05/2025 – Antisemitismus signifikant angestiegen: RIAS und Register legen Auswertungen für 2024 vor

Deckblatt Jahresbericht 2024 von RIAS

Mai 2025

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist eine Realität, gegen die offenbar kein Kraut gewachsen ist. Besonders der Antisemitismus hat nach der Katastrophe des 7. Oktober 2023 starken Auftrieb erhalten. Übereinstimmend stellen die Jahresauswertungen 2024 der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin) und der Registerstelle Steglitz-Zehlendorf” einen signifikanten Anstieg von Judenfeindlichkeit bzw. Hass auf den Staat Israel fest. Dabei werden die für Steglitz-Zehlendorf ermittelten Zahlen des Bezirksregisters von der Koordinierungsstelle des stadtweiten Berliner Registers erhärtet und bestätigt.

RIAS-Jahresbericht 2024: Berlins Bezirke im Vergleich

Dokumentationsstelle RIAS registriert sprunghaften Anstieg des Antisemitismus in Bezirk und Land

Im Vergleich der Berliner Bezirke liegt Steglitz-Zehlendorf bei der Anzahl antisemitisch motivierter Übergriffe genau im Mittelfeld: Mit 78 Vorfällen im Jahr 2024 verzeichnete der Bezirk berlinweit die sechsthöchste Fallzahl. Damit liegt man zwar deutlich hinter den „Spitzenreitern“ Mitte (371 Fälle), Friedrichshain-Kreuzberg (255) und Neukölln (224) – eine Entwarnung ist das hingegen nicht. Im Gegenteil: Gegenüber den 2023 registrierten 29 Vorfällen hat sich der Wert im Jahresvergleich nahezu verdreifacht (Steigerung um das 2,7-fache). Verglichen mit den „nur“ 11 Vorfällen des Jahres 2022 liest sich der Aufwuchs bis 2024 noch krasser: Die Steigerungsrate liegt bei über 600 Prozent – die Zahlen haben sich gut versiebenfacht. Der 7. Oktober 2023 als einschneidende Zäsur und Wendepunkt liegt mittendrin.

RIAS-Jahresbericht 2024: Die Berliner Bezirke im Vergleich (Entwicklung 2018 bis 2024)

Die geringsten Zahlen im Bezirksvergleich melden Spandau (19 Fälle), Reinickendorf (17) und Marzahn-Hellersdorf (8). Den Fallzahlen von Steglitz-Zehlendorf am nächsten kommt der Nachbarbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf (82). RIAS kann nur die tatsächlich bekanntgewordenen Fälle in ihre Statistik einfließen lassen. Das Dunkelfeld ist nicht bezifferbar.

Centrum Judaicum/Neue Synagoge in der Oranienburger Straße (Mitte)

Centrum Judaicum/Neue Synagoge in der Oranienburger Straße (Mitte)

Pressekonferenz in der Neuen Synagoge

Im Rahmen einer Pressekonferenz im Großen Saal der Neuen Synagoge Oranienburger Straße stellte die Recherche- und Informationsstelle RIAS ihren Bericht „Antisemitische Vorfälle in Berlin 2024“ am 20. Mai 2025 vor.

2024 wurden dem Projekt 2521 antisemitische Vorfälle bekannt. Die einzelnen Vorkommnisse müssen im Hinblick auf ihre Schwere differenziert betrachtet werden. Deutlich zugenommen haben nicht nur tätliche Angriffe unter Einsatz körperlicher Gewalt, sondern auch gezielte Sachbeschädigungen etwa an Gedenkorten. Berlinweit hat man rund sieben antisemitische Vorfälle pro Tag festgestellt. Gegenüber 2023 ist das fast eine Verdoppelung. 43 Prozent der Vorfälle wiesen einen Bezug zur Terrorattacke der Hamas bzw. zum Krieg zwischen Hamas und Israel auf. Besonders gefährdet waren Personen, die durch entsprechende Symbole oder die Verwendung der hebräischen Sprache als Juden bzw. Israelis erkennbar waren. Jüdisches Leben in der Öffentlichkeit kann sich kaum entfalten. Nach dem 7. Oktober haben die Einschränkungen noch zugenommen, die Betroffene erfahren. Viele leiden unter einem Mangel an Solidarität und Empathie, fühlen sich isoliert.

„Mit dem fortwährenden Anstieg antisemitischer Vorfälle haben sich (…) die politischen und gesellschaftlichen Konflikte und Debattenlagen zu Antisemitismus verschärft“, konstatiert RIAS-Projektleiterin Julia Kopp. Antisemitismus habe sich im Jahresverlauf 2024 „auf hohem Niveau stabilisiert“, sagt Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. „Uns muss alarmieren, wie sehr Jüdinnen und Juden in unserer Stadt unter Druck stehen“, warnt Cansel Kiziltepe, Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung. „RIAS Berlin ist ein extrem wichtiger Seismograph bei antisemitischen Mobilisierungsprozessen“, adelt Prof. Dr. Samuel Salzborn, Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus, die Recherche- und Informationsstelle.

RIAS-Jahresbericht 2024: Politisch-weltanschaulicher Hintergrund im prozentualen Vergleich

RIAS-Jahresbericht 2024: Politisch-weltanschaulicher Hintergrund im prozentualen Vergleich

Politisch-weltanschaulicher Hintergrund

Mit rund 71 Prozent wird das Vorfallaufkommen durch den israelbezogenen Antisemitismus dominiert. Meistens tritt er in Kombination mit anderen Erscheinungsformen auf, etwa wenn die Schoa durch Gleichsetzung mit der aktuellen Lage im Gazastreifen bagatellisiert und eine Art Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird. „Seit dem 7.Oktober 2023 fungieren die Massaker der Hamas und der darauffolgende Krieg zwischen Israel und der Hamas als Gelegenheitsstruktur für antisemitische Äußerungen und Handlungen“, formulieren die Verfasser der Studie.

Ehrlicherweise räumen sie ein, wie schwierig es sei, den politisch-weltanschaulichen Hintergrund der einzelnen antisemitischen Tatbestände exklusiv einem bestimmten Lager zuzuordnen. Immerhin knapp 70 Prozent der im Jahr 2024 registrierten Vorfälle entzogen sich einer zweifelsfreien Einordnung innerhalb der klassischen Schablonen „Links“, „Rechts“ und „Islamismus“. Antisemitische Erscheinungsformen träten „zunehmend spektren- und milieuübergreifend“ auf, lautet die Begründung.

Wie schon im vergangenen Jahr konnten dem Spektrum des „antiisraelischen Aktivismus“ mit 15,8 Prozent berlinweit die meisten Vorfälle zugeordnet werden. Mit 4,3 Prozent liegen Vorfälle aus dem rechtsextremen bzw. rechtspopulistischen Spektrum deutlich dahinter. Bei 4 Prozent liegt das verschwörungsideologische Spektrum, dicht gefolgt vom linken bzw. antiimperialistischen Spektrum mit 3,1 Prozent. Vergleichsweise kaum ins Gewicht fällt das islamische bzw. islamistische Spektrum mit 1,1 Prozent der Vorfälle.

Dominierende Vorfalltypen

RIAS unterscheidet mehrere sogenannte „Vorfalltypen“, die die Schwere der Übergriffe bzw. deren Gewaltpotential hierarchisch abbilden: Extreme Gewalt, Angriffe, gezielte Sachbeschädigungen, Bedrohungen, verletzendes Verhalten sowie antisemitisch motivierte „Massenzuschriften“. Im digitalen Raum sind der 7. Oktober 2023 und der in Gaza entfesselte Krieg besonders präsent.

RIAS gibt bekannt, dass sich im Beobachtungszeitraum zwei antisemitische Angriffe in Steglitz-Zehlendorf ereignet haben. Berlinweit waren es 53. Die Recherchestelle versteht darunter Vorfälle, die nicht lebensgefährlich sind und keine schweren körperlichen Schäden verursachen.

In die Kategorie gezielte Sachbeschädigung fallen die wiederholten Schändungen des Platzschildes auf dem Sderotplatz in Zehlendorf.

Die Kategorie verletzendes Verhalten umfasst antisemitische Anfeindungen und Diskriminierungen gegen jüdische oder israelische Personen und Institutionen, aber auch gegen Menschen, die als philosemitisch bzw. proisraelisch wahrgenommen werden. Dazu zählen unter anderem Schmierereien, Aufkleber, Plakate, Anfeindungen in Wort und Schrift oder in sozialen Medien sowie antisemitische Parolen bei Versammlungen.

7. Oktober 2024: Auf dem Sderotplatz werden Blumen und Kränze niedergelegt.

7. Oktober 2024: Auf dem Sderotplatz werden Blumen und Kränze niedergelegt.

Fokus auf Steglitz-Zehlendorf

Wiederholt wurde der in Zehlendorf liegende Sderotplatz zur Zielscheibe israelfeindlicher Parolen. Der Name des Platzes erinnert an die seit 50 Jahren bestehende Städtepartnerschaft mit der israelischen Kommune, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Gazastreifens liegt und massiv von den Massakern betroffen war. Nach dem 7.Oktober hat sich der Platz zu einem Gedenkort für die Opfer der Anschläge und die festgehaltenen Geiseln entwickelt. Unbekannte stahlen bereits im Frühjahr 2024 die niedergelegten Blumen und Kränze. Zwischen Oktober und Dezember 2024 wurde das Schild mit dem Platznamen mehrmals mit schwarzer Farbe unkenntlich gemacht.

Neben dem Sderotplatz war die in Dahlem gelegene Freie Universität (FU) 2024 ein wichtiger Brennpunkt, wo sich israelfeindliche Aktivitäten ereignet haben.

Konkret berichtet RIAS von einer Versammlung, die das „FU Palestine Committee“ am 8. Februar 2024 vor der FU-Mensa einberufen hat. Kurz vor Versammlungsbeginn wurde der jüdische Student Lahav Shapira, der sich an der Universität gegen Antisemitismus positionierte, außerhalb des Universitätsgeländes angegriffen und so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. In einem Redebeitrag auf der Versammlung wurde er als „Zionist“ verunglimpft.

Am Berliner Verwaltungsgericht ist derzeit eine Klage des Studenten gegen die FU anhängig, der er vorwirft, nicht genug gegen Antisemitismus zu unternehmen. Hierzu gibt die FU auf ihrer Webseite folgende Erklärung ab: „Da es sich um ein laufendes Gerichtsverfahren handelt, bittet die Freie Universität um Verständnis, dass sie sich zu Details des Falles nicht äußern kann. Unabhängig davon werden die Sicherheitsbedenken und Rückmeldungen jüdischer Studierender sehr ernst genommen“. In einer weiteren Stellungnahme distanziert sich die FU von Antisemitismus: „Die Freie Universität Berlin steht klar und unmissverständlich gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus. Entsprechende Äußerungen oder Vorfälle werden mit juristischen Mitteln verfolgt“.

Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

Am 17. Oktober 2024 versuchten radikalisierte Studentinnen und Studenten, das FU-Präsidium zu besetzen. Mitarbeiter der Hochschule wurden bedroht, einige schlossen sich aus Angst in ihren Büros ein. Während der Aktion zierten rote Dreiecke und die Parole „From the river to the sea! Palestine will be free“ die Wände. Versammlungen und Bedrohungen dieser Art beeinträchtigen das Sicherheitsempfinden jüdischer Studenten auf dem Campus.

RIAS fasst zusammen: Die meisten antisemitischen Vorfälle im Hochschulbereich ereigneten sich 2024 in Steglitz-Zehlendorf (19 von stadtweit 51, das entspricht rund 37 Prozent). Sie sind dem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus, zumeist in dessen links-antiimperialistischer Ausprägung, zuzuordnen.

Darüber hinaus meldet RIAS eine Reihe weiterer Zwischenfälle, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen:

Am 20. September 2024 wurde auf einen Busfahrplan an der Haltestelle Reichensteiner Weg in Dahlem „Kindermörder Israel“ geschmiert – ein altes Motiv mit antijudaistischer Tradition. Auf einer Versammlung aus dem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus wurde am 12. Oktober auf Arabisch folgende menschenverachtende Parole skandiert: „Alle, die ein Gewehr besitzen und es für Hochzeiten aufbewahren: Entweder erschießt man einen Juden oder man gibt es der Hamas“. Eine NS-Gedenkstätte meldete am 14. Dezember einen in einem Gästebuch durchgestrichenen Davidstern. Am 27. Dezember wurde ein in Dahlem aufgestellter Chanukka-Leuchter mit einem Hakenkreuz bekritzelt.

Im vollen Wortlaut können Sie den RIAS-Bericht hier. nachlesen.

Bei der Einordnung antisemitischer Vorfälle orientiert sich RIAS Berlin an der von der Bundesregierung empfohlenen Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Sachliche Kritik an der israelischen Politik und Militärführung ist selbstverständlich legitim. Wogegen sich RIAS allerdings zur Wehr setzt, ist die Dämonisierung und Delegitimierung Israels sowie das Anlegen doppelter Standards im Vergleich zu anderen Staaten. Neben der IHRA-Antisemitismusdefinition gibt es seit 2021 eine alternative „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ (Jerusalem Declaration on Antisemitism, JDA), der Kritiker vorwerfen, antisemitische Motive bei der Bewertung israelischen Regierungshandelns zu verharmlosen.

Deckblatt Jahresauswertung 2024 des Registers Steglitz-Zehlendorf

Blick auf Steglitz-Zehlendorf: Register meldet Anstieg des Antisemitismus

Anfang April 2025 veröffentlichte die Registerstelle Steglitz-Zehlendorf ihre Jahresauswertung 2024 („Dokumentation von Rechtsextremismus und Diskriminierung im Bezirk Steglitz-Zehlendorf“), die neben Antisemitismus auch andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit erfasst.

Jahresauswertung 2024 des Registers: Motive menschenfeindlichen Verhaltens im Vergleich (Gegenüberstellung 2023 und 2024)

Jahresauswertung 2024 des Registers: Motive menschenfeindlichen Verhaltens im Vergleich (Gegenüberstellung 2023 und 2024)

Mit 217 dokumentierten Fällen im Bereich (extrem) rechter, rassistischer und antisemitischer und weiterer diskriminierender Vorfälle stellt das Register gegenüber 2023 eine Steigerungsrate von über 23 Prozent fest. Ins Auge sticht die Zunahme rassistischer und antisemitischer Vorfälle. Dabei haben sich die Vorfälle mit antisemitischem Hintergrund mehr als verdoppelt – von 19 (2023) auf 41 (2024). Es überwiegen dabei Fälle, die das Register der Motivlage „Propaganda“ zuordnet: War 2023 noch von 13 antisemitisch motivierten Propagandavorfällen die Rede, registriert man ein Jahr später 19. Im Ortsteilvergleich ragt Lichterfelde heraus, das mit 72 Vorfällen (gemeint sind hier Diskriminierungen aller Kategorien) neben Lankwitz (18) den stärksten Anstieg verzeichnet.

Unter Berufung auf eine Polizeimeldung vom 15. Dezember 2024 berichtet das Register von einem durch Rechtsextremisten verübten tätlichen Angriff auf zwei sozialdemokratische Lokalpolitiker an einer Bushaltestelle in Lichterfelde.

Antisemitische Vorfälle haben sich laut Register in sieben von acht Ortsteilen Steglitz-Zehlendorfs ereignet: bei antisemitischen Angriffen, Beleidigungen und Pöbeleien, Sachbeschädigungen und Veranstaltungen. Von den im Jahre 2024 insgesamt dokumentierten 13 Sachbeschädigungen geschahen 9 aus antisemitischer Motivation. Von 24 im Bezirk dokumentierten Veranstaltungen entfielen 5 auf das Motiv Antisemitismus, 4 davon mit Bezug zur Freien Universität in Dahlem.

Die Verfasser verorten Antisemitismus „vermehrt im alltäglichen Umfeld, z.B. durch Schmierereien oder beleidigende Aussagen“, gleichzeitig aber auch „auf organisierten Demonstrationen“.

Die Registerstelle bezeichnet sich selbst als „eine Art Frühwarnsystem“ und „als Instrument zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Politik für diskriminierende Tendenzen im städtischen Raum“.

Berliner Register

Blick auf ganz Berlin: Koordinierung der Berliner Register legt Jahresauswertung 2024 vor

„Zwischen alltäglicher Bedrohung und Solidarität: Berliner Register ziehen Bilanz“ hat die Koordination aller Berliner Register ihre im März/April 2025 erschienene Jahresauswertung 2024 zur Dokumentation „extrem rechter und diskriminierender Vorfälle“ überschrieben.

Der starke Anstieg antisemitischer Vorfälle nach der Zäsur des 7. Oktober wird als berlinweites Phänomen begriffen. Dabei wird der Nahostkonflikt „als Brennpunkt in der Berliner Stadtgesellschaft“ ausgemacht. Nicht alle dokumentierten Vorfälle hätten unmittelbar mit dem Gazakrieg zu tun. Vielmehr zeige sich, „dass die zunehmende Normalisierung antisemitischer Einstellungen in Teilen der Gesellschaft die Grenzen des Sagbaren verschiebt und Hemmschwellen senkt“.

Mit berlinweit 2.200 Vorfällen sei Antisemitismus im Jahr 2024 erstmals das häufigste Motiv aller durch die Berliner Register erfassten Tatbestände gewesen, schreiben die Verfasser. Damit geht der Jahresauswertung zufolge eine deutliche Zunahme von Aktivitäten einher, die den Nationalsozialismus verharmlosen oder verherrlichen – etwa im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt.

„Der deutliche Anstieg geht vor allem auf verstärkte extrem rechte Aktivitäten sowie eine Zunahme antisemitischer Bedrohungen zurück“, schlussfolgert Jana Adam in einer am 3. April 2025 verbreiteten Presseerklärung der Berliner Register. Antisemitismus liege mit 28 Prozent aller im Bereich Diskriminierung stadtweit ermittelten Vorfälle an der Spitze. Bei aller Dramatik der nackten Zahlen sieht die Koordinatorin der Berliner Register allerdings auch Signale, die Mut machen: „Viele nehmen Hass und Ausgrenzung nicht einfach hin. Denn hinter jeder Meldung steht ein Mensch, der diesen Entwicklungen widerspricht“.

Jahresauswertung 2024 des Registers: Die Ortsteile von Steglitz-Zehlendorf im Vergleich der diskriminierenden Vorfälle

Jahresauswertung 2024 des Registers: Die Ortsteile von Steglitz-Zehlendorf im Vergleich der diskriminierenden Vorfälle

Die Zahlen für Steglitz-Zehlendorf

Allgemein wurde im Monitoring-Jahr 2024 ein „deutlicher Anstieg“ der dokumentierten Fälle in den Bereichen Rassismus und Antisemitismus registriert. Rassistische und antisemitische Einstellungen zeigten sich z.B. durch Aufkleber oder Schmierereien im Straßenbild des Bezirks, aber auch durch „Beleidigungen und Angriffe betroffener Personen“.

Insgesamt sind für Steglitz-Zehlendorf 217 diskriminierende Vorfälle in allen Bereichen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit dokumentiert. Davon entfallen die meisten auf den Ortsteil Lichterfelde (72). Im Ortsteilvergleich folgen mit großem Abstand Zehlendorf (34), Steglitz (25) und Dahlem (21). Schlusslicht ist Nikolassee mit nur 3 gemeldeten Vorfällen.

Die speziell für den Bezirk Steglitz-Zehlendorf ermittelten Daten stammen vom Register Steglitz-Zehlendorf, das auf Bezirksebene aktiv ist und vom gemeinnützigen Stadtteilzentrum Steglitz e.V. getragen wird.

Die Berliner Register sind mit Anlaufstellen in allen Bezirken präsent und gehen aus der Mitte der Zivilgesellschaft hervor. Seit 20 Jahren dokumentieren sie extrem rechte und diskriminierende Vorfälle in Berlin, um Diskriminierung sichtbar zu machen und Betroffene zu unterstützen.

Antisemitismus und Israelfeindschaft gehen Hand in Hand

Es ist nicht immer leicht, legitime Kritik an Regierung und Militär Israels von antisemitischen Motivlagen zu trennen. Sicher spielt auch die bevorzugte Antisemitismusdefinition eine Rolle. Wie man es dreht und wendet: Man sollte sich vor Einseitigkeit hüten, wenn es z.B. darum geht, den Nahostkonflikt einzuordnen und zu bewerten. Sich für die Belange des palästinensischen Volkes einzusetzen, heißt nicht automatisch, israelfeindlich bzw. antisemitisch zu sein. Umgekehrt schließt eine proisraelische Grundhaltung überhaupt nicht aus, sich gleichermaßen für die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes einzusetzen. Ein Minimalkonsens sollte das Existenzrecht Israels sein. Jeder, der dies ablehnt oder sich einem ehrlichen und offenen Diskurs verweigert, ist auf dem Holzweg. Manchmal ist es ratsam, festgefügte Weltbilder zu hinterfragen und sich auf andere Denkweisen einzulassen.

Regishut sensibilisiert für Antisemitismus

Es ist gut und richtig, dass auch die Beamtinnen und Beamten der Polizeidirektion 4 (Süd), dem der Bezirk Steglitz-Zehlendorf angehört, im Rahmen von Schulungen mit den verschiedenen, sich stets wandelnden Erscheinungsformen von Antisemitismus vertraut gemacht werden. Das Projekt „Regishut“ des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin (VDK) e.V. leistet in diesem Zusammenhang wertvolle Arbeit. Laut eigener Webseite sensibilisiert es „für die Situation von Personen und Einrichtungen, die von antisemitischen Übergriffen bedroht oder betroffen sind“.

Polizeilicher Leitfaden zur Verfolgung antisemitischer Straftaten

Mit einem aktualisierten Leitfaden zur Verfolgung antisemitischer Straftaten in Berlin, den Polizei und Staatsanwaltschaft Berlin am 26. August 2025 in einer gemeinsamen Pressemeldung vorstellten, wurde ein weiterer Schritt in Richtung Antisemitismusprävention unternommen. Er liefert „klare Definitionen und Beispiele für antisemitische Straftaten sowie Informationen, wie man solche Vorfälle erkennen und melden kann. Darüber hinaus enthält er Hinweise zu Ressourcen für Betroffene und Unterstützungsangebote, die helfen, mit den Folgen von Antisemitismus umzugehen“. Der gesamte Leitfaden kann hier heruntergeladen werden.

Land Brandenburg meldet Zunahme des Antisemitismus

Antisemiten scheren sich nicht um Landesgrenzen: Eine drastische Zunahme antisemitisch motivierter Vorfälle meldet auch das Land Brandenburg, das unmittelbar an den Bezirk Steglitz-Zehlendorf grenzt. Am 2. Juli 2025 wurde in Potsdam der Monitoring-Bericht 2024 zur Entwicklung des Antisemitismus vorgestellt. Wie aus der Staatskanzlei verlautete, ist gegenüber 2023 eine Steigerung von 28 Prozent zu verzeichnen. Von insgesamt 484 registrierten Fällen seien 213 (44 Prozent) auf einen rechtsextremen bzw. rechtspopulistischen Hintergrund entfallen, 94 auf antiisraelischen Aktivismus und weitere 18 Fälle auf den Bereich Islamismus.

Wie schon bisher halten wir Sie über die Entwicklung der Antisemitismus-Kennziffern in unserem Bezirk Steglitz-Zehlendorf weiter auf dem Laufenden.

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub