01/2026 – Holocaust-Gedenktag: Stilles Gedenken an der Spiegelwand

Steglitz, ein Wintermärchen? - Kranzniederlegung vor der Spiegelwand am Holocaust-Gedenktag 2026

Steglitz, ein Wintermärchen? - Kranzniederlegung vor der Spiegelwand am Holocaust-Gedenktag 2026

Januar 2026

Seit seiner Einführung durch die Vereinten Nationen im Jahre 2005 wird am 27. Januar der „Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ begangen. Es ist gute Tradition, dass aus diesem Anlass Kränze an der Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz niedergelegt werden. „Es war ein steiniger Weg, bis dieses Mahn- und Denkmal hier seinen Platz finden konnte“, stellte eine Schülerin der Steglitzer Fichtenberg-Oberschule beim offiziellen Gedenken am 27. Januar 2026 richtigerweise fest.

Zum Gedenken eingeladen hatte die Initiative Haus Wolfenstein (Verein zur Erhaltung der ehemaligen Synagoge Steglitz und zur Förderung interkultureller Begegnung e.V.) mit ihrem neuen Vorsitzenden Hartwig Riemann. Vertreter von Land und Bezirk waren dieser Einladung gerne gefolgt: Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, vertrat die Berliner Landesregierung. Rene Rögner-Francke, Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf, wurde von Verordneten aller vier Fraktionen begleitet. Der stellvertretende Bezirksbürgermeister Tim Richter, die Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandij sowie die Bezirksstadträte Urban Aykal und Patrick Steinhoff nahmen für das Bezirksamtskollegium teil.

27. Januar 2026: Rede des Vorsitzenden der Initiative Haus Wolfenstein, Hartwig Riemann

27. Januar 2026: Rede des Vorsitzenden der Initiative Haus Wolfenstein, Hartwig Riemann

In seiner kurzen Ansprache setzte Hartwig Riemann dem bekannten Heinrich-Heine-Gedicht „Deutschland, ein Wintermärchen“ eine Art Echo entgegen: „Deutschland, ein Kindermärchen“, verfasst von Mascha Kaléko (1907-1975). Beide Schriftsteller waren jüdischer Herkunft, sahen sich antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt und wurden in die Emigration getrieben. Am 10. Mai 1933 verbrannten junge Nationalsozialisten Heines Bücher in Berlin, Hamburg, Marburg, Rostock und Greifswald. Später wurden Kalékos Schriften als unerwünscht und schädlich verboten. Die Dichterin verließ Deutschland 1938 in Richtung New York und siedelte 1966 nach Jerusalem um.

Der Vorsitzende der Initiative Haus Wolfenstein rief den Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau vor 81 Jahren in Erinnerung und beschrieb die damalige Ausgangslage sehr treffend: „Dieses Europa war (…) eine vom Krieg verwüstete, verstörte und zerstörte Welt. Eine Welt im Chaos“. Ein „Wintermärchen“ sei dieser Tag trotz Befreiung und Kriegsende sicher nicht gewesen, resümierte er.

27. Januar 2026: Gedenken der Initiative Haus Wolfenstein an der Spiegelwand. V.l.n.r.: BVV-Vorsteher Rögner-Francke, stellv. Bezirksbürgermeister Richter, Vorsitzender der Initiative Riemann, Bezirksstadträtin Sijbrandij, Rabbiner Shmuel Segal; Ganz rechts Stilla Zrenner von der Initiative Haus Wolfenstein

27. Januar 2026: Gedenken der Initiative Haus Wolfenstein an der Spiegelwand. V.l.n.r.: BVV-Vorsteher Rögner-Francke, stellv. Bezirksbürgermeister Richter, Vorsitzender der Initiative Riemann, Bezirksstadträtin Sijbrandij, Rabbiner Shmuel Segal; Ganz rechts Stilla Zrenner von der Initiative Haus Wolfenstein

27. Januar 2026: Schülerinnen und Schüler der Fichtenberg-Oberschule tragen Texte an der Spiegelwand vor

27. Januar 2026: Schülerinnen und Schüler der Fichtenberg-Oberschule tragen Texte an der Spiegelwand vor

Schülerinnen und Schüler der Fichtenberg-Oberschule tragen Texte vor

Schon bei der Einweihung der Spiegelwand am 7. Juni 1995 hatte eine Schülerin der Fichtenberg-Oberschule eine Rede gehalten. Deshalb war es eine glückliche Fügung, dass sich fünf Schülerinnen und Schüler einer 7. Klasse auch 2026 bereiterklärt haben, ihre Gedanken zum Nationalsozialismus an diesem Ort öffentlich zu teilen – 81 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. „Die spiegelnde Oberfläche kann (…) ein Gefühl der Leere und Abwesenheit vermitteln, das an die Lücke erinnert, die die ermordeten Menschen in unserer Gemeinschaft hinterlassen haben“, sagte eine Schülerin.

Ein Mitschüler erinnerte an den jüdischen Kaufmann Moses Wolfenstein, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Familie nach Berlin umsiedelte und 1897 einen Pferdestall zu einer Synagoge umbaute, „der jüdische Glaube war fest mit im Gepäck“. Das Gebäude des früheren Gebetshauses wurde während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 nicht in Brand gesetzt – nicht etwa aus Rücksicht gegenüber den Gläubigen, sondern weil die Nationalsozialisten das Übergreifen der Flammen auf Häuser der Umgebung befürchteten. Zum Glück fiel die Thora – das Herzstück der Synagoge – der SS nicht in die Hände und wurde an einem sicheren Ort aufbewahrt.

27. Januar 2026: Stilles Gedenken an der Spiegelwand

27. Januar 2026: Stilles Gedenken an der Spiegelwand

Eine Schülerin fuhr mit einer Kurzbiographie von Ruth Veit-Simon fort: Geboren am 3. Januar 1914 in Berlin-Lichterfelde, machte sie 1932 an der Auguste-Viktoria-Schule – so hieß die Fichtenberg-Oberschule damals – Abitur. Als Tochter eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter war sie vielen Schikanen und Diskriminierungen ausgesetzt. Sie musste den gelben Stern tragen und zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Etta Zwangsarbeit bei einer in Zehlendorf ansässigen Firma leisten. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 26. Juli 1943 im Alter von nur 29 Jahren verstarb. 100 Jahre nach ihrer Geburt, am 16. Oktober 2014, wurde am Hindenburgdamm ein Stolperstein zu Ehren von Ruth Veit-Simon verlegt – direkt vor der Fichtenberg-Oberschule.

Am Ende einer bewegenden Veranstaltung konnten sich alle Besucherinnen und Besucher hinter dem Aufruf eines Schülers versammeln: „Wenn wir Diskriminierung erfahren oder mitbekommen, dürfen wir nicht wegschauen!“

Auf Schnee gebettet - Kranzniederlegung am 27. Januar 2026 vor der Spiegelwand

Auf Schnee gebettet - Kranzniederlegung am 27. Januar 2026 vor der Spiegelwand

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub