Stadtteilmütter

Rabia Hanane, Stadtteilmutter Neukölln

Teilhabe ermöglichen, Bildung erleichtern
– oder die Geschichte einer Stadtteilmutter –

„Meine Arbeit als Stadtteilmutter hat mich weitergebracht! Ich habe mich als Mutter und als Person weiterentwickelt. Jetzt kann ich Familien mit Migrationshintergrund beraten: z.B. zu Themen wie Bildung, Erziehung und Gesundheit. Das ist ein tolles Projekt, das unter anderem durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert wurde“, sagt die Stadtteilmutter Rabia Hanane. Sie erzählt uns über die Initiative, die Herausforderungen und die Erfolge der Stadtteilmütter in Neukölln. EFRE wirkt:

Seit August 2013 arbeitet Rabia Hanane als Stadtteilmutter in Neukölln. Ursprünglich kommt sie aus Casablanca, der größten Stadt Marokkos. Die Liebe hat sie 2005 nach Deutschland geführt. Hier hat sie auch ihre drei Kinder bekommen, ein Sohn und zwei Mädchen.

Zu den Stadtteilmüttern kam sie 2006. Eine Stadtteilmutter suchte sie und ihre Familie zu Hause auf. „Wir konnten uns auf Französisch unterhalten, das hat vieles für mich vereinfacht. Die Stadtteilmutter hat mir über das Projekt erzählt und wie sie mit den Familien arbeitet. Als ich mein zweites Kind bekam, hat mich meine Nachbarin unterstützt, die ebenfalls Stadtteilmutter ist. Sie hat mich wiederum ermutigt, selbst Stadtteilmutter zu werden“, erzählt Hanane.

Mütter besuchen Mütter

Die Idee des Projekts ist 2004 entstanden. Als Vorlage diente das sogenannte Rucksackprinzip aus den Niederlanden: Mütter besuchen Mütter mit einem Rucksack, in dem Lehrbücher, Kinderbücher, Spiele oder Informationsmarialien zu finden sind. In Berlin sind eine rote Tasche und ein roter Schal das Erkennungszeichen der Stadtteilmütter. Während der jeweils zweistündigen Sitzungen wird jeweils ein Thema aus einem Kanon von zehn grundsätzlichen Themen besprochen.

Rabia Hanane, Stadtteilmutter Neukölln

Initiiert wurde das Projekt „Stadtteilmütter in Neukölln“ von der Diakoniewerk Simeon gGmbH Netzwerk Neukölln. Das Bezirksamt Neukölln und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt haben den Ball aufgenommen und den finanziellen Rahmen geschaffen. Angesprochen werden vorwiegend kinderreiche arabische und türkische Mütter. Aber auch alle anderen Frauen seien herzlich willkommen, erzählt Hanane. „Oft sind die Großfamilien mit drei oder mehr Kindern überfordert.“

Kindertagesbetreuungs- und Schulangebote werden nur von wenigen Familien wahrgenommen. Die mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache erschwert teilweise die Kommunikation. „Und genau da kommen wir ins Spiel. Wir tauschen uns mit den Familien in unserer jeweiligen Muttersprache aus – über private Themen und Sorgen – aber eben auch darüber, welche Regeln beispielsweise bei der Schulanmeldung zu berücksichtigen sind“, erläutert die Stadtteilmutter ihre Arbeit. Vor allem durch die unaufhörliche Hilfsbereitschaft und die Kommunikation auf Augenhöhe werde Vertrauen geschaffen. So könnten auch komplexe oder heikle Fragen der Bildung, Sprache, Erziehung oder Gesundheit behandelt werden.

Rabia Hanane, Stadtteilmutter Neukölln, 2. von links

Der Alltag einer Stadtteilmutter

Begonnen hat Hanane mit einer sechsmonatigen Ausbildung. Drei Tage die Woche musste sie zum Unterricht. An jeweils zwei Tagen wurden die zehn Themen behandelt, die während der Besuche besprochen werden sollen. Dieser Unterricht findet auf Deutsch statt, während bei den späteren Familienbesuchen auch die jeweilige Muttersprache gesprochen werden kann. Am jeweils dritten Tag wurden Ausflüge unternommen. „Früher kannte ich nur die Karl-Marx-Straße, die Hermannstraße und den Hermannplatz. Ich war nie in einem Museum, im Theater oder in einem Workshop gewesen. Durch meine Ausbildung habe ich das alles erleben können. Danach habe ich damit weitergemacht.“ Die meisten Stadtteilmütter sind Hartz-IV-Empfängerinnen, die vom Jobcenter Neukölln im Rahmen von Arbeitsfördermaßnahmen dem Diakoniewerk Simeon zugewiesen werden. Das Jobcenter arbeitet eng mit dem Bezirksamt Neukölln und den beiden Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Umwelt sowie Arbeit, Integration und Frauen zusammen. Um die Ausbildung vom Jobcenter anerkennen lassen zu können, dürfen die Frauen in der Regel erst ab dem 35. Lebensjahr mit der Ausbildung als Stadtteilmutter beginnen. Hanane hat ausnahmsweise mit 30 die Bewilligung bekommen. Sie ist für zwei Jahre beim Diakoniewerk Simeon als Stadtteilmutter angestellt.

Und so sieht ihre Arbeitswoche aus: „Am Montag haben wir immer Teammeetings und am Dienstag Qualifikationskurse. Ich besuche z.B. einen Kurs für Hochdeutsch. An den anderen Tagen machen wir Werbung in der Kita, in der Schule oder im Nachbarschaftsheim, denn da sitzen viele türkische und arabische Mütter und warten auf ihre Kinder, so können wir ins Gespräch kommen. Nachmittags machen wir dann die Besuche.“ Eine weitere Möglichkeit, Interessierte zu gewinnen, ergebe sich beim Frauen- oder Kinderarzt. „Wir müssen immer Werbung machen, sonst werden die Familien nicht auf uns aufmerksam“, erklärt die Stadtteilmutter. Das Bezirksamt Neukölln hat den Stadtteilmüttern Räume im Neuköllner Rathaus zur Verfügung gestellt.

Eine Vertrauensbasis ist wichtig

Und wenn die Aufmerksamkeit erreicht sei? „Zunächst sind auch wir Fremde. Wir müssen dann in erster Linie eine Vertrauensbasis schaffen. Deswegen erklären wir immer im Vorfeld, dass wir keine Namen oder Adresse brauchen. Am Anfang war es schwer, mittlerweile kenne ich aber alle Frauen in der Umgebung“, erklärt Rabia Hanane. Bei guter Zeitplanung sei jeder Ort, an dem sich die Mütter aufhalten, als Treffpunkt geeignet: der Spielplatz, die Schule, die Bäckerei, in der Nachbarschaft oder während des Eltern-Cafés. Alle Möglichkeiten werden genutzt. „Wenn wir uns unter vier Augen unterhalten wollen, stellen uns die Schulen oftmals einen Raum zur Verfügung. In Ruhe können Konflikt- und Stresssituationen besser aufgefangen werden. Wir sind unter den Neuköllner Schulen bereits bekannt und die zeigen sich sehr kooperativ“, so die Stadtteilmutter weiter. Die Kinder seien meistens nicht dabei, die spielen, lesen oder lernen in der Zwischenzeit.

Nur um die Lösung von Problemen ginge es aber lange nicht: „Egal ob nette Gespräche oder das Vorlesen für die Kinder – der Spaß ist immer dabei. Und die positiven Auswirkungen auf das Familienleben, die Teilhabe am deutschen Bildungssystem und das Selbstbewusstsein der Frauen lassen sich in jeder Hinsicht erkennen.“

Die Realisierung des Projekts

Für den Erfolg der Stadtteilmütter in Neukölln hat auch das Land Berlin gesorgt: Im Rahmen der Zukunftsinitiative Stadtteil werden die Stadtteilmütter auch 2015 und 2016 durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mithilfe des EFRE mit 180.000,00 EUR gefördert.

Die Stadtteilmütter in Neukölln haben als Vorbild für ähnliche Projekte in diversen Quartiersmanagement-Gebieten in Berlin gedient. Das Land Berlin hat diese wichtige aufsuchende Familiensozialarbeit inzwischen in einem Landesprogramm im Haushalt verankert.

Kontakt

Diakoniewerk Simeon gGmbH
Fachbereich
Soziales & Integration

Stadtteilmütter Neukölln

Karl-Marx-Str. 83
12040 Berlin

Tel.: +49 30 902394185
Fax: +49 30 902394419
stadtteilmuetter@diakoniewerk-simeon.de

EU-Logo mit EFRE - Zusatz unten

Hintergrund

Im Rahmen der Zukunftsinitiative Stadtteil II (ZIS II), die durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) profitiert, sollen bis 2020 100 Millionen Euro investiert werden. Finanziert werden Maßnahmen zur Verbesserung der Bildungsinfrastruktur und des Zugangs zu Bildungsangeboten sowie zur Anpassung der Angebote und der Einrichtungen in den Bereichen Bildung, Integration, Nachbarschaft und Armutsbekämpfung an den Bedarf vor Ort. Durch die Förderung der Selbsthilfe und des bürgerschaftlichen Engagements sollen die Stadtteile dauerhaft sozial stabilisiert werden. Gefördert werden Projekte durch Zuschüsse. Antragsberechtigt sind Personengesellschaften und juristische Personen sowie Behörden. Mehr Informationen unter www.berlin.de/efre.