Willkommen am Rathaus Köpenick.
Vor Ihnen steht Wilhelm Voigt – besser bekannt als der „Hauptmann von Köpenick“. Was hier am 16. Oktober 1906 geschah, machte ihn über Nacht weltberühmt und ging als „Köpenickiade“ in die deutsche Sprache ein. Bis heute steht dieser Begriff für einen listigen Streich, der Autoritäten bloßstellt.
Wilhelm Voigt wurde 1849 im ostpreußischen Tilsit geboren. Er war Schuhmacher und verbrachte wegen mehrerer Diebstähle und Urkundenfälschungen viele Jahre im Gefängnis. Als er 1906 entlassen wurde, wollte er ein ehrliches Leben beginnen. Doch wegen seiner Vorstrafen erhielt er keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis und fand kaum Arbeit. Immer wieder stand er vor verschlossenen Türen.
Schließlich fasste er einen außergewöhnlichen Plan. Aus gebrauchten Uniformteilen stellte er sich die Uniform eines preußischen Hauptmanns zusammen. Damals genoss das Militär höchstes Ansehen. Kaum jemand wagte es, einem Offizier zu widersprechen.
Am Nachmittag des 16. Oktober 1906 sprach Voigt auf der Straße Soldaten an und stellte sie unter sein Kommando – angeblich „auf aller höchsten Befehl“. Die Soldaten glaubten ihm. Gemeinsam fuhren sie nach Köpenick und marschierten in dieses Rathaus.
Voigt ließ den Bürgermeister und weitere Beamte festsetzen und verlangte die Herausgabe der Stadtkasse. Niemand zweifelte seine Befehle an. Am Ende erhielt er rund 3.500 Mark – eine beträchtliche Summe – quittierte den Empfang sogar ordnungsgemäß und verschwand. Erst später bemerkte man, dass alles nur ein raffinierter Betrug gewesen war.
Zehn Tage später wurde Wilhelm Voigt verhaftet. Das Gericht verurteilte ihn zu vier Jahren Gefängnis. Doch die Öffentlichkeit reagierte anders als erwartet: Viele Menschen bewunderten seinen Mut und seinen Einfallsreichtum. Die Geschichte wurde in Zeitungen auf der ganzen Welt erzählt und machte deutlich, wie groß der Respekt – oder besser: der blinde Gehorsam – gegenüber Uniformen im damaligen Kaiserreich war.
Schon 1908 wurde Voigt von Kaiser Wilhelm II. begnadigt. Später verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen, Fotografien und seiner Lebensgeschichte. Er starb 1922 in Luxemburg.
Die Bronzestatue vor Ihnen wurde 1996 aufgestellt. Sie erinnert nicht nur an einen ungewöhnlichen Raub, sondern auch an eine Geschichte über Macht, Vertrauen und den Mut, Autoritäten zu hinterfragen. Vielleicht erklärt gerade das, warum der „Hauptmann von Köpenick“ bis heute unvergessen ist.