Denkmal des Monats 2011

Die Untere Denkmalschutzbehörde stellt monatlich ein Denkmal aus dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf vor, das “Denkmal des Monats”. Auf dieser Seite finden Sie die Aufstellung des Jahres 2011, die wir weiterhin zugänglich machen wollen. Die Denkmale des aktuellen Jahres erreichen Sie über die Startseite der Stadtplanung. Ältere Jahrgänge sind auf unserer Archivseite aufgelistet.

Geschichte, Besonderheiten und Hintergründe lesen Sie in aktuell verfassten Artikeln. Nachdem wir 2010, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall Ihren Blick auf die Spuren der alliierten Präsenz im Südwesten Berlins gelenkt haben, möchten wir Sie in 2011 mit anderen Zeugnissen bekannt machen, die die vielseitige Geschichte des Bezirkes und die Betätigungsfelder der Denkmalpflege veranschaulichen.

Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Dezember

Dezember 2011 - Vorplatz der ehemaligen Königlichen Gärtnerlehranstalt

Link zu: Der "Dorfanger" um 1910
Der "Dorfanger" um 1910
Bild: BA SZ

Willy Lange wäre begeistert:
Endlich wird der halbrunde Platz vor der ehemaligen Königlichen Gärtnerlehranstalt, der seit dem Frühling diesen Jahres nach Jürgen Fuchs, einem DDR-Bürgerrechtler und Schriftsteller, benannt wurde, seiner ursprünglichen Funktion wieder gerecht: Als repräsentativer und schmückender Vorplatz der ehemaligen Ausbildungsstätte für Gartenkunst und Gartenkultur.
Der seit 1996 denkmalgeschützte Platz mit seiner fächerförmigen Grundfläche ergab sich durch den Ausbau des Verbindungsweges zwischen dem Dorf Steglitz und dem Jagdschloss Grunewald zu einer befestigten Chaussee, der heutigen Königin-Luise-Strasse, und einer Vorfahrt für das 1903 fertig gestellte Lehrgebäude der Gärtner.
Zunehmender Platzmangel und steigende Höhrerzahlen machten einen Umzug der 1824 von dem preußischen Gartenkünstler Joseph Peter Lenné (1789-1866) gegründeten Königlichen Gärtnerlehranstalt in Potsdam-Wildpark nach Dahlem notwendig.
Inmitten des entstehenden Wissenschaftsstandortes, in unmittelbarer Nähe des Botanischen Gartens, entwickelte sich hier eine „grüne“ Ausbildungsstätte mit internationalem Ruf.
Gartenarchitekt Willy Lange (1864-1941), der 1903 als ehemaliger Absolvent der Potsdamer Lehranstalt als Dozent an die Gärtnerlehranstalt gerufen wurde, bekam seitens des Direktoriums den Auftrag „diesem Platze vor der Anstalt eine besondere Betonung zu geben“.
Lange übernahm die Gestaltung zunächst nicht selber, sondern übertrug diesen Auftrag an seine Studenten. Der favorisierte Entwurf, den Platz mit einer Bronzestatue zu schmücken, umgeben von Blumen und Blütensträuchern die ganzjährig blühen, konnte aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden.
Lange, der nun selbst die Planung übernahm, wählte in Anlehnung an die damals noch ländliche Umgebung der Lehranstalt als Gestaltmotiv zunächst einen Dorfanger mit einer großen Rasenmulde, die einen trockengefallenen Teich symbolisieren sollte, Weiden und Bauergartenpflanzen.
Die Bebauung der umgebenden ehemaligen Domänenfelder befand sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst in den Anfängen.
Den 1905 fertig gestellten Anger sah Lange nicht als endgültige Gestaltung des Platzes an. Er hoffte, bei zunehmender Bebauung und Urbanisierung des Umfeldes später eine repräsentative Schmuckplatzgestaltung realisieren zu können.

Das an der Königin-Luise-Strasse an der heutigen Bushaltestelle stehende, vor kurzem rekonstruierte hölzerne Wartehäuschen gab es als Vorgängerbau bereits seit 1910, nachdem 1905 die Straßenbahnlinie von Steglitz bis zum Grunewald fertig gestellt worden war. Sie wurde vor allem auch für den Transport von Rekruten genutzt, die zum Manöver in den Grunewald ausrückten.
Später kam noch eine gusseiserne Pumpe für die Bewässerung der Anlage hinzu, die als Mobiliar heute noch vorhanden ist.

Anfang der 30er Jahre ließ Max Dietrich, der damalige Leiter des Gartenamtes Zehlendorf, den Platz mit flächendeckenden Blütenstauden und einzelnen Blütensträuchern bepflanzen. Die Anlage bekam dadurch einen deutlich repräsentativeren, schmückenden Charakter, ganz im Sinne Langes.
In den folgenden Jahrzehnten erfuhr der Platz unterschiedlichste Veränderungen.
Der repräsentative Charakter ging verloren.

1981 kam es zur nachhaltigsten Umgestaltung: Zur „Aufwertung des vernachlässigten Eingangsbereiches an der ehemaligen Königlichen Gärtner-Lehranstalt“ wurde erneut ein Wettbewerb, nun für die Studenten des Studienganges Landespflege der Technischen Fachhochschule Berlin, in welche die ehemalige Lehranstalt nach dem Zweiten Weltkrieg eingegliedert wurde, ausgeschrieben.
Ein dichter, abschirmender Gehölzmantel entlang der Königin-Luise-Strasse und der Arnimallee, ein kreisförmiger Sitzplatz, eine direkte Wegeverbindung vom Eingang zum Wartehäuschen an der Bushaltestelle, eine deutlich verkleinerte Rasenmulde und flächendeckende Strauchpflanzungen ohne besonderen Zierwert prägten dann für lange Zeit den Vorplatz.
Auf die historischen Grundlagen wurde nur wenig Rücksicht genommen, der ursprüngliche Gestaltungsgedanke kam kaum noch zur Geltung.
Eine Aufwertung konnte durch diese Gestaltung nicht erreicht werden.
Unzureichende Pflegemaßnahmen führten zusätzlich dazu, dass der Platz im Laufe der Jahre durch meterhohe, dichte Strauchflächen eher wie eine Barriere zur ehemaligen Lehranstalt wirkte: Eine unansehnliche, isolierte Grünfläche mit geringer Gestaltqualität.
Versteckt hinter einem Gehölzdickicht, verlor die Anstalt nun „ihren“ Vorplatz gänzlich und war vom anliegenden Straßenraum nur mit Mühe wahrzunehmen.

2008 erstellte der Garten- und Landschaftsarchitekt Hartmut Teske im Auftrag des Landesdenkmalamtes das Gutachten zur Wiederherstellung des Vorplatzes, der damals noch Platz ´M´ hieß.
Platz `M`: Im Zuge der städtebaulichen Überplanung Dahlems Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die entstehenden Plätze ohne Namensgebung in alphabetischer Reihenfolge bezeichnet. Diese Bezeichnung hatte der Platz noch bis Anfang 2011.
Kurios, aber von der naheliegendsten Möglichkeit, den Vorplatz der Lehranstalt nach einen ihrer bekannten Gartenkünstler oder Gartenarchitekten zu benennen, wurde nie Gebrauch gemacht. Leider auch nicht in diesem Jahr.

Mit großzügiger Unterstützung der Stiftung Siegfried und Vera Wagner-Grunwald konnte die denkmalgerechte Wiederherstellung im Frühling 2011 abgeschlossen werden.
Durch die zurückgewonnene, offene Gestaltung des Platzes ist die ehemalige Lehranstalt nun wieder von der Strasse aus wahrnehmbar.
Die rekonstruierte Rasenmulde sowie die Bepflanzung nach den historischen Vorgaben mit raumbildenden Einzelbäumen, niedrigen Blütengehölzen und Blütenstauden geben dem alten Vorplatz nun endlich den repräsentativen und schmückenden Charakter zurück, den er, wenn auch nur für kurze Zeit, einmal hatte.

Die auszuführenden Arbeiten erfolgten weitestgehend durch die Auszubildenden im Gärtnerberuf des Bezirks unter engagierter Betreuung durch Teske, der übrigens auch „Schüler“ in Dahlem war.
So ist doch zumindest der Samen der alten Lehranstalt aufgegangen, auch wenn in der Anstalt schon einige Jahre leider keine „grüne“ Ausbildung mehr erfolgt.

Adresse: Königin-Luise-Str. 22, 14195 Berlin-Dahlem
Stadtplan

Text: Uwe Schmohl
Redaktion: Dr. Jörg Rüter

Abbildungen: Büro Teske, Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

November 2011 - Kupferhaus

Link zu: Ansicht 1
Ansicht 1
Bild: BA SZ

„Kupferstolz“ präsentiert sich in der Schorlemer Allee seit kurzem wieder in vollem Glanz.

Die nach dem 1. Weltkrieg herrschende Wohnungsnot führte dazu, dass nach kostengünstigen Möglichkeiten zur Vereinfachung des Bauens gesucht wurde. Durch Typisierung und Vorfertigung von Bauteilen, durch Mechanisierung des Bauprozesses und der Verwendung preiswerter Materialien wurde nach Optimierung gestrebt.
Die Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG (HKM) begannen 1931 in Eberswalde/Finow, Fertighäuser aus dem Edelmetall Kupfer zu entwickeln. Geworben wurde mit technischem Fortschritt, gestaltet jedoch in konservativer Ästhetik.

Kupfercastell, Maienmorgen, Lebenssonne, Juwel und Kupfermärchen lauteten die wohl klingenden Haustypen in einem reich illustrierten Katalog. Als Besonderheit wurde die gute Isolierung der Kupferhäuser angepriesen. Sie sollte einer Ziegelmauer von 222 cm Stärke entsprechen!
Auch die Aufstellung innerhalb von 24 Stunden ab Fundament wirkte attraktiv. Der Preis von 10.900 Reichsmark schränkte jedoch die Zahl der Bauherren ein.

Mit der Kolonialausstellung in Paris gewann der Haustyp „Kupfercastell“ eine Auszeichnung. Auf der Berliner Bauausstellung erzielten die Häuser große Aufmerksamkeit, weil die Verwendung des Metalls als Wand- und Deckenmaterial durchaus provokativ wirkte. Die neuartige Bautechnik, die nach den Plänen und dem Patent der Architekten Robert Krafft und Friedrich Förster von HKM umgesetzt wurde, erntete in der konventionell bauenden Branche und bei Arbeitnehmerverbänden heftige Kritik.

Ab 1931 entstand neben dem Aron-Hirsch-Werk in Eberswalde/Finow eine Musterhaussiedlung mit acht Haustypen, von denen heute noch einige besichtigt werden können. Ziel war es, Großsiedlungen zu errichten. Man knüpfte eigens Kontakte in die USA und die Sowjetunion.

Walter Gropius, der sich mit der Entwicklung des industriellen Bauens schon sehr frühzeitig weit vor den 1950er Jahren beschäftigte und seine Vision „Baukasten im Großen“ verfolgte, entwickelte für die HKM die Typen Sorgenfrei und Kupferstolz. Er zeigte mehrere technische Optimierungen. An seinem Versuchshaus in der Altenhofer Straße 2 in Finow ist noch erkennbar, dass die Platten über eine besondere Falzausbildung zusammengesteckt sind und sich die ursprüngliche Verbindung mittels Nagelung erübrigte.

Mit der Weltwirtschaftskrise endete 1932 die Arbeit von Gropius und die HKM gingen in Konkurs. Für kurze Zeit gründete sich hieraus die Deutsche Kupferhausgesellschaft (DKH). Mit Werbeslogen wie „Sie wohnen bei größter Hitze in kühlen Räumen“ versuchte man jüdische Bauherren zum Erwerb und zu der Mitnahme der Kupferhäuser nach Palästina zu motivieren. Eine entsprechende Ausfuhrerlaubnis lag der DKH vor. Es wurden 14 Häuser exportiert. In Haifa stehen heute die Häuser Grundmann, Tuchler und Schönfeld.
Mit der Umbenennung 1941 der HKM in Finow, Kupfer- und Messingwerke erlosch die Erinnerung an den jüdischen Gründer Aron Hirsch. Der Bau weiterer Kupferhäuser wurde aber schon 1934 verboten. Das Metall erschien für Rüstungszwecke wichtiger. Um zu vermeiden, dass man die Kupferhäuser demontierte, wurden einige Häuser angestrichen, wie z.B. auch das Haus von Lotte Bach, das 1931 als Einfamilienhaus vom Typ Kupferstolz entstand. In der Villenkolonie Dahlem ist es ein Einzelfall, der noch heute Zeugnis von dieser bewegten Geschichte ablegt.

In mühevoller Kleinarbeit versetzten die Eigentümer das Haus in den letzten zwei Jahren wieder in seinen historischen Zustand. Im Inneren wurden die Wände von Vorsatzschalen aus Styropor und Sperrholz befreit, die metallenen Wände mit Reliefplatten freigelegt und Fehlstellen ausgebessert bzw. materialgerecht ergänzt.

Die Fassade wurde vom weißen Anstrich befreit. Es kamen keine Sandstrahl- oder Kohlensäure-Schneestrahl-Verfahren zum Einsatz sondern es wurde Material schonend abgebeizt und die Kupferoberfläche mit der Oblongstruktur sichtbar gemacht. Auch der weiße Anstrich auf dem roten Sockelmauerwerk konnte behutsam entfernt werden.

Die Außenwände bestehen aus 12 cm starken Holzrahmen, die innen mit reliefiertem 0,5 mm Stahlblech und außen mit 0,75 mm gestanztem Kupferblech beschlagen sind. Die Hohlräume dienen als mehrschichtige Luftkammerdämmung, die aus Aluminium-Asbestit-Pappen gebildet sind (Mit einem ermittelten Wärmedurchgangskoeffizient von 1,04 W/m2K sind heute geltende energetische Anforderungen erfüllt!). Innen wurde für die Beplankung dem Diagonalmuster der Vorzug gegenüber einem englischen und japanischen Reliefmuster gegeben. Die hier gewählten Farbtöne wurden auf der Grundlage des Angebots der 1930er Jahre entwickelt. Das Farbkonzept für Fenster, Fensterläden und Hauseingangstür basiert auf restauratorischen Untersuchungen.

Die Dachdeckung mit genagelten Teerpappenschindeln bietet die einfachere der möglichen Varianten. Aber die Installation der kastenförmigen Kupferrinne am Eingangsvorbau zeigt eine bauzeitlich gelungene Fassung.

In Finow sind noch weitere historische Details sichtbar: profiliertes Kupferblech als Dachdeckung, filigran profilierte Dachflächenfenster und eine Entwässerung in Kastenform mit kupferner Kastenrinne und ebenso geformtem Fallrohr.

Adresse: Ortsteil Dahlem

Schorlemer Allee Stadtplan

Text: Michaele Brunk
Redaktion: Dr. Jörg Rüter
Fotos: Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

Oktober 2011 - Gefängnis Lichterfelde

Link zu: Ansicht 1
Ansicht 1
Bild: BA SZ

Während man den ersten von sieben schmucken Neorenaissancegiebeln des Amtsgerichtes auf Grund von Salzeinwirkungen und Frostsprengungen abträgt, werden nebenan die Zellen der benachbarten Gefängnisflügel geräumt. Mitten in Wilhelm von Carstenns malerischer Villenkolonie Lichterfelde endet geräuschlos und unbeachtet die Ära einer hundertjährigen Haftanstalt. Rücken an Rücken mit einer ebenso alten Gemeindeschule, der heutigen Käthe-Kruse-Grundschule am Tietzenweg.

Rund zwei Dutzend Freigängerinnen suchten in den letzten Jahren die alte Zuchtanstalt zum Schlafen auf, um tagsüber freien Fußes ihren beruflichen und privaten Geschäften nachzugehen.
Vor Einrichtung des offenen Vollzugs, herrschte eine ungleich strengere Gefängnisdisziplin. Bis 1964 maß eine Zelle 1,10 m Breite und 3,50 m Länge. Tageslicht fällt oberhalb von 1,80 m Unterkante Fenster in den 3 m hohen Raum. Immerhin im Nordhof gedeihen Apfelbäume. Eine Baracke wurde in den 80er Jahren zur Saalkirche umgebaut. Der zweite Hof diente als Mutter-Kind-Bereich. Und in der Glasbläserei und Schneiderei boten sich den Frauen handwerkliche Betätigungsmöglichkeiten. Offiziell hieß der Komplex Frauenhaftanstalt Tiergarten, Außenstelle Söhtstraße, später Haus 2 der JVA Düppel.

Das Gericht und Gefängnis wurden im Zuge einer 1906 in Berlin und seinen Vororten vollzogenen Justizreform gebaut. Was sich nach außen im Gewand aristokratischer Renaissancearchitektur nobel in das Villengebiet einpasst, ist im Inneren märkischer Sakralarchitektur entliehen. Nur die Gefängnisbauten kommen funktional bis schlicht daher und fügen sich städtebaulich in die markante Silhouette steil aufragender Satteldächer mit geschwungenen Giebelabschlüssen ein.

Rudolf Mönnich und Walter Sarkur lieferten 1903 die akkurat ausgearbeiteten, zum Wohlgefallen der Gemeindevertreter eigens farbig lavierten Bauzeichnungen. Sie leisteten mit Pinsel und Aquarelltechnik Überzeugungsarbeit, die heute per Mausklick und Grafikprogramm generiert wird. Auch bei der Wahl des Ausführungsmaterials bedienten sich die Architekten eines besonderen, heute nicht mehr gebrochenen Kalksandsteines aus dem Raum Quedlinburg/ Halberstadt. Fein profilierte Zwerchhaus-, Fenster- und Portalfassungen ließen sich aus dem Naturstein meißeln. Das Planungsteam aus preußischer Justizbauverwaltung und ministerialer Baukommission entwickelte unter Mönnich Routine. Allein in Berlin realisierte es bis zum 1. Weltkrieg zehn Standorte, wobei das Land- und Amtsgericht I in der Littenstraße in Mitte sicher der Imposanteste wurde. Dazu kamen weitere Gerichtsbauten in den Provinzen – wie in Düsseldorf am Rhein.

1912 sollte Lichterfelde ausgebaut werden. „Die Verlängerung der Front an der Söhtstraße liegt wegen der dadurch erzielten Maskierung des Gefängnishofes im öffentlichen Interesse“, schrieb der Vorstand des Königlichen Hochbauamtes X an den Bezirksausschuss in Potsdam über den Gemeindevorstand in „Groß=Lichterfelde“. Man war sich des Widerstandes aus der Wohnnachbarschaft deutlich bewusst. „Es möge auch berücksichtigt werden, dass ein derartiges Dienstgebäude von der Bebauungsbeschränkung der Baupolizeiverordnung, deren Zweck die hygienisch erforderliche Verhütung zu großer Wohnungsdichte ist, zwar im Wortlaut nicht aber der ursprünglichen Absicht nach getroffen wird, denn das Gerichtsgebäude wird tagsüber nur stundenweise benutzt. Außer den wenigen Dienstwohnungen und dem Gefängnis steht das Gebäude nachts leer“, suchte auch der Königliche Baurat Koerner 18 Monate später den Bezirksausschuss erneut zu überzeugen. Der Ausbau wurde nach eineinhalb Jahren im Dezember 1913 genehmigt.
Durch die Lückenschließung entstand eine direkte Verbindung zwischen Amtsgericht und Gefängnis und damit auch ein separater Gang, der direkt auf die Anklagebank im Verhandlungssaal führte und der bis 1945 für Delinquenten beiderlei Geschlechts vorgesehen war. Nach dem Krieg hauste das amerikanische Militärgericht hier vorübergehend.

Inzwischen sind die Gerichtsgebäude mit neuer Dachdeckung, restaurierten Natursteingiebeln und heute üblichen Brandabschnitten wieder hergestellt. Der Gefängnistrakt in der Söhtstraße hingegen wartet seit 2010 auf eine neue Nutzung. Und das Berliner Immobilienmanagement ist dankbar für Bewerber mit kreativen Ideen, die Leben in die denkmalgeschützten Zellen bringen, ohne das herrliche Dasein im luftigen Garten „Groß=Lichterfeldes“ zu inkommodieren.

Adresse: Ortsteil Lichterfelde, Ringstraße 9 / Söthstraße 7 Stadtplan

Text: Dr. Jörg Rüter
Redaktion: Dr. Jörg Rüter
Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

September 2011 - Die Freiflächen der Mietwohnanlage Dahlem II

Link zu: Ansicht 10
Ansicht 10
Bild: BA SZ

Die Domäne Dahlem, die der Berliner heute als weitläufige, erholsame Kulturlandschaft schätzt, reichte mit ihren Acker-, Wiesen- und Waldflächen vor gut einem Jahrhundert noch bis an die heutige Strasse unter den Eichen. 1904-1906 auf diesen ehemaligen Feldern der Domäne Dahlem gebaut, gruppieren sich die Gebäude der Wohnanlage des Beamten-Wohnungs-Vereins (BWV), einer der ersten Bauherren auf dem Domänengebiet, in offener Bauweise um einen großen Hof.

In Abkehr zur Mietskasernenstadt Berlin mit ihrem Wohnungselend in den engen und dunklen Hinterhöfen, sollte hier dem immer stärker werdenden Drang der Großstädter nach „Licht, Luft und Sonne“ Rechnung getragen werden. Die Wohnlichkeit der Landhäuser mit ihrem Fachwerk und den Fensterläden setzt sich auch in der Außenanlage fort.

Die von den Straßenfluchten weit zurückgesetzten Gebäude ermöglichten die Anlage sehr großzügiger Vorgartenbereiche. Der Hof wurde parzelliert, um den Mietern jeweils einen kleinen Garten zur individuellen Nutzung zur Verfügung zu stellen. Identifikation mit dem Wohnumfeld, sich zuhause fühlen: Soziale Ziele der Reformbewegungen damaliger Zeit wurden hier verwirklicht. Anfänglich waren Beamte als Mieter bevorzugt, sollten sie doch in ihrer beruflichen Pflichterfüllung unterstützt werden: „Kehre der Beamte heim von seiner Arbeit, so solle seine Wohnung ihm ein wirkliches Heim bieten, zu seinem Gemüt sprechen, damit er sich zu neuer Diensttätigkeit stärken könne.“

Die Vorgärten und die inneren Freiflächen wurden als Rasenflächen angelegt, lediglich akzentuiert von einzelnen Solitärbäumen oder Sträuchern. Eine offene Gestaltung. Keine hohen, dichten Hecken und Abpflanzungen, die Sicht und Raum einengen. Lediglich die Eingangsbereiche wurden mit einer aufwendigeren Bepflanzung hervorgehoben.

Nur zwingend erforderliche Zugangs- und Erschließungswege von geringer Breite durchziehen die Anlage, um die Grünflächen nicht zu sehr zu zerschneiden.
Die Befestigung der Wege erfolgte mit Bernburger Mosaik, eingefasst mit gelben Klinkern, in der damaligen Zeit in Berlin eine häufige Materialverwendung.
Gemauerte Klinkersockel umgeben die Anlage. Der für die Landhausarchitektur typische, weiß gestrichene, aufgesetzte Holzlattenzaun fiel nach dem letzten Krieg der Brennholzknappheit zum Opfer. Hohe Klinkerpfeiler mit Abschlusssteinen sowie Gartenpforten aus Holz betonten die Zugänge.

Die Gärtchen wurden mit einfachen, niedrigen Maschendrahtzäunen eingefriedet. Abschirmende hohe Hecken und Nadelgehölze, Lauben und Terrassen gab es damals in den kleinen Gärten nicht. Sie waren geprägt durch Rasenflächen, kleinere Sträucher und überwiegend Obstgehölze.
Eine offene Gestaltung, die das Gemeinschaftsgefühl der Bewohner förderte und die Gärtchen als Teil einer Einheit kennzeichnete.
Ganz im Sinne des genossenschaftlich organisierten BWV.
Zu den Mietergärten kamen noch Gemeinschaftsflächen wie Spiel- und Müllplätze hinzu, zukünftig wird es auch Fahrradstellplätze geben.

Mit großem Engagement investiert der BWV in die Sanierung und Wiederherstellung der seit 1983 denkmalgeschützten Anlage.
Die vielfach verloren gegangenen Qualitäten der Freiflächen werden derzeit unter der fachkompetenten Bauleitung des Gartenarchitekten Matthias Janssen Schritt für Schritt zurückgewonnen.
Vielleicht gelingt es auch, die Bewohner von diesen Qualitäten zu überzeugen, damit Sichtschutzzaun, Tannenbaum, Waschbetonplatte und Co. bald der Vergangenheit angehören.
Und wenn dann vielleicht irgendwann der weiße Holzzaun wieder montiert ist……

Adresse: Ortsteil Dahlem, Stadtplan

Ladenbergstraße 22

Text: Uwe Schmohl
Redaktion: Dr. Jörg Rüter
Fotos: Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

August 2011 - Das Rotherstift in Lichterfelde-West

Link zu: Cimg4102
Cimg4102
Bild: BA SZ

Weitab vom Durchgangsverkehr, umgeben von ruhigen Wohnstraßen mit originalem Kopfsteinpflaster und altem Baumbestand liegt eingebettet in einen Park eines der markantesten Gebäude in Lichterfelde, das Rotherstift.

Die Rotherstiftung wurde 1840 von Oberfinanzrat Rother gegründet mit dem Ziel, die Altersversorgung unverheirateter Töchter von höheren Beamten und Offizieren zu sichern. Die notwendigen Mittel hierfür stammten aus Überschüssen des königlichen Leihamtes, die mildtätigen Zwecken zugeführt werden mussten.

In Lichterfelde wurde 1896-98 das zweite Gebäude für die Stiftung nach Plänen von Alfred Körner errichtet. Der dreiflügelige Gebäudekomplex im Stil der märkischen Backsteingotik besteht aus einem Hauptbau mit Treppengiebel und zwei symmetrisch angelegten Bauten mit Ecktürmen, die über eingeschossige halbrunde Verbindungstrakte mit dem Haupthaus verbunden sind. In den Gebäuden waren 46 Zweizimmerwohnungen, die unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurden, untergebracht. Außerdem erhielt jede Bewohnerin medizinische Versorgung und eine kleine Rente. Neben den Wohnungen konnten die Bewohnerinnen den Festsaal, die Bibliothek, die inzwischen zu Wohnungen umgebaute Gartenhalle und den großen Park gemeinschaftlich nutzen.

Betritt man das Grundstück durch das aufwendig gearbeitete schmiedeeiserne Tor, hat man das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Selten hat man das Glück, ein über 100-jähriges Gebäude sowohl außen als auch innen so wenig verändert vorzufinden. Bewohner und Besucher können sich noch heute an zahlreichen Details wie der historischen Nachtglocke, den aufwendig verzierten Dachrinnen, dem Sternenhimmel-Deckengemälde im Treppenhaus oder dem neogotischen Rippengewölbe im Mittelgang des Haupthauses erfreuen.

Das Grundstück, das ursprünglich den gesamten Block umfasste wurde bereits in den 1920er Jahren durch Verkäufe verkleinert. Weitere Grundstücksverkäufe an den Blockrändern folgten, und in den 1990er Jahren wurden auf dem verbleibenden Grundstück zwei Neubauten mit altersgerechten Wohnungen errichtet.

Die Nutzung als Altersheim blieb über 100 Jahre bestehen. Heute ist der Beamten-Wohnungs-Verein zu Berlin eG Eigentümer der Anlage. Die im Grundriss weitgehend unveränderten Wohnungen gehören jetzt zur Wohnanlage „Rother-Park“, die Mietern jeden Alters zur Verfügung steht. Mit dem Beamten-Wohnungs-Verein zu Berlin eG wurde ein neuer Eigentümer gefunden, der nicht nur die Gebäude in ihrem bauzeitlichen Erscheinungsbild erhält, sondern auch kürzlich große Teile der historischen Gartenanlage denkmalgerecht wiederherstellen lassen hat.

Das Rotherstift kann im Rahmen einer Führung durch die Villenkolonie Lichterfelde-West beim Tag des offenen Denkmals am 11.9.2011 besichtigt werden. Informationen erteilt Ihnen die Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf, Frau Schmiedeke 90299-5821, sabine.schmiedeke@ba-sz.berlin.de

Adresse: Ortsteil Lichterfelde, Stadtplan
Kommandantenstraße. 9-12 in 12205 Berlin

Text: Sabine Schmiedeke
Redaktion: Dr. Jörg Rüter
Fotos: Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

Juli 2011 - Mietwohnanlage Dahlem II

Link zu: Juli 2011
Juli 2011
Bild: BA SZ

Anfang des Jahres gab es massive Protestbriefe, in denen großes Missfallen über die Gestaltung der Treppenhäuser geäußert wurde. Die gestrichenen Tarnfarben seien bestenfalls für eine Kaserne aber nicht für ein Wohnhaus, schon gar nicht, wenn Kinder dort wohnen, geeignet. Eine Verunstaltung dieser Art sei nicht hinnehmbar.

Das Farbkonzept für die Treppenhäuser basiert –wie in der Denkmalpflege üblich- auf restauratorischen Voruntersuchungen. Im Rudeloffweg 12 und in der Von-Laue-Straße 17 wurden historische Farbfassungen entsprechend der Untersuchungsergebnisse hergestellt. Beide Fassungen zeichnen sich durch das fast Tür hohe einfarbige Paneel und darüberliegende ornamentbestückte Flächen aus. Das Muster mit den spiralisierten Kreisen ist in den Wandflächen auf farbigem Untergrund und als Deckenbemalung sowie auf den Treppenwangen auf weißem Grund aufgetragen. Einen eleganten Akzent setzt der intensiv gelbe Begleitstrich im Ixel zwischen Wand und Decke in den Ornamentflächen mit stilisierten Blütenzweigen.

In den anderen Treppenhäusern wurde eine vereinfachte Variante umgesetzt. Die Ornamente in den Obergeschossen entfielen und das Paneel reduziert sich in seiner Höhe.

Nach Fertigstellung einschließlich der Beleuchtung, den Klingelbrettchen neben den Wohnungseingängen, den Beschlägen an den Wohnungseingangstüren, dem neuen farbenfrohen Sisalläufer ist ein sehr stimmiges Farb- und Gestaltungskonzept wieder erlebbar geworden. Auch die neu gestrichenen Farben an Haustüren, Fenstern, Fensterläden, Rollläden, dem Fachwerk, an Dachkästen, Gittern, Geländern und Putzflächen entsprechen den restauratorisch festgestellten Fassungen.

Seit Oktober 2008 ist der Beamtenwohnungsverein (BWV) wieder Eigentümer der Anlage. Er war bereits Bauherr in den Jahren 1904 – 1906 und hat nach Entwürfen von Erich Köhn die Mietwohnanlage Dahlem II bauen lassen.

Im Gegensatz zu den üblichen Mietskasernen um 1900 entstanden hier offen gruppierte Mietshäuser im Landhauscharakter mit intensiv begrünten Höfen. Auf die gärtnerischen Qualitäten kommen wir im Monat September zurück. Für die Fassadengestaltung wurden unterschiedliche Baustoffe und typische Elemente des Landhausstils verwendet. In den Giebeln der hohen Dächer zeigt sich Fachwerk mit Putzspiegeln, der rote Klinkersockel korrespondiert mit der roten Biberschwanzdeckung und den Einfriedungsmauern. Die ebenso gedeckten Gauben zeigten seitlich ursprünglich Schieferverkleidungen. Die hell gestrichenen Fenster sind kleinteilig gesprosst und werden durch farbige Läden und Biberschwanzfensterbänke gerahmt. Die Treppenhäuser schließen im Dach mit Türmen ab. Weitere Gliederungen werden durch Erker vorgenommen.
Die Anlage war durch mannshohe Holzzäune gefasst, die man auf alten Fotos als markante Einfriedung sehen kann. Die Reste der Zaunanlage wurden nach 1945 verheizt.

Dahlem II entstand in einer Zeit, in der wichtige Sozialreformen ihren Weg nahmen. Aufgrund des Wohnungsmangels und der Preistreiberei gründeten sich Baugenossenschaften als Selbsthilfeorganisationen. Sie erhielten Unterstützung durch staatliche Kredite, verbilligtes Bauland und Erbpachtgrundstücke. So gründete sich in dieser Zeit auch der Beamtenwohnungsverein, der in den ersten fünf Jahren von dem Planer der Siedlung Dahlem II, dem Architekten Erich Köhn (Berlin 29.08.1879 – 13.05.1967) als Architekt und Vorstandsmitglied geleitet wurde.

Mittlerweile haben sich die Proteste der Bewohner gelegt und man vernimmt froh gemute Kommentare zu den zurück gewonnenen Treppenhausgestaltungen.

Adresse: Ortsteil Dahlem, Stadtplan

Von-Laue-Straße 3, 7, 9, 11, 15, 17,
Ladenbergstraße 22, 24 und
Rudeloffweg 4, 6, 8, 10, 12 und 16

Text: Michaele Brunk
Redaktion: Dr. Jörg Rüter
Fotos: Untere Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

Juni 2011 - Wertheim in der Schloßstraße

Link zu: 1954 nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes
1954 nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes
Bild: BA SZ

Die Steglitzer Schloßstraße ist – frei nach Ernst Bloch – ein Gebilde das nie ist und immer wird. Das war während der Zwanziger Jahre so, als das gebaute Licht des Titaniapalastes Millionen in den Südwesten lockte, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg, als die vitale Geschäfts- und Kulturmeile schneller aus den Trümmern Berlins erwuchs als Kurfürstendamm und Tauentzien wieder erblühten. Philharmoniker und Filmfestspiele nutzten den Titania. Theodor Heuss feierte hier seine Wahl zum Staatsoberhaupt 1954. Der frisch gewählte Bundespräsident weihte am westlichen Ende der Schloßstraße, Ecke Grunewaldstraße Berlins erste Stadtbücherei nach dem Krieg ein.
Schon in den Weimarer Jahren plante der Wertheim Konzern zwei Blöcke südlich des Kinos einen großen „Kaufhausdampfer“: mit überdachten Sonnendeck als Terrassenrestaurant und durchlaufendem Schaufenster. Die Weltwirtschaftskrise beendete das Projekt, das Otto Rudolf Salvisberg entworfen hatte.

Der Hamburger Architekt Hans Soll knüpfte an den Ideen an und realisierte mit dem Wertheim in der Schloßstraße 1952 Berlins erstes Kaufhaus seit Blockade und Luftbrücke. Es bekam mehr maritime Züge als ihm der Schweizer Salvisberg zehn Jahre zuvor zugedacht hatte. Die abgerundete Gebäudeecke zur Treitschkestraße zeigt wie ein Bug in die Stadt. Der hoch aufragende Treppenhausturm zur Schildhornstraße bietet eine fünfgeschossige Kommandobrücke, die sich mit elegant vor Rundsäulen gebogenen und Geschoss hohen Fenstergläsern in die Straßentrasse öffnet, mit Bullaugen zur gegenüberliegenden Häuserzeile. Selbstverständlich die Sonnenterrasse, als Panoramadeck im Norden und mit Flugdach geschütztes Feinschmeckerlokal im Süden. Schnittig das umlaufende, weit aus kragende Vordach über der in Glas aufgelösten Nullebene, die den Dampfer mit seinen Warenauslagen in das deutsche Konjunkturwunder schweben lässt.

Und genau letzteres wurde ihm zum Ballast. Ursprünglich nur knapp 20 Meter tief in den Block gerückt, bekam der Bau immer mehr Schlagseite zum Inneren des Stadtquartiers: Der zweite Abschnitt folgte 1955, der dritte erreichte 1963 bereits die Blocktiefe von 87 Metern. Als 1967 die südlich angrenzende Gründerzeitbebauung für Autobahn und Tiburtiusbrücke abgerissen wurde, entstand zur Schildhornstraße der letzte Erweiterungsanbau. Er führte zum Verlust des offenen und großzügig geschwungenen Treppenhauses an der einstmaligen Südostecke. Dazu kam ein Parkhaus parallel zur Brückenrampe für die Konjunkturlokomotive Pkw. Es war die Hochphase der Fortschrittsgläubigkeit – und des Apolloprogramms. Architektur wurde zunehmend zum Spiegel innovativer Technik, die nicht nur am Berliner ICC mit Aluminiumblech reflektierte. Um die 4 Bauabschnitte Wertheims unter einem Fassadenkleid zusammenzufassen, bediente sich der immer noch verantwortliche Hans Soll Ende der Sechziger Jahre eines vor gehängten und ab dem 1. OG Gebäude hohen Lamellenkostüms.

Es folgten Jahre routinierter Vernachlässigung. Reparaturen führten zu gestalterischen Missbildungen, Traufkanten verklobten, Eingange wurden umsortiert, Mobilfunkantennen und Klimatechnik ersetzten Dachterrassenbesucher. Der einst schicke Dampfer saß fest und versteckte sich bis in das zweite Jahrzehnt nach dem Mauerfall unter seinen Überformungen.

Es war kein Wunder, dass kaum jemand mit dem Gebäude etwas anfangen konnte. Als das benachbarte Karstadt-Warenhaus von dem Planungsbüro Ortner und Ortner neugestaltet und revitalisiert wurde, wollte der gleiche Bauherr Wertheim in Gänze ersetzen. Die Wiener Architekten aber erkannten unter den Lamellen die von wenigen Denkmalpflegern gepriesenen Qualitäten. Gemeinsam wurde der Bauherr davon überzeugt, ein Stück Nachkriegsmoderne als Identifikation stiftende Adresse zu nutzen und wieder erlebbar zu machen. In Anbetracht der allerorten in der Schloßstraße zu verzeichnenden Modernisierungen und Neubauten, soll der Traditionsbau helfen, Unverwechselbarkeit und Qualität zu verbinden.

Die aus den Erweiterungsbauabschnitten geborgenen Keramikfliesen dienen der Schadensbehebung am Ursprungsbau. Die Schaufenster werden originalgetreu nachgebaut und mit eleganten schwarzen Stahlrahmen und messinggetriebenen Aufsatzprofilen fein differenziert. Stürze und Sockel erhalten ihre schwarz glänzenden Paneele zurück. Ein Tribut an den Erhalt und Rückgewinn der Fassade ist hingegen die neue, nach links gerückte Erschließung des rücklings angedockten Neubaukomplexes und die im Raster des Stahlbetons geöffneten Fensterformate. Dafür wird der in den 1980er Jahren eingebrochene Zugang in der abgerundeten Ecke im Norden wieder mit einer gewölbten Verglasung geschlossen.

So entwickelt sich das Gebilde Schloßstraße weiter, das mit seinen tief in die Geschichte reichenden Land- und Stadtwurzeln und mit einem frisch aufblühenden Wertheim, zu neuer Dynamik aus Tradition und Innovation findet.

Adresse: Schloßstraße 11-15

Text: Dr. Jörg Rüter
Fotos: Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf, Karstadt Immobilien AG
Adresse: Ortsteil Steglitz, Stadtplan

Mai 2011 - Teltowwerft der Teltowkanal AG

Link zu: Mai 2011
Mai 2011
Bild: BA SZ

Zeitgleich mit dem Teltowkanalbau (1901-06) wurde der Bauhafen auf dem Grundstück Sachtlebenstraße 60/64 von den Königlichen Bauräthen Havestadt & Contag für die Teltowkanal AG angelegt, der durch einen 40 m langen Stichkanal nach Norden mit dem Teltowkanal verbunden ist. Der Bauhafen mit seiner elektrisch angetriebenen Querslipanlage, mit der man Schiffe bis 50 m Länge an Land ziehen konnte, diente der Reparatur von Schiffen und ab den 1920er Jahren dem Neubau von Last- und später in erster Linie von Fahrgastschiffen. 1927 lief das erste elektrisch geschweißte Fahrgastschiff, die „Zehlendorf“, für die Teltower Kreisschifffahrt vom Stapel. Für die Werft wurden zu diesem Zweck ein Elektrizitätswerk errichtet, ein Lokomotivschuppen, ein Ölhaus, ein Windenhaus, eine Umformerstation, ein Lagerhaus, ein Pförtnerhaus, ein 1. und ein 2. Verwaltungsgebäude (1904-30).

Am südlichsten Ende der Sachtlebenstraße, die hier nur noch ein Sandweg ist, steht am Kanalufer neben dem Brückenkopf der nicht mehr vorhandenen Fußgängerbrücke nach Teltow ein Wasserhaus mit einem Holzpavillon darauf, von dem aus laut mündlicher Überlieferung Kaiser Wilhelm II. die von ihm initiierten und unter seinem Patronat stehenden Kanalarbeiten besichtigt haben soll.

Das Elektrizitätswerk wurde auch für den Betrieb der Treidelloks entlang des Kanals und zur Versorgung der benachbarten Gemeinden Schönow und Teltow gebaut. Der kompakte Kraftwerksbau besteht aus 3 Bauteilen, aus dem Kesselhaus, dem Maschinenhaus und dem 2-geschossigen Büro- und Wohnhaus. 1923 wurde das Werk erweitert und Ende der 1930er Jahre nach Übernahme durch die BEWAG stillgelegt. Das Öl- und Windenhaus war für den Betrieb der Slipanlage notwendig; das Wasserhaus für die Befüllung der Kessel des Kraftwerks. Eine auf Schienen fahrbare Schiffsbauhalle neben der Slipanlage ist seit 1978 nicht mehr vorhanden.

Seit seiner Inbetriebnahme 1906 war der Teltowkanal die kürzeste Schifffahrtsverbindung zwischen Unterhavel und Oberspree. Ab 1948 war der Kanal für den Schiffsverkehr von Kleinmachnow bis Lichterfelde-Süd gesperrt. Erst 1981 wurde nach Verhandlungen mit der DDR der Kanal für den Schiffsverkehr wieder geöffnet und seit 1990 im Rahmen vom „Projekt 17“ ausgebaut.
Auf der Teltowwerft wurden bis 1963 Schiffe gebaut, die jedoch über Schienen nach Norden zum Wassereinsatz gebracht wurden.

Der Bauhafen mit allen Werksgebäuden stellt ein bedeutendes Denkmalensemble der Industrie-, Verkehrs- und Technologiegeschichte dar. Er war das Schwungrad des Kanalbetriebs, der seine zentrale Bedeutung in den umfassenden „Wilhelminischen Reformen“ zum Ausbau des Deutschen Reichs als avancierenden Industriestaat einnahm.
Darüber hinaus zeigt das Ensemble eine künstlerische Qualität in seiner äußeren Gestaltung, wie auch mit seinen neuzeitlichen Konstruktionen, die kurz nach 1900 Anklänge an den Historismus, an den Heimatschutzstil und die späten Bauten die der Neuen Sachlichkeit beinhalten.
Der wesentliche Teil der heutigen Anlage wird von der Berliner Hafen- und Lagerhaus-Gesellschaft verwaltet und von Handwerksbetrieben genutzt.

Adresse: Sachtlebenstraße 60/66

Text: Margitta Saebetzki
Literatur: LDA Bln – LDA 222, Gutachten 30.06.2003
Fotos + Pläne: Archiv Unterer Denkmalschutz Steglitz-Zehlendorf
Adresse: Ortsteil Zehlendorf, Stadtplan

April 2011 - Waldsiedlung Krumme Lanke

Link zu: April 2011
April 2011
Bild: BA SZ

Ein Häuschen mitten im Wald. Klein, mit spitzem Dach und Fensterläden. Direkt unter großen Kiefern.
Unmittelbar an den Grunewald angrenzend, zwischen Quermatenweg und Argentinischer Allee gelegen, bilden mehr als 300 eingeschossige Einzel-, Doppel- und Reihenhäuser eine Wohnanlage mit einem ganz besonderen Charakter: Die „Waldsiedlung Krumme Lanke“, sie ist seit 1992 als Gesamtanlage unter Denkmalschutz gestellt.

Die sogenannte „Kameradschaftssiedlung der SS“ wurde 1937-1939 von der GAGFAH unter der Leitung des damaligen Regierungsbaumeisters Hans Gerlach errichtet. Sie sollte das Gemeinschaftsgefühl der SS-Angehörigen auch im Wohnen stärken. In die Waldlandschaft mit hohen Kiefern eingestellt, entsprachen die Häuser der einstigen Elitesiedlung dem ab 1933 propagierten Baustil:
Hohe Satteldächer für ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, Sprossenfenster mit Klappläden in Blau, Braun und Grün, holzverschalte Dachgauben, eine Dacheindeckung mit Biberschwanzziegeln und Blumenerker sind beispielhaft für den im „Dritten Reich“ verbindlichen „Heimatstil“, der an bodenständige Bauweisen und Traditionen anschließen und „Ausdruck anständiger Baugesinnung“ sein sollte: Zurückhaltung und Einheitlichkeit in der Gestaltung, betonte Einfachheit, Verbundenheit mit Landschaft und Natur.

Um preiswert bauen zu können, nutzte man für die Gebäudeplanung die von der GAGFAH seit 1918 für Heimstättensiedlungen entwickelten Mustertypen.
In den Häusergrößen spiegelte sich die Hierarchie der SS-Dienstgrade wieder:
Die frei stehenden größeren Einfamilienhäuser blieben den hohen Dienstgraden vorbehalten, die Doppel- und Reihenhäuser wurden an die mittleren und niedrigeren Ränge vergeben.
Etwa ein Drittel der Gesamtanlage blieb unbebaute Waldlandschaft.

Auf die Abgrenzung privater Gärten wurde in weiten Teilen verzichtet, der Wald mit seinen Kiefern, Eichen und Birken sollte sich bis in die Hauszeilen erstrecken:
Eine gemeinsam nutzbare, behutsam gestaltete Grünanlage mit Waldpark-Charakter ohne trennende Zäune oder Hecken. Bis heute ist die starke Durchgrünung durch die den Eingangsbereichen zugeordneten Gemeinschaftsflächen erlebbar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bewohnten zunächst Flüchtlinge die nahezu unzerstörte, aber verlassene Siedlung. In der Nachfolge wurden die Häuser durch die GAGFAH vermietet.
Die bauliche Gestalt blieb über diese Jahrzehnte weitgehend erhalten. Es dominiert auch heute noch der Charakter einer in sich geschlossenen Gesamtanlage.

Vor einigen Jahren wurde mit der Privatisierung der Wohnanlage begonnen. Nutzungsinteressen und Gestaltungswünsche der einzelnen Eigentümer führen häufig zu nicht denkmalgerechten Veränderungen an Gebäuden und Freiflächen. Sie gefährden den Fortbestand der zu erhaltenden Qualitäten. Es ist daher von Wichtigkeit, der Eigentümergemeinschaft den besonderen Wert und die Qualitäten ihrer Siedlung nahe zu bringen, damit bei Investitionen der Denkmalschutz ausreichend berücksichtigt wird und der einheitliche Charakter der Anlage auch zukünftig erhalten bleibt.

Text: Uwe Schmohl
Fotos: DenkmalschutzbehördeSteglitz-Zehlendorf, Archiv GAGFAH

Adresse: Ortsteil Zehlendorf, Stadtplan

März 2011 - Wohnhaus Roenpage

Link zu: Ansicht 1
Ansicht 1
Bild: BA SZ

Außen scharfkantig geschichtet und verschachtelt, hell verputzt, zur Straßenecke ein dunkelrotes Schmuckband in filigraner Horizontalriffelung, im Inneren die pralle Farbenkulisse vom Boden bis zur Decke mit den malerisch komponierten Blicken in den Kiefer bestandenen Naturfreiraum. Man könnte bei diesem Bau von Richard Neutra durchaus von einem Initialzünder der Moderne sprechen.

Der österreichische Architekt Richard Neutra (1882 – 1970) hat seinen eigentlichen Ruhm in Amerika erlangt. Er hat neben der Entwicklung größerer Bauvorhaben sich vorrangig mit seinen Einfamilienhäusern einen Namen gemacht. Fotografien von Julius Shulman zeigen besonders deutlich, die Öffnung der Häuser ins Freie und die Einbeziehung der Landschaft in den Wohnbereich. In seinen späten Jahren kehrte Neutra nach Deutschland zurück und hat für namhafte Bauherren auch hier individuelle Einfamilienhäuser entworfen. Mit einem ausgewogenen Verhältnis von Geschlossenheit und Öffnung sollten seine Häuser in die Gegebenheiten der Landschaft und Vegetation integriert werden.

Der Entwurf der Villen in der Siedlung Sommerfelds Aue in Zehlendorf entstand in der Berliner Zeit, als Neutra im Büro Erich Mendelsohns arbeitete.
Die vorherrschende Bebauung in Zehlendorf prägten bürgerliche und großbürgerliche Landhäuser. Neutras Planung in seiner konsequent modernen Formensprache hob sich deutlich ab und stach aus der Sicht der Kommunalpolitik und -verwaltung absolut negativ hervor. Das Hochbauamt forderte namenhafte Architekten im Rahmen eines Ausschusses zur Beurteilung dieses modernen Entwurfs auf. Dem Architekten Crzellitzer (u.a. Stubenrauchstraße 7) erschien der Kampf gegen die „Zigarrenkistenmode“ aussichtslos, für den Stadtrat Hoge stellten die Häuser der neuen Sachlichkeit eine völlige Verunstaltung dar. Entscheidend aber stimmte Paul Mebes (u.a. Siedlung Am Heidehof) dem Bau der Siedlung zu.

Die Kleinsiedlung als frühes Beispiel der klassischen Moderne im Wohnhausbau mit besonderem Stellenwert und von architekturgeschichtlichem Rang begann, diesen Standort zu prägen. Wenig später entstand angrenzend die Onkel-Tom-Siedlung durch die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg.
Als Bauunternehmer war Adolf Sommerfeld mit seiner Allgemeinen Häuserbau AG in den 1920er Jahren häufig im Süden Berlins tätig, so auch für diese Wohnhaussiedlung, die heute seinen Namen trägt. Die Siedlung war ursprünglich mit zehn Gebäuden, die um eine Stichstraße gruppiert waren, geplant. Das Haus Roenpage ist eins der vier Häuser, die 1923/24 realisiert wurden.

Am Äußeren der Neutrahäuser ist der Einfluss Mendelsohns (u.a. Schaubühne am Kurfürstendamm 153, Mossehaus in der Schützenstraße 25 Ecke Jerusalemer Straße) mit der blockhaften Form, den knapp auskragenden Platten und den bandartig übereck gestellten Fenstern unverkennbar. Die zweigeschossigen kubischen Putzbauten sind materialsichtig und erhalten durch das dekorative, geriffelte Profilband einen markanten, farbigen Akzent.Im Inneren ist besonders das Raumkonzept Neutras zu würdigen.
Analog zu den zeitgenössischen bühnen- und filmdramaturgischen Experimenten entwickelte er Ideen zur Dynamisierung des Raumes durch Installation einer Drehbühne, die allerdings nur in einem Haus ausgeführt wurde und leider nicht mehr erhalten ist. Im Wohnbereich war eine in drei Segmente aufgeteilte Drehbühne geplant. Durch entsprechende Konstellation konnten die unterschiedlichen Funktionen wie Esszimmer, Musikzimmer oder Bibliothek dem Wohnbereich zugeordnet werden. In der Presse machte man sich allerdings mit entsprechenden Karikaturen über diese Ideen lustig. Außerordentlich hervorzuheben ist die prägnante Farbfassung der Räume. Das Farbspiel zeigt intensive kräftige Töne in Rot, Blau und Grün. Im Treppenhaus entwickelt sich aus einem intensiven Rotorange im Erdgeschoss ein sattes Sonnengelb im Obergeschoss. Es wurden die mineralischen Farben der Firma KEIM verwendet, die auch heute noch für den Anstrich der Fassaden der Onkel-Tom-Siedlung verwendet werden.

Das Haus Roenpage erlitt in den 1980er Jahren massive Eingriffe. Es wurden Kunststofffenster ohne Gliederungen eingebaut, die Fassade erhielt einen Kunststoffputz mit schädigendem Dispersionsanstrich, der Windfangbereich wurde entkernt, sämtliche Türen wurden ausgetauscht, selbst Grundrissänderungen wurden vorgenommen. Zu den jetzt durchgeführten Maßnahmen gehören u.a. die Erneuerung des Putzes nach bauzeitlicher Rezeptur, die Wiederherstellung des roten Putzbandes, der Nachbau der bauzeitlichen Kastenfenster (als Vorbild dienten die historischen Fenster im Nachbarhaus), die Wiederherstellung des Eingangsbereichs mit Windfang (wie er im Nachbarhaus noch vorhanden ist), die Wiederherstellung der bauzeitlichen Einfriedung als schlichte Putzmauer. Als Höhepunkt gilt die restauratorische Rekonstruktion der Innenräume nach akribischer Befunduntersuchung. Sie ist ein besonders hochwertiger Beleg für die Relevanz der Farbe in der Architektur der Moderne. Auch wenn die Farben kräftig sind und dunkel wirken, wird das Farbkonzept als äußerst stimmig empfunden. Es zeigt Blickachsen, die durch die gekonnt kombinierten Farbtöne mit besonderen Akzenten angenehm überraschen.
Die Fotos können nur erahnen lassen, welche Wirkung die Farben in den Räumen entfalten.

Mit der Verleihung des Bundespreises für Handwerk in der Denkmalpflege 2010 zur äußerst gelungenen Sanierung des Hauses Roenpage haben die Bauherren eine zusätzliche Belohnung erhalten. Die in hoher handwerklicher Qualität ausgeführten Maßnahmen verdienen zu Recht die ergänzende Wertschätzung. Auch an dieser Stelle soll nun die hervorragende Leistung vorgestellt werden.

Adresse: Ortsteil Zehlendorf

Text: Michaele Brunk
Fotos: Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

Februar 2011 - Schalthaus Hindenburgdamm

Link zu: Ansicht 1
Ansicht 1
Bild: BA SZ

Was im späten Mittelalter mit dem Bau der Dorfkirche im 14.Jh. begann, schlossen die Vororts-Elekricitäts-Werke vor 110 Jahren ab. Die Stromversorger errichteten neben dem religiösen Zentrum Lichterfeldes ihr kleines „Dömchen“ auf dem nördlichen Dorfanger, eine Umspannstation im sakralen Architekturgewand. Man feierte die Kraftwerke als Kathedralen der Industrialisierung, in der Dorflage Groß- Lichterfeldes begnügte man sich mit dem neogotischen Outfit einer Kapelle. Religion trifft Fortschritt, sakrale Formen bewegen auf dem Anger noch heute Geist und Strom, wenn auch mittlerweile sehr vom Kfz-Blech umspült.

Die Landgemeinde Groß-Lichterfelde wuchs beständig. Von 1898-1900 wurde ein neues Gotteshaus auf dem Dorfanger in unmittelbarer Nachbarschaft zur Dorfkirche gebaut. Die Pauluskirche entwarf Fritz Gottlob in dem für die Jahrhundertwende typischen neogotischen Backsteinstil.

Ein Jahr später entstand das Schalthaus nach Plänen des gleichen Architekten im Auftrag der „Berliner Vororts-Elekricitäts-Werke“. Zunächst als Schalthaus errichtet wurde in das Gebäude 1927 eine Netzstation eingebaut. Sie befindet sich im Erdgeschoss des Gebäudes und transformiert den vom Kraftwerk über Abspannwerke bereits heruntergeregelten Strom mit einer Spannung von 10 KV auf gebrauchsfähige 400 V.

Ganz dem Zeitgeist des frühen Industriezeitalters entsprechend tritt die technische Zweckbestimmung des Gebäudes nach außen nicht in Erscheinung. Durch das äußere Erscheinungsbild einer Kapelle ordnet man das Gebäude zunächst als zur Pauluskirche zugehörig ein. Der Eindruck einer Zugehörigkeit zur Pauluskirche wird durch den neogotischen Baustil, die Verwendung der gleichen Baumaterialien und nicht zuletzt durch die Handschrift desselben Architekten noch verstärkt. Interessanterweise wurde auch beim Bau des Gemeindezentrums der Pauluskirche 1929-1930 Bezug auf das gegenüber liegende Schalthaus genommen. Es bildet den Abschluss der vom Hauptbau zwischen den Torbauten verlaufenden Sichtachse. Trotz seiner so konträren Funktion ist das Schalthaus so ein wichtiges Verbindungsglied von Kirche und dem außerhalb der Dorfaue liegenden Gemeindezentrum geworden.

Der Architekt Fritz Gottlob war einer der wichtigsten Vertreter der wiederauflebenden Backsteingotik gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin. In diesem Stil wurden um die Jahrhundertwende nahezu alle öffentlichen Gebäude errichtet. Zunächst als Mitarbeiter von Franz Schwechten, später als selbstständiger Architekt widmete sich Gottlob überwiegend dem Kirchenbau, wobei die Pauluskirche zu seinem Hauptwerk zählt. Parallel zu den Arbeiten für die Pauluskirche hatte Gottlob erstmals 1898 für eine stromerzeugende Firma gearbeitet. Er entwarf das Siemens- Kabelwerk am Nonnendamm. Größere Bekanntheit erreichte Gottlob nicht nur durch seine Bauten, sondern auch durch das 1900 erschienene Standardwerk „Formenlehre der Norddeutschen Backsteingotik“, ein Muster – und Vorlagenbuch für Architekten.

Für einen reinen Nutzbau ist das Gebäude architektonisch sehr anspruchsvoll gestaltet.
Über einem quadratischen Grundriss erhebt sich ein dreigeschossiges Gebäude mit einem hohen Zeltdach, das von vier Türmen gerahmt wird. Die Türme, die im Erdgeschoss noch durch Strebepfeiler verstärkt sind, verleihen dem Gebäude etwas Wehrhaftes. Die rote Backsteinfassade mit Feldsteinsockel weist eine starke Anlehnung an die norddeutsche Backsteingotik auf. Auffallend sind die vielen Blindfenster, die erahnen lassen, dass es sich hier nicht wirklich um einen Kirchenbau handeln kann. Zur Erbauungszeit gab es noch drei bleiverglaste Fensteröffnungen. Eine wurde vollständig geschlossen, die beiden anderen sind von innen vermauert und mit stark beschädigter Verglasung heute noch zu erkennen. Weitere Spuren zur wahren Nutzung des Gebäudes befinden sich im Bereich der Eingangstür. Hier ist noch der alte Schriftzug „B V E W“ („Berliner Vororts-Elekricitäts-Werke“) erhalten.

Nachdem 1885 das erste Kraftwerk in Berlin in Betrieb ging, wurden in den folgenden Jahren überall in der Stadt Bauten der Stromversorgung errichtet. Besonders in den Jahren zwischen den Kriegen entstanden nach Entwürfen des Chefarchitekten der Berliner Elektrizitätswerke (Bewag) Hans Heinrich Müller zahlreiche monumentale Gebäude. Es handelt sich überwiegend um große Ab- und Umspannwerke, aber auch kleinere Stützpunkte und Umformwerke sowie Netzstationen und Gleichrichterstationen waren für die Stromversorgung von Nöten. Vorbild war wie bei dem Schalthaus in Lichterfelde oft die Kirchenarchitektur, auch die Backsteingotik war noch beliebtes Motiv, allerdings wurde sie bei Müller mehr abstrahiert und kombiniert mit expressiven Elementen in die Moderne übersetzt. Es entstanden wahre „Kathedralen der Elektrizitätswirtschaft“, die vielerorts noch heute das Stadtbild prägen. In Steglitz-Zehlendorf sind das Elektrizitätswerk Birkbuschstraße, das Müller bereits 1910/11 als Gemeindebaurat von Steglitz entworfen hatte sowie das 1928-29 von Müller errichtete Gleichrichterwerk Zehlendorf in der Machnower Straße zu erwähnen.
Durch technische Neuerungen sind diese oftmals denkmalgeschützten Gebäude heute für die Stromversorgung nicht mehr notwendig und werden sukzessive verkauft, umgebaut und einer neuen Nutzung zugeführt.
Das Schalthaus am Hindenburgdamm ist in seiner ursprünglichen Funktion erhalten geblieben. Obwohl es bei Vattenfall schon Anfragen gab, wird das Gebäude nicht zum Verkauf angeboten.

Adresse: Dorfanger Lichterfelde, gegenüber Hindenburgdamm 101 Stadtplan

Text: Sabine Schmiedeke
Fotos: Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

Januar 2011 - Wasserturm Fichtenberg

Link zu: Ansicht 1
Ansicht 1
Bild: BA SZ

Nach dem Roeder-Plan von 1825 stand an der höchsten Stelle des Fichtenberges das Belvedere. Von dem ehemaligen Garten „zu Steglitz Sr. Exellenz dem Herrn Staats-Minister von Beyme gehörig“ bot sich nach Süden ein Blick weit über den Dorfanger auf die Berlin-Potsdamer-Magdeburger Eisenbahn. General von Wrangel, der seit 1849 hier residierte, schätzte diese gar nicht und sorgte zunächst dafür, dass die neu eingerichtete Haltestelle schleunigst wieder geschlossen wurde. 1873 gibt es keinen Garten, besser gesagt Gutspark mehr und die eiszeitliche Erhebung, die etwas übertrieben „Berg“ genannt wird, ist aus fiskalischen Gründen in lukrative Baugrundstücke filetiert. Die ersten Villen für stadtmüde Berliner entstehen. Zum Beispiel in der Schmidt-Ott-Straße 21, die noch Kaiser-Wilhelm-Straße heißt. Auch 300 Meter südlich wird mit der heutigen Hausnummer 14 eine Mietetagenvilla errichtet, die Villa Anna, ein malerisches Potpurri der zeitgenössischen Baustilkunde in Klinker und Fachwerk. Akademisch kompiliert durch einen gewissen Regierungsbaumeister von Techow.

Die Hügellage im Südwesten vor Berlin ist landschaftlich außerordentlich reizvoll. Nur Trinkwasser ist nicht einfach zu haben. Bis zu 50 Meter tief bohrt man die Brunnen für die ersten Wohnbauten. So wittern die Charlottenburger Wasserwerke zu Westend ein gutes Geschäft, als sie die Konzession für den Bau von Leitungen unter den neu angelegten Straßen erlangen und gleich neben der Villa Anna an besagter Stelle 1885-86 durch von Techow einen Wasserturm errichten lassen. Er versorgt fortan die Landgemeinde mit frisch Gepumpten vom Beelitzhof am Wannsee. Unten sieht der Turm eher wie eine spätmittelalterliche Fortifikation mit Zinnenkranz und Bogenfries aus. Doch der mächtige Kuppeldurchmesser unter krönender Laterne lässt ahnen, wo das Reservoir für 2000 Kubikmeter Liter Wasser verbracht ist. Das gedrungen wirkende Gebäude täuscht, denn die Laterne bietet einen Galerieaustritt in ca. 33 Meter Höhe, bis zur Spitze sind es dann sogar 40.

1920 wird die Wasserversorgung nach der Eingemeindung der Dörfer und Vorstädte zur heutigen Großgemeinde Berlin zentral geregelt. Der Wasserturm verliert seine Funktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Monument, das im Erdgeschoss ein 3,80 Meter dickes Mauerwerk misst, zum Institutsgebäude der Freien Universität umgerüstet und dient seither den Kollegen Wetterforschern.
Das Baudenkmal erhält derzeit seine nach dem Krieg verlustige Schieferdeckung zurück.

Adresse: Schmidt-Ott-Str. 13 Stadtplan
Text: Jörg Rüter

Graphik: Deutsche Bauzeitung 1887,
Fotos 2010: Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf
Historisches Foto freundlich zur Verfügung gestellt durch das Berliner Architekturbüro Uwe Knörck