Die Stärken Berlins und die Herausforderungen der Fachkräftesicherung

Demografie, Digitalisierung und Dekarbonisierung – diese drei Megatrends wirken auch in Berlin.¹ Um den damit verbunden Herausforderungen zu begegnen, gilt es die Stärken und Standortvorteile Berlins klug zu nutzen, um den Strukturwandel gut zu gestalten und im Wettbewerb um Fachkräfte zu bestehen.

Die Bevölkerung in Berlin wächst, ist vergleichsweise jung und international. Das heißt, Berlin wird anders als viele andere Regionen in Deutschland in den nächsten Jahren weniger stark vom demografischen Wandel betroffen sein. Auch diese günstigere demografische Entwicklung ist ein Standortvorteil. Die Potenziale der jungen Generation jetzt konsequent zu nutzen, stellt einen wichtigen Ansatz für die Fachkräftesicherung dar.

Während der demografische Druck in Berlin aktuell also noch nicht so hoch wie anderenorts ist, hinterlassen technologische und ökologische Entwicklungen bereits heute deutliche Spuren in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt. Eine QuBe-Sonderauswertung für Berlin prognostiziert, dass der Berliner Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2035 weitere massive Strukturänderungen erfahren wird: Während vor allem in der Informations- und Kommunikationsbranche, im Gesundheitswesen und in dem Bereich Erziehung und Bildung neue Arbeitsplätze entstehen, wird die Zahl der Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe und in der öffentlichen Verwaltung deutlich zurückgehen. Es wird prognostiziert, dass bis zu 99.000 neue Arbeitsplätze zusätzlich entstehen während gleichzeitig 87.000 Arbeitsplätze vollständig entfallen.

Bis 2035 werden etwa 560.000 Arbeitsplätze neu besetzt werden müssen. Das entspricht gut einem Viertel der Erwerbstätigen (Stand 2023). Ein zunehmender Fachkräftebedarf ist in Berlin insbesondere bei Hochqualifizierten – Spezialistinnen und Spezialisten sowie Expertinnen und Experten – zu erwarten. Die quantitativ größte Gruppe an Fachkräften bleibt dabei aber weiterhin die der beruflich Qualifizierten. Für rund 450.000 Arbeitsplätze gilt darüber hinaus, dass sich Tätigkeiten durch die Digitalisierung und die steigenden Einsatzmöglichkeiten der KI deutlich verändern werden und gegebenenfalls ersetzen lassen.

Sowohl für Unternehmen als auch für Fachkräfte sind Digitalisierung und die Einsatzmöglichkeiten der KI nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen. Ihre intelligente Nutzung kann bei komplexen Prozessen und Aufgaben Effizienzgewinne bringen sowie Fach- und Arbeitskräfte entlasten. Diese Chance, dem zunehmenden Fachkräftebedarf durch neue Technologien, eine konsequente Digitalisierung und den verstärkten Einsatz von KI sowie Qualifizierungen effektiv zu begegnen, soll genutzt werden.

In Berlin leben auch zahlreiche Menschen, die ihre Talente und Fähigkeiten (noch) nicht in dem Maße einsetzen können wie sie es möchten: Frauen (insbesondere Mütter), ältere Erwerbstätige, Menschen mit Migrationsgeschichte, neu Eingewanderte, Menschen mit Behinderungen, Erwerbslose, unterhalb ihrer Qualifikation Beschäftigte, Menschen mit geringer Grundbildung usw. – bei diesen Personengruppen schlummern erhebliche Potenziale, von denen die Berliner Fachkräftesicherung profitieren kann.

Migration prägt seit Jahrhunderten die Wirtschaft, die Kultur und die Gesellschaft Berlins. Internationale Communities und Netzwerke prägen die Stadt, sind Ausdruck von Weltoffenheit und Vielfalt und ein wesentlicher Grund für die Anziehungskraft Berlins, auch auf Talente aus aller Welt. Menschen mit Migrationsgeschichte sind Teil der Stadt und leisten einen wichtigen Beitrag zur Deckung von Fachkräftebedarfen. Berlin verfügt über gute Willkommensstrukturen, die Menschen das Ankommen und Zurechtfinden in Berlin erleichtern. Der konsequente Ausbau der Willkommenskultur trägt dazu bei, die für die Fachkräftesicherung zwingend erforderliche Einwanderung weiterzuentwickeln. Soziale Teilhabe, Zugehörigkeit und Lebenszufriedenheit sind zentrale Faktoren erfolgreicher Fachkräftebindung.

Die Berliner Willkommenskultur ist auch auf die hier bereits lebenden Menschen und ansässigen Unternehmen ausgerichtet. Es geht um gute Rahmenbedingungen für alle: Sei es beim Thema Wohnen, Verkehr, bei der Versorgung mit Kita-Plätzen, Gesundheitsinfrastruktur, Beratungsangebote zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, kulturellen Angeboten, Sprachkursen oder öffentlichen Dienstleistungen – Ziel der Fachkräftestrategie 2035 ist es, alle Belange des Wirtschaftens, Arbeitens und Lebens in den Blick zu nehmen, um Fachkräfte für Berlin zu gewinnen und zum Bleiben zu motivieren. Diese Verbesserungen kommen nicht nur neu zuwandernden Fachkräften zugute, sondern stärken auch die Teilhabe der bereits in Berlin lebenden Menschen und verankern die migrationsgesellschaftliche Realität als selbstverständlichen Bestandteil der Stadtentwicklung.

Initiativen der Bundesregierung, die auf eine Verbesserung von Willkommensstrukturen zielen, werden von Berlin unterstützt.

Die Fachkräftestrategie 2035 knüpft an bereits vorhandene fachpolitische Strategien und Prinzipien der Landespolitik an. Sie baut damit auf die vielfältigen Aktivitäten auf, die in Berlin bereits jetzt gemeinsam mit wichtigen Wirtschafts- und Arbeitsmarktakteuren umgesetzt werden. Die Fachkräftestrategie 2035 fokussiert diese Ansätze auf die Fachkräftesicherung. Dabei werden die zahlreichen Schnittstellen und Felder sichtbar, die direkt und indirekt zur Fachkräftesicherung beitragen. Dieser Fokus zeigt auch, wo es übergreifende Handlungsmöglichkeiten und Kooperationspunkte gibt:

Ein Beispiel auf der strategischen Ebene ist die Gemeinsame Innovationsstrategie der Länder Berlin und Brandenburg (bisher: innoBB 2025), die mit dem Ziel einer Beschlussfassung in 2026 derzeit weiterentwickelt wird. Sie stärkt die regionale Wertschöpfung der wirtschaftlich und arbeitsmarktlich eng miteinander verwobenen Länder Berlin und Brandenburg und bringt Unternehmen und anwendungsorientierte Wissenschaft zusammen. Sie zielt darauf ab, die Innovationsfähigkeit und -aktivität der Unternehmen in der Hauptstadtregion zu steigern, wobei Fachkräfte ein zunehmend kritischer Erfolgsfaktor sind.

Eine weitere Schnittstelle besteht zur Forschungspolitischen Strategie Berlin, die bis zum Sommer 2026 erarbeitet wird. Sie definiert den verbindlichen Rahmen für die Weiterentwicklung des Forschungsstandorts und benennt strategische Schwerpunkte des Landes zur Unterstützung exzellenter und international sichtbarer Forschung. Sie stärkt darüber hinaus systematisch die Rahmenbedingungen am Forschungsstandort und im Besonderen der Hochschulen als Orte der Spitzenforschung und Ausbildungsstätten für akademische Fachkräfte zugleich. Wer an einem attraktiven Forschungsstandort studiert und promoviert, bleibt eher – als Fachkraft in Wissenschaft, Wirtschaft oder Verwaltung.

Ein weiteres Beispiel ist das Gesamtkonzept zur Integration und Partizipation Geflüchteter. Darin geht es u.a. um die effektive, qualifikationsadäquate und nachhaltige Integration Geflüchteter in Arbeitsmarkt und Ausbildung. Geflüchtete sollen sich mit ihren Kompetenzen und Potenzialen in das Beschäftigungssystem einbringen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung in Berlin.

Von besonderer Bedeutung sind auch Stadtentwicklungspläne und weitere strategische Ansätze des Berliner Senats für die Berliner Infrastruktur. So ist ausreichender Wohnraum erforderlich, damit Menschen nach Berlin kommen bzw. in Berlin bleiben können. Der Stadtentwicklungsplan Wohnen 2040 (StEP Wohnen 2040) sieht vor, mehr Wohnraum zu schaffen und bezahlbare Wohnungen für die Berlinerinnen und Berliner zu bauen – zentrale Aspekte also, um im angespannten Berliner Wohnungsmarkt gutes Wohnen für Fachkräfte und ihre Familien zu ermöglichen.

Zu einer erfolgreichen Fachkräftesicherung tragen auch die Leitprinzipien des Berliner Senats bei. Sie sind als besonders relevante Querschnittsziele für die gesamte Fachkräftestrategie definiert:

  • Ein konsequent umgesetztes Leitprinzip Gute Arbeit kann Berlin für Fachkräfte besonders interessant machen. Unternehmen, die faire und sichere Bedingungen bieten, haben Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte. Gute Arbeitsbedingungen sorgen dafür, dass Beschäftigte auch langfristig in Unternehmen bleiben und motiviert arbeiten können. Das Leitprinzip Gute Arbeit steht nicht nur für ein existenzsicherndes Einkommen und soziale Absicherung, sondern auch für alle weiteren Aspekte eines gesunden und guten Arbeitsumfeldes sowie für Vereinbarkeitsmöglichkeiten.
    Tarifverträge spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie sichern faire Löhne, transparente Arbeitsbedingungen und planbare Karrierewege. Ein hoher Tarifanteil stärkt das Vertrauen zwischen Beschäftigten und Betrieben, fördert Chancengleichheit und macht die Hauptstadt zu einem Standort, an dem gute Arbeit verlässlich anerkannt und honoriert wird. Ob im Start-Up oder im Traditionsunternehmen, ob Azubi oder ältere Fachkraft – Berlin will Gute Arbeit für alle voranbringen.
  • Gleichstellung, Schutz vor Diskriminierung, Inklusion und Diversität sind Merkmale einer offenen Stadtgesellschaft. Es braucht sie, damit Menschen in ihrer Verschiedenheit diskriminierungsfrei leben können. Sie kennzeichnen aber auch eine erfolgreiche Unternehmenspolitik. Die Fachkräftesicherung fällt den Unternehmen leichter, die einen diskriminierungsfreien Arbeitsort gestalten. Gleichzeitig trägt größere Vielfalt zu mehr Innovation und besseren Arbeitsergebnissen bei. Mit der Fachkräftestrategie 2035 sollen alle Menschen in Berlin unabhängig von Herkunft und Lebenssituation die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten in Beruf und Erwerbstätigkeit zu entfalten. In diesem Zusammenhang sind auch die Diversity-Landesprogramme als strategische Maßnahmenpakete zur Verankerung von Diversity und Antidiskriminierung in den Strukturen der Berliner Verwaltung zu nennen. Sie tragen dazu bei, besser auf vielfältige Bedarfe auch von Fachkräften reagieren zu können.

Um die Umsetzung dieser Querschnittsziele sicherzustellen, setzt sich Berlin dafür ein, Gute Arbeit für alle zu fördern und vor Arbeitsausbeutung zu schützen. Des Weiteren unterstützt Berlin das Recht aller Menschen auf Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung und fördert eine Kultur der Wertschätzung von Vielfalt als wirksame Strategie zum Abbau von Diskriminierung. Ziel ist es u.a., eine inklusive, zukunftsfähige Arbeitswelt zu gestalten.

  • Verweise:
    1 Wirtschaftliche Entwicklungen und zentrale Herausforderungen werden jährlich auch von der Europäischen Kommission erhoben und bewertet. Der Länderbericht Deutschland 2025 attestiert, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt Knappheit bei den zur Verfügung stehenden Arbeits- und Fachkräften besteht.

Arbeit und Berufliche Bildung

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung,
Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung