01/2025 – BVV stimmt Benennung der Treitschkestraße nach Betty Katz zu

Schreibmaschine tippt das Wort Antisemitismus

Januar 2025

Der „Antisemitismusstreit“ in Steglitz-Zehlendorf ist endgültig beigelegt: Einstimmig beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf in ihrer Plenarsitzung vom 22. Januar 2025 die Benennung der Treitschkestraße in „Betty-Katz-Straße“. Viele im Saal jubelten, als die Verordneten einem von allen Fraktionen mitgetragenen Änderungsantrag zustimmten.

Jahrzehntelang war immer wieder um eine befriedende Lösung zur Frage der Treitschkestraße gerungen worden. Schließlich hatte die BVV am 14. September 2022 den Beschluss gefasst, dass die Treitschkestraße umzubenennen sei. Ein geeigneter alternativer Name fehlte damals noch. Fast zweieinhalb Jahre später wird nun gemäß BVV-Beschluss 750/VI vom 22. Januar 2025 das Bezirksamt „gebeten, (…) die Treitschkestraße in Steglitz nach der Direktorin des Jüdischen Blindenheims in Berlin-Steglitz Betty Katz zu benennen“.

Um Anwohnerinnen und Anwohner soweit als möglich von bürokratischen Hürden zu entlasten, sind ihnen dem Beschluss zufolge „unbürokratisch, kostenfrei und zeitnah sämtliche persönliche Dokumente neu auszustellen“. Hierzu solle das Instrument der sogenannten „Bürgeramtskoffer“, also mobiler Bürgerämter, zum Einsatz kommen. Mit deren Hilfe können die zuständigen Behörden ihre Bürgerdienste standortunabhängig, bürgerfreundlich und besonders niedrigschwellig anbieten.

Ausschuss für Bildung und Kultur lädt Felix Klein und Sigmount Königsberg ein

Wegweisend und vorentscheidend war die Sitzung des BVV-Ausschusses für Bildung und Kultur vom 8. Januar 2025. Das lag sicher auch an den prominenten Gästen, die sich auf dem Weg in den alten BVV-Saal des Rathauses Zehlendorf machten: Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, sowie Sigmount Abraham Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Viele erlebten die sehr persönlich gehaltenen Schilderungen Königsbergs als bedrückend: Anhänger der Hamas-Terroristen hätten sich nach dem 7. Oktober 2023 die Treitschke-These „Die Juden sind unser Unglück“ zu eigen gemacht, um gegen Menschen wie ihn zu hetzen. Klein warnte vor dem negativen Signal, das die Bundeshauptstadt durch ein Festhalten an dem Namen Treitschke in die Welt hinaussende.

„Die Sitzung (…) war in der Tat eine besondere. So viele Gäste hatten wir noch nie“, bringt die Ausschussvorsitzende Katharina Concu ihre Eindrücke auf den Punkt. Tatsächlich bewegen sich die Schätzungen der Teilnehmerzahl auf einer Skala von 60 bis 100. „Es geht in der Erinnerungskultur klar um unser bundesrepublikanisches Selbstverständnis“, ergänzt Frau Concu. Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) sei mit den Positionen Treitschkes unvereinbar. „Betty Katz hingegen wirkt mit ihrem inklusiven Bildungsanspruch positiv in die Gegenwart und Zukunft“. Die Ausschussvorsitzende zieht ein positives Fazit: „Die Straßenumbenennung hat viele Bürgerinnen und Bürger beschäftigt und motiviert, sich einzubringen“.

Im Ergebnis der Sitzung vom 8. Januar hatte eine Ausschussmehrheit dem BVV-Plenum die Annahme des Antrags auf Umbenennung empfohlen. So ist es dann auch gekommen.

ein Justiziar-Hammer liegt auf einer Mappe mit Aufschrift Antisemitismus

Der Alte: Heinrich von Treitschke (1834-1896), Antisemit

Als wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Entfernung Treitschkes aus dem öffentlichen Straßenland war bereits 2008 ein Park, der direkt an die Treitschkestraße anschließt, nach Harry Bresslau (1848-1926) benannt worden. Der im wilhelminischen Kaiserreich aktive Historiker gilt als renommiertester Gegenspieler Treitschkes, der dessen Thesen offen widersprach und hierzu 1880 eine Streitschrift mit dem Titel „Zur Judenfrage“ verfasste. Heinrich Gotthard von Treitschke, Historiker, Publizist und Reichstagsabgeordneter zwischen 1871 und 1884, veröffentlichte 1879 einen Aufsatz, der den Satz „Die Juden sind unser Unglück“ enthielt. Genau dieser Satz diente dem von Julius Streicher herausgegebenen fanatischen NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ als Parole. Durch seine absurden Thesen der „Juden als Fremdkörper“ hatte Treitschke maßgeblich dazu beigetragen, Antisemitismus in Gesellschaft und Wissenschaft seiner Epoche salonfähig zu machen.

Zweifellos ist die Steglitzer Treitschkestraße einer der ganz wenigen Straßen, wenn nicht die einzige in Deutschland, die bislang noch am Namen dieser antisemitischen Figur festhielt. Eine Umbenennung war überfällig. Am Rand des Harry-Bresslau-Parks klärt eine Informationsstele über den Antisemitismusstreit auf.

Die Neue: Betty Katz (1872-1944), Direktorin des Jüdischen Blindenheims

Alle waren sich einig, dass Betty Katz als neue Trägerin des Straßennamens eine gute und naheliegende Wahl ist: Seit 1926 leitete sie das frühere Jüdische Blindenheim in der Wrangelstraße (Steglitz). Am 14. September 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 6. Juni 1944 verstarb. Zu diesem Zeitpunkt waren alle sechzehn Bewohner und Bewohnerinnen des Blindenheims, mit denen sie gemeinsam deportiert worden war, bereits ermordet worden.

Im Dezember 2017 war am ehemaligen Standort des Blindenheims ein Stolperstein zu ihren Ehren verlegt worden. Die Benennung der Treitschkestraße nach Betty Katz ist als wichtiges Signal gegen Antisemitismus folgerichtig.

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub