Plastik, Malerei und Papierarbeiten aus der Sammlung Klewan
Kuratiert von Brigitte Hausmann, Leitung Fachbereich Kultur Steglitz-Zehlendorf
Eröffnung:
Donnerstag, 5. November 2026, 18.30 Uhr
Gutshaus Steglitz
- Begrüßung: Dr. Brigitte Hausmann, Leitung FB Kultur, Kuratorin
- Einführung: Dr. Veronika Rudorfer, Kunsthistorikerin
- Anschließend Gespräch mit dem Sammler Helmut Klewan
Alberto Giacometti (1901–1966) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Besonders sein einzigartiges und unverkennbares plastisches Werk ist von Weltrang: Seine gelängten, fragilen Figuren, die Köpfe und Büsten, über- und unterlebensgroß, scheinen sich im Raum zu verflüchtigen und doch treten sie uns mit einer ungeheuren Physis und Präsenz gegenüber. Das Gutshaus Steglitz widmet Giacometti eine Ausstellung, deren Zentrum vier Bronzen bilden. Ihre Sujets sind exemplarisch für das Œuvre, dessen Motive sich zunehmend auf einige wenige reduzieren: Petit buste sur double socle (1940/41), Femme debout (um 1947), La Cage (première version) (1950) und Tête de Diego (um 1955). Sie werden begleitet von Malereien und Papierarbeiten, die Giacomettis Auseinandersetzung mit der Figur und dem Raum erlebbar machen: Darstellungen von stehenden Frauen, gehenden Männern, von Köpfen, von Menschenmengen in den Straßen von Paris.
Giacomettis Frühwerk von Mitte der 1920er bis Mitte der 1930er Jahre steht unter dem Eindruck von Kubismus und Surrealismus. In dem folgenden Jahrzehnt bis Mitte der 1940er Jahre beschäftigen ihn phänomenologische Untersuchungen und er experimentiert mit Kategorien wie Maßstäblichkeit und Entfernung sowie mit Material und Oberflächen. Die Frage, welchen Anteil die Betrachtenden am Erfassen eines Kunstwerks haben, beschäftigt ihn ebenso wie das Erkunden von Sinneseindrücken. In dieser Zeit schafft Giacometti miniaturhafte Plastiken auf überproportionalen Podesten, um den Effekt einer Fernansicht zu erzielen. Die für sein weiteres Schaffen folgenreichste Erkenntnis aus dieser Phase dürfte sein, dass wir eine Gestalt mit dem Raum innerhalb unseres Gesichtsfeldes perzipieren. Aus der Distanz scheint sie im Verhältnis zu diesem an Volumen zu verlieren und sie wird in der visuellen Erinnerung zu einem unmittelbar wahrgenommenen Ganzen. Giacomettis Seherfahrung, seine Sicht der
Realität, manifestiert sich in entkörperlichten, bewegungslosen, frontalen weiblichen Einzelfiguren, deren Stilmerkmale für die nächsten Jahre ebenso die Einzelköpfe und die seltenen komplexeren Kompositionen wie La Cage prägen. Femmes debout und Têtes, deren Modelle mehrheitlich die Frau des Künstlers Annette und sein Bruder Diego waren, die also nach der Natur gearbeitet sind, bilden das Hauptkontingent an Plastiken in den 1950er Jahren. Durch eine unregelmäßige Oberflächengestaltung bringt Giacometti ein Äquivalent zur Lebenskraft hervor.