Am Morgen des 22. September 1914 wurde in der Nordsee nordwestlich von Hoek van Holland ein neues Kapitel in der Marinegeschichte geschrieben. Das deutsche U-Boot U 9 unter dem Kommando des Kapitänleutnants Otto Weddigen versenkte innerhalb von einer guten Stunde mit nur drei Torpedos die britischen Panzerkreuzer Aboukir, Hogue und Cressy. 1.460 britische Marinesoldaten ertranken, 837 konnten gerettet werden. Unterseeboote waren 1914 im Seekrieg die technische Innovation schlechthin, also High-Tech-Waffen. Dennoch hatten die Experten weltweit dem neuen Seekriegsmittel eine solche Gefährlichkeit und Zerstörungskraft nicht zugetraut. So hatten die englischen Marineschiffe zunächst nicht erkannt, dass es sich hier um einen U-Boot-Angriff handelte. Sie vermuteten, dass die Aboukir auf eine Mine gelaufen war und setzten Beiboote aus, um die ertrinkenden Kameraden zu retten. Der deutsche Angreifer nahm darauf keine Rücksicht. Auch die Hogue und die Cressy wurden versenkt. Die Vernichtung von drei Panzerkreuzern durch ein einzelnes U-Boot signalisierte die endgültige Technisierung des Krieges und die damit verbundene Einführung von Massenvernichtungswaffen.
Ob des „sensationellen Anfangserfolgs“1 jubilierte die deutsche Öffentlichkeit. „Die „Heldentat des U 9“ beherrschte mindestens zwei Tage lang die Titelseiten der bürgerlichen deutschen Tageszeitungen.2 Distanz gegenüber dem nationalistischen Überschwang bewiesen nur sozialdemokratische Zeitungen. Das meinungsführende sozialdemokratische Organ, der „Vorwärts“, bewertete das Geschehen vom 22.9. 1914 als „Katastrophe“. Die Bielefelder „Volkswacht“ kommentierte: „Es ist ein entsetzlicher Anblick, daß die drei Schüsse des ‘U 9’ genügten, um 1700 Menschen ertrinken zu lassen. Es waren Reservisten, vielleicht Familienväter, deren Familien daheim auf die Wiederkehr des Ernährers warten …“.3 Diese Einwände verhallten jedoch und die Popularität Weddigens nahm noch mehr Fahrt auf, als U9 wenige Wochen später den Kreuzer HAWKE torpedierte. 500 britische Marinesoldaten kamen diesmal um. Kaiser Wilhelm II. ehrte Weddigen daraufhin als ersten Seeoffizier in diesem Krieg mit der begehrtesten Auszeichnung des Kaiserreiches, dem Orden Pour le mérite. Den endgültigen Aufstieg in das Pantheon der nationalen „Kriegshelden“ leitete der „Heldentod“ Weddigens ein. Am 18. März 1915 wurde U29, das Weddigen zwischenzeitlich übernommen hatte, in der Nähe des englischen Flottenstützpunktes Scapa Flow bei einem waghalsigen Angriff auf das erste, zweite und vierte Geschwader der britischen „Grand Fleet“ entdeckt und versenkt.
Heroisierung
Weddigens Popularität während des Ersten Weltkriegs ist, an heutigen Maßstäben gemessen, kaum vorstellbar. Zwischen 1914 und 1918 erschienen insgesamt sieben Biographien über ihn, Straßen in verschiedenen deutschen Städten wurden nach ihm benannt und Bäume zu seinem Gedenken gepflanzt. Auch Alltagsgegenstände wie Bierkrüge und Wandteller mit dem Konterfei Weddigens hielten in vielen deutschen Haushalten Einzug.4 Die Heroisierung des Kapitänleutnants folgte dabei bekannten Mustern, die bereits seit Jahrzehnten verbreitet worden waren.5 Obwohl Weddigen bei Kriegsbeginn bereits 32 Jahre alt war, beschrieben ihn die Journalisten und Buchautoren als optimistischen lebensfrohen Jüngling und Draufgänger, für den der Tod für das Vaterland auf dem Schlachtfeld das Höchste war.
Als jüngstes von elf Kindern wurde Otto Eduard Weddigen am 15.9.1882 in Herford in Westfalen geboren. Seine Eltern Thusnelde Weddigen (1845-1910) und der Webereibesitzer Eduard Arnold Weddigen (1840-1910) repräsentierten die (besitz)bürgerliche Elite der westfälischen Kleinstadt. Nach dem er zwei Mal im Gymnasium eine Klasse wiederholen musste, entschied er sich nach der Obersekunda für die Offizierslaufbahn in der kaiserlichen Marine. Sie galt seit den 1890er Jahren als die Waffengattung des Bürgertums. Hier hatte der bürgerliche Bewerber, im Gegensatz zum Heer, wo der Adel das Offizierskorps dominierte, Chancen, Karriere zu machen. Gut zwei Drittel des Marine-Offizierskorps entstammten im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts dem Bürgertum.6
Weddigen-Rezeption nach 1918
In der Phase der Weimarer Republik verblasste Weddigens Ruhm ein wenig. Nur die republikfeindliche Rechte und Teile des militärischen Establishments bewahrten kontinuierlich und offensiv sein Andenken. Die NS-Diktatur leitete eine Renaissance der militaristischen Heldenverehrung ein. Die gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages gerichtete Aufrüstung des Deutschen Reiches im Jahr 1935 wurde der deutschen Bevölkerung durch die Wiederbelebung der „Helden“ des Esten Weltkriegs schmackhaft gemacht. Das erste Jagdgeschwader der neu aufgestellten Luftwaffe erhielt sogleich den Namen Richthofen, die im September eingerichtete erste U-Boot-Flottille den Namen „Weddigen“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Weddigen in seiner Geburtsstadt Herford eine lokale Größe. 1967 übernahm die Stadt Herford für das U-Boot U 9 der Bundesmarine eine Patenschaft, die von der CDU und der Marine-Kameradschaft initiiert worden war. Die fragwürdigen Wurzeln der Patenschaft in der NS-Zeit wurden weder in den amtlichen Akten noch den Zeitungsartikeln erwähnt. Auch die Familie Weddigen, vertreten durch den Neffen und Patensohn des „Seehelden“, überging diese problematische Vergangenheit geflissentlich. Die von der Bundesmarine in Kiel ausgerichtete Feier stellte gar eine ungebrochene Tradition zwischen der Bundesmarine und der NS-Kriegsmarine her. Erst das Ende der Ost-West-Konfrontation im „Kalten Krieg“ entzog der Patenschaft letztlich die Grundlage, denn das U-Boot U 9 der Bundeswehr wurde mit der Änderung der NATO-Strategie 1995 außer Dienst gestellt. Der Kapitänleutnant Weddigen und die Geschichte der Erinnerung an ihn sind heute ein Fall für Historiker und Museen.
Dr. René Schilling