02/2025-GRIECHENLAND – Vielfalt leben: Freizeitstätte startet ins Mottojahr

Winterliche Stimmung im Februar 2025: Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm

Winterliche Stimmung im Februar 2025: Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm

Griechenland / Februar 2025

Bereits zum fünften Mal in Folge startet das Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm in ein Jahr voller Vielfalt und Weltoffenheit und bleibt dabei seinem Dreiklang Kunst, Kultur und Kulinarik treu. Gastland 2025 ist Griechenland. Vielen ist das Land als touristisches Ziel vertraut und sie meinen, es gut zu kennen. Doch auch wenn es im Vergleich zu den vier vorherigen Gastländern weniger exotisch erscheint, bietet es zahlreiche Facetten, die oft übersehen werden. Genau diese gilt es zu entdecken. Mit Griechenland als Schwerpunkt setzt die Lichterfelder Seniorenfreizeitstätte ihre Tradition „Vielfalt leben“ fort.

Rote Tulpen aus Athen sagen dir: "Komm recht bald wieder"

Rote Tulpen aus Athen sagen dir: "Komm recht bald wieder"

Kerndaten Griechenland

Mit einer Fläche von 132.000 qkm erreicht Griechenland etwas mehr als ein Drittel der Fläche Deutschlands. Das Land zählt 10,3 Mio. Einwohner, damit rund 3 Mio. weniger als der Freistaat Bayern. Die Wirtschaft wird zu 80 Prozent vom Dienstleistungssektor, vor allem vom Tourismus dominiert. Allein aus Deutschland reisten 2023 4,8 Mio. Urlaubsgäste an, das entspricht in etwa der Hälfte der Bevölkerung Griechenlands. Der Industrieanteil liegt bei 16, der Anteil der Landwirtschaft bei 4 Prozent. Rund 360.000 Griechen leben in Deutschland.

Jahresmotto 2025: "Vielfalt leben - Griechenland"

Jahresmotto 2025: "Vielfalt leben - Griechenland"

Mit der Seele suchend … Generalkonsul a.D. Walter Stechel hält Einführungsvortrag

Einen detailreichen Einblick in rund 200 Jahre deutsch-griechischer Beziehungen bot der Einführungsvortrag von Walter Stechel am 18. Februar 2025. Als deutscher Generalkonsul war er von 2016 bis 2019 in Thessaloniki tätig und lernte dabei Land und Leute intensiv kennen. Aus diesem reichen Erfahrungsschatz stellte er ein kurzweiliges Referat zusammen, das auch mit der einen oder anderen Anekdote gewürzt war. Der äußere Rahmen war ganz auf Blau-Weiß abgestimmt: Griechenlandfähnchen auf den Tischen des Publikums, im Eingangsbereich eine reich bestückte Vitrine mit Gastgeschenken aus der Partnerstadt Sochos-Langadas, Tulpen als vorweggenommener Frühlingsgruß. Kurz: Lokalkolorit vom Feinsten.

18. Februar 2025: Freizeitstättenleiterin Stefanie Müller eröffnet Veranstaltungsreihe "Vielfalt leben - Griechenland" im Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm

18. Februar 2025: Freizeitstättenleiterin Stefanie Müller eröffnet Veranstaltungsreihe "Vielfalt leben - Griechenland" im Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm

Der weitgereiste Diplomat beleuchtete den Beitrag deutscher Griechenland-Liebhaber („Philhellenen“) zum griechischen Befreiungskampf nach 1821, die Rolle von König Otto, den bayerischen Prinzen auf dem griechischen Thron, sowie die Geschichte deutscher Archäologen in Troja, Mykene und Olympia. Später thematisierte er die Kriegsverbrechen der Wehrmacht und die Ermordung der griechischen Juden im Zweiten Weltkrieg – ein dunkles Kapitel, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern auch heute noch belastet.

„Deutschland und Griechenland, zwei Länder, deren Geschichte seit Jahrhunderten miteinander verwoben ist“, begann Stechel seinen Vortrag. Er skizzierte den historischen Hintergrund und zitierte Goethe: „Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ – eine Zeile, die von alters her die „tiefe Sehnsucht“ vieler Deutscher nach Hellas spiegelt. In der Antike als Wiege der Demokratie und der Philosophie geltend, wurde das Land im 19. Jahrhundert zur Nation, die nach Unabhängigkeit von der osmanischen Herrschaft strebte und ihren Platz in der europäischen Politik suchte.

Lasst Blumen sprechen: Generalkonsul a.D. Walter Stechel zu Gast im Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm; rechts im Bild Freizeitstättenleiterin Stefanie Müller

Lasst Blumen sprechen: Generalkonsul a.D. Walter Stechel zu Gast im Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm; rechts im Bild Freizeitstättenleiterin Stefanie Müller

Philhellenismus des Hauses Wittelsbach

Ein entscheidender Moment in der deutsch-griechischen Geschichte war der Philhellenismus des bayerischen Königs Ludwig I. (1825-1848), der nicht nur als Förderer griechischer Kunst bekannt wurde, sondern auch seinem Sohn Otto von Wittelsbach den griechischen Thron verschaffte. „Ludwig I. machte München als Isar-Athen zu einem Zentrum griechischer Kultur“, sagte Stechel. Otto I. regierte Griechenland ab 1832, prägte das Land architektonisch im neoklassizistischen Stil und bemühte sich um politische Stabilität. 1862 wurde er jedoch gestürzt und litt bis zu seinem Tod 1867 unter dem Verlust seines heißgeliebten Königreichs.

Holocaust-Denkmal Thessaloniki

Holocaust-Denkmal Thessaloniki

Griechenland und der Nationalsozialismus

Erstmals in der Geschichte wurde 1936 die olympische Flamme in einem Fackellauf von Olympia nach Berlin gebracht. Am Austragungsort der Spiele wollten sich auch die Nationalsozialisten „am Feuer der griechischen Zivilisation wärmen“, wählte Stechel ein eindrückliches Bild. Aber auch die dunklen Seiten der NS-Geschichte klammerte er nicht aus: Während des Zweiten Weltkriegs besetzte die Wehrmacht Griechenland, zusammen mit den Verbündeten Italien und Bulgarien. Die brutale Besatzung führte zu unvorstellbaren Kriegsverbrechen, die im kollektiven Gedächtnis der Griechen bis heute tief verankert sind. Die Ermordung von rund 70.000 griechischen Juden und die Zerstörung ganzer Dörfer durch die deutschen Besatzer sind tragische Kapitel der Geschichte. Diese Gräueltaten, die nie strafrechtlich verfolgt wurden, haben tiefe Narben hinterlassen – bis heute führen sie regelmäßig zu Reparationsforderungen. Thessaloniki, einst als multikulturelles „Jerusalem des Balkans“ bekannt, beherbergt ein Jüdisches Museum und hält so die Erinnerung an sein bedeutendes jüdische Erbe wach.

Wanderausstellung "Karya 1943 - Zwangsarbeit und Holocaust", Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Wanderausstellung "Karya 1943 - Zwangsarbeit und Holocaust", Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Jüdische Zwangsarbeit in Griechenland

Ein wichtiger, weniger erforschter Aspekt ist das Thema jüdische Zwangsarbeit im nationalsozialistisch besetzten Griechenland. In diesem Kontext hat Stefanie Müller, Leiterin der Freizeitstätte, für den 25. März 2025 eine Führung durch die Sonderausstellung „Karya 1943 – Zwangsarbeit und Holocaust“ im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Niederschöneweide organisiert.
„Die multimediale und partizipative Ausstellung zeigt erstmals historische Fotos aus einer Sammlung eines deutschen Ingenieurs“, schreibt sie im Programmheft für das 1. Halbjahr 2025. „Karya“ ist eine Chiffre für das NS-Zwangsarbeitssystem in Griechenland. Unter extrem harten Bedingungen mussten jüdische Griechen 1943 an der Bahnstation Karya einen Felsen für ein Ausweichgleis abtragen.

Mehr zur Ausstellung erfahren Sie hier.

Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Thessaloniki (Griechenland)

Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Thessaloniki (Griechenland)

Mit dem Besuch der in Steglitz ansässigen Hellenischen Gemeinde zu Berlin e.V. am 6. Mai 2025 endet das erste Programmhalbjahr im Rahmen von „Vielfalt leben – Griechenland“.

Deutsch-Griechisches Verhältnis vom Kriegsende bis zur Gegenwart

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Griechenland eine neue Welle deutsch-griechischer Verflechtung. Zwischen 1960 und 1973 fanden rund 600.000 Landsleute als „Gastarbeiter“ in Deutschland eine neue Heimat. „Griechenland musste seine Armut überwinden und seine Menschen suchten eine bessere Zukunft“, sagte Stechel. Während der griechischen Militärdiktatur zwischen 1967 und 1974 suchten viele Intellektuelle Zuflucht in Deutschland. Seit 1981 gehört Griechenland zur Europäischen Union.

Die Eurokrise von 2009 bis 2018 stellte die deutsch-griechischen Beziehungen auf eine harte Probe. „Die Bilder von Angela Merkel mit Hitlerbärtchen, Zuchtmeister Schäuble und die Klischees von faulen Griechen, die auf Kosten der Deutschen leben, vergifteten das Verhältnis“, so Stechel. Doch es gibt auch positive Entwicklungen: Die deutsch-griechische Zusammenarbeit ist mittlerweile dicht vernetzt – in Kultur, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Der Deutsch-Griechische Zukunftsfonds, das Deutsch-Griechische Jugendwerk (DGJW) und die häufigen Griechenland-Besuche von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sind Beispiele für die Bemühungen um eine bessere Verständigung.

Ball im Tor

Nationalheld “Rehhakles”

Stechel rundete seinen Vortrag mit einem humorvollen Hinweis auf Otto “Rehhakles” Rehhagel ab, den ehemaligen deutschen Fußballtrainer der griechischen Nationalmannschaft. „Rehhagel hat mehr für die deutsch-griechischen Beziehungen getan als mancher Diplomat oder Wirtschaftsvertreter“, stellte er schmunzelnd fest. Der gebürtige Essener führte Griechenland 2004 sensationell zum Gewinn der Europameisterschaft, was die fußballverrückten Griechen ausgelassen feierten. Niemand hätte damals gedacht, dass ausgerechnet ein deutscher Fußballtrainer das deutsch-griechische Verhältnis so positiv und nachhaltig beeinflussen würde. Ein charmanter Zufall der Geschichte, dass er seinen Namen mit dem ersten griechischen Monarchen aus dem bayerischen Königshause teilt.

Deutsch-griechischer Berliner Bär auf Säulenbeinen: Hingucker am Eingang des deutschen Generalkonsulats in Thessaloniki

Deutsch-griechischer Berliner Bär auf Säulenbeinen: Hingucker am Eingang des deutschen Generalkonsulats in Thessaloniki

Alles in allem blickt Stechel optimistisch in die Zukunft: „Griechenland ist aus der Krise herausgekommen, die Wirtschaft wächst, und wir können viel voneinander lernen. Der Blick auf die Geschichte zeigt uns, wie weit wir gekommen sind – und wie wichtig es ist, dass wir uns auch in der Zukunft gegenseitig unterstützen“. Im Hinblick auf die Digitalisierung der Verwaltung sieht er Griechenland sogar als Vorbild.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst bleibt Walter Stechel seiner Leidenschaft für Griechenland treu und setzte sich in der Deutsch-Griechischen Versammlung (DGV) bis zu deren Abwicklung zum Jahreswechsel 2024/2025 für die Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen ein. Besonders am Herzen liegen ihm die Städtepartnerschaften. Gerade deshalb ist Steglitz-Zehlendorf für ihn vertrautes Terrain: Als einziger Berliner Bezirk unterhalten wir eine Partnerschaft mit einer griechischen Kommune. 1993 wurde die Partnerschaftsurkunde zwischen der Gemeinde Sochos-Langadas und dem Altbezirk Steglitz unterzeichnet. Sochos-Langadas liegt nur rund 50 Autokilometer von Thessaloniki entfernt. Aus Anlass des 30. Partnerschaftsjubiläums hielt sich der Partnerschaftsbeauftragte des Bezirks Steglitz-Zehlendorf, Christian Urlaub, im Spätherbst 2023 in Sochos-Langadas auf (wir berichteten) und nutzte die Gelegenheit für Begegnungen vor Ort.

Mit einem Glas griechischen Weines, wahlweise in Rot oder Weiß, und griechischem Gebäck, klang der Eröffnungsnachmittag im winterlichen Lichterfelde aus. Warum der eine oder die andere dabei in Gedanken ganz bei Udo Jürgens war, bleibt ein ungelöstes Rätsel.

Reichlich mit griechischen Devotionalien aus der Partnerkommune Sochos-Langadas bestückt: Schauvitrine im Kommunikationszentrum Ostpreußendamm zum Jahresmotto 2025 "Vielfalt leben - Griechenland"

Reichlich mit griechischen Devotionalien aus der Partnerkommune Sochos-Langadas bestückt: Schauvitrine im Kommunikationszentrum Ostpreußendamm zum Jahresmotto 2025 "Vielfalt leben - Griechenland"

Hellas-Bürgerreise des Städtepartnerschaftsvereins

Wer übrigens Appetit auf Griechenland bekommen hat, kann sich der frisch ausgeschriebenen Bürgerreise des Städtepartnerschaftsvereins Steglitz-Zehlendorf e.V. anschließen. Los geht’s im Mai 2025. Selbstverständlich wird auch Halt in Sochos und Langadas gemacht. Von Berlin aus geht es mit dem Flugzeug zunächst nach Thessaloniki. In Planung ist ein Besuch des dortigen Generalkonsulats. Reiseausschreibung und Anmeldeformular finden Sie hier zum Herunterladen.

Von oben betrachtet ist es sonnig: Blick auf Thessaloniki

Von oben betrachtet ist es sonnig: Blick auf Thessaloniki

Hadrians-Triumphbogen im Herzen von Thessaloniki

Hadrians-Triumphbogen im Herzen von Thessaloniki

Von Marmor, Stein und Eisen

Wer sich hingegen eher für griechischen Marmor interessiert, dieses edle, strahlend weiße Baumaterial, das bekanntlich weder Stein noch Eisen bricht, sei auf eine Ausstellung des Fachbereichs Kultur Steglitz-Zehlendorf verwiesen. Vom 10. April bis einschließlich 24. August 2025 beherbergt das Kulturhaus Schwartzsche Villa die von Dr. Christine Nippe kuratierte Ausstellung „J’ai perdu mon Eurydice“. Gezeigt werden Werke der international renommierten griechisch-deutschen Künstlerin und Photographin Christina Dimitriadis. Die in Thessaloniki geborene Künstlerin hat sich zwischen 2021 und 2025 auf Spurensuche entlang der antiken Transportwege des Marmors begeben. Der weiße Stein gilt als Symbol schlechthin für die Welt des Altertums.

Vernissage ist am 9. April 2025 ab 18 Uhr. Zwar gehört die Ausstellung nicht zur Veranstaltungsreihe „Vielfalt leben“, ist aber eine wert- und sinnvolle Ergänzung.

Beauftragter für Partnerschaften

Christian Urlaub