07/2025 – Noch bis zum 9. November: Ausstellung über Straßennamen und ihre Geschichte

Direkt vor dem Gutshaus Steglitz: Ein Banner lädt zum Ausstellungsbesuch ein

Direkt vor dem Gutshaus Steglitz: Ein Banner lädt zum Ausstellungsbesuch ein

Juli 2025

Berlins Bezirke sind für Straßenbenennungen in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich zuständig. Straßen- und Platzbenennungen, ganz besonders aber Umbenennungen, gehen oft leidenschaftliche Debatten voraus. Am Ende solcher Debatten muss aber dann eine Entscheidung stehen. Steglitz-Zehlendorf bildet hier keine Ausnahme: Hitzig war die jahrzehntelang in unserem Bezirk geführte politische Auseinandersetzung um die Frage einer Umbenennung der seit 1906 nach einem glühenden Antisemiten benannten Treitschkestraße. Die 2021 verbreitete Studie des Politologen Felix Sassmannshausen, in der sämtliche Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen erfasst sind, hatte die bereits zwei Jahrzehnte dauernde Diskussion erneut befeuert. Am 14. September 2022 war es endlich soweit: Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschloss, die im Ortsteil Steglitz gelegene Straße umzubenennen. Den bisherigen Schlusspunkt setzt ein weiterer einstimmig gefasster Beschluss der BVV vom 27. November 2024, wonach die Straße nach Betty Katz (1872-1944) zu benennen sei. Die in Posen geborene Lehrerin war Direktorin des Jüdischen Blindenheims in der Wrangelstraße und wurde am 6. Juni 1944 in Theresienstadt ermordet.

Ausstellungsansicht im Gutshaus Steglitz

Dieses Umbenennungsprojekt ist ein Meilenstein in der Erinnerungskultur unseres Bezirks. Bereits 2008 war eine historisch einordnende Informationsstele in der Treitschkestraße errichtet worden. Mit der offiziellen feierlichen Umbenennungszeremonie ist im Herbst dieses Jahres zu rechnen. Der Weltenbummler wird berichten.

17. Februar 2023: Aus dem Maerckerweg wird der Maria-Rimkus-Weg

17. Februar 2023: Aus dem Maerckerweg wird der Maria-Rimkus-Weg

Maerckerweg wird zum Maria-Rimkus-Weg

Ein weiteres zentrales Umbenennungsprojekt im Bezirk Steglitz-Zehlendorf wurde im Februar 2023 vollzogen, als der vormalige Maerckerweg nach Maria Rimkus (1910-2001), einer „Gerechten unter den Völkern“, benannt wurde.

Wenn sich Antisemitismus als Triebfeder im öffentlichen Straßenland widerspiegelt

Wenn sich Antisemitismus als Triebfeder im öffentlichen Straßenland widerspiegelt

Ausstellung „umbenennen?!“ im Gutshaus Steglitz

Steglitz-Zehlendorf bildete als Ausrichter den Auftakt zur berlinweit in den Jahren 2025 und 2026 präsentierten Ausstellung „umbenennen?! Straßennamen und ihre Geschichte“. Die bezirksübergreifend identischen Ausstellungsteile werden in jedem Bezirk durch Module mit jeweils lokal- und bezirksspezifischen Schwerpunkten erweitert. Selbstverständlich wird in diesem Kontext auch die Causa Treitschkestraße beleuchtet und eingeordnet.

Steglitz-Zehlendorf war am 28. März 2025 der erste von zwölf Bezirken, in dem die Ausstellung an den Start ging. Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg folgten am 9. April bzw. 24. Mai 2025.

Das Regime ehrt sich selbst: Straßenbenennungen in der Zeit des Nationalsozialismus

Das Regime ehrt sich selbst: Straßenbenennungen in der Zeit des Nationalsozialismus

Nationalsozialisten vereinnahmen Erinnerungskultur

Die Tilgung von Straßennamen aus der Zeit des Nationalsozialismus ist mehr als eine formale Korrektur: Sie ist ein aktiver Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus und zu einer demokratischen Erinnerungskultur. Mit Blick auf die Historie der Straßenbenennung in Steglitz-Zehlendorf und ganz Berlin, auf Konjunkturen der Benennung, Umbrüche und die sich wandelnde Erinnerungskultur möchte die Ausstellung zur Versachlichung der Diskussionen beitragen und dazu anregen, sich konstruktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Himmelsteig, Im Kinderland, Am Vierling – dass noch heute Straßennamen in Zehlendorf auf ein Preisausschreiben der SS zurückgehen, ist auf den ersten Blick kaum ersichtlich. Als Teil einer massiven ideologischen Vereinnahmung des öffentlichen Raumes in der NS-Zeit wurden die Straßen 1938 benannt. Anders als der nahegelegene Führerplatz und elf weitere Namen in der damaligen SS-Kameradschaftssiedlung verschwanden sie nach 1945 jedoch nicht aus dem Stadtbild.

Straßenschild in der Waldsiedlung Krumme Lanke, 2024

Straßenschild in der Waldsiedlung Krumme Lanke, 2024

Spanische Allee

Nur wenige wissen, dass die Spanische Allee, um ein prominentes Beispiel zu nennen, an den Einsatz der deutschen Luftwaffeneinheit „Legion Condor“ im Spanischen Bürgerkrieg erinnert. Die Spanische Allee hat ihren Namen behalten und es ist deshalb wichtig, über den Hintergrund der Benennung im Juni 1939 Bescheid zu wissen. Der Sven-Hedin-Platz, der nach wie vor so heißt, ist nach einem schwedischen Asienforscher benannt, der an eine jüdische Weltverschwörung glaubte.

„In keinem anderen Berliner Bezirk wurden so flächendeckend Antisemiten im Straßenbild geehrt“, heißt es unumwunden auf einer Ausstellungs-Schautafel im Gutshaus Steglitz. Demnach habe Zehlendorfs einstiger NSDAP-Bezirksbürgermeister Walter Helfenstein (1933-1945) ein ganzes Viertel am heutigen S-Bahnhof Mexikoplatz nach Schriftstellern, Politikern, Theologen und Künstlern benannt, „die sich antisemitisch betätigt hatten“.
„Die Nationalsozialisten setzten das Mittel der Straßenbenennung gezielt ein, um den Stadtraum ideologisch zu vereinnahmen“, schlussfolgern die Ausstellungsmacher.

Ausstellungsbesucher haben Gelegenheit, ihre Meinung auf einer Pinnwand kundzutun

Ausstellungsbesucher haben Gelegenheit, ihre Meinung auf einer Pinnwand kundzutun

In Teilen ist die Ausstellung auch interaktiv und lässt den Besuchern Raum, sich und ihre Wünsche einzubringen. Auf Pinnwänden können sie ihre Ideen und Erwartungen zum Thema Straßennamen aufschreiben und damit auch andere inspirieren. „Da sie uns Orientierung geben und wir uns jeden Tag in ihnen bewegen, finde ich eine kritische Betrachtung wichtig“, schreibt einer. „Auch Kinder müssten als Straßennamen auftauchen“, fordert ein anderer. Darüber hinaus können sich Besucherinnen und Besucher an einer Umfrage beteiligen, ob der Hindenburgdamm umbenannt werden oder seinen Namen behalten soll.

Streitpunkt Hindenburgdamm: Ausstellungsbesucher sind zu einer Blitzumfrage eingeladen

Streitpunkt Hindenburgdamm: Ausstellungsbesucher sind zu einer Blitzumfrage eingeladen

Anbringung von Kontextualisierungsschildern am Hindenburgdamm durch das Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e. V. im März 1996

Anbringung von Kontextualisierungsschildern am Hindenburgdamm durch das Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e. V. im März 1996

Ausstellung schließt am 9. November ihre Pforten

Am 27. März 2025 war die Ausstellung im Gutshaus Steglitz durch den Staatssekretär für Gesellschaftlichen Zusammenhalt Oliver Friederici und die damalige Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport Cerstin Richter-Kotowski eröffnet worden (wir berichteten).

Ein Besuch im Gutshaus Steglitz lohnt sich in jedem Fall. Sie haben noch bis zum 9. November 2025 Zeit – ein aufgrund seiner historischen Ambivalenz sicher nicht zufällig gewählter Tag. Bei freiem Eintritt ist die Ausstellung montags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Das gemeinsame Projekt des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen wird durch die LOTTO-Stiftung Berlin und aus Mitteln des Bezirkskulturfonds der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.

Als Veranstalter tritt der Fachbereich Kultur Steglitz-Zehlendorf auf, Dr. Christiana Brennecke fungiert als Kuratorin. Das Begleitprogramm umfasst eine Reihe von Stadtspaziergängen und Ausstellungsführungen und ist hier im Einzelnen nachzulesen.

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub