Isaac Chong Wai & Käthe Kollwitz – Die Mütter, im Kulturhaus Schwartzsche Villa

Pressemitteilung vom 17.09.2026

Isaac Chong Wai, Breath Marks: Mother with Her Dead Son (2022) by Isaac Chong Wai

Isaac Chong Wai, Breath Marks: Mother with Her Dead Son (2022) by Isaac Chong Wai

Isaac Chong Wai & Käthe Kollwitz – Die Mütter

Laufzeit: 9. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027, Kulturhaus Schwartzsche Villa

Eröffnung: Donnerstag, 8. Oktober 2026, 18-21 Uhr

Begrüßung: Malgorzata Sijbrandij, Bezirksstadträtin für Bildung,
Kultur und Sport
Einführung: Dr. Christine Nippe, Kuratorin
Sing-Performance: Dagmar Aigner

Die Duo-Ausstellung Die Mütter, kuratiert von Christine Nippe, bringt Werke von Isaac Chong Wai und Käthe Kollwitz in einen generationsübergreifenden, posthumen Dialog. Der Lebenszyklus in seiner Verletzlichkeit und Widerstandskraft, die Beziehung zwischen Müttern und ihren Kindern in Zeiten von Kriegen und Konflikten, die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Welche Gefühle der Schuld, Trauer und Wut werden wachgerufen? Wie können Erinnerung und Trauer über Generationen hinweg weitergetragen werden?

In einer Zeit, in der Krieg erneut das Leben vieler Menschen in Europa und weltweit bestimmt, gewinnen diese Fragen neue Dringlichkeit. Die Ausstellung macht deutlich, dass Kollwitz’ Werke keine historischen Zeugnisse allein sind, sondern bis heute zur Auseinandersetzung mit den Folgen von Gewalt, Verlust und Erinnerung anregen.

Käthe Kollwitz, Die Klage, 1938 - 1940

Käthe Kollwitz verliert ihren jüngeren Sohn Peter im Ersten Weltkrieg. Ihr Sohn meldete sich 1914 im Alter von 18 Jahren als Kriegsfreiwilliger und fiel bereits nach zehn Tagen an der Front als erster Soldat seines Regiments. Schon bei seinem Abschied hielt Kollwitz ihre Ängste und Sorgen in ihrem Tagebuch fest. Darin beschreibt sie die Trennung von ihrem Sohn mit den Worten: „Als ob das Kind einem noch einmal vom Nabel abgeschnitten wird. Das erste Mal zum Leben, jetzt zum Tode.“ Nach Peters Tod dokumentierte sie ihre Trauer und ihre Gedanken in zahlreichen weiteren Briefen und Tagebucheinträgen. Die persönliche Erfahrung des Verlustes ihres Sohnes machte sie zu einem zentralen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens. Über viele Jahre arbeitete sie an einem Denkmal für Peter und entwickelte zugleich eine zunehmend pazifistische Haltung. Ausdruck dieser Überzeugung ist ihr späterer Appell gegen den Krieg: „Es ist genug gestorben! Keiner darf mehr fallen!“. Zu den bekanntesten Werken, die aus ihrer lebenslangen Auseinandersetzung mit Verlust, Erinnerung und Mutterschaft hervorgingen, zählt die* Pietà*. Sie ist auch in der Ausstellung* Die Mütter* in der Schwartzschen Villa zu sehen. Das Werk zeigt eine Mutter, die ihren verstorbenen Sohn auf dem Schoß hält, und greift damit das traditionelle christliche Pietà-Motiv auf. Anders als viele historische Darstellungen verzichtet Kollwitz jedoch weitgehend auf religiöse Symbolik und idealisierte Körperformen. Stattdessen richtet sie den Fokus auf die universellen Erfahrungen von Verlust, Trauer und Schmerz und schafft eine Darstellung, die bis heute ihre emotionale Wirkung entfaltet.

Isaac Chong Wai knüpft mit einem Werk aus seiner Reihe Breath Marks an das Werk von Kollwitz an. In den Arbeiten nutzt er den eigenen Atem als künstlerisches Medium. Die flüchtigen Spuren, die durch das Beschlagen einer Glasscheibe entstehen, werden in eine gläserne Skulptur überführt. Sichtbar wird dabei nicht der Atem selbst, sondern lediglich seine vergänglichen Hinterlassenschaften.

Namensgebend für die Ausstellung ist das Werk Die Mütter aus dem Jahr 2022. Die Zweikanal-Videoinstallation zeigt den Künstler selbst und eine Gruppe von Darstellenden, die sich zu einer Festung zusammengeschlossen haben und im Uhrzeigersinn drehen, während sie Wiegenlieder und Trauergesänge aus verschiedenen Kulturen singen.

In Missing Space nimmt Chong Einschusslöcher an historischen Gebäuden zum Ausgangspunkt. Die fragilen Glasskulpturen sind Abgüsse des durch die Einschläge verlorenen Materials: Sie geben dem Fehlenden eine Form und machen einen Negativraum sichtbar, der sonst nur als Beschädigung wahrgenommen wird. Eingravierte GPS-Koordinaten führen zurück zum jeweiligen Einschussloch und damit zum konkreten historischen Ort. In der Ausstellung werden drei Arbeiten der 2023 entstandenen Werkgruppe gezeigt.

Für die Serie Traces legt Isaac Chong Wai Papier auf Einschusslöcher in Gebäudefassaden und überträgt deren unregelmäßige Oberflächen. Aus diesen Abdrücken entwickelt er mit Tuschestift und Farbstift feine Zeichnungen, die die materiellen Spuren vergangener Gewalt festhalten. Die im Titel angegebenen GPS-Koordinaten verweisen auf den jeweiligen Ort und verbinden die abstrakt wirkenden Linien und Splitter mit einer konkreten historischen Topografie.

Für Muted Dimensions recherchierte Isaac Chong Wai historische Bomben in den Archiven des Imperial War Museum. Ihre tatsächlichen Abmessungen bilden die Grundlage der auf Plexiglas übertragenen Formen. Die Arbeiten übersetzen Waffen, die für Zerstörung und Verletzung bestimmt waren, in reduzierte, beinahe abstrakte Umrisse. Zugleich sind sie als partizipative Arbeiten angelegt: Besucher:innen können mit einem Stein auf der Oberfläche zeichnen und so selbst Spuren hinterlassen. In der Ausstellung sind drei Arbeiten zu sehen, die sich auf unterschiedliche historische Brand- beziehungsweise Fliegerbomben beziehen.

Isaac Chong Wai lebt und arbeitet zwischen Berlin und Hongkong. Der Künstler studierte unter anderem an der Bauhaus Universität Weimar und verfolgt eine multidisziplinäre Praxis, die Fotografie, Video, Performance, Zeichnung und Glasarbeiten umfasst. Der Künstler ist international mit seinen Arbeiten präsent und war in den vergangenen Jahren auf bedeutenden Ausstellungen weltweit vertreten. Zu seinen jüngsten Ausstellungsbeteiligungen zählen die 22. Biennale Sesc_Videobrasil in São Paulo (2023) sowie die 60. Biennale von Venedig (2024). 2025 realisierte er mit The Horizon We Can Never Touch eine Performance in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Käthe Kollwitz (1867–1945) gilt als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen widmete sie sich den sozialen Folgen von Armut, Krieg und Verlust. Bereits zu Lebzeiten erlangte Käthe Kollwitz große Anerkennung. Einen wichtigen Meilenstein stellte ihre Einzelausstellung in der Galerie Paul Cassirer dar. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden ihre künstlerischen Möglichkeiten jedoch zunehmend eingeschränkt. In den 1930er Jahren wurden Ausstellungen ihrer Werke immer häufiger untersagt. Nach ihrem Tod wurde ihr Werk in zahlreichen nationalen und internationalen Museen und Ausstellungen präsentiert, darunter in der Neuen Nationalgalerie, dem Kupferstichkabinett und der Hamburger Kunsthalle. Ihrem künstlerischen Erbe widmen sich heute unter anderem das Käthe Kollwitz Museum Köln sowie das Käthe Kollwitz Museum Berlin.

Kulturhaus Schwartzsche Villa
Grunewaldstraße 55
12165 Berlin
Pressekontakt:
Dr. Christine Nippe
E-Mail: christine.nippe@ba-sz.berlin.de
Tel.: 902992210
Täglich: 10-18 Uhr
Eintritt: frei
Berlin.de/kultur-steglitz-zehlendorf

  • Die Mütter - Isaac Chong Wai, Käthe Kollwitz, Schwartzsche Villa

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