Endlich angekommen – ein sicherer Hafen in der Seniorenbegegnungsstätte

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Margit Domann
arbeitet im Bereich Besuchs- und Betreuungsdienste in einer kommunalen Begegnungsstätte. Sie ist angestellt beim Bezirksamt Pankow.

Die Wende bedeutete für Margit Domann einen jähen Umbruch. Sie wurde arbeitslos und ihr Leben blieb fortan prekär. Eine beruhigende Perspektive fand sie erst spät wieder – durch eine Stelle mit Solidarischem Grundeinkommen in einer kommunalen Begegnungsstätte.

Für Margit Domann schloss sich ein Kreis, als sie 2020 beruflich in den Kiez ihrer Kindheit zurückkehrte. Sie war 1960 in Berlin-Prenzlauer Berg zur Welt gekommen. Bis ins Grundschulalter hatte sie mit Eltern und Geschwistern in der Naugarder Straße gewohnt, nicht weit vom S-Bahnhof Greifswalder Straße. 1968 zog die Familie in einen Neubau an der Jannowitzbrücke, wo Margit Domann bis zum Abschluss ihrer Lehre lebte.

Margit Domann ist gelernte Zierpflanzengärtnerin. Ihr Berufsleben begann 1977 beim VEB Gartenbau Berlin. Nachdem sie den Facharbeiter mit gutem Ergebnis abgeschlossen hatte, bewarb sie sich bei der Abteilung Dekoflor in Berlin-Kaulsdorf, wo nur ausgebildete Floristinnen und Floristen arbeiteten. »Die Dekorationsabteilung bestückte öffentliche Gebäude und Behörden mit Gestecken und Schnittblumen«, erzählt Margit Domann. »Wir statteten den Palast der Republik, den Ministerrat, das Staatsratsgebäude und die Zentrale des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes aus.« Die Schnittblumen dafür wurden aus umliegenden Gärtnereien geliefert. Aus Pankow kamen Rosen, Gerbera und Nelken, aus Kaulsdorf Strelitzien und Orchideen. Margit Domann war engagiert und mit Freude bei der Arbeit, deshalb bot man ihr 1986 eine einjährige berufsbegleitende Weiterbildung zur Floristin und Dekorateurin an.

1979 lernte sie den Kollegen aus dem Gartenbau näher kennen, der ihr immer die Blumen brachte. Mit ihm ist sie seit 1981 glücklich verheiratet. Im selben Jahr wurde ihr erster Sohn geboren, 1984 eine Tochter. Weil der Arbeitsweg nach Kaulsdorf mit zwei Kindern zu weit war, bewarb sich Margit Domann 1987 als Gärtnerin beim DDR-Gewerkschaftsbund FDGB, wo sie fortan für die Haus- und Pflanzenpflege und die floristische Ausstattung von Veranstaltungen und des FDGB-Hotels zuständig war. Während sich politische Umbrüche ankündigten, bekamen Domanns zum dritten Mal Nachwuchs: Mitten in der turbulenten Wendezeit kam 1990 ein zweiter Junge zur Welt. »Meine Kinder haben alle gute Arbeit. Der Jüngste ist Lokführer bei der Deutschen Bahn, meine Tochter ist Werbetexterin, und mein zweiter Sohn arbeitet in einer Gebäudereinigungsfirma auf der Museumsinsel«, sagt Margit Domann. »Vom Ältesten habe ich schon zwei Enkelkinder, Zwillinge.«

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Mit der Wende kam 1990 die Währungsunion, und die Treuhandanstalt übernahm die Volkseigenen Betriebe. In der Folge schlossen viele DDR-Betriebe ihre Tore. Das bedeutete für sieben Millionen Ostdeutsche Arbeitslosigkeit – Margit Domann war eine von ihnen. Mit der Abwicklung des FDGB verlor auch sie ihre Stelle.

Der Aufprall in der neuen gesellschaftlichen Realität war hart. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass sie sich einmal beim Arbeitsamt würde registrieren lassen müssen, um das zum Überleben nötige Geld zu bekommen. Nach der Geburt ihres Sohnes übernahm das Arbeitsamt ein Jahr die Fortzahlung des Lohnes, doch danach wurden die Leistungen wieder gestrichen – ihr Mann verdiene zu viel, hieß es. Als dreifache Mutter hatte sie bei Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern keine Chance, denn Arbeitssuchende gab es viele. »Ich schlug mich jahrelang irgendwie durch, meist mit Minijobs auf 400-Mark-Basis. Mit drei Kindern hatten wir keine Wahl.«

Trotz der Schwierigkeiten blieb Margit Domann ihrem Metier vorerst treu. »Ich habe noch lange als Floristin gearbeitet«, sagt sie, »knapp fünf Jahre als Verkäuferin bei der Ladenkette Blume 2000, dann an einem Blumenstand in einem U-Bahnhof in Neukölln und schließlich in einem Geschäft an der Jannowitzbrücke.« Doch das Blumengeschäft veränderte sich, und die Leute gingen zunehmend dazu über, ihre Blumen billig im Supermarkt zu kaufen. So fand Margit Domann schließlich keine Arbeit mehr in dieser Branche.

Das Arbeitsamt schlug ihr eine Umschulung zur Pflegeassistentin vor. In einem Seniorenheim sammelte sie erste Erfahrungen mit älteren Menschen. »Ein halbes Jahr lang schnupperte ich in den Job hinein«, erzählt Margit Domann. »Als Betreuerin habe ich die Pflegekräfte unterstützt und die Senioren bei Aktivitäten wie Singen, Basteln oder Gymnastik angeleitet.«

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Als sie im Januar 2005 den Abschluss als Pflegehelferin in der Tasche hatte, ging es richtig los. »Ich wurde immer im Wechsel in der ambulanten Hauspflege, im betreuten Wohnen und in Senioreneinrichtungen eingesetzt.« In einer Zeit, in der Pflegekräfte händeringend gesucht wurden, hatte Margit Domann darunter zu leiden, dass die Arbeitsmarktpolitik absurde Blüten trieb: »Über Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes wurde ich immer nur für ein Jahr eingestellt. Davon war ein halbes Jahr Probezeit und ein halbes Jahr vom Amt gefördert. Nach Ablauf des Jahres wurde mein Vertrag nicht verlängert, weil die Firmen lieber die nächste vom Amt geförderte Kraft nahmen.« Auf diese Weise sparten sie die Lohnkosten.

2014 fand Margit Domann Arbeit bei den Johannitern. »Als kirchliche Einrichtung zahlten sie besser als andere, da gab es sogar Weihnachtsgeld und Fortbildungen. Leider endete der Vertrag nach zwei Jahren.« Danach ging sie zum Pflegeunternehmen Domicil. Der Lohn war alles andere als erbaulich. »Als ich in der Pflege begann, bekam ich einen Stundenlohn von sieben Euro«, sagt Margit Domann. »So etwas schlägt sich später in der Rente nieder.« Motivierender als das Gehalt war für sie die Tätigkeit selbst: »Vor allem kam ich für meine alten Leutchen zur Arbeit. Die waren todunglücklich, wenn ich mal im Urlaub war.«

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2015 bekam Margit Domann Herzprobleme. Sie wurde immer öfter krank und konnte schließlich nicht weiterarbeiten. Ihr wurde eine Kur verordnet, sie musste längere Zeit zu Hause bleiben. Nach ihrem Wiedereinstieg blieb sie bis Ende 2017 in der Pflege. »Das war ein schöner Beruf«, sagt sie heute. »Aber sehr anstrengend.« Mit einem regelrechten Zusammenbruch kam das abrupte Aus: Margit Domann bekam Arthrose, konnte nicht mehr laufen. Ihr linkes Knie musste operiert werden, Reha-Maßnahmen schlossen sich an. Personen zu heben, zu tragen oder sich zu bücken, ist ihr nun unmöglich. Damit war sie raus aus dem Beruf.

Nach einer fast zweijährigen Rekonvaleszenzphase stand Margit Domann wieder ohne Arbeit da. Bei der Agentur für Arbeit und beim Rententräger stellte sie den Antrag auf Umschulung zur Betreuungskraft. Da diese Umschulung 6000 Euro kostete, stellte sich die Arbeitsagentur quer und versuchte darauf zu bestehen, dass sie in der Pflege blieb. »Doch das ging körperlich nicht mehr. Mein linkes Knie war kaputt.« Nach langem Ringen und einem vom Medizinischen Dienst erstellten Gutachten bekam Margit Domann endlich die fünfmonatige Umschulung gewährt. Im Februar 2020 hatte sie den Schein als Pflege- und Betreuungskraft in der Tasche.

Als frisch gebackene Betreuungsassistentin meldete sich Margit Domann beim Jobcenter. Dort konnte ihr jedoch niemand eine Stelle anbieten. Auf die Projektstellen mit Solidarischem Grundeinkommen (SGE) stieß sie beim Studieren von Jobanzeigen selbst – es wurden Betreuerinnen und Betreuer für Senioreneinrichtungen in Prenzlauer Berg gesucht, ihrem Heimatkiez. Die SGE-Stellen in diesem Bereich wurden geschaffen, um in der Nachbarschaftshilfe, in Pflege- und Senioreneinrichtungen und mitunter im häuslichen Umfeld soziale Kontakte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

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»Besuchs- und Betreuungsdienste« nennt sich das spezifische SGE-Einsatzfeld, und Margit Domann ist bestens dafür qualifiziert. Sie bewarb sich und hörte zunächst drei Wochen lang nichts. »Bis plötzlich der Anruf kam und ich ins Bezirksamt bestellt wurde. Das Bewerbungsgespräch fand in der Fröbelstraße im Prenzlauer Berg statt – vor vier Chefs«, erinnert sich Margit Domann. »Bestimmt eine halbe Stunde wurden mir Löcher in den Bauch gefragt.« Nach dem Gespräch gab es vorerst keine Rückmeldung. »Ich wartete. Ich war unruhig. Heute weiß ich nicht mehr genau, wann ich informiert wurde, dass ich zum 1. Oktober 2020 anfangen könne.« Sechs SGE-Stellen waren vergeben worden, den Auserwählten händigte die Bezirksstadträtin persönlich die Willkommensmappe für die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Stadtbezirk aus.

Vier Monate arbeitete sich Margit Domann in einer coronabedingt verwaisten Begegnungsstätte in der Grellstraße ein. »Ich brachte den Laden richtig auf Vordermann«, erzählt sie. »In den Regalen stand alles durcheinander. Aber ich bin ein Kind der DDR, bei mir muss alles schön ordentlich sein.« Sauber führte Margit Domann ein Büchlein über den Bestand und machte sich Notizen. »Wenn ich Fragen hatte, konnte ich mich jederzeit an die Einrichtungsleitung wenden.«

Im Februar 2021 wechselte sie an ihren aktuellen Einsatzort in der Husemannstraße 12. Das Altberliner Mietshaus ist eine kiezbekannte Adresse. Als die gesamte Husemannstraße im Vorfeld der 750-Jahr-Feier von Berlin 1987 aufwendig saniert wurde, zog in die Nummer zwölf das Museum »Berliner Arbeiterleben um 1900« ein. Nach der Wende wurde es geschlossen, und eine kommunale Seniorenbegegnungsstätte kam in die Räume.

Als Margit Domann ankam, befand sich bei der Begegnungsstätte etliches im Umbruch. 2020 hatte man das 25-jährige Bestehen der Kiezeinrichtung feiern wollen. Kurz zuvor jedoch waren die Wellen hochgeschlagen, weil das Haus im Sommer 2019 von einem neuen Eigentümer ersteigert worden war und der prompt den Mietvertrag gekündigt hatte. Erst nach der Intervention der Bezirksstadträtin wurde die Kündigung zurückgezogen und eine einvernehmliche Lösung gefunden, der gemäß die Begegnungsstätte bleiben konnte. Der Mietvertrag galt zwei weitere Jahre unverändert, für die Jahre 2022 bis 2026 wurden schrittweise Mieterhöhungen vereinbart. Was danach passiert, wird Gegenstand neuer Verhandlungen werden.

Gleichzeitig bekam die Begegnungsstätte eine neue Leiterin. »Frau Lenk-Ilte und ich haben die Husemannstraße neu aufgebaut, nachdem dort vieles jahrelang aufgeschoben worden war«, sagt Margit Domann. »Wir warfen die alten Möbel raus, ließen die Wände und den Fußboden erneuern. Nun fehlt nur noch die Küche, dann ist alles schön und frisch gestaltet.«

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Stammgäste wie Horst, ein 85-jähriges Prenzlauer Berger Urgestein, freut das. Für ihn ist die Begegnungsstätte ein zweites Zuhause. Als eine der größten in Pankow bietet sie Platz für die unterschiedlichsten Aktivitäten: »Zweimal im Monat organisieren wir ein Frühstück für Seniorinnen und Senioren«, erzählt Margit Domann. »Regelmäßig treffen sich Vereine wie der Jahresringe e. V. Es gibt eine Kabarettgruppe, einen Malzirkel, eine Suchtbewältigungsgruppe, Qi-Gong-Training, Schachspiel und sogar eine Schreibgruppe.« Die größte Runde ist der PC-Club, in dem Smartphone- und Computerkenntnisse vermittelt werden. Selbst Märchenstunden und Kindertanz wurden vor Corona angeboten. Denn anders als die Bezeichnung suggeriert, will die Seniorenbegegnungsstätte allen Altersgruppen offenstehen und damit nicht zuletzt der Altersstruktur des Kiezes Rechnung tragen. Sichtbarer Ausdruck dafür ist eine nagelneue Tischtennisplatte im Sportraum.

Gruppenübergreifend gestalteten die Seniorinnen und Senioren der Begegnungsstätte eine multimediale Ausstellung über das Leben in und mit der Pandemie, die am 1. März 2022 offiziell eröffnet wurde – ein Höhepunkt nach den harten Einschränkungen und den Lockdowns.

Die Begegnungsstätte ist für Margit Domann zu einem sicheren Hafen geworden, genau wie für die Seniorinnen und Senioren, die sie betreut. Noch während der Vertrag läuft, wird sie das Rentenalter erreichen. Für sie ist das ein beruhigender Gedanke.

Text: Katrin Rohnstock / Rohnstock Biografien