Archiv der Seniorenvertretung Treptow-Köpenick

Inhaltsverzeichnis

Wie können wir am besten wohnen und leben, wenn wir älter werden?

Diese Frage beginnt jeden irgendwann zu bewegen.

Das Netzwerk Leben im Kiez unterstützt zur Zeit ein wissenschaftliches Projekt, das nach Erforschen der realen Vorstellungen, Bedürfnisse und Möglichkeiten von Menschen ein technisches System entwickeln will, mit dem schnell Hilfe und Kontakt in der Nachbarschaft gefunden werden kann. Es werden dafür Fragebögen verteilt, und es ist zu hoffen, dass viele bereit sind, diese auszufüllen.

Ich denke, die Idee wird vor allem in der etwas reiferen Altersgruppe gut ankommen.
Die meisten, die ich kenne, wünschen sich, dort bleiben zu können, wo sie jetzt sind – aber manche sind doch etwas besorgt, wie sie verschiedene Dinge werden regeln können, wenn sie vielleicht nicht mehr so mobil sind, manches nicht mehr selbst erledigen können, helfende Familienmitglieder nicht so leicht greifbar sind und frühere Freunde und Nachbarn nicht mehr vorhanden sind.

Seit längerem gibt es in allen Städten verschiedene Ideen und Vorhaben, das Wohnen im Alter günstig zu gestalten, auch Einsamkeit zu vermeiden. Es gibt jedoch dabei einiges zu bedenken.

Nachdem ich zum Beispiel zunächst fasziniert war von einem Wohnprojekt in Norddeutschland, über das vor längerer Zeit viel in Presse und Fernsehen berichtet wurde, hat mich ein etwas neuerer Bericht darüber ziemlich überrascht und nachdenklich gemacht.

Interessierte können hier selbst nachlesen, welche Gesichtspunkte bei eigenen
Überlegungen eine Rolle spielen könnten:

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/87538/flucht-die-ruhe

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/675/mehrgenerationen-wohnen-nichts-fuer-blauaeugige

Karin Müller
Mitglied der Seniorenvertretung Treptow/Köpenick

Köpenick barrierefrei erobern...

hat sich der Tourismusverein Berlin Treptow-Köpenick e. V. auf die Fahnen geschrieben.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat bereits 2011 der Tourismusverein in Kooperation mit Fachleuten einen Multi-Media-Guide für barrierefreie Stadtführungen in der Altstadt von Berlin-Köpenick erarbeitet und eingeführt. Das praktische Gerät besitzt über den Audio-Guide-Standard hinaus Funktionen für seh- oder hörbehinderte Menschen und ist in der Touristinformation am Köpenicker Schlossplatz (Tel.: 655 75 50 oder per Mail: touristinfo@tkt-berlin.de) auszuleihen.

Immer stärker werden moderne Medien zum Hilfsmittel für Informationen und den Service, besonders im Bereich des Tourismus. In einem weiteren Projekt des Vereins wurde deshalb das Internetportal www.tkt-berlin.de überarbeitet und einen Schritt zur Barrierefreiheit näher gebracht. Ab der Saison 2013 steht zudem die kostenlose App KöpenickTrip für Smarphones zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Anknüpfend auf den Inhalten des Multi-Media-Guides, ermöglicht die App ihren Nutzern eine barrierefreie Stadtführung auf der historischen Altstadtinsel Köpenick mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten zwischen Schloss und Rathaus, zwischen Uferpromenade und Museum.

Martin Schmidt-Bugiel

Durch Vollmachten seinen Angehörigen das Leben leichter machen

Wenn es einem Familienmitglied schlecht geht, ist es für seine Angehörigen in der Regel selbstverständlich, dass sie sich um dessen Angelegenheiten kümmern. Oft sind Ehepartner oder Kinder erstaunt, dass sie ohne Vollmacht für einen volljährigen Angehörigen gar nicht handlungsfähig sind. Plötzlich sind viele Dinge für den anderen zu regeln: Arztberichte beschaffen, Behandlungen mit Ärzten absprechen, Anträge bei der Krankenkasse stellen, Abrechnungen einreichen, Schwerbeschädigtenausweis verlängern lassen, Ermäßigungen beantragen, Dienstleistungen mit Pflegediensten absprechen, Versicherungsvertrag ändern und… und… und…

Diese Situationen kann man seinen Angehörigen erleichtern, wenn man durch entsprechende Vorsorge-/Betreuungs-Vollmachten vorsorgt, damit sie nicht noch zusätzliche Sorgen haben, sich die jeweiligen Berechtigungen zu beschaffen. Zugegeben, es ist etwas Fleißarbeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Man muss sich klar werden, was dem Bevollmächtigten alles erlaubt sein soll und sollte sich auch überlegen, ob man sich jemanden als Betreuer wünschen will, falls man wegen eigener Handlungsunfähigkeit Entscheidungen selbst nicht treffen kann. Auf solche Art vorzusorgen, bedeutet vor allem auch, den Menschen, die sich um uns kümmern werden, diese Arbeit nicht so schwer zu machen.

Berücksichtigen sollte man auf jeden Fall, dass für Geldangelegenheiten bei der Bank gesonderte Vollmachten nötig sind. Sind Vermögen, Immobilien usw. im Spiel, ist wahrscheinlich die Einschaltung eines Notars sinnvoll.

Ich finde, dass man auf der Seite des Bundesministeriums für Justiz sich einen guten Überblick verschaffen kann und dort auch gute praktische Hilfen findet.

Karin Müller

Unsere Tante Anna

achfolgend möchte ich Ihnen von unserer Tante Anna erzählen. Tante Anna war schon immer ein besonders wichtiger Mensch im Leben meiner Frau, inzwischen ist sie auch mir sehr ans Herz gewachsen und ich finde Ihre Geschichte ist so wichtig, dass ich sie Ihnen nahebringen muss, nicht zuletzt um Mut zu machen. Das Lebensalter ist kein Grund sich zurückzuziehen, sondern gerade im hohen Alter sollte man alles tun, dass die verbleibenden Jahre, Monate, Wochen oder Tage lebenswert bleiben und nicht durch Krankheit oder eine Behinderung zur Qual werden.

Unsere Tante Anna …

Tante Anna ist eine bodenständige Frau die schon sehr viel mitgemacht, der man nichts geschenkt hat. Kurz nach dem ersten Weltkrieg ist sie, als eine von drei Mädchen, in der Nähe von Bautzen auf dem Lande, geboren worden. Ihre Mutter war eine strenge Frau, die aber sorgsam darauf achtete, dass ihre Mädchen es einmal besser haben sollten. Tante Anna ging, nach dem Schulbesuch,
„in Stellung“ als Haushaltshilfe nach Dresden. Sie hielt es aber nicht aus, die Arbeitsbedingungen müssen wohl denkbar schlecht gewesen sein, so dass ihre Mutter sie kurzfristig wieder geholt hat und im nahegelegenen Rittergut als Haushaltshilfe unterbrachte. Das Leben war für alle sehr mühsam, die existentielle Grundlage wurde durch das nahegelegene Rittergut sichergestellt. Einen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb, in dem alle mithelfen mussten um die wichtigsten Lebensbedürfnisse bestreiten zu können, führte die Familie. Der zweite Weltkrieg brachte auch für diese Familie eine bittere Zäsur. Die mittlere Schwester, die als Krankenschwester arbeitete, verrichtete ihre schwere Arbeit in verschiedenen Lazaretten. Tante Anna lernte einen jungen Soldaten kennen,
in den sie sich verliebte. Wie das so war, wurde der kurze Fronturlaub genutzt um zu heiraten. Das bange Warten auf die Rückkehr wurde durch die ständige Sorge um den Alltag überdeckt. Der Krieg hatte schon lange das tägliche Leben beeinträchtigt und seine brutale Spur in fast jeder Familie hinterlassen. Tante Anna und „ihr Felix“ hatten keine Chance das junge Eheleben zu genießen. Ihr Mann galt in den letzten Kriegsmonaten als vermisst. Es folgte die Flucht vor den einbrechenden Kampfhandlungen, dabei fiel das Elternhaus den Flammen zum Opfer. Nach der Rückkehr ins Dorf baute die Familie – Mutter, große Schwester mit fünfjährigem Sohn – mit der Unterstützung von Nachbarn das Haus wieder auf. Die Baumaterialien entnahm man zum Teil den Resten des niedergebrannten Hauses.

Die Jahre gingen viel zu schnell vorbei, es waren gute Jahre die Tante Anna hatte. Es war ein sehr einfaches Leben auf dem Lande, Luxus war keiner vorhanden. Plumps-Klo über den Hof, warmes Wasser vom Herd oder aus dem Boiler, gewaschen wurde sich in der Zinkwanne. So vergingen die Jahre, Tante Anna war es zufrieden – oder auch nicht – beschwert hat sie sich nie, sie erfüllte die Aufgabe, die ihr zugewiesen wurde und die sie als notwendig ansah.

Bis zu ihrem 90. Lebensjahr hatte Tante Anna nur wenig körperliche Einschränkungen. Die Füße taten ihr weh oder der Rücken, sie litt an Schlafstörungen. Aber sie hatte ihre täglichen Verrichtungen, die keinen Aufschub duldeten. Der Garten, die Hühner und der Haushalt benötigten ihre Aufmerksamkeit. Ihr geregelter Tagesablauf gab ihr keine Zeit, länger darüber nachzudenken wo es zwickte oder auch mal weh tat. Aber dann kam der 91. Geburtstag, den sie noch einmal mit ihren Lieben richtig groß feierte. Irgendwie muss dieser Tag auch für sie einen Einschnitt bedeutet haben. Ihre körperlichen Beschwerden, die nicht zuletzt auch durch die schwere Landarbeit verursacht wurden, forderten ihren Tribut. Die Füße schmerzten dermaßen und auch der Rücken, dass sie doch häufiger die Ärztin vor Ort aufsuchen musste, um Linderung zu erhalten. Diese versuchte auf unterschiedliche Weise ihr zu helfen. Mit Schmerzmitteln, mit Akupunktur, mit Massage und vielem anderen mehr. Die Defizite konnte die Ärztin auch beim besten Willen nicht ausgleichen. Die Beschwerden wurden stärker, so dass Tante Anna sich nur noch mit Hilfe der Unterarme von Tisch zu Tisch bewegen konnte, auch die Benutzung eines Gehstockes war kaum noch möglich. Ihre ganze seelische Ausgeglichenheit war dahin. Glücklicherweise sorgten die Nichte und deren Mann dafür, dass die Hausärztin, die bis dahin nur Schmerzmittel und Akupunktur verordnet hatte, sich um einen kurzfristigen Termin bei einem Orthopäden bemühte. Der stellte sehr schnell fest, dass hier nur noch eine „neue Hüfte“ helfen kann. Der Orthopäde erklärte Tante Anna sehr sachlich und auch fürsorglich, dass ihr hohes Lebensalter überhaupt keinen Anlass biete auf den Einsatz der neuen Hüfte zu verzichten. Kurzfristig arrangierte er einen OP-Termin und in der Weihnachtszeit 2012 hatte Tante Anna, mit Hilfe einer schonenden Anästhesie, ihre neue Hüfte. Nach wenigen Tagen machte sie ihre ersten Bewegungsübungen und zeigte ihren Besuchern stolz ihre Erfolge beim Laufen. Nach einer guten Woche Krankenhaus ging es gleich zur Anschlusskur, in der die guten Anfangserfolge gefestigt wurden. Tante Anna war voller Zuversicht und ihre ganze Depression schien der Vergangenheit anzugehören. In der Zwischenzeit hatte die Nichte, die das volle Vertrauen von Tante Anna hat, sich um die Beantragung der Pflegestufe bemüht, den Kontakt mit einem Pflegedienst aufgenommen und im Februar stellte der medizinische Dienst der Pflegekasse die Pflegestufe fest. Tante Anna wurde, auch damit sie sich an die neue Situation gewöhnen konnte, zweimal täglich vom Pflegedienst aufgesucht, der ihr die Stützstrümpfe an- und auszog und die Augentropfen verabreichte. Da Tante Anna in Telefongesprächen merkbar trauriger wurde, was auch an der Jahreszeit lag und daran, dass während des Tages sich kaum ein Besucher zu ihr verirrten, veranlasste die Nichte über die Malteser, dass sie einmal die Woche besucht wurde. Ein älterer Mann stellte sich bei ihr vor und da die „Chemie“ zwischen beiden stimmte, besucht er sie nun regelmäßig am Montag und nutzt die Gelegenheit zu ausgiebigen Spaziergängen mit Hilfe eines Rollators. Tante Anna genießt diesen Tag besonders und entdeckt in ihrem Dorf Dinge, die sie schon lange nicht mehr sehen konnte, sie schafft es sogar bis zur Nachbargemeinde zu laufen, was sie natürlich besonders stolz macht.

Martin Schmidt-Bugiel, ihr Seniorenvertreter

Wenn Betreuung zum Albtraum wird

Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland haben zurzeit einen Betreuer. Dieser wird vom Amtsgericht eingesetzt, wenn ein Mensch nicht für sich selbst sorgen kann. Der Betreuer soll nach den Wünschen und zum Wohle des/der Betreuten handeln. Nicht selten kommt es aber zu Konflikten zwischen Betreuer und Betreuten bzw. dessen Angehörigen – zum Beispiel bei der Vermögenssorge. Deshalb ist Prävention so wichtig.

Ein Betreuer wird durch einen Betreuungsrichter bestellt. Dazu ist ein gerichtliches Verfahren nötig. Es wird durch einen Antrag bei Gericht von Seiten behandelnder Ärzte oder durch Anregung anderer Personen – zum Beispiel Verwandte, Ehepartner, auch Nachbarn – in Gang gesetzt. Jeder kann eine Betreuung anregen. Der Betroffene muss im Vorfeld durch einen unabhängigen Sachverständigen untersucht werden. Der Sachverständige soll diese Untersuchung im familiären Umfeld durchführen und nur dann eine amtliche verfügte Betreuung anregen, wenn die Betreuung anders nicht sichergestellt werden kann. Experten kritisieren, dass diese Abwägung häufig nicht stattfindet. Wer als Betroffener oder Angehöriger keine Betreuung wünscht, sollte so früh wie möglich rechtliche Schritte einleiten.

Es gibt ehrenamtliche Betreuer (zum Beispiel Angehörige) und Berufsbetreuer. Berufsbetreuer kann jeder erwachsene Bürger werden. Dafür sind der Betreuungsbehörde einige Fragen zu beantworten und mehr als zehn Betreuungen zu übernehmen. Viele Rechtsanwälte verdienen sich mit Betreuungen ein Zubrot. Der Umfang einer Betreuung kann einige oder alle Lebensbereiche umfassen: vom Aufenthaltsbestimmungsrecht über die Gesundheitssorge bis hin zur Vermögenssorge. Soll der Betreuer auch für das Vermögen sorgen, hat er dem Gericht bei Beginn und Ende der Betreuung ein Vermögensverzeichnis vorzulegen. „Diese Vermögensverzeichnisse stimmen oft nicht“, beklagen Experten. Dafür kann es viele Erklärungen geben. Oft wissen die Betreuer schlicht nicht, was an Vermögen vorhanden ist. Einen gewissen Schutz vor Betrug bietet die Tatsache, dass Rechtsgeschäfte größeren Ausmaßes – wie der Verkauf von Grundstücken oder der Verkauf von Betriebsvermögen – einer gerichtlichen Genehmigung bedürfen. In der Praxis hat sich allerdings gezeigt, dass auch solche Geschäfte an Gerichten vorbei getätigt wurden. Ab Beginn der Betreuung ist der Betreuer nur dem Betreuungsgericht gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet. Solange die Betreuung andauert, kann er zum Beispiel das Konto des Betreuten sperren, ohne dass dieser sich dagegen wehren kann. Angehörige oder Freunde des Betreuten haben kein Recht auf Akteneinsicht.
Theoretisch werden Betreuer vom Betreuungsgericht kontrolliert, doch praktisch ist das aufgrund von Personalmangel nicht möglich. Im Strafprozess um einen Betreuer aus Gütersloh wurde errechnet, dass dem zuständigen Rechtspfleger für die Kontrolle 35 Minuten pro Betreuungsfall und Jahr zur Verfügung standen.

Alternativen

Wer nicht von einer fremden Person betreut werden möchte, kann einem Vertrauten eine Vorsorgevollmacht erteilen. Die Vollmacht sollte im Detail und nicht nur durch Ankreuzen vorgefertigter Textbausteine regeln, was der Bevollmächtigte erledigen soll. Der Nachteil dabei: Der Bevollmächtigte unterliegt keiner Kontrolle durch ein Gericht. Wer sich absichern möchte, kann gegebenenfalls in der Vollmacht das Vier-Augen-Prinzip verankern, sodass nicht ein Bevollmächtigter alleine entscheiden kann. Soll die Vorsorgevollmacht die Vermögenssorge umfassen, muss sie notariell beurkundet sein, denn sonst wird sie von den Banken nicht anerkannt. Eine Beglaubigung reicht nicht aus.
Ein hundertprozentiger Schutz vor einer amtlich angeordneten Betreuung sind Vorsorgevollmachten nicht. In etwa fünf Prozent aller Fälle erkennen die Gerichte auf Antrag zum Beispiel von Angehörigen des Vollmachtgebers die Vorsorgevollmacht nicht an, und es wird doch ein Betreuer bestellt. Dies muss keine fremde Person sein, wenn der Vollmachtgeber in einer Betreuungsverfügung erklärt hat, wer sein Betreuer sein soll. Allerdings werden auch nicht alle Betreuungsverfügungen anerkannt.

Martin Schmidt-Bugiel

Olga Fuchs - Meine Geschichte als Russlanddeutsche

Frau Fuchs
Bild: Seniorenvertretung

Mein Name ist Olga Fuchs. Geboren bin ich in Kasachstan, in der Stadt Karaganda. Meine Eltern – Johannes (Iwan) Fuchs und Katharina geborene Litzenberger – waren 1931 als “Kulaki” aus Saratow nach Kasachstan deportiert worden. In 24 Stunden mussten sie raus.
Auf dem Bahnhof sind sie in Viehwagons gebracht worden. Die Wagons waren so voll gestopft, dass man sich kaum bewegen konnte. Es gab zu wenig zu essen und zu trinken, und das Monate lang. Keiner wusste, wohin es geht. Viele Kinder und ältere Menschen sind unterwegs gestorben, auch meine Großeltern väterlicherseits und mein älterer Bruder. Keiner weiß, wo sie begraben sind. Ende August sind die Eltern in der kasachischen Steppe gelandet. Weit und breit gab es kein einziges Gebäude. Zum Glück hatten viele Leute Schaufeln mitgebracht. Sie haben Löcher gegraben und mit Brettern und Gras bedeckt und so den ersten Winter überlebt. Im nächsten Sommer haben sie Quadern aus dem Boden geschnitten und Häuser gebaut ….

Mein Vater hat im Kohlenbergbau Arbeit gefunden. Die Bergwerke mussten erst aufgebaut werden. Da hat er auch sein Leben lang gearbeitet. Sie mussten sich ja schon damals jede Woche bei der Kommandantur melden. Im Jahr 1937 ist mein Opa Philipp Litzenberger aus Saratow zu uns zu Besuch gekommen. Er war Pfarrer und hatte eine Bibel mitgebracht. Da hat ihn ein Nachbar angeklagt. Nachts wurde er abgeholt, und zwei Wochen danach ist er erschossen worden. Das haben wir später erfahren.

1940 wurde die Kommandantur geschlossen, und man durfte (ohne Kinder, nur Mann oder Frau) die Verwandten in Saratow besuchen. Meine Mutter und mein Onkel, der Bruder meines Vaters, sind am 25. Mai 1941 nach Saratow gefahren. Dann brach der Krieg aus .. . Den Onkel haben sie verhaftet als Spion und erschossen … Wie meine Mutter den Weg zurück geschafft hat, wusste sie bis zuletzt selbst nicht. Die Angst und der Wille haben mich zu euch gebracht, hat sie immer gesagt. Krieg ist für alle schrecklich, aber für uns Deutsche war es die Hölle. Sogar wir Kinder haben das gespürt. Man war doch immer noch dasselbe Kind, derselbe Mensch, aber wenn ein Nachbar eine Todesurkunde bekommen hatte, das war auch für uns schrecklich. Sie haben nichts gesagt, aber die Augen, der Hass in den Augen … und so steckt die Angst immer in dir.

Die Eltern waren ja nie zu Hause, der Vater musste 16 – 18 Stunden arbeiten, und die Mutter kam einmal im Monat nach Hause. Die Frauen mussten ja im Kolchos arbeiten, von der Stadt 30 Kilometer entfernt. Ich hatte wunderbare, liebevolle Eltern. Auch wenn sie so wenig zu Hause waren, man hatte immer Liebe und Geborgenheit gespürt. Ich wundere mich jetzt noch, wie sie das geschafft haben. Sie hatten ja beide goldene Hände. Der Vater hat so vieles aus Holz hergestellt. Die Mutter konnte nähen, stricken, häkeln, aus alten Sachen hat sie immer etwas Neues gemacht. Ich habe gut und gerne gelernt, viel gelesen, trotz all der Not.

Ende 42 auf 43 wurden viele Menschen aus der Ukraine und aus Tschetschenien deportiert. Man musste für sie Platz machen. Da sind die Verwandten zusammengezogen und haben die leeren Häuser den Fremden überlassen. Das waren dann 10 – 12 Leute in einem Zimmer. Mein Vater war der Erste, der Etagenbetten gebaut hat. Er hat auch vielen Nachbarn geholfen. 1948 ist ein Unglück in dem Bergwerk passiert. Vierzehn Menschen waren sieben Tage lang verschüttet. Mein Vater hat von allen anderen Verschütteten das Essen und die Flaschen mit dem Wasser eingesammelt und dann gerecht verteilt. Und Tag und Nacht musste einer von ihnen klopfen – sie wussten ja, dass sie gesucht würden. Später hat er einen Lenin-Orden bekommen. Das war wunderbar, dass ein Deutscher einen Lenin-Orden bekam.

Ich frage mich oft, wo und wann hat die Russlanddeutschen-Geschichte eigentlich angefangen. Vor dem Krieg, nach dem Krieg? Oder schon 1767, als meine Vorfahren aus Deutschland nach Russland aufgebrochen sind? Die meisten waren ja aus Hessen, aus Nordbayern, aus der Pfalz und aus Württemberg. Nach dem Siebenjährigen Krieg waren hier besonders schwere Zeiten, Armut und Hunger. Die Eltern hatten Angst um ihre Familien, dass sie verhungern. Aber bei den Russen gab es viel gutes Land. Da hat Katharina n. am 22. Juli 1763 ein Manifest erlassen und Bauern aus Deutschland eingeladen. In dem Manifest stand, dass sie nicht in der Armee zu dienen brauchen und 30 Jahre lang keine Steuern in die Regierungskasse zahlen müssen. Und sie dürfen ihren Glauben behalten und Kirchen bauen.

Im Jahr 1767 sind auch meine Vorfahren nach Russland gekommen, wie die Fuchs so die Litzenberger. Zuerst waren es 80 Familien, und 1768 waren es schon 8.000 Familien und 27.000 Menschen. Jede Familie kriegte zwei Pferde, eine Kuh und 15 Rubel. Das war viel Geld (eine Kuh kostete drei Rubel).
Leicht haben sie es nicht gehabt. Das Klima war härter, das Wasser war anders. In den ersten Jahren sind auch viele gestorben. Aber die geblieben sind, waren fleißig, haben hart gearbeitet und immer zusammengehalten. Die Russen haben sie verschieden behandelt. Manche haben sie bewundert, manche waren neidisch. Und den Einwanderern wurde von ihnen auch viel Schaden angerichtet. 1924 ist die Wolgadeutsche Republik entstanden. 28.200 Einwohner lebten in der Hauptstadt Engels. Im Jahr 1939 waren es 605.500 Menschen, davon 60 % Deutsche. Und so haben sie zusammen gelebt, bis die Kommunisten mit den Kolchosen anfingen – da wurden die “Kulaki” weggebracht. Dann kam der Krieg, und so war es zu Ende mit der Wolgadeutschen Republik. Alle Deutschen wurden nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

Der Name meiner Mutter ist Litzenberger. Dieser Name ist auch in Deutschland selten. Ich habe ein bisschen tiefer gegraben und festgestellt, dass der Name aus einem kleinen Dorf kommt: Lützelburg, 30 Kilometer von Straßberg (bei Augsburg). Im Jahr 1585 ist ein Mann namens Stephan nach Gemünden gezogen. Dort hat er geheiratet. Im Kirchenbuch steht: 14. November 1614, Stephan aus Lützelburg, Ansiedler in Gemünden.
Nach ihm hießen alle seine Nachkommen in der Stadt Lützenburger. Sebastian, der nach Russland gegangen ist, war ein Ururenkel von diesem Stephan. Aus dem einen Namen haben sich dann 48 verschiedene Namensformen entwickelt. Die Litzenberger waren eine von den reichsten russlanddeutschen Familien. Sie hatten ein großes Haus in der Stadt, dazu auf dem Land ein Landhaus, zwei Mühlen, viele Pferde, Kühe, eigenen Honig. Die Kinder haben alle gelernt, sogar die Mädchen (das war damals nicht so üblich).

Jetzt wieder zurück zu meiner eigenen Familie. Meine Eltern hatten fünf Kinder. Ich bin seit dreißig Jahren Witwe. Von meinen drei Töchtern ist nur eine mit mir nach Deutschland ausgereist. Seit 17 Jahren sind wir in Berlin. So ist es gekommen, und so nehme ich es an. Die zwei anderen Töchter mit ihren Familien sind von Kasachstan nach Russland gezogen. Sie leben in Anapa.

Warum wir nach Berlin gekommen sind? Manchmal sage ich kurz: Ich weiß es nicht.
Nach den 60er, 70er Jahren war es uns ja gut gegangen, am besten unter Breschnew. Aber als die Sowjetunion zerbrach, gab es wieder die Unruhe, und die Angst kam wieder hoch. Die Kasachen haben sich mit Transparenten versammelt: “Fremde raus! “. Und da war wieder die Angst da. So hat die Angst meine Vorfahren nach Russland gebracht und uns wieder zurück nach Deutschland. Dass es nicht leicht würde, wusste ich. Aber ich dachte: Mit der Zeit (50 bis 60 Jahre) werden wir das schaffen! Ich weiß, dass meine Kinder fleiß ig und ein bisschen ehrgeizig sind. Sie arbeiten und lernen gut, und ich bin überzeugt, dass alles gut wird. Und sie werden meiner Devise folgen, nämlich: Die Tatsachen akzeptieren und das Beste daraus machen! Viel hat mir hier der Dialog gegeben, vor allem die Gespräche mit den Menschen im KES (“Kinder, Erwachsene und Senioren”). Dafür danke ich ihnen von Herzen.

Seit zehn Jahren bin ich die Älteste in meiner Familie, und man wünschte, dass die Familie uns erhalten bleibt. Aber es kommt, wie es kommt. Man stirbt nicht nach der Reihe, doch jede dunkle Nacht hat ein helles Ende.

Olga Fuchs