Die Geschichte des legendären Hauptmanns von Köpenick oder wie ein mittelloser Schuster aus dem ostpreußischen Tilsit im wilhelminischen Kaiserreich ein „anständiges“ Mitglied der Gesellschaft werden wollte.

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deutsch

Audiodatei Hauptmanngeschichte

Die Geschichte der Köpenickiade und des Hauptmanns von Köpenick - kurz erzählt von Oliver Igel
Quelle: Lokaler Server

Formate: audio/mp3

Museen Treptow-Köpenick

Halt, stillgestanden!

Die Geschichte des legendären Hauptmanns von Köpenick oder wie ein mittelloser Schuster aus dem ostpreußischen Tilsit im wilhelminischen Kaiserreich ein „anständiges“ Mitglied der Gesellschaft werden wollte.

Ich bin es wirklich: Friedrich Wilhelm Voigt. Schaut mich an. Inzwischen uralt und aus Bronze. Es stimmt schon, mit der preußischen Justiz hatte ich im Laufe meines bewegten Lebens so meine Probleme. Lange, sehr lange ist das her. Trotz der angesetzten Patina am unteren Saum meines Uniformrocks will ich versuchen, mich an die genauen Ereignisse am 16. Oktober 1906 zu erinnern – zu eurem Vergnügen.

An jenem Tag im Oktober verließ ich gegen 3 Uhr morgens meine Schlafunterkunft nahe des Schlesischen Bahnhofs. Nach Abholung der eingelagerten Uniform zog ich mich unter freiem Himmel in der Jungfernheide um und fuhr zu einer Ortsbesichtigung nach Köpenick, wo ich um 4:48 Uhr ankam. In der Altstadt vergewisserte ich mich, dass hier der Ausführung meines Plans keine unerwarteten Hindernisse entgegenstehen würden. Nach meiner Rückfahrt nach Berlin verbrachte ich den Vormittag völlig entspannt in einem Gartenlokal, ehe ich gegen 12:45 Uhr die Wachen der Militärbadeanstalt in Plötzensee und der Schießstände in den Rehbergen unter mein Kommando stellte und mit ihnen wieder nach Köpenick fuhr. Gegen 14:45 Uhr traf unser Trupp auf dem Bahnhof ein und ich spendierte meinen Soldaten eine Runde Bockwurst und Bier. Nach unserem Abmarsch mit aufgepflanztem Bajonett und der Ankunft in der Altstadt wurde das Rathaus gegen 15:35 Uhr von uns besetzt. Umgehend erfolgte die Verhaftung des Bürgermeisters Langerhans. Wenn ich mich richtig erinnere, um 15:45 Uhr. Nachdem ich als falscher Hauptmann gegen 16 Uhr einen Kassensturz verlangt hatte, begab ich mich noch für etwa zwanzig Minuten zu einem Imbiss in den Ratskeller. Ich fühlte mich absolut sicher bei meinem Coup. Von der Wirkung meiner Uniform und der daraus abgeleiteten Autorität war ich zutiefst überzeugt. Schließlich beantworteten auch die Wachen vor dem Rathaus Fragen der irritierten Bevölkerung mit dem Hinweis, es handele sich um eine rein militärische Angelegenheit auf Befehl seiner Majestät des Kaisers. Gegen 16:45 Uhr habe ich den Barbestand der Stadtkasse ordnungsgemäß quittiert und an mich genommen. Der Bürgermeister und sein Stadtkassenwart wurden in rasch herbeigerufenen Droschken zur Neuen Wache nach Berlin abtransportiert. Gegen 17:20 Uhr befahl ich den Soldaten, nach einer Übergangszeit abzuziehen und in ihre Kasernen zurückzukehren.

Ich beendete an diesem Tag meine kurze militärische Laufbahn, verdünnisierte mich und tauchte unter in der Anonymität der Großstadt Berlin.

Neugierig auf meine ganze Geschichte?
Folgt mir: dreizehn Stufen hoch und dann rechts.
Habt ihr Stufenprobleme? Geht durch den Hofeingang in der Böttcherstraße und nehmt den Fahrstuhl bis zum Erdgeschoss.
In der Ausstellung trefft ihr mich wieder,
euren schlitzohrigen Wilhelm.

Rührt euch!

english

Hauptmann von Köpenick Statue

Halt, stand still!

The story of the legendary Captain of Köpenick – or how a penniless shoemaker from Tilsit in East Prussia wanted to become a “respectable” member of society in the German Empire under Kaiser Wilhelm II.
It really is me: Friedrich Wilhelm Voigt. Look at me. By now, I am very old and made of bronze.
It is true, I did have my problems with the Prussian justice system during my eventful life. A long, very long time ago.
Despite the patina applied to the lower hem of my uniform coat, I will try to remember the exact events of 16 October 1906 – for your enjoyment.
On that October day, I left my lodging near Schlesischer Bahnhof at around 3 a.m. After collecting the uniform I had stored there, I changed clothes in the open air in the Jungfernheide and travelled to Köpenick to inspect the location, arriving there at 4:48 a.m.
In the old town, I made sure that there would be no unexpected obstacles to carrying out my plan.
After returning to Berlin, I spent the morning completely relaxed in a garden restaurant before, at around 12:45 p.m., placing the guards at the military bathing establishment in Plötzensee and at the shooting ranges in the Rehberge under my command and travelling with them back to Köpenick.
At around 2:45 p.m., our troop arrived at the railway station, and I treated my soldiers to a round of Bockwurst and beer.
After we marched off with fixed bayonets and arrived in the old town, we occupied the town hall at around 3:35 p.m. The mayor, Langerhans, was arrested immediately. If I remember correctly, at 3:45 p.m.
After, as a false captain, I had demanded a check of the town treasury at around 4 p.m., I went to the Ratskeller for a snack for about twenty minutes.
I felt absolutely safe with my coup. I was deeply convinced of the effect of my uniform and the authority that derived from it.
After all, even the guards in front of the town hall answered questions from the bewildered residents by saying that it was purely a military matter carried out on the orders of His Majesty the Kaiser.
At around 4:45 p.m., I duly signed a receipt for the cash held by the municipal treasury and took it with me.
The mayor and the municipal treasurer were transported to the Neue Wache in Berlin in horse-drawn cabs that had been summoned at short notice.
At around 5:20 p.m., I ordered the soldiers to withdraw after a brief transition period and return to their barracks.
I ended my brief military career that day, made myself scarce and disappeared into the anonymity of the big city of Berlin.
Curious about my whole story?
Follow me: thirteen steps up and then to the right.
Having trouble with the stairs? Enter through the courtyard entrance on Böttcherstraße and take the lift to the ground floor.
You will meet me again in the exhibition, your sly Wilhelm.

At ease!

Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin

Postanschrift
PF: 91 02 40
12414 Berlin