Mehr als 70 Fachkräfte sind am 13. November 2025 im Rathaus Steglitz beim interdisziplinären Fachtag „Gemeinsam gegen Häusliche Gewalt“ ins Gespräch über Gewalt gegen Frauen, deren Prävention und die Auswirkungen auf Familien und Kinder gekommen.
Zu dem Fachtag haben die Koordinierungsstelle Netzwerk für Alleinerziehende Steglitz-Zehlendorf, Van Hoang-Sanders, und die bezirkliche Frauenbeauftragte Madalina Draghici anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen im November eingeladen. Ziel ist es, zu sensibilisieren, aufzuklären und Fachkräfte im Umgang mit gewaltbetroffenen Familien zu unterstützen.
Lisa Senger, Referentin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stellte die Gewaltschutzstrategie der Bundesregierung und Koordinierungsstelle nach der Istanbul-Konvention vor und erläuterte so den rechtlichen Rahmen und die Arbeitsweise auf Bundesebene. Sie machte deutlich, dass die Istanbul-Konvention ein wirkmächtiges Instrument ist, welches Behörden und staatliche Institutionen auf allen staatlichen Ebenen– bis zu Kommunen– zum gemeinsamen Einsatz für Schutz und Unterstützung gewaltbetroffener Frauen verpflichtet.
Viele Fachverbände fordern seit Jahren, dass der Gewaltschutz bei familiengerichtlichen Verfahren Vorrang vor Sorge- und Umgangsrecht haben muss. Sozialwissenschaftler Dr. Wolfgang Hammer stellte in seinem Vortrag „Macht und Kontrolle in familienrechtlichen Verfahren“ Erkenntnisse seiner mehrjährigen Analyse von Sorge- und Umgangsrechtsverfahren vor. Die Vorstellung, Kinder müssten für eine gute Entwicklung auch zu einem gewalttätigen Elternteil zwingend Kontakt haben, Mütter und Kinder gefährdet. Er plädierte daher für ein Umdenken aller beteiligten Institutionen und setzt sich dafür ein, die Rechte der Betroffenen in familiengerichtlichen Verfahren ins Zentrum zu berücksichtigen.
Den Vormittag schloss Hannah Grunewald, Referentin bei BIG e.V., mit einem Vortrag über Männlichkeit ab. Sie erläuterte den Zusammenhang zwischen tradierten Geschlechtsstereotypen, die Gewalt begünstigen können. Sie zeigte auch auf, wie alle in ihrem Berufsalltag und Privatleben bewusst Geschlechtsstereotype erkennen und reflektieren können, um einen Beitrag zu ihrer Überwindung zu leisten.
In den moderierten Austauschrunden am Nachmittag konnten die Teilnehmenden Praxiseinblicke in Prävention, Intervention und Beratung erhalten.
Die Operschutzbeauftragte der Polizeidirektion 4, Polizeihauptkommissarin Doreen Rudolph, stellte die Arbeitsweise der Polizei bei Einsätzen zu Häuslicher Gewalt vor und wie die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen und Jugendamt organisiert ist. Beraterinnen der Interkulturellen Initiative, Fachberatungsstelle gegen Häusliche Gewalt, informierten über Schutzkonzepte, die Beratung und Begleitung gewaltbetroffener Frauen. StoP Spandau gab Einblicke in das Präventionsprojekt welches die Nachbarschaft für den Einsatz gegen Gewalt schult und aktiviert.
Laut dem aktuellsten Bundeslagebild zu Häuslicher Gewalt wurden von der Polizei in ganz Deutschland 2024 265.942 Opfer von Häuslicher Gewalt erfasst. In ihren Grußworten betonten die Bezirksstadträtin für Jugend und Gesundheit, Carolina Böhm, und die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Steglitz und Teltow-Zehlendorf, Laura Stradt, wie wichtig die enge Verzahnung und Kooperation aller beteiligten Stellen im Kampf gegen Gewalt ist. Nur so könne Frauen – besonders auch in Trennungssituationen – zu ihrem Menschenrecht auf ein gewaltfreies Leben verholfen werden und intergenerationale Traumaweitergabe verhindert werden.
Der Fachtag hat verdeutlicht, dass das Interesse und die Motivation der Fachkräfte im Bezirk sehr hoch ist, gewaltbetroffenen Frauen und ihre Kinder sensibel und kompetent zu begleiten und unterstützen, und dass es auch zukünftig der intensiven, interdisziplinären Austauschmöglichkeiten bedarf.
Der Fachtag fand im Rahmen einer Kooperation zwischen der Koordinierungsstelle Netzwerk für Alleinerziehende Steglitz-Zehlendorf, angesiedelt beim Diakonischen Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf e.V. und der bezirklichen Frauenbeauftragten statt.