chemische Industrie spielt eine zentrale Rolle für die Wirtschaft Berlins und trägt maßgeblich zum Steueraufkommen in dieser Stadt bei. Jeder Arbeitsplatz in diesem Sektor schafft zusätzlich zwei weitere in der Region, was die Branche zu einem bedeutenden Arbeitgeber macht. In Berlin sind rund 100 Unternehmen der chemischen Industrie ansässig, die etwa 20.000 Menschen beschäftigen. Diese Unternehmen prägen die Top 200 Arbeitgeber der Stadt, mit einem Gesamtumsatz von 8,1 Milliarden Euro. Besonders hervorzuheben ist, dass die chemische Industrie eine der Top-Hochlohnbranchen in Berlin ist.
Der Bedeutung der Branche muss Rechnung getragen werden, indem Rahmenbedingungen für die industrielle Produktion auch in Berlin weiter gestärkt und im besten Fall ausgebaut werden, um den Standort nachhaltig attraktiv und wettbewerbsfähig für Kundinnen und Kunden, aber auch für Fachkräfte zu halten. Die aktuell laufende Verwaltungsreform des Landes wird einen Beitrag zur Verbesserung von Prozessen insbesondere im Zusammenspiel zwischen Haupt- und Bezirksverwaltung leisten wird. Gleichzeitig bestehen zahlreiche Angebote des Landes Berlin, die die Unternehmen bei ihren Geschäftstätigkeiten am Standort Berlin unterstützen.
Unterstützungsangebote und Aktivitäten des Landes Berlin
Das Business Location Center (BLC) von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie (BPWT) bietet ein Wirtschaftsportal für Berlin mit zahlreichen Services und Informationen für Unternehmen. Der Einheitliche Ansprechpartner Berlin (EA) der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe ist eine zentrale Kontaktstelle für Unternehmen und Selbstständige, die Informationen zu allen Verwaltungsdienstleistungen gibt und nötige Formalitäten zentral regelt. Die Wirtschaftsförderungen in den Bezirksämtern werden durch den Unternehmensservice von BPWT (UNS) verstärkt und sind zentrale Ansprechpartner für Unternehmen auch im Bestand, dazu bietet BPWT mit der Key-Account-Betreuung die erforderlichen Strukturen.
Das Entwicklungskonzept für den produktionsgeprägten Bereich (EpB) dient der langfristigen Sicherung und Entwicklung der Flächen für die Industrie und ist Teil des StEP Wirtschaft 2040. Das Aktionskonzept „Digitalisierung der Berliner Verwaltung für die Wirtschaft“ (im Dezember gestartet) bringt einige Neuerungen, wie zum Beispiel den DIWI (Digitaler Wirtschaftsservice), der die Bearbeitung von Verwaltungsanträgen vereinfacht und beschleunigt. Bis Ende 2025 sollen alle relevanten 300 DL digital verfügbar sein. Die Berliner Verwaltungsreform zur Stärkung der gesamtstädtischen Steuerung ist angelaufen und soll in 2025 umgesetzt werden. Kern ist, die Regelungen von Aufgaben und Zuständigkeiten der Landes- und der Bezirksebene (mehr Informationen).
Die aktuelle Lage ist keine einfache und die Industrie unterliegt den Anforderungen der Transformation in sämtlichen Bereichen. Daher ist es ein Anliegen des Landes Berlin Unternehmen auf dem Weg zu zirkulären und nachhaltigen Geschäftsmodellen zu unterstützen – angefangen mit der Digitalisierung von Prozessen und Produktinformationen, über das Finden der richtigen Kooperationspartner bis hin zur Entwicklung von neuen technologischen Lösungen. Dabei gilt es im Sinne der ökologischen Transformation zum einen Innovationen im Bereich der nachhaltigen Chemie anzureizen, die Lösungen für zirkuläres Wirtschaften und nachhaltige Stoffe/Materialien bieten, aber zum anderen auch die Dekarbonisierung der Unternehmen zu unterstützen.
Der Masterplan Industriestadt Berlin (MPI) als Plattform für Multiplikatoren, um Projekte für die Industrie einzubringen: Themen der ökologischen, digitalen und der Transformation der Arbeitswelt. Neben wichtigen Schlüsseltechnologien, wie Additiver Fertigungstechnologien für verschiedenste Anwendungsbereiche (AMBER-Netzwerk), Leichtbau (LB-Initiative BE-BB), KI (MPI Konferenz – KI in der Produktion) und Robotik (Berliner Robotiknetzwerk), setzt er Impulse für zirkuläres Wirtschaften. Letzteres u.a. mit dem aktuellen MPI Pro FIT-Call zur Förderung der Circular Economy in der industriellen Produktion (aktuell ProFIT-Call bis 15.01.25). Fördertableau für die Industrie (Link).
Die Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK) gibt ganz praxisnah im Themenfeld Energieeffizienz und Klimaschutz ein kostenfreies Unterstützungsangebot für KMU und berät u.a. auch zur Abwärmenutzung. Die DAB (Digital Agentur Berlin) unterstützt Berliner Unternehmen, insb. KMU, bei der digitalen Transformation und fungiert sowohl als beratende Anlaufstelle als auch als Mittler & Lotse zu vorhandenen Angeboten im Digitalisierungsbereich. In dem MPI-geförderten Projekt „Weiterführung Digital+“ entwickelt die HTW den „Digitalisierungsnavigator“ als Webanwendung, um KMU in ihrer digitalen Transformation zu begleiten (z.B. Reifegradbestimmung, Entwicklungsvorschläge).
Ein weiterer wichtiger Baustein in diesem Transformationsstrang stellt der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft dar. In enger Zusammenarbeit mit Brandenburg wird die entsprechende Infrastrukturplanung vorangetrieben. Gemeinsam mit Brandenburg haben wir die Wasserstoff-Roadmap entwickelt, die wir nun zügig rund um die Themen Erzeugung, Speicherung und Anwendung für die Hauptstadtregion umsetzen wollen. Wir erwarten einen Anschluss an das nationale Wasserstoff-Kernnetz bis 2030.
Mit Blick auf den Standort haben wir einen Vorteil sicher und das ist die starke Forschungslandschaft, die ihre Kapazitäten mit F&E-Laboren, wie z.B. dem Technikum der TU-Berlin, kontinuierlich ausbaut. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen, Forschungsergebnisse effektiv in die industrielle Praxis zu überführen. Hier wollen wir als Land ein verlässlicher Partner sein und unterstützen das Innovationsökosystem und den Transfer. Der Transfer BONUS leistet Zuschüsse zu Vorhaben des Technologie- und Wissenstransfers von KMU und Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. Die Transfer Week Berlin-Brandenburg bietet zahlreiche Transferformate zu den verschiedensten Themen. Das KMU-Büro der Hochschule für Technik und Wirtschaft richtet sich spezifisch an kleine und mittlere Unternehmen, die mit einer Hochschule kooperieren wollen. Das UNITE Netzwerk bietet ein aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft führendes, hochdigitales Ökosystem für wissenschaftsbasierte Startups und nationale und internationale unternehmerische Talente. Darüber hinaus unterstützen die Chemical Invention Factory der TU Berlin (CIF) und HU Innovation Labs (innolabs) im Bereich des Wissens- und Technologietransfers aber auch der Nachwuchsförderung bezüglich neuer, nachhaltiger Materialien und Werkstoffe, wie auch das Innovationsnetzwerk für neue Materialien (INAM).
Für all diese Themen braucht es natürlich geeignete Beschäftigte. Und auch hier wollen wir die Wirtschaft mit Angeboten unterstützen, denn einer der Leitsätze der SenWiEnBe ist es, die besten Köpfe und Hände für Berlin zu sichern. Dazu müssen die Aus- und Weiterbildung stärker genutzt und Fachkräfteeinwanderung erleichtert werden. Der Business Immigration Service (BIS) unterstützt u.a. die Einwanderung. Das Talent-Recruiting und -Portal (Talent Berlin) spricht Fachkräfte aus aller Welt an und wirbt für den Lebens- und Arbeitsort Berlin. Die Serviceplattform „Weiterbildung.berlin“ bietet ein persönliches Beratungsangebot, um besonders KMU bei der Qualifizierung ihres Personals zu unterstützen. Die Fachkräftestrategie wird aktuell vom Senat erarbeitet und verabredet Aktivitäten bis 2025.
MPI-Projekte Mädchen-Technik-Kongress und Industrie macht Schule stärken den Berliner MINT-Sektor indem Schülerinnen und Schüler regional angebotene Ausbildungsberufe im MINT-Bereich kennenlernen. Das Bündnis für Ausbildung der Berliner Wirtschaft und Arbeitnehmervertretungen in Berlin zielt darauf ab, bis 2025 die Zahl der Ausbildungsplätze um 2.000 zu erhöhen, dazu soll u.a. die duale Ausbildung wieder neu belebt und verbessert werden.
Darüber hinaus helfen Treffen wie dieser MPI Dialog bei der politischen Flankierung von Entwicklungen in den Gremien wie Bundesrat (BR) und WirtschaftsministerInnenkonferenz (WMK). Schwerpunktthema der letzten Amtschefskonferenz der WMK am 20.11.2024 war der Mittelstand als Stabilitätsanker, Innovationstreiber und Jobgarant. Aber auch industriespezifische Themen wie die „Beschränkung per- und polyfluorierter Alkylsubstanzen (PFAS) – eine Existenzbedrohung für Industrie und Mittelstand“, die „EU-Chemikalienregulierung reformieren und auf das Wesentliche fokussieren“, die „Industrienetzentgeltreform – Unterstützung stromintensiver Unternehmen“ und die „Aktuelle Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes Deutschland“ standen auf der Tagesordnung (mehr Informationen zu Tagesordnung und Beschlüssen: WMK, WiA-BR).
Fortführung: MPI als langfristige Plattform
Dieser MPI Dialog war ein erster Auftakt, der Austausch wird im kommenden Jahr fortgeführt. Der MPI begleitet den Industriestandort Berlin auf dem Weg der Transformation und konzentriert sich auf drei Transformationslinien, die die Entwicklung der industriellen Produktion prägen: die digitale, die ökologische und die Transformation der industriellen Arbeitswelt. Neben wichtigen Schlüsseltechnologien wie Additiver Fertigung (in der Industrie, AMBER), Leichtbau (in der Industrie), KI und Robotik (in der Industrie) setzt er Impulse für zirkuläres Wirtschaften. Der MPI stellt eine Plattform zur Verfügung sowie ein Netzwerk, in dem Branchen- und Industrieverbände, Gewerkschaften, Netzwerkinitiativen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Kammern und Verwaltung eine aktive Rolle für die Interessen der Berliner Industrie einnehmen.