Abschlussbericht der unabhängigen Kommission vorgestellt

Pressemitteilung vom 11.09.2026

Am 11. September hat die vom Bezirksamt Neukölln beauftragte unabhängige Kommission ihren Abschlussbericht zu den Geschehnissen im Jugendzentrum Wutzkyallee vorgestellt. In dem Neuköllner Jugendclub ist es nach den Berichten von Jugendlichen zu sexualisierter Gewalt und einer mutmaßlichen Vergewaltigung unter Jugendlichen gekommen. Aufgabe der Kommission um Dr. Elke Nowotny war die Aufklärung der Sachverhalte, die Analyse von Fehlern sowie die Erarbeitung von Empfehlungen für die Zukunft.

Die unabhängige Kommission kommt in ihrem Bericht unter anderem zu dem Ergebnis, dass es an einer strukturierten Fallbearbeitung und einer Dokumentation des Kinderschutzfalles durch das Jugendamt fehlte. Auch deshalb sei es zu Verzögerungen im Fallverlauf gekommen und zu unterschiedlichen Bewertungen im Umgang mit der Strafanzeige. Der Fall war nicht als Kinderschutzfall gemäß §8a SGB VIII behandelt worden. Insgesamt sei der Prozess der Bearbeitung des individuellen Kinderschutzfalles von unklarer Kommunikation, unterschiedlicher Interpretation des Gesagten oder Berichteten, Missverständnissen und fehlendem stringenten Führungsverhalten durch das Jugendamt geprägt.

Anhaltspunkte für eine bewusste Vertuschung der Vorfälle und der mutmaßlichen Vergewaltigung durch die Fachkräfte des öffentlichen Trägers – wie teilweise in der Presseberichterstattung unterstellt – konnte die Kommission nicht feststellen.

Die Kommission hat Empfehlungen sowohl für den Bezirk als auch für das Land Berlin erarbeitet. Dazu gehören für den Bezirk etwa Meldeketten, Supervision für Fachkräfte in der Jugendarbeit, Fortbildungen und Führungskräfteschulungen. Empfohlen wird ebenfalls, das Jugendzentrum Wutzkyallee bald wieder zu eröffnen und zuvor ein Schutzkonzept zu erarbeiten.

Durchgängig hat die Kommission festgestellt, dass Peer-Gruppen-Gewalt, also Gewalt unter Gleichaltrigen, im Berliner Hilfesystem bei Kindeswohlgefährdungen nicht ausreichend verankert ist und empfiehlt daher eine stärkere Berücksichtigung. Vorgeschlagen wird ein entsprechendes gesamtstädtisches Projekt.

Sarah Nagel, Bezirksstadträtin für Jugend: „Der Bericht der unabhängigen Kommission benennt klar das Entsetzen aller Fachkräfte über das, was passiert ist und zugleich die Defizite aller Akteure. Deshalb ist der Bericht für mich der Ausgangspunkt dafür, was sich ändern muss. Einerseits legt er die konkreten Defizite im Jugendamt offen, etwa zu fehlenden Fortbildungen, Informationsketten und Führungskultur. Andererseits zeigt er auch auf, unter welchem Druck die Mitarbeitenden, vor allem das Team vor Ort, stehen. Das ist leider Realität, wenn zu wenig Mitarbeitende im System zu viel abfedern sollen. Wir haben seit dem Frühling bereits einige der konkreten Empfehlungen auf den Weg gebracht, von einer Neuaufstellung des Krisenmanagements bis hin zu Fortbildungen. Wir planen auch, das Jugendzentrum Wutzkyallee so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Dennoch kann es nach diesen Vorfällen und dem Bericht kein ‚Weiter so‘ geben. Vor allen Dingen danke ich der Kommission für ihre Arbeit und allen, die zu dem Bericht beigetragen haben.“

Der Bericht selbst kann aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht vollständig veröffentlicht werden. Das Bezirksamt hat unter https://www.Berlin.de/ba-neukoelln/aktuelles/sonderthemen/bericht-der-unabhaengigen-kommission-zur-aufarbeitung-der-geschehnisse-im-jugendzentrum-wutzkyallee-auszug-1712464.php das Fazit und die Empfehlungen der Kommission veröffentlicht.

Der Kommission gehörten als Mitglieder an:
⦁ Dr. Elke Nowotny, ehemalige Vorstandsvorsitzende des Kinderschutz-Zentrums Berlin e.V.
⦁ Lotte Reich, Familienberaterin und Fachberaterin Kinderschutz
⦁ Evelyn Saal, Familientherapeutin und Fachberaterin Kinderschutz
⦁ Pauline Heim, Rechtsanwältin für Strafrecht, Verteidigung und Nebenklagevertretung
⦁ Kerstin Stappenbeck, Abteilungsleiterin Jugend und Kinderschutz, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie
⦁ Andrea Buch, Referatsleiterin Kinderschutz, Hilfen zur Erziehung und Inklusion, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie