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Emilie Ehm – Erste Stadträtin in der Stadtverordnetenversammlung von Köpenick

Pressemitteilung vom 19.09.2019

„Heute begeht Frau Emilie Ehm, die als erste Frau in Deutschland mit dem Amt eines Stadtrats betraut wurde, ihren 80. Geburtstag”, meldete am 17. Oktober 1952 die “Berliner Zeitung”.

Vor hundert Jahren wählte die Stadtverordnetenversammlung von Köpenick am 19. September 1919 Emilie Ehm zur Stadträtin. Die Lokalpresse bezeichnete sie als “die erste Frau im Magistrat einer Groß-Berliner Gemeinde”.

“Ob Emilie Ehm wirklich auch die erste Stadträtin von Deutschland war, lässt sich angesichts der nach wie vor mangelhaften Aufarbeitung von Frauengeschichte nicht beantworten”, sagt Claudia v. Gélieu. Die BVV Treptow-Köpenick hat die Politikwissenschaftlerin mit Recherchen zu “100 Jahre Frauenwahlrecht” beauftragt. Dabei hat sie die erste Stadträtin Köpenicks, die bis dahin auch völlig vergessen war, wiederentdeckt.

“Außer Emilie Ehm wurden noch zwei weitere Stadträtinnen während der Weimarer Republik in Köpenick gewählt. Damit ist Köpenick auf jeden Fall eine Ausnahme.” Zu dieser Schlussfolgerung kommt Claudia v. Gélieu, die seit Jahrzehnten Frauengeschichtsforschung betreibt.

Ihr aktives und passives Wahlrecht hatten Frauen nach jahrzehntelangen Kämpfen in der Novemberrevolution 1918 endlich durchsetzen können. Doch der Anteil der Frauen in den Parlamenten lag meistens unter zehn Prozent. Und auf Reichs- und Länderebene gab es bis 1933 keine einzige Ministerin. Selbst auf kommunaler Ebene blieben Frauen in Regierungsämtern eine absolute Seltenheit.

Nur zwei Frauen wurden im Februar 1919 bei den ersten Kommunalwahlen mit Frauenbeteiligung in Köpenick in die 42-köpfige Stadtverordnetenversammlung gewählt. Eine der beiden war Emilie Ehm. Die Sozialdemokratin und Gewerkschafterin gehörte zu denen, die die Arbeiterinnenbewegung mitaufgebaut und das Frauenwahlrecht erstritten hatten.

1872 als Emile Heydemann geboren, hatte sie seit Beendigung der Schule als Anlegerin im Buchdruck gearbeitet. Die Berliner Ortsgruppe der Gewerkschaft der Hilfsarbeiterinnen im Druckereigewerbe wählte sie 1899 zu ihrer Vorsitzenden. Zusammen mit den Kolleginnen konnte sie für die Frauen Löhne durchsetzen, die über denen der Männer lagen. Ab 1906 leitete Emilie Ehm die sozialdemokratische Frauenarbeit in Treptow. Erschwert wurde dieses Engagement nicht nur durch das Preußische Vereinsrecht, das Frauen die Mitgliedschaft in politischen Organisationen verbot. “Wie oft haben mir Männer ihre Frauen unter wüsten Beschimpfungen aus den Sitzungen herausgeholt”, erinnerte sich Emilie Ehm an die schwierigen Anfangszeiten. Die frischgewählte Köpenicker Stadtverordnete Emilie Ehm trat nach der blutigen Niederschlagung der Aufstände im März 1919 in die USPD über. Von ihrer neuen Fraktion wurde sie, als im September 1919 die ersten demokratischen Stadtratswahlen stattfanden, nominiert. Gewählt wurde sie als unbesoldete Stadträtin. Das heißt, sie übte ihr Amt ehrenamtlich aus. Als Ressort wurde ihr die Sozialfürsorge übertragen.

Über ihr Selbstverständnis als Kommunalpolitikerin schrieb Emilie Ehm: „Nicht umsonst nennt man […] Stadtverordnete Stadtväter und in unserer Zeit Stadtmütter. Sie haben über das physische Wohl ihrer Mitbürger zu wachen. Ihnen liegt es ob, an der Entfaltung des Kindes und des späteren erwachsenen Menschen nach allen Richtungen hin mitzuwirken. Gewissermaßen von der Wiege, dem ersten Atemzug des neugeborenen Lebens, bis zum Grabe!“ Über die konkrete Tätigkeit von Emilie Ehm als Sozialstadträtin ist wenig überliefert. Zuständig war sie für die Bürgerküche. Deren Essensangebot war für viele Menschen auch noch in der Nachkriegszeit lebensnotwendig. Ansonsten ging es darum, erstmals eine staatliche und kommunale Sozialpolitik aufzubauen.

„Die kommunale Wohlfahrtspflege […] ist in den Anfangsstadien stecken geblieben”, kritisierte Emilie Ehm in einem Artikel. Dass die Sozialarbeit weiterhin vor allem privaten Wohlfahrtseinrichtungen überlassen blieb, hielt sie für falsch. Insbesondere forderte sie mehr kommunales Engagement im Schwangeren- und Mutterschutz sowie bei der Kinderbetreuung. In der Mehrfachbelastung von Frauen mit Erwerbs- und privater Fürsorgearbeit sah sie ein entscheidendes Hindernis für Gleichstellung und Emanzipation. Die Amtsperiode von Emilie Ehm als Stadträtin dauerte nur bis Anfang 1921. Nachdem 1920 Groß-Berlin gebildet und damit auch die bis dahin eigenständige Stadt Köpenick ein Berliner Bezirk geworden war, fanden Neuwahlen statt.

In die Bezirksversammlung von Köpenick wurde 1920 als einzige Frau Maria Wudtke auf der Liste der USPD gewählt. Im Februar 1921 wurde sie Nachfolgerin von Emilie Ehm als Stadträtin. Bekannt und geehrt wird sie heute in Köpenick als Maria Jankowski. So hieß sie, nachdem sie sich nach dem Tod ihres Ehemannes wiederverheiratete. Einer dritten Köpenicker Stadträtin wurde die amtliche Bestätigung versagt. 1930 hatte die Bezirksversammlung Elisabeth Jacobi zur Stadträtin gewählt. Die Kommunistin, die ihr Amt nicht antreten durfte, rückte als Berliner Stadtverordnete nach und war bis 1933 Mitglied des zentralen Stadtparlaments.

Wie Maria Jankowski wurde auch Elisabeth Jacobi unter der NS-Diktatur mehrmals verhaftet. Im Juni 1945 starb Jacobi an den Folgen ihrer Haft im KZ Ravensbrück. Von Emilie Ehm ist keine politische Betätigung nach 1924 bekannt. Bis in dieses Jahr leitete sie die die KPD-Frauenarbeit in Köpenick.
Ihren 80. Geburtstag 1952 beging Emilie Ehm in einem Altenheim in Köpenick. In ihren letzten Lebensjahren schrieb sie Gedichte. Sie schickte sie an Zeitungen, die sie aber offenbar nicht veröffentlichten. Dies geht aus ihrem Nachlass im Berliner Landesarchiv hervor. Ihr Todesjahr konnte bisher nicht ermittelt werden.

Hinweis: Die Online-Dokumentation “Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren in Treptow-Köpenick” gibt es auf der Homepage der Museen Treptow-Köpenick unter dem Menüpunkt Angebote/Publikationen.

https://www.berlin.de/museum-treptow-koepenick/angebote/publikationen/artikel.783809.php

Claudia v. Gélieu – Frauenforscherin
Anke Armbrust – Gleichstellungsbeauftragte