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Keiner wird obdachlos geboren

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Bild: Ina Schoenenburg/OSTKREUZ

Caroline Meister
Obdachlosenlotsin bei der Sozialgenossenschaft Karuna e. G.

Caroline Meister, geboren 1974, hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, nirgends mehr hinzukönnen. Mit diesem biografischen Hintergrund kann sie heute als Obdachlosenlotsin der Task Force der Sozialgenossenschaft Karuna e. G. Wohnungslosen in ganz Berlin helfen.

Obdachlosigkeit war gewiss nichts, worüber sich Caroline Meister früher den Kopf zerbrochen hätte. So etwas gab es in ihrem oberfränkischen Heimatort Münchberg nicht, auch wenn dort nicht alles rosig war. Ihre Eltern hatten fünf Kinder und betrieben in der bayerischen Kleinstadt einen Gemüsegroßhandel.

Caroline Meister arbeitete zunächst in einem Betrieb der in der Region verwurzelten Textilbranche. Aber bald bot ihr der Job keine Perspektive mehr. „Ich habe Schnittmuster gedruckt, beschriftet und an verschiedene Produktionsstätten verschickt“, erzählt sie. „Damals hatte die Firma 1.300 Mitarbeiter, viele aus Münchberg arbeiteten dort. Heute sind noch rund achtzig Verwaltungsjobs in Deutschland, der Rest ist nach Rumänien ausgelagert.“

Nachdem ihr Vater bereits 1994 und ihre Mutter 2011 gestorben waren, hielt es Caroline Meister nicht mehr in der bayerischen Provinz. Sie kam 2014 nach Berlin. Das erste Zimmer zur Untermiete fand sie auf eBay Kleinanzeigen. Weil der psychisch instabile Vermieter, dessen Frau gerade gestorben war, mehr wollte, als nur ein Zimmer zu vermieten, konnte sie dort nicht bleiben. Sie schlüpfte bei einer Bekannten in Prenzlauer Berg unter – „das erste, was ich so richtig von Berlin kennenlernte“ – und verliebte sich in den Bezirk. Dort jedoch konnte sie nicht ewig bleiben. Inzwischen waren ihre Schwester Ute und deren Mann ebenfalls nach Berlin gekommen, und so gesellte sie sich zu ihnen.

Allerdings hatten die beiden ebenso wenig einen Mietvertrag wie sie selbst, und als es eines Tages hieß, Caroline solle gehen, gingen die anderen mit ihr. „Es war Winter und wir standen plötzlich zu dritt auf der Straße. Wir sind erst einmal in die S-Bahn. Wir waren todmüde. Wir sind eingeschlafen, und als wir aufwachten, waren unsere Koffer geklaut. Ich hatte noch meinen Ausweis, meine Schwester ihren nicht mehr, und die Klamotten waren sowieso alle weg.“

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Wo und wie es weitergehen könnte, wusste keiner der drei. „Wo man etwas essen kann, wo man schlafen kann, das mussten wir damals alles erst herausfinden. Woher soll man das wissen, man wird ja nicht obdachlos geboren.“

Mit der Obdachlosigkeit begann für Caroline Meister ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis. Wer keine Wohnung hat, findet keine Arbeit, und ohne Arbeit bekommt man wiederum keine Wohnung. Caroline Meister versuchte es trotzdem. Sie fand einen Job in einer Wäscherei, weit draußen in Neukölln. Allerdings musste sie im Schichtbetrieb arbeiten. Die Spätschicht war erst um 22 Uhr vorbei. Ihre Notunterkunft, die nach 22 Uhr niemanden mehr aufnahm, konnte sie somit nicht pünktlich erreichen.

„In meiner Unterkunft in der Petersburger Straße waren wirklich ganz liebe Menschen, die mich ein paar Mal später eingelassen haben, aber auf lange Sicht ging das eben nicht. Und wenn ich um 22 Uhr Feierabend habe, dann kann ich mir nicht mehr Gedanken machen, wo übernachtest du jetzt. Das ist ein Teufelskreis. Man braucht eine Wohnung, wenn man arbeiten will. Man muss wissen, wo man nach der Arbeit hinkann.“

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Bild: Ina Schoenenburg/OSTKREUZ

Manche Fallstricke des Obdachlosenlebens muten geradezu absurd an. So gibt es in Berlin Wohnungen im „geschützten Marktsegment“, die zur Vermittlung an wohnungslose Menschen vorgesehen sind. Caroline Meister konnte, laut Auskunft des Jobcenters, im Bezirk Kreuzberg nicht auf die Liste für eine solche Wohnung gesetzt werden, weil ihre Schufa-Auskunft positiv war. „Wäre die negativ gewesen“, – hätte die junge Frau also schon einmal Mietschulden oder etwas Ähnliches aufweisen können – „hätte ich eine Wohnung bekommen.“ Mit positiver Schufa-Einstufung, so lautet zumindest die Theorie, können Menschen leichter eine Wohnung finden, sie müssen demnach nicht vom Amt vermittelt werden. So zahlte das Amt stattdessen über tausend Euro im Monat pro Zimmer in einem Hotel in Friedrichshain, um Obdachlose unterzubringen. Dort fand auch Caroline Meister 2018 schließlich eine Bleibe. Ein weiteres Problem: Das Amt übernimmt die Wohnkosten nur für Arbeitslose. Wer einen Job findet, wird automatisch zum Selbstzahler und die allermeisten Jobs geben das Budget selbst für ein preiswertes Hotel nicht her. In dieser Situation Arbeit zu finden, ist fast unmöglich.

Caroline Meister war trotzdem erst einmal sehr froh, dort gelandet zu sein. „Ich habe mir dieses Hotel selbst rausgesucht. Als ich erfuhr, dass dort noch Zimmer frei sind, bin ich sofort zum Jobcenter und die haben mir das genehmigt.“ Die neue Bleibe erwies sich als wahrer Glücksgriff.

„Normalerweise weist einem das Sozialamt einen Platz zu, das steht an sich jedem zu, der Hartz IV bekommt und keine Wohnung hat. Ich hatte aber auch schon viel, viel Schlechtes gehört, was Zustände und Hygiene in solchen Unterkünften betrifft“, erzählt sie. „Dagegen hatte ich wirklich Glück, ich hatte sogar ein Zimmer für mich allein.“

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Fast zwei Jahre wohnte sie in dem Hotel, bis sie eine reguläre Wohnung in Charlottenburg fand und über das Modellprojekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) anfangen konnte, als Obdachlosenlotsin zu arbeiten. „Ich hatte einen netten Arbeitsvermittler, der meinte, dieses neue Projekt wäre bestimmt etwas für mich.“ Als sie die verschiedenen Stellenangebote studierte, war sofort klar, wo sie sich bewerben wollte: bei der Sozialgenossenschaft Karuna e. G., einem Träger, der eine neuartige Obdachlosenhilfe organisieren sollte. „Ich dachte, jawoll, das wäre was“, sagt sie. „Ich weiß ja, wie das ist, kein Zuhause zu haben, nirgends hinzukönnen.“

Caroline Meister, die keinen Computer hatte, absolvierte ein Training, Fotos wurden gemacht und eine Bewerbung zusammengestellt. „Man musste sich für den Job richtig bewerben und ich wurde gleich eingeladen.“ Seit September 2020 ist sie nun Obdachlosenlotsin in der Karuna Task Force. Die Berliner Sozialgenossenschaft Karuna setzt sich für besonders benachteiligte Kinder, Jugendliche und Familien ein und erweiterte ihr Tätigkeitsfeld mit dem vom Senat finanzierten Modellprojekt. So ist die Task Force das erste Projekt in Deutschland, in dem ehemals selbst Betroffene für derzeit Obdachlose arbeiten. Grundgedanke ist, dass die Lotsinnen und Lotsen durch eigene biografische Bezüge Betroffene von Obdachlosigkeit besonders gut und nachhaltig erreichen können. „Ich versuche irgendwie zu helfen, auch wenn es schwer ist“, sagt Caroline Meister, „und die Arbeit macht mir sehr viel Spaß, das muss ich ganz ehrlich sagen.“

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Die Task Force offeriert und koordiniert Lotsendienste für Obdachlose. Konkret heißt das, dass die im Rahmen des SGE angestellten Lotsinnen und Lotsen über Angebote zum Beispiel der Kälte- und Sommerhilfe informieren, Unterkünfte kontaktieren oder Obdachlose zu Behörden und Institutionen begleiten. Wochentags von 9 bis 17 Uhr ist eine Hotline geschaltet, ansonsten ist das Team per E-Mail erreichbar. Die täglichen Teamtreffen wurden durch die Corona-Pandemie phasenweise in die virtuelle Welt verlagert. „Wir sind alle in einer WhatsApp-Gruppe miteinander verbunden, und sobald ein Anruf eingeht, koordinieren wir, welches Team losfährt“, sagt Caroline Meister. Der Task Force stehen vier Busse zur Verfügung, die durch ihre bunte Bemalung im Stadtbild auffallen. Sie dienen dazu, Menschen zu einer Notunterkunft zu transportieren und sie zu ärztlichen Untersuchungen oder zu Behörden zu bringen, wenn sie selbst immobil sind.

Inzwischen arbeitet Caroline Meister oft mit ihrer Schwester zusammen, die ebenfalls bei Karuna tätig ist. „Wir sind oft am Bahnhof Lichtenberg unterwegs, aber letzten Freitag hatten wir zum Beispiel einen Einsatz in der Greifswalder Straße. Jemand hatte angerufen und einen Obdachlosen gemeldet, wir fuhren dorthin und fanden einen Mann im Rollstuhl zusammen mit seinem Freund vor. Er kam aus Litauen und sprach schlecht Deutsch, sein Freund konnte unsere Sprache gar nicht. Denen haben wir ein Bett in der Notübernachtung in der Lehrter Straße organisiert.“

Die Corona-Pandemie stellte die Obdachlosenhilfe vor spezielle Herausforderungen. So war die Sorge groß, dass sich das Virus in der besonders gefährdeten Gruppe der Obdachlosen ungehemmt ausbreiten könnte. Etliche Hilfsangebote mussten aufgrund von Kontaktsperren eingeschränkt werden, andererseits stellte man sich auch auf die Pandemie ein. So wurden Hostels und Hotels während des Lockdowns für Obdachlose geöffnet. Anders als in klassischen Notunterkünften durften die Menschen dort auch tagsüber bleiben. Einer der vier Karuna-Busse wurde zum Covid-Transporter umfunktioniert: Caroline Meister sitzt ab und zu an der Hotline, bei der sich von 15 bis 20 Uhr Menschen melden können, die zu einer Covid-Untersuchung gebracht werden müssen. Dort landen auch Anrufe aus der Quarantäne-Station in der Lehrter Straße, von der aus Patientinnen und Patienten ins Krankenhaus gebracht werden. Diejenigen, die den Karuna-Bus fahren, wurden speziell geschult, um alle Corona-Maßnahmen einzuhalten. Am Abend, nach der letzten Fahrt, wird der Bus gereinigt und für den nächsten Tag bereitgemacht.

Die Hotline der Task Force können nicht nur obdachlose Menschen in Not anrufen, sondern ebenso Bürgerinnen und Bürger, denen obdachlose oder hilfsbedürftige Menschen auffallen. Sobald ein Anruf eingeht, wird übers Büro ein Zweierteam losgeschickt, das die Obdachlosen ausfindig macht, die Situation beurteilt und wiederum in Rücksprache mit dem Büro unmittelbare Schritte abspricht. Häufig geht es dabei um eine Unterkunft für die nächste Nacht, aber auch um medizinische Versorgung, darum, etwas zu Essen zu organisieren oder die Kommunikation mit unterschiedlichen Behörden zu koordinieren.

Caroline Meister weiß inzwischen sehr genau, was Obdachlosigkeit bedeutet. Sie selbst ist ihr glücklich entkommen, hat eine Wohnung und dank dem Solidarischen Grundeinkommen nun eine gut bezahlte Arbeit.

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„Als ich anfing, hatte ich 1.615 Euro netto“, sagt sie. Inzwischen sind es sogar noch fünfzig Euro mehr. „Vorher habe ich Hartz IV bekommen, da ist das jetzt natürlich etwas ganz anderes.“

Damals, so erzählt sie heute, habe sie beim Einkaufen jede einzelne Anschaffung minutiös durchrechnen müssen, sonst hätte das Geld hinten und vorn nicht gereicht. „Jetzt kann ich mir einfach mal ein T-Shirt für zehn Euro kaufen und muss nicht groß nachdenken. Mit Hartz IV geht das nicht.“

Text: Katrin Rohnstock / Rohnstock Biografien