Eintausend Sechser im Lotto

Gesichter des SGE - Arbeitgeber Sieghard Scheffczyk und Arbeitnehmer Robert Rehmann

Die gemeinnützige Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbH betreibt in Berlin die JugendTechnikSchule. An drei Standorten ermöglicht sie Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen praxisorientierte Einblicke in die Welt der Naturwissenschaft und Technik. In der Freizeit oder im Rahmen unterrichtsergänzender Workshops erwerben sie Wissen auf Gebieten von Elektronik, Klima, Robotik, 3D-Druck oder Informations- und Kommunikationstechnik. Spaß an der Sache sowie die Anbindung der Miniprojekte an die kindliche Lebenswelt stehen dabei im Vordergrund, schließlich sollen die Kurse das dauerhafte technische Interesse und vielleicht den Wunsch nach entsprechenden Berufen oder Studienrichtungen begünstigen.

Allgemeinbildende Schulen nehmen das Angebot allzu gern an. In der JugendTechnikSchule, ansässig im Gebäude des FEZ (Freizeit- und Erholungszentrum) in der Wuhlheide, waren im Herbst 2025 bereits sämtliche Termine für das laufende sowie das nächste Schuljahr ausgebucht. Viele Schulen sind Stammkunden, jährlich kommen rund 7.000 Schüler*innen zu den Kursen hierher. Beim Zusammenschrauben oder Löten altersgerechter Minibausätze geht ihnen in Sachen Technik oft ganz wortwörtlich ein Licht auf, ob an einer Zauberkugel in Regenbogenfarben oder einem blinkenden Fernsehturm. Erklärtes pädagogisches Ziel ist es, barrierefrei und niedrigschwellig zu arbeiten, um jedes Kind einzubeziehen, unabhängig von denkbaren Beeinträchtigungen oder Defiziten. Derer gibt es eine Menge und sie nehmen tendenziell zu. Mit ihnen steigt der Betreuungsbedarf einer Gruppe – bis hin zu der Notwendigkeit individueller Zuwendung.

Die kann nur jemand leisten, der zusätzlich ins Team kommt. An dieser Stelle eröffnete das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) des Berliner Senats 2019 neue Perspektiven. „Bereits im Sommer 2019 hatte ich der Presse entnommen, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller die Initiative zum Projekt Solidarisches Grundeinkommen gestartet hatte“, sagt Sieghard Scheffczyk, Leiter der JugendTechnikSchule in der Wuhlheide. „Ich war sofort der Meinung, dass es für Langzeitarbeitslose einem Sechser im Lotto gleichkäme, einen der tausend Projektplätze abzubekommen. Allerdings dachte ich zunächst nicht darüber nach, ob es für uns in Betracht käme, eine Stelle zu beantragen. Bis plötzlich mein Chef anrief und genau das anregte.“

„Ich war sofort der Meinung, dass das SGE-Projekt für Langzeitarbeitslose einem Sechser im Lotto gleichkäme.“
Sieghard Scheffczyk - Leiter der JugendTechnikSchule in der Wuhlheide

Sieghard Scheffczyk gab im FEZ schon Elektronikkurse, als es noch Pionierpalast hieß, war mehrere Jahre Redakteur der traditionsreichen Zeitschrift Funkamateur und engagierte sich nach der Wende in ehrenamtlichen Projekten, bevor die JugendTechnikSchule 1998 offiziell ins Leben gerufen wurde. „Unsere Einrichtung ist ein Schmelztiegel“, sagt er. „Hier lässt sich die soziale Mischung an den Berliner Schulen im Kleinformat studieren.“ Täglich reisen Schulklassen aus den unterschiedlichsten Stadtteilen an, aus Rahnsdorf, Prenzlauer Berg oder Neukölln. Ihre Zusammensetzung ist oft grundverschieden. „Ich erkundige mich vorab zum Beispiel, wieviel Kinder einer Klasse den Berlinpass besitzen, den unter anderem Sozialhilfeempfänger*innen oder Asylbewerber*innen bekommen. Da fragen mich Lehrkräfte aus dem Stadtrandgebiet mitunter, was das überhaupt ist. In Klassen aus Kreuzberg oder Neukölln heißt es dagegen manchmal: alle.“

So vielfältig wie die jungen Besucher*innen, so mannigfaltig sind die Herausforderungen, denen sich das pädagogische Personal in der kurzen Zeit, die die Schulklassen vor Ort sind, stellen muss. Sprachliche, feinmotorische oder soziale Defizite sind keine Seltenheit. „Teilen müssen wir die Klassen sowieso, maximal fünfzehn Kinder pro Gruppe nehmen zusammen an einem Kurs teil“, sagt Sieghard Scheffczyk. „Trotzdem kann es strapaziös sein, den Überblick zu behalten. Etwas Ernsthaftes passierte noch nie, aber es gibt durchaus Gefahren. Der eine haut sich mit dem Hammer auf den Finger, die andere verbrennt sich am Lötkolben, der dritte macht Bambule, weil es ihm nicht gefällt, und die nächste gibt sich zwar große Mühe, versteht aber wenig Deutsch.“

„Der eigene Wille ist das Wichtigste. Dann kommt auch das Können.“
Sieghard Scheffczyk - Leiter der JugendTechnikSchule in der Wuhlheide

Zukünftig sollte dem pädagogischen Personal in genau solchen Situationen ein*e SGE-Kolleg*in unter die Arme greifen können und sich Kindern mit besonderem Betreuungsbedarf gezielt und individuell widmen. „Wir boten einen Job als Lotse für Kinder mit Problemlagen an“, so Sieghard Scheffczyk. Er füllte die Unterlagen aus und dann passierte lange Zeit nichts. Als er im FEZ, das der JugendTechnikSchule ihre Räumlichkeiten vermietet, irgendwann SGE-Teilnehmende sichtete, wurde er allerdings unruhig. „Ich fand heraus, dass unsere Akte irgendwie unter den Stapel gerutscht war, und in der wenigen Zeit, die blieb, gelang es uns nicht, einen geeigneten Bewerber zu finden.“

Die Frist konnte einmalig verlängert werden und im Jobcenter nahm sich nun eine engagierte Mitarbeiterin der Sache an. Sie schickte Sieghard Scheffczyk einen Engel – beziehungsweise Robert Rehmann. Jahrgang 1965, als Sohn eines international tätigen deutschen Vaters in Mittelamerika aufgewachsen, hatte er in Äthiopien sein Abitur abgelegt, in El Salvador, Mexiko und den USA in verschiedenen Fabriken gearbeitet und war erst seit 2018 dauerhaft in Deutschland, wo sein Lebenslauf in keine Schublade passte und er zunächst Bürgergeld bezog.

„Ich kam zu meiner neuen Sachbearbeiterin, die mir ohne Umschweife ein paar SGE-Stellen auflistete und mich wohl wegen meines bangen Blickes fragte: Haben Sie Angst?“, erzählt Robert Rehmann. Angst zu haben blieb ihm allerdings wenig Zeit, denn sie hatte bereits die Nummer Sieghard Scheffczyks gewählt und hielt ihm den Hörer hin, an dem umgehend für den nächsten Morgen ein Vorstellungstermin in der JugendTechnikSchule vereinbart wurde. Mit Formalia hielt man sich dort nicht lange auf und schickte Robert Rehmann stattdessen in den gerade laufenden Kurs hinein. „Ich wollte nicht stören und war bestimmt ein bisschen schüchtern“, erzählt er. „Aber ein kleiner Junge schaute mich sofort hilfesuchend an und bat mich, ihm beim Löten unter die Arme zu greifen. Ich hatte noch nie gelötet, aber ich probierte es und konnte ihm helfen. Ich muss gestehen, das war ein gutes Gefühl.“

Gesichter des SGE - Arbeitgeber Sieghard Scheffczyk und Arbeitnehmer Robert Rehmann

Seit längerem hatte Robert Rehmann den Wunsch gehegt, ins soziale Metier zu wechseln, ohne zu wissen, wie das gehen kann, was es für Möglichkeiten gibt und ob er überhaupt Talent hat. Mit der SGE-Stelle fand er eine Antwort auf alle drei Fragen. Mitte April 2020 trat er den Dienst an. „Damals waren wir gerade von Corona-Lockdowns betroffen“, erinnert sich Sieghard Scheffczyk. „Als wieder Kinder zu uns kamen, arbeitete Herr Rehmann vom ersten Tag an mit ihnen. Er hat die wunderbare Eigenschaft, nie aus der Ruhe zu kommen und mit ungemein viel Geduld auf die Kinder einzugehen. Außerdem verfügt er über eine ausgeprägte handwerkliche Begabung, die man bisweilen mit dem Begriff „goldene Hände“ umschreibt.“

Es stellte sich somit frühzeitig heraus, dass Robert Rehmann genau der richtige war, um nach seiner SGE-Teilnahme eine freiwerdende Stelle an der JugendTechnikSchule zu besetzen. „Diese Option hatte ich von Anfang an im Hinterkopf, weil ich wusste, dass eine Kollegin zeitgleich mit dem Programmende in Rente gehen würde“, sagt Sieghard Scheffczyk. „Die Probezeit war lang genug, dass ich mir hinsichtlich der Personalie sicher sein konnte. Es fehlte nur noch an der nötigen Qualifikation, die das Stellenprofil verlangte. Da wir dauerhaft mit Herrn Rehmann zusammenarbeiten wollten, unterstützten wir deshalb eine berufsbegleitende Ausbildung, auch wenn wir das „Opfer“ bringen mussten, ihn des Öfteren freistellen zu müssen.“

„Auf eine Festanstellung an der JugendTechnikSchule hinarbeiten zu können, war eine riesige Motivation für mich.“
Robert Rehmann - SGE-Lotse für Kinder mit Problemlagen

Zwei Jahre lang, vom Sommer 2022 bis Mitte 2024, absolvierte Robert Rehmann eine Ausbildung zum Sozialassistenten an der Charlottenburger ASIG Berufsfachschule, wo er wöchentlich wechselnd entweder zwei oder drei Tage anwesend sein musste. Hinzu kamen Praktika oder Blockseminare außerhalb von Berlin. Mit dem Abschluss erfüllte er die Eingangsvoraussetzung für die freiwerdende Stelle und konnte am 16.04.2025 seine Tätigkeit als pädagogisch-technischer Mitarbeiter antreten. „Auf eine Festanstellung an der JugendTechnikSchule hinarbeiten zu können, war eine riesige Motivation für mich“, sagt er.

Heute leitet Robert Rehmann die Kindergruppen hauptverantwortlich. Was für ein Gewinn der neue Kollege ist, lässt sich den Gästebüchern entnehmen. Wenn ein Mädchen aus der dritten Klasse ihren Besuch mit den Worten „Ich werde das nie fergesen“ zusammenfasse, dann ärgere das vielleicht den Deutschlehrer, so Sieghard Scheffczyk. Für das Team der JugendTechnikSchule aber gibt es kein größeres Lob. „Kindermund tut Wahrheit kund und wir ermuntern die Kinder, uns ehrlich ihre Meinung zu schreiben“, sagt er. „Natürlich gefällt es nicht immer jedem einzelnen, aber seit Herr Rehmann bei uns ist, kommen täglich positive Eintragungen hinzu. Kein Vergleich zu vorher.“

„Ohne die Zusatzfunktion, die Herr Rehmann übernahm, hätten wir dieses verbesserte Angebot nicht unterbreiten können.“
Sieghard Scheffczyk - Leiter der JugendTechnikSchule in der Wuhlheide

Seitdem Robert Rehmann der „Vorturner“ ist, wie Sieghard Scheffczyk es ausdrückt, fehlt mitunter allerdings ein Assistent, wie er selbst es früher war. „Leider können wir solch eine zusätzliche Fürsorge nicht in derselben Intensität abdecken wie zu Zeiten des SGE-Projekts“, sagt Sieghard Scheffczyk. Vom Sinn und Nutzen solch einer Individualbetreuung ist man in der JugendTechnikSchule weiterhin überzeugt. „Wir versuchen, ähnliches auch weiterhin zu gewährleisten“, so Sieghard Scheffczyk, „teilweise übernehmen nun Honorarkräfte diese Aufgaben, teils junge FSJler“.

Das SGE-Projekt war neu und definitiv etwas Besonderes, meint Sieghard Scheffczyk. „Ohne die Zusatzfunktion, die Herr Rehmann übernahm, hätten wir dieses verbesserte Angebot nicht unterbreiten können.“ Vom Nutzen individueller Betreuung von Kindern mit erhöhtem Aufmerksamkeitsbedarf überzeugten sich auch die für die JugendTechnikSchule zuständigen Mitarbeiter*innen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie bei einem Vor-Ort Besuch.

Der erste Kontakt mit Langzeitarbeitslosen in Fördermaßnahmen war es für Sieghard Scheffczyk nicht. „Da konnten ich im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Erfahrungen sammeln“, sagt er, und bei weitem nicht alle Betroffenen brächten vermeintlich typische Defizite mit, die Langzeitarbeitslosen gern von vornherein angedichtet würden. „Deswegen gab es unter meiner Leitung nie ein Zweiklassenmodell. Wer zu uns kommt und willig ist, zu arbeiten, genießt dieselben Rechte, Pflichten und Privilegien wie jeder andere. Der eigene Wille ist das Wichtigste. Dann kommt auch das Können.“

Gesichter des SGE - Arbeitgeber Sieghard Scheffczyk und Arbeitnehmer Robert Rehmann
„Seit Herr Rehmann bei uns ist, kommen täglich positive Eintragungen in unserem Gästebuch hinzu. Kein Vergleich zu vorher.“
Sieghard Scheffczyk - Leiter der JugendTechnikSchule in der Wuhlheide

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