06/2025 – Dreißig Jahre Denkzeichen Spiegelwand in Steglitz

11. Juni 2025: Auftritt der Band "Folkadu" an der Spiegelwand - mit Trompete und Oud

11. Juni 2025: Auftritt der Band "Folkadu" an der Spiegelwand - mit Trompete und Oud

Juni 2025

Als die Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz feierlich eingeweiht wurde, schrieben wir den 7. Juni 1995. Helmut Kohl war in seiner letzten Amtsperiode Bundeskanzler, Roman Herzog Bundespräsident. Eberhard Diepgen amtierte als Regierender Bürgermeister, Herbert Weber als Steglitzer Bezirksbürgermeister. Lange Jahre erbitterte politische Diskussionen waren der Entscheidung vorausgegangen, ein Denkzeichen für die deportierten Steglitzer Jüdinnen und Juden zu errichten. Realisiert werden konnte die Spiegelwand erst, als der damalige Berliner Bausenator Wolfgang Nagel 1994 das Verfahren an sich gezogen hatte. Inschriften an der Wand erinnern an 1758 deportierte Jüdinnen und Juden aus Berlin, darunter 229 Menschen aus Steglitz – mit Namen, Geburtsdatum und Anschrift. Unter Mitwirkung des Historikers Hans-Norbert Burkert wurde die Glaswand von den Architekten Joachim von Rosenberg und Wolfgang Göschel entworfen. 1992 hatte das Bezirksamt Steglitz einen Wettbewerb für ein Denkzeichen zur Geschichte jüdischen Lebens in Steglitz ausgeschrieben.

11. Juni 2025: Zur Feierstunde werden Rosen an der Spiegelwand niedergelegt

11. Juni 2025: Zur Feierstunde werden Rosen an der Spiegelwand niedergelegt

Einen besseren Standort als das „Wohnzimmer“ von Steglitz, den Hermann-Ehlers-Platz, hätte man nicht finden können. Nur einen Katzensprung entfernt befindet sich das Gebäude der ehemaligen Steglitzer Synagoge, die nach dem ersten Gemeindevorsteher Moses Wolfenstein (1838-1907) auch „Haus Wolfenstein“ genannt wird. Er hatte das auf seinem Grundstück liegende Stallgebäude 1897 zur Synagoge umbauen lassen. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude befindet sich in einem begrünten Innenhof, wird heute privat genutzt und ist vom Platz aus nicht einsehbar. Eine Innenbesichtigung ist nicht möglich; eine Außenbesichtigung auch nur dann, wenn man sich einen Schlüssel beschaffen kann, der Zutritt zum Hof gewährt. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde das Gotteshaus zwar verwüstet und geplündert, aber nicht angezündet. Ein Fries mit zwei Löwen und eine auf Hebräisch abgefasste Tafel mit dem Dekalog an der Außenwand des Bauwerks erinnern an dessen frühere Nutzung. Der letzte Gemeindevorsteher emigrierte in die USA und konnte die Thorarollen in Sicherheit bringen.

11. Juni 2025: Ein Blick in die Zuhörerschaft - Ruppert Stüwe MdB (Mitte, mit hellblauem Hemd), dahinter Bezirksstadtrat Urban Aykal. Vorne 2.v.r.: Dr. Günter Schlusche, Gründungsmitglied der Initiative Haus Wolfenstein

11. Juni 2025: Ein Blick in die Zuhörerschaft - Ruppert Stüwe MdB (Mitte, mit hellblauem Hemd), dahinter Bezirksstadtrat Urban Aykal. Vorne 2.v.r.: Dr. Günter Schlusche, Gründungsmitglied der Initiative Haus Wolfenstein

Zum gemeinsamen Gedenken von Bezirksamt, Bezirksverordnetenversammlung und Bürgerschaft von Steglitz-Zehlendorf hatte die 1987 gegründete Initiative Haus Wolfenstein (IHW), Verein zur Erhaltung der ehemaligen Synagoge Steglitz und zur Förderung interkultureller Begegnung e.V., am 11. Juni 2025 eingeladen. Zahlreiche Bezirksstadträte, Bezirksverordnete, Vertreter aus Bundes- und Landespolitik, Bürgerinnen und Bürger drückten durch ihre Anwesenheit aus, wie sehr sie sich mit dem Denkzeichen verbunden fühlen.

Die Begrüßungsansprache hielt IHW-Vorsitzende Marguerite Marcus. Für das Bezirksamt sprach Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg ein Grußwort. „Nach drei Jahrzehnten ist die Spiegelwand als fester Bestandteil des öffentlichen Gedenkens etabliert und aus dem kollektiven Gedächtnis des Bezirks nicht mehr wegzudenken“, erklärte die Rathauschefin am 30. Mai 2025 gegenüber der Presse. Als Vertreter des damaligen Architektenkollektivs führte Wolfgang Göschel detail- und kenntnisreich in die baulichen Geheimnisse der gläsernen Wand ein. Zu Wort kamen auch Dr. Günter Schlusche, ein Gründungsmitglied der IHW, und Stilla Zrenner von der IHW.

11. Juni 2025: Couragierter Auftritt von vier Schülerinnen der Fichtenberg-Oberschule. Vorne Stilla Zrenner (Initiative Haus Wolfenstein)

11. Juni 2025: Couragierter Auftritt von vier Schülerinnen der Fichtenberg-Oberschule. Vorne Stilla Zrenner (Initiative Haus Wolfenstein)

Emotionaler Höhepunkt war der Auftritt mehrerer Schülerinnen der Fichtenberg-Oberschule. Vom Rednerpult aus distanzierten sie sich in ihren leidenschaftlichen Plädoyers von Hass und Ausgrenzung im Jetzt und Heute. Wie alle Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung waren sie sich darin einig, dass trotz des aktuell zunehmenden Antisemitismus gilt: „Nie wieder“! Eine Schülerin brachte es auf den Punkt: „Ich wünsche mir, dass wir als junge Generation nicht nur gedenken, sondern auch handeln. Dass wir uns einsetzen für eine Gesellschaft, in der niemand ausgegrenzt wird und in der niemand Angst haben muss, nur weil er oder sie anders ist“. Ein anderer Beitrag spiegelt eine bittere Realität wider und endet mit einem Appell: „Wir bitten Sie jeden Tag aufs Neue, Mut und ein offenes Auge zu haben, um dem Hass, der Diskriminierung und der Verurteilung, den Jüdinnen und Juden leider tagtäglich immer noch gegenüberstehen, entgegenzutreten, sodass keine Jüdin und kein Jude jemals wieder Angst haben muss, ihre oder seine Religion offen zu zeigen und zu leben“. Laut dem Selbstbild der Schule sind Toleranz, Frieden und Antifaschismus Teil ihrer DNA. Bereits seit 1979 gibt es eine „Anti-Faschismus-AG“. Regelmäßig werden Gedenkstättenfahrten organisiert, seit 2015 gehört man dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ an. Derzeit gibt es Überlegungen, die Fichtenberg-Oberschule nach der am 9. Mai 2025 verstorbenen Margot Friedländer (1921-2025) umzubenennen.

Mit dem 11. Juni 2025 schließt sich ein Kreis: Schülerinnen und Schüler der „Fichte“ hatten auch schon der Grundsteinlegung der Spiegelwand am 19. September 1994 beigewohnt.

11. Juni 2025: Auftritt der Band "Folkadu" an der Spiegelwand - mit Schofar und Oud

11. Juni 2025: Auftritt der Band "Folkadu" an der Spiegelwand - mit Schofar und Oud

Einen wesentlichen Anteil am Gelingen der feierlichen Gedenkzeremonie hatte das Ensemble „Folkadu“ mit ihrer Frontfrau Yael Gat.

„Beeinflusst von klassischer, Swing-, Balkan-, Klezmer- und nahöstlicher Musik, bietet die Band mit ihrer einzigartigen Instrumentalkombination aus Trompete, Oud und Akkordeon eine Verschmelzung von bekanntem und weniger bekanntem Repertoire des Jewish Folk aus aller Welt“, erfährt man auf der Webseite der Musiker. Gesungen wird mehrsprachig: Hebräisch, Jiddisch und Ladino – Sprachen, die von Geschichte, Vertreibung und Überleben erzählen.

11. Juni 2025: IHW-Vorsitzende Marguerite Marcus eröffnet die Jubiläumsveranstaltung

11. Juni 2025: IHW-Vorsitzende Marguerite Marcus eröffnet die Jubiläumsveranstaltung

Im Anschluss an die Feierstunde vor der Spiegelwand bot Stilla Zrenner von der IHW eine Führung zum ehemaligen Synagogengebäude an. In gleicher Weise führte sie am 8. Juli 2025 eine von Bürgermeister Alon Davidi geleitete Gästedelegation aus der israelischen Partnerkommune Sderot zu Spiegelwand und Haus Wolfenstein.

Die Spiegelwand ist heute ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur unseres Bezirks. Auch diejenigen, die sie einst bekämpft haben, möchten sie heute nicht mehr missen. Und das ist auch gut so.

11. Juni 2025: Bezirksbürgermeisterin Schellenberg spricht ein Grußwort

11. Juni 2025: Bezirksbürgermeisterin Schellenberg spricht ein Grußwort

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub