12/2025 – Chanukka im Kulturbahnhof: Gofenberg-Chor gastiert in Lichterfelde

Gofenberg-Chor unter der Leitung von Konstantin Nazarov (am Flügel)

Gofenberg-Chor unter der Leitung von Konstantin Nazarov (am Flügel)

Dezember 2025

„Im Kulturbahnhof wird auch die jüdische Kultur gepflegt“, betonte Harald Hensel, Vorsitzender des Fördervereins des Bürgertreffpunkts Bahnhof Lichterfelde West e.V., in seiner Begrüßungsansprache, ehe er die Sängerinnen und Sänger des Gofenberg-Chores im festlich geschmückten Saal der Seniorenfreizeitstätte willkommen hieß. Im musikalischen Mittelpunkt des Konzerts, das das von Konstantin Nazarov geleitete Ensemble am 17. Dezember 2025 darbot, stand das Lichterfest Chanukka. Für den Chor erwiderte dessen Manager Manfred Füger die Begrüßung.

Das Publikum im bis auf den letzten Platz belegten Saal durfte sich an einem bunten, zu Herzen gehenden Potpourri erfreuen – mal rhythmisch und zum Mitklatschen einladend, mal heiter, mal nachdenklich. Gesungen wurde überwiegend in jiddischer oder hebräischer Sprache, Chorleiter Nazarov begleitete am E-Piano. Immer wieder animierte er die Zuhörer zum Mitsingen, was bei den eingängigen Melodien und lautmalerischen Texten keine größere Herausforderung darstellte. Judith Hachfeld gestaltete in souveräner Weise die Solopartien.

Logo Gofenberg-Chor

Man merkt schnell, dass der Humor in der jiddischen Gesangstradition eine große Rolle spielt. Herrlich respektlos, aber immer liebevoll, wird der „Rebbe“ (Rabbiner) in einem Liedtext auf die Schippe genommen. Auch der berühmte „Dreydl“, ein traditionelles jüdisches Spielzeug, taucht in einigen Liedern auf. Besonders an Chanukka kommt der mit hebräischen Buchstaben versehene Kreisel zum spielerischen Einsatz. Er erinnert an das berühmte Öl-Wunder im Tempel von Jerusalem und an die Weigerung der Israeliten, sich unter der damaligen hellenistischen Herrschaft zu assimilieren. Für viele überraschend, hielt das vom jiddischen Schriftsteller Levin Kipnis (1894-1990) mit einem hebräischen Text versehene Lied „Hava narima“ vertraute Klänge bereit: Die Melodie entspricht dem beliebten Advents- und Weihnachtslied „Tochter Zion“ aus Georg Friedrich Händels Oratorium „Judas Maccabäus“, uraufgeführt 1747 in London. Ohne die historischen Ursprünge wirklich zu kennen, bediente sich Händel der biblischen Geschichte des „Makkabäeraufstands“ im zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Der Überlieferung nach errangen die Makkabäer einen Sieg über die hellenistische Dynastie der Seleukiden, die Israel besetzt hielt und versuchte, die jüdische Religion zu unterdrücken.

17. Dezember 2025: Fördervereinsvorsitzender Harald Hensel (rechts im Bild) und Freizeitstättenleiter Andreas Ohrt begrüßen ihre Gäste

17. Dezember 2025: Fördervereinsvorsitzender Harald Hensel (rechts im Bild) und Freizeitstättenleiter Andreas Ohrt begrüßen ihre Gäste

Die Hintergründe von Chanukka

Gesangstücke und Textbeiträge wechselten sich während des Konzertnachmittags ab. In seinen gut recherchierten Texten machte Thomas Leiberg das Publikum mit den historischen und spirituellen Hintergründen des Chanukka-Festes vertraut: Aus jüdischer Perspektive ist es ein Wunderfest, das den Lebens- und Überlebenswillen des jüdischen Volkes und den Fortbestand seiner Religion widerspiegelt. Im Übrigen ist es der einzige Feiertag des Judentums, der einen liturgischen Segen zum Gedenken an ein Wunder vorsieht. Während aus rabbinischer Perspektive dieses Wunder im Fokus steht, betrachteten die frühen Zionisten Chanukka als Feier nationaler Unabhängigkeit. Für liberale Juden symbolisiert Chanukka den Sieg über religiöse Verfolgung und steht für religiöse Toleranz. Was nur wenige wissen: Chanukka wird in der hebräischen Bibel, dem Tanach, mit keinem Wort erwähnt, wohl aber im Talmud, wo die Gebote und Bräuche ausführlich beschrieben werden.

17. Dezember 2025: Symbolisch werden vier Kerzen am nicht vorhandenen Chanukka-Leuchter entzündet

17. Dezember 2025: Symbolisch werden vier Kerzen am nicht vorhandenen Chanukka-Leuchter entzündet

Mit einem Verweis auf die aktuellen Diskussionen rund um den Eurovision Song Contest (ESC) gelang es Leiberg, einen spannungsreichen Bogen zur Gegenwart zu schlagen: Nachdem einige Länder gefordert hatten, Israel vom ESC 2026 in Wien auszuschließen, zeigte er sich persönlich „erleichtert“, dass das Land wieder zur Teilnahme zugelassen wurde. Passend dazu interpretierte der Chor den ESC-Siegertitel aus dem Jahre 1979. Israel hatte den früher „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ genannten Sängerwettstreit mit dem Lied „Hallelujah“ von Gali Atari und der Popformation „Milk & Honey“ gewonnen.

Schließlich wies Thomas Leiberg auf die weltweite Zunahme des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 hin. Erst am 14. Dezember 2025 schlug der reale Terror wieder zu – diesmal in Sydney. An der Entwicklung hätten die „pausenlose Delegitimierung und Dämonisierung Israels“ ihren Anteil, so Leiberg weiter. „Das wahre Chanukka-Wunder ist, dass wir uns trotz allem immer wieder für das Licht entscheiden können“, zeigte er einen versöhnlichen Ausweg aus dem Dilemma.

17. Dezember 2025: Ehrenamtskräfte schenken Glühwein aus

17. Dezember 2025: Ehrenamtskräfte schenken Glühwein aus

Sufganiyot und Glühwein

Als die Zugaben des Chores erklangen, hatten Andreas Ohrt, der Leiter der Freizeitstätte, und sein Team noch eine besondere Überraschung parat: Sie reichten Glühwein und verteilten köstliche Sufganiyot. Diese mit Marmelade gefüllten Hefegebäckstücke werden traditionell zu Chanukka genossen und ähneln verdächtig dem Berliner Pfannkuchen – sowohl optisch als auch geschmacklich. Aufgrund von Brandschutzbestimmungen war es leider nicht gestattet, die vierte Kerze am Chanukka-Leuchter zu entzünden. Immerhin wurde in Sichtweite des Publikums eine sogenannte Chanukkia aufgestellt, die jeder zumindest imaginär zum Leuchten bringen konnte.

17. Dezember 2025: Freizeitstättenleiter Andreas Ohrt verteilt köstliche Sufganiyot (Pfannkuchen)

17. Dezember 2025: Freizeitstättenleiter Andreas Ohrt verteilt köstliche Sufganiyot (Pfannkuchen)

17. Dezember 2025: Gofenberg-Chor unter der Leitung von Konstantin Nazarov im Kulturbahnhof

17. Dezember 2025: Gofenberg-Chor unter der Leitung von Konstantin Nazarov im Kulturbahnhof

Kurzporträt des Gofenberg-Chores

Josif Gofenberg, Gründer, Dirigent und Namensgeber des „Gofenberg&Chor“, war der „Klezmerkönig von Berlin“. Als Dozent für jiddische Lieder an der Jüdischen Volkshochschule und Koordinator des Klezmer-Zentrums prägte er die jüdische Musikszene der Hauptstadt. Gofenberg sammelte und bewahrte die jiddischen Lieder Osteuropas, die von Melancholie und Lebensfreude erzählten, und gab sie in vielen Konzerten weiter. Er verstarb am 18. April 2022 im Alter von 72 Jahren, kurz nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Im August 2022 folgte ihm Konstantin Nazarov als Chorleiter nach. Er wurde in Kasachstan geboren und wuchs in Moldawien sowie der Ukraine auf. An der Nationalen Musikakademie in Kyjiw erhielt er seine umfassende musikalische Ausbildung.

Der „Gofenberg-Chor“, ursprünglich aus einem Musikkurs der Jüdischen Volkshochschule hervorgegangen, singt seit rund 20 Jahren Lieder in jiddischer und hebräischer Sprache, die Geschichten aus dem osteuropäischen „Schtetl“ erzählen. Zentral ist der Gedanke von Toleranz und Völkerverständigung, was sich in Auftritten bei Gedenktagen, in Synagogen, Kirchen und im Rahmen des interreligiösen Dialogs widerspiegelt.

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub