Kunst aus der Nachbarschaft

Gesichter des SGE - Susanne Gupta

Der Gegensatz könnte größer nicht sein. Auf der einen Straßenseite einer der zunehmend das Stadtbild prägenden ausdruckslos-modernen Quaderbauten für Besserverdienende. Auf der anderen ein Überbleibsel des alten Prenzlauer Berg-Charmes: In einer ehemaligen Schule, einem typischen Altberliner Backsteinbau, sind hier an der Schwedter Straße 232 über vierzig Künstler*innen am Werk. Ihr kreatives Chaos quillt bereits auf den Hof des weit zurückgesetzten Gebäudes. Streetart ziert die Wände, ein Gipstorso steht herum, verschiedene Materialien stapeln sich und harren ihrer weiteren Verwendung. In dem kleinen Ausstellungspavillon auf dem Hof finden regelmäßig Vernissagen und Veranstaltungen statt.

Mieterin ist die Arbeitsgemeinschaft Milchhof e.V., eine 1991 gegründete Ateliergemeinschaft. Maler*innen, Bildhauer*innen, Fotograf*innen, Video- und Performancekünstler*innen, Musiker*innen, Choreograf*innen und Regisseur*innen produzieren hier Kunst am laufenden Band. Sie alle eint der Wunsch, ein möglichst großes Publikum zu finden, ihr Werk an den Mann und die Frau zu bringen. Sichtbarkeit ist hier das Stichwort.

„Aus diesem Grund schwelte seit langem die Idee, eine Artothek auf die Beine zu stellen, die von unseren Künstler*innen produzierten Werke ausleihbar zu machen und so zusätzliche Außenwirkung herzustellen“, sagt Jan Gottschalk. Er leitet unter anderem das aus dem Milchhof heraus entwickelte artspring-Festival. Als erster im Verein begriff er 2020, dass sich mit dem Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) des Berliner Senats eine einmalige Chance bot. „Wir sind Teil eines Netzwerks der Kulturinitiative Förderband. Die fragte uns damals, ob wir nicht eine SGE-Stelle im Milchhof einrichten wollten. Ich sagte ohne nachzudenken ja und überfuhr unser Plenum wie eine Dampfwalze. Selbst würden wir nie und nimmer eine Artothek-Stelle finanzieren können, argumentierte ich. Uns fehlten jegliche Ressourcen. Wir mussten diese Gelegenheit einfach ergreifen, die Artothek endlich mit dem SGE-Projekt zu realisieren.“

„Meine Mutter über zehn Jahre lang zu pflegen, fraß meine Ressourcen auf. Ich geriet in immer prekärere Verhältnisse.“
Susanne Gupta - Kulturorganisationsassistentin

Die Idee zündete. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sich beim übergeordneten Träger Förderband die perfekte Besetzung für die Stelle meldete: Susanne Gupta, Jahrgang 1966, lange als Kulturjournalistin tätig und mit vielfältigen Erfahrungen im Kunst- und Kulturbereich. „Ich erfuhr von dem SGE-Projekt und dachte sofort: Das ist ja eine gute Idee!“, sagt sie. Als sie mitbekam, dass unter anderem Förderband Teilnehmende suchte – ein Verein, den sie schon aus Workshops kannte – rief sie sofort an. Und ohne Umschweife wurde ihr die Frage gestellt, ob sie nicht eine Artothek betreuen wolle.

„Das klang spannend, das wollte ich mir unbedingt anschauen!“, erinnert sich Susanne Gupta. „Ich dachte natürlich, dass es die Artothek schon gab. Erst beim Vorstellungsgespräch bekam ich mit, dass dies keineswegs der Fall war und es mein Job wäre, sie mit dem Milchhof aufzubauen. So fingen wir an: mit Recherchen, dem Konzept, der Webseite, mit allem, was nötig war. Ich war Teil des Teams, zu dem auch drei Künstlerinnen und Jan Gottschalk gehörten, die Artothek-Initiatoren im Verein. Das war ein perfektes Match und hat das Projekt beflügelt. Ein Projekt, bei dem ich viel mitgestalten konnte. Ich musste nicht lange überlegen.“

Mit ihren Qualifikationen und Vorerfahrungen entspricht Susanne Gupta nicht dem Bild einer Langzeitarbeitslosen; gering qualifiziert und deshalb mit wenig Beschäftigungschancen. Ihre Biografie beweist jedoch, wie einfach auch gut ausgebildete Personen auf dem Arbeitsmarkt ins Hintertreffen gelangen können. Geboren in Bayern und aufgewachsen in Indien, besuchte sie im Westen Berlins die Schule, studierte an der FU Berlin Film-, Theater- und Kommunikationswissenschaften sowie Publizistik und arbeitete lange Zeit als freie Journalistin für Kulturredaktionen des RBB und der Deutschen Welle. Über ein Dokumentarfilmprojekt gewann sie vertieften Zugang zur bildenden Kunst. Finanziell war das Leben als Freie problematisch. Deshalb bewarb sich Susanne Gupta 2005 auf eine feste Stelle beim giz (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH) und bekam nach einem anspruchsvollen Auswahlverfahren tatsächlich die Zusage. „Ich sollte eine mobile Einheit auf den Philippinen aufbauen und dort den Friedens- und Versöhnungsprozess verfeindeter Volksgruppen dokumentieren.“ Es war ihr Traumjob, einer, wie man ihn nicht zweimal im Leben angeboten bekommt. „Kurz bevor es losging erlitt meine Mutter jedoch einen schweren Schlaganfall. Als ich sah, wie schlimm es sie getroffen hatte, entschied ich mich, den Job nicht anzutreten. Ich holte meine Mutter nach Berlin und pflegte sie über zehn Jahre lang. Das fraß mich auf. Ich geriet in immer prekärere Verhältnisse.“

„Ich hatte ich eine spannende Tätigkeit und ein tolles Kollegenumfeld.“
Susanne Gupta - Kulturorganisationsassistentin

Als ihre Mutter 2016 in ein Pflegeheim kam, hatte Susanne Gupta wieder Zeit für sich, doch ihre beruflichen Netzwerke und Kontakte hatten sich massiv ausgedünnt. „Diese Zeit war karrieretechnisch ein harter Einschnitt für mich“, sagt sie. Sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, absolvierte eine Ausbildung zur Yogalehrerin, arbeitete in einem Community Theater und wollte ein Buch über indische Frauen herausbringen, das das Interesse eines Verlages weckte. Wegen der Coronapandemie verlief die Veröffentlichung jedoch im Sand.

„Ich musste irgendwie Geld verdienen und da hörte ich plötzlich vom SGE.“ Susanne Gupta ließ nichts anbrennen. Im Oktober 2020 hatte sie Förderband kontaktiert, im November war alles bereits festgezurrt und der Vertrag unterschrieben. „Es ging zackig los. Im Jahr 2021 war die erste Präsentation fertig und 2022 feierten wir den Launch der Webseite.“ Funktionen und Inhalte wurden in der Folgezeit Schritt für Schritt erweitert. Dafür aber, dass Susanne Gupta buchstäblich bei Null anfangen musste, ohne dass überhaupt nur ein Laptop bereitgestanden hätte, war die Anfangsphase äußerst produktiv verlaufen. Auch dank des engagierten Teams an ihrer Seite.

Gesichter des SGE - Susanne Gupta
„Das neue Aufgabenfeld im Kulturhaus Alte Feuerwache passt zu meinen Qualifikationen und zu tun gibt es mehr als genug!“
Susanne Gupta - Kulturorganisationsassistentin

„Die Grundausstattung, das heißt einen Stuhl und einen Computer, bezahlte ich erst einmal aus dem extern geförderten Budget des artspring-Festivals“, erzählt Jan Gottschalk. „Denn die Milchhof-Gemeinschaft war zwar sehr für die Artothek, aber kosten durfte das wie immer alles nichts.“ Das Gehalt Susanne Guptas war über das SGE zwar finanziert. Alles Weitere, was zu dieser Stelle und dem Projekt gehörte, musste organisiert werden. „Ich hatte immerhin eine Bekannte von früher überzeugen können, uns die Webseite zu programmieren“, erzählt Susanne Gupta. „Sie ist Künstlerin und Grafikdesignerin und war idealistisch genug, prekäre Bedingungen zugunsten einer herausfordernden Aufgabe zu akzeptieren.“ Seitdem ist die Webseite unter www.artothek.berlin zu finden.

Zwar sind Kulturschaffende an Selbstausbeutung und Improvisation gewöhnt, dennoch wäre es ohne zusätzliche Gelder schwierig geworden, die artothek berlin professionell aufzuziehen. Die Milchhof-Aktivisten hatten allerdings Glück im Unglück. Um die von der Coronapandemie besonders hart getroffene Kulturlandschaft neu zu beleben, stellte die Bundesregierung mit dem Fond Neustart Kultur bundesweit finanzielle Mittel bereit. Aus diesem Topf wurden der Artothek 40.000 Euro Fördergelder genehmigt. „Mit diesem Geld bezahlten wir schließlich alles, was mit der Artothek zusammenhing“, sagt Susanne Gupta.

Die Idee der Artotheken ist nicht neu und entstand unter dem Slogan „Kunst für alle“ schon in den 1970-er Jahren. In Berlin gibt es einige etablierte Anlaufpunkte. „Wir mussten daher überlegen, wie wir uns abheben konnten, was das Besondere an uns sein sollte“, sagt Susanne Gupta. Besonders war an der Ateliergemeinschaft, dass es überhaupt keinen Lagerraum gab, obwohl ein Depot normalerweise Grundvoraussetzung gewesen wäre. Aus der Not machte man im Milchhof eine Tugend. Anders als in klassischen Artotheken verbleibt die Kunst hier in den Ateliers der Künstler*innen, wo Interessierte die Werke zur Ausleihe abholen können. Sie erfahren dabei nicht nur, wie und wo die Werke entstanden sind, sondern kommen mit ihren Schöpfern direkt ins Gespräch. „Das ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Susanne Gupta, „und der Hintergedanke dabei ist auch, dass die Kunden obendrein das ein oder andere Werk zu sehen bekommen, was sie vielleicht sogar kaufen wollen.“

„Es ging uns nicht zuletzt darum, Menschen zu verbinden und dadurch nachbarschaftliche Strukturen zu festigen.“
Susanne Gupta - Kulturorganisationsassistentin

„Der Blick hinter die Fassade ist aber nicht der einzige Mehrwert“, ergänzt Jan Gottschalk. „Es ging uns nicht zuletzt darum, ‚Connections‘ zu schaffen, Menschen zu verbinden und dadurch nachbarschaftliche Strukturen zu festigen.“ Das funktioniert. Bestand der Pool der artothek berlin anfangs ausschließlich aus Werken der Milchhofkünstler*innen, ist das Projekt längst darüber hinausgewachsen. „Unser Fokus ist der gesamte Bezirk Pankow, wir sind die Artothek aus und für Pankow“, sagt Susanne Gupta. Inzwischen bieten auf der Webseite über 50 Künstler*innen Werke zur Ausleihe an.

Kontinuierlich baute Susanne Gupta nicht nur das Portfolio der Kunstwerke, sondern ebenso den Aktionsradius der Artothek aus. „Wir dachten von Anfang an über die reine Ausleihe hinaus. Wir wollten Künstler*innen bei Ausstellungen unterstützen und ihre Kunst generell niedrigschwellig an Orte bringen, wo sie vorher nicht war.“ Susanne Gupta organisierte Künstler*innengespräche und Ausstellungen, die zu einem festen Bestandteil der Arbeit von artothek berlin wurden. Sie kümmerte sich um den Austausch mit anderen Artotheken und organisierte die Ausleihe an die Parkklinik in Weißensee, die regelmäßig Bilder ausleiht. Ein Vorzeigeprojekt ist die Kooperation mit dem Bildungs- und Kulturzentrum „Peter Edel“ in Berlin-Weißensee, wo die Artothek im Halbjahresrhythmus zwanzig Bilder ausstellt sowie die professionelle Kuratierung und Hängung übernimmt. „Das zahlt sich spürbar aus. Die Menschen merken, dass da keine Baumarktprodukte, sondern Originale an der Wand hängen, und sie fragen tatsächlich manchmal, ob man das kaufen kann.“

Gesichter des SGE - Susanne Gupta

Es ist also Bewegung in der Artothek. Die technische Infrastruktur steht. Wichtigste Aufgabe für die Zukunft sei es, das Publikum zu vergrößern und weitere kunstaffine Kreise anzusprechen, so Susanne Gupta. Dass sie die Fahne inzwischen weitergeben musste, stimmte sie einerseits traurig. Der Milchhof e.V. verfügte nicht über die Mittel, sie weiterzubeschäftigen, „sonst hätten wir Susanne sofort übernommen“, so Jan Gottschalk. Mit der artothek berlin hat sie jedoch gemeinsam mit dem Team ein bleibendes Angebot für die Berliner Stadtgesellschaft geschaffen.

Als sich diese Tür mit dem Ablauf der SGE-Zeit schloss, öffnete der Senat Susanne Gupta aber eine neue: Für sie galt die im SGE angelegte Weiterbeschäftigungsgarantie und das Angebot, das man ihr auf den Tisch legte, war eines, das sie bestimmt nicht ablehnen wollte. Susanne Gupta erhielt eine Anstellung im Kulturhaus Alte Feuerwache, einer kommunalen Einrichtung des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg an der Marchlewskistraße. Neben einem Jugendclub offeriert das Haus ein vielfältiges Angebot für jegliche Altersschichten: Einerseits im sogenannten Projektraum, einer Galerie für Bildende Kunst; andererseits auf einer Studio- und Theaterbühne mit abwechslungsreichem Programm. „Das neue Aufgabenfeld passt zu meinen Qualifikationen. Der interessante Bau und die Arbeitsatmosphäre sind angenehm, das kleine Team empfing mich mit offenen Armen, und zu tun gibt es hier mehr als genug!“, sagt Susanne Gupta.

„Das SGE-Prinzip, unbefristete Stellen zu schaffen, war eine gute Idee. Für mich war es die erste unbefristete Anstellung meines Lebens.“
Susanne Gupta - Kulturorganisationsassistentin

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