Mit SGE zu überraschend neuen Perspektiven

Gesichter des SGE - Nicole Draber

Sollte es eines Beweises bedürfen, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht selten das Resultat unfreiwilliger Dramen und unverschuldeter widriger Humorvoll, aufgeschlossen, geradeheraus – wer Nicole Draber kennenlernt, ahnt nicht, dass die zielstrebige Frau ihr Leben noch vor wenigen Jahren schlecht im Griff hatte. „Früher stellte ich mich meinen Problemen nicht und blendete nach der Vogel-Strauß-Methode einfach alles aus“, sagt Nicole Draber. „Dann passieren manche Dinge schneller, als man denkt.“ Zu diesen gehörten abgebrochene Ausbildungen, Wohnungslosigkeit und sogar eine zweijährige Inhaftierung in Frankreich. Langzeitarbeitslosigkeit mochte da noch nicht einmal das schlimmste aller Probleme sein. Doch es hing mit allen anderen irgendwie zusammen.

Nicole Draber spricht offen über ihre Geschichte und reflektiert ihren Werdegang selbstbewusst. Diese Souveränität ist vergleichsweise neu. Draber hat sie sich zu einem Großteil in den vergangenen fünf Jahren erarbeitet, in denen sie als Obdachlosenlotsin mit dem Projekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) nach langer Pause wieder im Arbeitsleben Fuß fasste. „Ich bin in dieser Zeit definitiv selbstbewusster geworden“, sagt sie.

Das wundert kaum, denn sie wurde nicht nur gebraucht und entsprechend wertgeschätzt, sondern entwickelte ihre persönlichen Talente bis hin zu einem überdurchschnittlich guten Abschluss einer berufsbegleitenden Ausbildung. Inzwischen hat Draber auf eigene Initiative nochmals eine Weiterbildung mit anvisierter Übernahme in Festanstellung gefunden und angetreten.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich meine Ausbildung so gut abschließen würde. Ich bin echt stolz auf mich.“
Nicole Draber - SGE Obdachlosenlotsin

Doch zurück zum Anfang: Geboren wurde Draber 1982 in Cottbus. Kaum volljährig verließ sie ihre Heimatstadt und ging nach Berlin. Mehrmals begann sie eine Ausbildung, zunächst als Hauswirtschafterin, später als Fachkraft im Gastgewerbe, schließlich als Hotelfachfrau. „Leider kam mir immer irgendwie das Leben dazwischen“, erzählt Nicole Draber. Sie brach wiederholt ab. Einmal war es eine belastende Trennung, zuletzt sogar schon Wohnungslosigkeit, die es ihr unmöglich machten, eine Ausbildung zu bewältigen. Das Ende der Abwärtsspirale war erreicht, als sie 2016 nach einem Kurzaufenthalt in Brasilien von der französischen Polizei mit Drogen im Gepäck gestellt wurde. Vier Jahre Haft lautete das Urteil. Eine harte Zeit begann. „Das wünsche ich wirklich keinem“, resümiert Nicole Draber.

Doch sie riss sich zusammen. Im Gefängnis lernte sie Französisch und wurde wegen guter Führung nach zwei Jahren entlassen. Sofort kehrte sie im Januar 2019 nach Berlin zurück und stand erst einmal vor dem Nichts. Ohne Wohnung, ohne Job. Obendrein war sie nun vorbestraft, was die Arbeitssuche noch einmal erschwerte. Sie wollte wieder in die Gastronomie, doch daraus wurde in der aufziehenden Coronapandemie und den anschließenden Lockdowns nichts.

Gesichter des SGE - Nicole Draber

Immerhin musste sie nicht auf der Straße leben. Sie kam vorerst im „FrauenbeDacht“ unter, einer Einrichtung der Berliner Wohnungsnotfallhilfe speziell für Frauen. „Da war ich wirklich sehr glücklich“, erinnert sich Nicole Draber. „Im Oktober 2019 bekam ich sogar meine eigene Wohnung in Marzahn-Hellersdorf.“ Auch das war ein Glücksfall. Draber profitierte von dem in den USA entwickelten Ansatz „Housing First“, den die Stadt Berlin damals gerade erprobte. Die neue sozialpolitische Strategie geht davon aus, dass obdachlose Personen oder Familien zuallererst eine eigene Wohnung brauchen und alle anderen Probleme anschließend angegangen werden sollten. „Housing First“ stellte eine Abkehr oder zumindest eine Alternative zum herkömmlichen System von Notunterkünften und vorübergehender Unterbringung dar.

Eine Wohnung hatte Nicole Draber also – was fehlte, war ein Job. In dieser Situation erzählte ihr die betreuende Psychologin des FrauenbeDacht-Wohnprojekts vom Senatsprojekt des Solidarischen Grundeinkommens und den gerade ausgeschriebenen Stellen. „Ich war begeistert von dem Modell“, erinnert sich Draber, die sich für eine Stelle als Obdachlosenlotsin bewarb. Die Lotsendienste sollen Obdachlosen Hilfsangebote generell erst einmal aufzeigen sowie Unterstützung bei Behördengängen und dem Umgang mit Institutionen sichern. Dafür wurden insbesondere Bewerberinnen und Bewerber gesucht, die eigene Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit sowie optimalerweise Fremdsprachenkenntnisse hatten.

„Oft machte ich positive Erfahrungen. Mehrere Obdachlose fanden eine Wohnung, weil ich sie motiviert und immer wieder angeschubst hatte.“
Nicole Draber - SGE Obdachlosenlotsin

Drabers Vorgeschichte inklusive der Französischkenntnisse prädestinierten sie also für die Tätigkeit. Das Timing stimmte. „Ich bewarb mich gleich im September 2020, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und schon im Dezember ging es los.“ Sie unterschrieb einen fünfjährigen Arbeitsvertrag bei der Gebewo pro gGmbH, einem Träger mit Schwerpunkteinsatzgebiet in der Wohnungsnotfallhilfe.

Als SGE-Obdachlosenlotsin war Draber an der Friedrichshainer Arztpraxis am Stralauer Platz gegenüber vom Ostbahnhof angedockt. Dort werden obdachlose und bedürftige Menschen unbürokratisch medizinisch versorgt und sozialpflegerisch betreut. „Neben der ärztlichen und zahnärztlichen Versorgung konnten die Leute dort auch duschen. Außerdem gab es für die Leute Frühstück und eine Kleiderkammer.“

„Vor Ort ging ich auf Leute zu und bot Hilfe über das hinaus an, was traditionellerweise in der Praxis stattfand. Hauptsächlich begleitete ich Menschen zu Behörden, zu Wohnungsbesichtigungen, zum Jobcenter oder in Unterkünfte. Ich ging mit ihnen Passbilder anfertigen, Pässe oder Anmeldungen beantragen. Viele Wohnungslose haben massive Schwierigkeiten, mit den Behörden ins Gespräch zu kommen. Was anderen leicht fällt, stellt für sie eine unüberwindbare Hürde dar; sie sind ja meist nicht zufällig in die Wohnungslosigkeit abgerutscht. Viele Ältere schämen sich auch schlicht. Und solche, die grundsätzlich nicht mehr in eine Wohnung wollen, denen diese Verantwortung zu viel ist, gibt es ehrlich gesagt auch.“

„Ich bin während meiner Zeit im SGE-Projekt definitiv selbstbewusster geworden.“
Nicole Draber - SGE Obdachlosenlotsin

Häufig führte der Weg von Nicole Draber und ihren Klienten ins Bürgeramt in der Kochstraße, wo man speziell auf den Umgang mit Wohnungslosen eingestellt ist. Dort wurden dann verlorene Ausweisdokumente ersetzt oder Anmeldungen „ohne festen Wohnsitz“ vorgenommen. Was erst einmal abwegig klingt, ist durchaus üblich – und die Voraussetzung für den Bezug von Bürgergeld, das auch Wohnungslosen zusteht. So half die Lotsin, den Klienten den Weg zum Jobcenter zu ebnen. „Die Jobcenter bieten Obdachlosen tatsächlich auch Jobs an, allerdings ist das für Menschen ohne jede Struktur im Leben, die nicht einmal eine Dusche haben oder sich ordentlich anziehen können, fast immer vollkommen unrealistisch“, weiß Nicole Draber zu berichten. „Trotzdem werden all denen die Bezüge gekürzt, die Termine nicht wahrnehmen oder Jobs nicht annehmen.“ Die Lotsin unterstützte die Menschen also auch, Termine im Jobcenter wahrzunehmen.

Gibt es unter diesen Bedingungen überhaupt Lichtblicke? „Ganz ehrlich, ich lernte viele kennen, die jede Hoffnung aufgegeben hatten, die keinen Sinn mehr sahen und sich fragten, wozu und wofür sie noch kämpfen sollten. Umso schöner war es für mich, jemandem aus dieser schwierigen Situation heraushelfen zu können. Erstaunlich oft machte ich positive Erfahrungen. Mehrere unserer Klienten fanden eine Wohnung. Weil ich sie motiviert und immer wieder angeschubst hatte. Ruf an! Frag nach! Das funktionierte tatsächlich.“ Selbst in einer Lage, in der das Problem der Obdachlosigkeit stetig wuchs und der Wohnungsmarkt immer angespannter wurde.

Gesichter des SGE - Nicole Draber
„Ich möchte nie wieder obdachlos werden und habe begriffen, dass ich mich dafür meinen Problemen stellen muss und sie nicht verdrängen darf.“
Nicole Draber - SGE Obdachlosenlotsin

Die Erfolge in der Arbeit stärkten Nicole Drabers Selbstvertrauen. Ihre eigene persönliche Entwicklung resümiert sie entsprechend positiv. Mit den Teammitgliedern in der Praxis pflegte sie ein äußerst kollegiales Verhältnis. Selbst nachdem ihre SGE-Stelle ausgelaufen war, hielt sie mit einigen Kontakt. Durchhänger gab es jedoch auch. „Es war nicht so, dass ich keine Talsohlen zu durchschreiten hatte“, erinnert sich Nicole Draber, „dass ich fünf Jahre lang top motiviert oben auf war und mit Vollgas jedem helfen wollte“. In schwierigen Phasen konnte sie ein Coaching in Anspruch nehmen, das im Rahmen des Modellprojekts angeboten wurde. „Im Hintergrund einen Ansprechpartner zu haben, dem man Feedback geben und mit dem man sich besprechen kann, war sehr hilfreich“, sagt sie. „Manchmal habe ich mich bei dem richtig ausgeheult.“

Ziel des SGE-Programms ist eine Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt. Nicole Draber wollte diese berufliche Chance nutzen und arbeitete von Anfang an konsequent darauf hin. Deshalb war sie der Gebewo pro gGmbH besonders dankbar, während ihrer SGE-Zeit eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung zur Sozialassistentin absolvieren zu dürfen. „Das hat mich begeistert. Natürlich musste ich wieder die Schulbank drücken, Tests und Klausuren schreiben, Präsentationen vorbereiten und so weiter“, erzählt sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so gut abschließen würde. Ich bin echt stolz auf mich.“

„Dafür, dass ich eine berufsbegleitende Ausbildung machen durfte, bin ich sehr dankbar. Das hat mich motiviert und begeistert.“
Nicole Draber - SGE Obdachlosenlotsin

Nicole Draber schwärmt immer noch von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, den Dozent*innen und den mehrtägigen Fahrten in ein naturnahes Schulungszentrum. Mit dem für sie selbst unvorhergesehenen erfolgreichen Abschluss in der Tasche traute sie sich plötzlich noch mehr zu. Sie plante, eine Weiterbildung draufzusatteln und Soziale Arbeit zu studieren. Bei bzw. mit der Gebewo pro gGmbH ließ sich dieser Plan allerdings nicht mehr verwirklichen. „Das fand ich schade, weil ich ja nun fünf Jahre Erfahrung bei dem Träger gesammelt hatte.“ Zwar bot ihr die Gebewo pro gGmbH an, weiter als Sozialassistentin beschäftigt zu bleiben, doch sie wollte sich beruflich noch weiterentwickeln.

„Ich wäre gern bei der Gebewo pro gGmbH geblieben, weil ich aber bis kurz vor dem Ende meiner SGE-Zeit keine Klarheit erlangen konnte, bemühte ich mich um eine Alternative“, sagt Nicole Draber. Die fand sich in einer Einrichtung der Behindertenhilfe in Lichtenberg. „Den Job suchte ich mir selbst.“ Den Plan, Soziale Arbeit zu studieren, legte Draber ad acta, stattdessen hat sie nun eine berufsbegleitende Ausbildung als Heilerziehungspflegerin begonnen.

„Ohne die SGE-Stelle stände ich nicht da, wo ich heute bin.“
Nicole Draber - SGE Obdachlosenlotsin

Zum Arbeitsmarktprojekt SGE zieht Nicole Draber ein positives Fazit. „Wir haben in die Rente eingezahlt und hätten theoretisch ein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Die Langfristigkeit und Sicherheit eines Fünfjahresmodells waren ebenso wichtige Aspekte. Das ist etwas ganz anderes als die kurzfristigen Maßnahmen, die die Jobcenter sonst anbieten können. Viele SGE-Kräfte wurden von ihren Arbeitgebern übernommen. In meinem Fall hat es sich anders ergeben, aber zufrieden kann ich mit der Entwicklung trotzdem sein. Ohne die SGE-Stelle stände ich jedenfalls nicht da, wo ich heute bin.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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