Enthüllung der Informationsstele „Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Steglitz-Zehlendorf“ am 18.12.2025

Pressemitteilung vom 09.12.2025

Enthüllung: Donnerstag, 18. Dezember 2025, 15 Uhr, Wrangelstraße 10, 12165 Berlin

Im Beisein von Enkeln und Urenkeln von Erich Fellgiebel wird am Donnerstag, den 18. Dezember um 15 Uhr vor dem ehemaligen Wohnhaus von Fellgiebel in der Wrangelstraße 10 in Steglitz eine zweiseitige regionalhistorische Informationsstele der Öffentlichkeit übergeben, die an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Steglitz-Zehlendorf erinnert. Es sprechen die Staatssekretärin für Kultur Cerstin Richter-Kotowski, die Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport Malgorzata Sijbrandij, die Stelentext-Autor:innen Lars-Broder Keil und Trille Schünke-Bettinger sowie die Enkelin von Erich Fellgiebel, Barbara Fellgiebel. Gefertigt wurde die Stele nach einem Entwurf von Karin Rosenberg.

Texte der Informationsstele

Erich Fellgiebel und der 20. Juli 1944

Erich Fellgiebel wurde am 4. Oktober 1886 in Pöpelwitz bei Breslau (Wroclaw) als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Schon früh zeigte Fellgiebel eine besondere Begabung auf naturwissenschaftlichem Gebiet. 1905 trat er als Offiziersanwärter in das preußische Telegrafen-Bataillon Nr. 2 in Frankfurt/Oder ein. Im Ersten Weltkrieg erlebte Fellgiebel das Versagen der Nachrichtentruppe, was ihn nachhaltig prägte. Zwischen 1918 und 1933 war er auf dem Gebiet des Nachrichtenwesens in Truppen- und Stabsstellungen sowie im Reichswehrministerium tätig. Nach 1933 stieg er bis zum General der Nachrichten in der Wehrmacht auf. Zuletzt bekleidete er den Rang eines Generalleutnants. Erich Fellgiebel war zweimal verheiratet, er hatte zwei Söhne und eine Tochter.

Unverzichtbarer Nachrichtenexperte

Fellgiebel war unbestritten der Fachmann in Fragen Nachrichtentechnik. Das brachte ihm den Namen „Strippenpapst“ ein. Er war überzeugt, dass die Kommunikation entscheidend für das Agieren von Militäreinheiten ist, und ließ sie entsprechend ausrüsten. Als hoher Wehrmachtsoffizier unterstützte er mit seinen Fähigkeiten die Kriegsführung des Deutschen Reiches. Bereits vor Kriegsbeginn ging er jedoch auf Distanz zu Hitler und lehnte dessen Pläne eines Eroberungsfeldzuges offen ab. Die NS-Spitze hielt ihn für politisch unzuverlässig, duldete ihn jedoch, weil er als unverzichtbar galt.

Zentrale Rolle am 20. Juli 1944

Innerhalb des militärischen Widerstands kam Erich Fellgiebel eine zentrale Rolle zu. Weil er aufgrund seiner Position ungehindert umherreisen konnte, war er der ideale Verbindungsmann, um Informationen zu sammeln. Zudem gewann der General nahezu die gesamte Führung des Nachrichtenwesens der Wehrmacht für den Widerstand. Das war eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Hitler und einen Staatsstreich mit größeren Truppenbewegungen planen konnten, der den Krieg und das NS-Regime beenden sollte. Am 20. Juli 1944 gelang es dem 57-jährigen Fellgiebel, die Kommunikation aus dem Hauptquartier Wolfschanze heraus so lange zu unterbinden, bis der Staatsstreich angelaufen war. Dieser scheiterte, da Hitler überlebt hatte.

Erich Fellgiebel wurde noch am Abend des 20. Juli festgenommen. Trotz wochenlanger Verhöre und körperlicher Folter verriet er weder Namen noch Einzelheiten. Seine Beteiligung am Staatsstreich leugnete er nicht. Auf einer Liste war er im Schattenkabinett von Stauffenberg als Postminister vorgesehen. Vom NS-Regime verleumdet und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, wurde Fellgiebel am 4. September 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt. Seine Familie kam zeitweise in Haft, Wertgegenstände und Eigentum wurden konfisziert.

Späte Anerkennung

Nach 1945 hatte es Fellgiebels Witwe schwer, von den bundesdeutschen Behörden Versorgungszahlungen und eine Entschädigung zu erhalten, da sein Anteil am Widerstand in Zweifel gezogen wurde. Heute sind Erich Fellgiebels Stellung im militärischen Widerstand und sein Verdienst anerkannt. Der einstige Nachrichtengeneral, der von 1938 bis 1942 in der Wrangelstraße 10 lebte, wird vielfach geehrt: So vergibt die Bundeswehr seit 2014 die General-Fellgiebel-Medaille für herausragende Leistungen.

Lars-Broder Keil

Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Steglitz-Zehlendorf

Nur eine sehr kleine Minderheit der deutschen Bevölkerung leistete Widerstand gegen die NS-Diktatur. Der Großteil begrüßte die nationalsozialistische Herrschaft. In Steglitz und Zehlendorf erhielt die NSDAP bei den letzten freien Reichstagswahlen im November 1932 mit 36,1 Prozent in Zehlendorf und 29,4 Prozent in Steglitz mehr Stimmen als in allen anderen Bezirken außer Spandau. Dennoch gab es auch hier in der gesamten NS-Zeit einen vielfältigen Widerstand von Menschen unterschiedlicher Sozialisation und Weltanschauung.

Die meisten Widerständigen standen der Arbeiterbewegung nahe. Dazu gehörten die im Bezirk lebenden sozialdemokratischen Ehepaare Annedore und Julius Leber sowie Adolf und Rosemarie Reichwein, die über den Kreisauer Kreis Verbindungen zum Attentats- und Umsturzversuch vom 20. Juli hatten. Weitere Beispiele sind das Ehepaar Wilhelm und Gertrud Skubich sowie Margarete Becker, die die Kontakte zur Sozialdemokratie auch in der NS-Zeit aufrechterhielten. Zum kommunistischen Widerstand gehörte das Ehepaar Hans und Hilde Seigewasser. Sie organisierten über die Rote Hilfe Unterstützung für politisch Verfolgte. Die Jüdin Ilse Stillmann leistete bis zu ihrer drohenden Deportation Widerstand und versteckte sich von 1943 bis Kriegsende.

Auch widerständige Kunstschaffende und Intellektuelle lebten im Bezirk. Darunter waren die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, ihr Lebensgefährte Leo Borchard, Dirigent, und ihre Tochter Karin Friedrich. Gemeinsam gründeten sie 1938 die Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ und verbreiteten die Flugblätter der Münchener Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in Berlin. Die Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller nutzte ihre Auslandsreisen als Kurierin für geheime Informationen und betätigte sich im Widerstandsnetzwerk “Rote Kapelle”.

Widerstand aus christlichem Glauben leisteten Hans-Bernd von Haeften, der ebenfalls zum Kreisauer Kreis um die Ehepaare Peter und Marion Yorck von Wartenburg und Helmuth und Freya von Moltke gehörte und über seinen Bruder Werner von Haeften in den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 eingeweiht war, sowie Dietrich Bonhoeffer und seine Schwestern und Schwager, darunter Walter und Susanne Dress, geb. Bonhoeffer. In der Dahlemer Bekenntnisgemeinde versuchten Oppositionelle, Jüdinnen und Juden vor der Deportation zu retten.

Neben Erich Fellgiebel lebten auch weitere am 20. Juli beteiligte Militärs im Bezirk. Dazu gehörten neben Oberst Schenk Graf von Stauffenberg und seinem Bruder Berthold auch Generaloberst Ludwig Beck, Cäsar von Hofacker, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden in den Rathäusern der Berliner Bezirke Gedenktafeln zu Ehren der „Opfer des Faschismus“ angebracht. Auf diesen standen die Namen der bis dahin bekannten ermordeten Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. In Steglitz und Zehlendorf wurden die Gedenktafeln vermutlich im September 1947 eingeweiht. Wann sie wieder entfernt wurden, ist nicht bekannt.

Beide Tafeln sind heute nicht mehr auffindbar.

Trille Schünke-Bettinger