01/2026 – Stolperstein-Spaziergang der Diakonie am 27. Januar

27. Januar 2026: Ehrung der Stolpersteine für die Familie Berger/Schindler in der Paulsenstraße

27. Januar 2026: Ehrung der Stolpersteine für die Familie Berger/Schindler in der Paulsenstraße

Januar 2026

Es ist wichtig, den 27. Januar nicht zu übersehen, sondern gewissermaßen über ihn zu „stolpern“. Stolpersteine sollen zum Nachdenken anregen und früheren jüdischen Nachbarn, die während des Nationalsozialismus entrechtet und deportiert wurden, ihren Namen zurückgeben. In unserem Bezirk kümmern sich die Evangelischen Kirchenkreise Steglitz und Teltow-Zehlendorf um Pflege und Erhalt der Stolpersteine. Es gibt keinen besseren Termin als den Internationalen Holocaust-Gedenktag, um sich auf einen Spaziergang zu ausgewählten Stolpersteinen zu begeben.

27. Januar 2026: Start des Stolperstein-Spaziergangs vor dem Haus der Diakonie in Steglitz

27. Januar 2026: Start des Stolperstein-Spaziergangs vor dem Haus der Diakonie in Steglitz

Zu einem solchen Spaziergang lud das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. am 27. Januar interessierte Bürgerinnen und Bürger ein. Startpunkt war das Haus der Diakonie in der Steglitzer Paulsenstraße. Vor jeder Station hatten die Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, Rosen niederzulegen und eine Kerze zu entzünden. Jeder einzelne Stolperstein wurde fachmännisch gereinigt und zum Strahlen gebracht. An einem trüben Spätnachmittag im Januar bot das Licht der Kerzen auf dem hartgefrorenen, schneebedeckten Boden ein Bild der Ruhe und des Friedens.

Erst im Juli 2024 waren vor dem Eingang des Hauses der Diakonie fünf Stolpersteine zu Ehren der Familie Berger/Schindler in den Bürgersteig eingelassen worden (wir berichteten). An dieser Adresse hatte die Familie ihren letzten selbst gewählten Wohnort, ehe sie deportiert bzw. zur Emigration gezwungen wurde. Sebastian Hennig, Mitglied der AG Stolpersteine der Diakonie und Referent für das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), und Jugendliche, die an der Diakonie ein FSJ absolvieren, verlasen die Familienbiographie.

Im Sommer 2024 erschien die Publikation „Das Leben der jüdischen Familien Berger, Schindler und Lewin. Stolpersteine vor dem Haus der Diakonie“, die hier zum Herunterladen bereitsteht.

27. Januar 2026: Ehrung des Stolpersteins für Dr. med. Felix Abraham in der Gritznerstraße

27. Januar 2026: Ehrung des Stolpersteins für Dr. med. Felix Abraham in der Gritznerstraße

Stolperstein für Felix Abraham

Es seien fast archäologische Grabungsarbeiten notwendig gewesen, um den Stolperstein von Felix Abraham freizukratzen, der tief unter einer Schicht von Eis und Schnee verborgen lag, scherzte Lukas Schliephage zu Beginn seines Kurzvortrags am Standort Gritznerstraße 78. Die Arbeit hat sich gelohnt, denn die Biographie des Geehrten ist spannend und regt an, über die Vielschichtigkeit menschlichen Lebens, aber auch über dessen Abgründe nachzudenken.

Dr. med. Felix Abraham (1901–1937) war ein früher Pionier der Sexualwissenschaft und einer der letzten von Magnus Hirschfeld (1868–1935) persönlich berufenen Ärzte am Berliner Institut für Sexualwissenschaft. Das 1919 von Hirschfeld gegründete Institut war eine international bedeutende Forschungs-, Beratungs- und Aufklärungsstätte für Fragen der Sexualität, Geschlechtsidentität und Homosexualität. In jungen Jahren übernahm Abraham dort verantwortliche Aufgaben und beriet zahlreiche Transvestiten und Transsexuelle. Wissenschaftlich profilierte er sich durch Arbeiten zu geschlechtsangleichenden Eingriffen und durch die Mitarbeit an Hirschfelds Veröffentlichungen.

Liebe als Nahrung für die Seele - vor dem Haus der Diakonie in Steglitz

Liebe als Nahrung für die Seele - vor dem Haus der Diakonie in Steglitz

Abraham galt als sensibler, introvertierter und verträumter Mensch, zugleich gewissenhaft und großzügig, jedoch innerlich unsicher und wenig durchsetzungsfähig. Zwischen fachlicher Anerkennung und persönlicher Fragilität bestand ein dauerhaftes Spannungsverhältnis. Hirschfeld förderte ihn, schützte ihn lange und band ihn eng an das Institut, sah aber zugleich seine Passivität und mangelnde Belastbarkeit. Damit wurde Abraham zugleich getragen und abhängig von dieser Beziehung.

Schon früh zeigten sich Zeichen innerer Erschöpfung. Kollegen berichteten von Rauschzuständen und Medikamentenmissbrauch. Abraham entwickelte eine zunehmende Abhängigkeit von starken Arzneimitteln, die offenbar der Flucht vor Überforderung, politischem Druck und Selbstzweifeln diente. Nach der Zerstörung des Instituts 1933 verschärfte sich seine Krise. Zwar eröffnete er eine eigene Praxis, geriet jedoch zunehmend in finanzielle und gesundheitliche Not. Seine Emigrationsversuche nach Schweden scheiterten 1936; er lebte dort verarmt und isoliert. Ende 1936 äußerte er Suizidgedanken.

1937 ging Abraham nach Italien, möglicherweise auch wegen eines gegen ihn anhängigen Verfahrens im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln. In Florenz versuchte er noch einmal neu zu beginnen, scheiterte jedoch an Sucht, Einsamkeit und wachsender Verzweiflung. Am 8. September 1937 nahm er sich das Leben.
Sein Freitod markiert das tragische Ende eines hochbegabten, sensiblen und innerlich zerrissenen Menschen, dessen Lebensweg durch persönliche Abgründe, politische Verfolgung und den Verlust seiner geistigen Heimat zerstört wurde.

Der Stolperstein an der zweiten Station des Spaziergangs wurde am 12. November 2016 verlegt. Zu Lebzeiten Abrahams lautete die Adresse Arndstraße 40.

27. Januar 2026: Ehrung der Stolpersteine für die Familie Alexander in der Gritznerstraße

27. Januar 2026: Ehrung der Stolpersteine für die Familie Alexander in der Gritznerstraße

Das elfte Gebot: Du sollst nicht gleichgültig sein!

Die dritte und letzte Station war dem Gedenken an die Familie Alexander gewidmet, die früher wie Felix Abraham in der Gritznerstraße wohnte. Als würdigen Abschluss zitierte Sebastian Hennig an diesem Ort den verstorbenen Präsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees (IAK) und Holocaust-Überlebenden Marian Turski (1926-2025):

„Das ist meine Botschaft an die, die nach mir kommen, an die jungen Menschen, an Sie alle: Seid nicht gleichgültig! Seid nicht gleichgültig, wenn rechtsextremer und antisemitischer Hass durch die Gesellschaft zieht, seid nicht gleichgültig, wenn Minderheiten diskriminiert werden, seid nicht gleichgültig, wenn großmäuliger Populismus die Welt für sich beschlagnahmen will, seid nicht gleichgültig bei Krieg und Gewalt. Seit dem Gebot treu, dem elften Gebot: Du sollst nicht gleichgültig sein!“

„Ihr unvorstellbares Leid können wir heute nicht wirklich nachfühlen“, schreibt die Diakonie mit Blick auf die Opfer des Holocaust. „Doch wir können uns von ihrer Geschichte berühren lassen, über die Umstände und Ursachen der Verfolgung reflektieren und zu einem Nachdenken kommen über unser Handeln in der Gegenwart“. Das passt zur Botschaft von Marian Turski.

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub