Tablet statt Schraubenzieher

Gesichter des SGE- degewo Gebäudeservice

Eines der traditionsreichsten kommunalen Wohnungsunternehmen Berlins ist die degewo AG. Vor über einhundert Jahren gegründet, blickt es auf eine bewegte Geschichte zurück und verwaltet heute fast 82.000 Wohnungen im gesamten Berliner Stadtgebiet. Eine der vier Tochtergesellschaften, die unter dem Dach der degewo AG Dienstleistungen und Facharbeiten im Wohnungsbestand übernehmen, ist die degewo Gebäudeservice GmbH, kurz: dgs.

Als kommunaler Arbeitgeber konnte die dgs Langzeitarbeitslose mit Solidarischem Grundeinkommen (SGE) anstellen, als der Senat das Pilotprojekt 2019 ins Leben rief. So auch Frank Fromhold, der inzwischen einer regulären Hausmeistertätigkeit bei der dgs nachgeht. Er wurde nach Abschluss des Projekts in eine sozialversicherungspflichtige Festanstellung übernommen. Dass dies gelingen konnte, lag nicht zuletzt an einem offenherzigen Engagement der dgs, wo man nachhaltig bestrebt war, SGE-Teilnehmenden langfristige berufliche Perspektiven zu eröffnen.

„Wir sind ein sozial engagierter Arbeitgeber und suchen im Grunde permanent neue Mitarbeiter*innen“, sagt Benjamin Koreik. Er ist Teamleiter bei der dgs und betreute in dieser Funktion unter anderem mehrere SGE-Teilnehmende. „Wir wollen, dass sich unsere Mitarbeiter*innen in der Firma wohl fühlen und versuchen, sie weitestgehend zu unterstützen, ob bei Qualifizierungswünschen oder privaten Anliegen und Sorgen. Wer seine Sache gut macht, kann hier alt werden, den lassen wir freiwillig nicht mehr gehen.“

„Wer seine Sache gut macht, kann hier alt werden, den lassen wir freiwillig nicht mehr gehen.“
Benjamin Koreik - Teamleiter

Gute Voraussetzungen also, sich einen dauerhaften Job zu sichern. Eintrittshürden gibt es kaum, Zuverlässigkeit, minimales technisches Verständnis und eine gewisse Organisationsfähigkeit vorausgesetzt. Ansonsten gilt: Stimmt die Einstellung, ist die Vorgeschichte eines Kandidaten erst einmal zweitrangig. Hausmeister ist kein Ausbildungsberuf, so dass ihn so gut wie jede*r ergreifen kann. In der Branche finden sich viele Quereinsteiger*innen, unter ihnen zahlreiche ehemalige Selbständige.

So ging es auch Frank Fromhold. Zusammen mit seiner Frau betrieb er zehn Jahre lang eine Urberliner Kneipe im Wedding. Fast ohne Angestellte, immer im Dienst. „Keinen Samstag frei, keinen Sonntag frei und an den Feiertagen erst recht im Einsatz“, erzählt er. „Es war eine schöne Zeit, aber nicht unbedingt erholsam.“ Weil viele ältere Kunden nach und nach wegblieben und die Umsätze sanken, die Bedingungen für Gastronomen generell schwieriger wurden, entschloss sich das Paar, sein Lokal zu schließen. „Ich wollte nicht noch Geld reinbuttern“, so Frank Fromhold.

Gesichter des SGE- AG Benjamin Koreik (Teamleiter)
„Das Ziel unseres SGE-Engagements war von Beginn an, die Teilnehmenden langfristig bei uns zu behalten“
Benjamin Koreik - Teamleiter

Rückblickend ein weiser Schritt, hätte doch wahrscheinlich spätestens die Coronapandemie dem Geschäft endgültig den Garaus gemacht. Stattdessen war Frank Fromhold erst einmal arbeitslos. „Drei Jahre lang habe ich einige Qualifizierungskurse besucht“, erzählt er. „Unter anderem belegte ich einen Hausmeisterlehrgang. Der dauerte zehn Monate und beinhaltete ein Rundumprogramm vom Gabelstaplerführerschein über die klassische Reinigung bis hin zu Kettensägen- oder Seitenschneiderschein.“

Der Hausmeisterkurs sollte sich als glückliche Entscheidung erweisen. Das Jobcenter meldete sich eines Tages bei Frank Fromhold und teilte ihm mit, dass es ein neues Projekt namens SGE gäbe und in diesem Rahmen unter anderem Quartiershelfer*innen gesucht würden. Er sollte sich diesbezüglich doch einmal bei teilnehmenden Unternehmen vorstellen – eine anstehende Jobbörse wäre die beste Gelegenheit dafür. „Ich hatte noch nie vom SGE gehört“, erzählt Frank Fromhold. „Aber ich wollte mir das anschauen. Sicherheitshalber nahm ich gleich zwei unterschiedliche Bewerbungen mit.“

Plötzlich ging alles ziemlich schnell. Die degewo warb vor Ort unter anderem SGE-Teilnehmende und da das Unternehmen langfristig seine Hausmeistersparte personell besser ausstatten wollte, war Frank Fromhold für die SGE-Stelle als Quartiershelfer*in mit seinen Vorkenntnissen mehr als willkommen. „Ich bewarb mich auf die SGE-Stelle und bekam schon zwei Wochen später eine positive Rückmeldung“, erzählt er. „Kurz darauf ging es Anfang 2020 los.“

„Langzeitarbeitslose oder Kurzzeitarbeitslose sind ganz normale Menschen wie jeder andere auch. Ich möchte sie in keine Schubladen stecken.“
Arno Burghardt - Koordinator

Frank Fromhold wurde einem dgs-Hausmeisterbüro im Wedding zugeteilt. Zunächst lief er bei erfahrenen Kollegen mit und schaute ihnen über die Schulter. „Die Atmosphäre ist familiär bei der dgs; meine neuen Kollegen waren wirklich zugewandt, zeigten mir viel, gaben Tipps und ließen mich Dinge selbst ausprobieren“, erzählt er. Alles im Sinne einer Professionalisierung Frank Fromholds. „Das Ziel unseres SGE-Engagements war von Beginn an, die Teilnehmenden langfristig bei uns zu behalten“, sagt Benjamin Koreik. „Die Übernahme war unsererseits stets anvisiert. Deswegen schenkten wir jemandem wie Herrn Fromhold Vertrauen. Sobald wir feststellten, dass er den Aufgaben gewachsen war, bemühten wir uns, ihn dorthin zu lotsen, wohin er sollte und wollte.“

Das hieß, dass Frank Fromhold nicht über fünf Jahre im Schlepptau anderer blieb, sondern als Quartiershelfer Schritt für Schritt eigene Aufgaben im Gebäudeservice übernahm – so die Bezeichnung für alles, was Hausmeister*innen und Helfer*innen heute tun. Wer sich unter dem Begriff Hausmeister immer noch einen Daueransprechpartner und mit Werkzeugkoffer bewaffneten Allroundhandwerker vorstellt, bei dem Mieter*innen direkt ihre Beschwerden loswerden oder Reparaturen in Auftrag geben können, liegt meistens falsch. Früher mag es so gewesen sein, doch das Berufsbild des Hausmeisters ist im Wandel begriffen. „Einen Werkzeugkoffer haben die Hausmeister überhaupt nicht mehr dabei“, sagt Benjamin Koreik. „Heute gibt es eine zentrale Kundenberatung.“

Die zentrale Kundenberatung ermöglicht es, die Anliegen der Mieter*innen effizienter und schneller zu bearbeiten – schon, weil sie rund um die Uhr erreichbar sei, so Benjamin Koreik. Die Zentrale nimmt Mängel und Anfragen auf, koordiniert anstehende Arbeiten und vergibt die Aufträge an andere Firmen und Dienstleister. Mittlerweile stiegen sämtliche Wohnungsbaugesellschaften in Berlin auf dieses System um, die degewo führte die wesentliche Neuerung 2020 ein. Zur selben Zeit also, als das SGE-Projekt startete. Sieben SGE-Kollegen kamen damals zur degewo-Tochter dgs und wuchsen als Quartiershelfer von Anfang an in die neuen Strukturen hinein.

„Arbeitslosigkeit kann jeden erwischen. Wichtig ist, dass jemand arbeiten möchte und interessiert ist an einem Job.“
Arno Burghardt - Koordinator

Heutzutage müssen Hausmeister*innen vor allem kontrollieren und melden. Treppauf, treppab sind sie permanent unterwegs. Für mehrere hundert Wohnungen ist ein Hausmeister üblicherweise verantwortlich. Der tatsächliche Arbeitsaufwand hängt allerding weniger von der Anzahl der Wohnungen als von der zu betreuenden Fläche ringsum ab. Eine wesentliche Aufgabe der Hausmeister besteht darin, das Wohnumfeld sauber zu halten. Jeden Tag muss es kontrolliert, Grobmüll abgesammelt und illegal abgeladener Sperrmüll gemeldet werden. Es gibt klare Regeln, welche Kontrollgänge wie oft durchgeführt werden müssen. Die Hausflur- und Kellerlampen sollen funktionieren, Sperrmüll abtransportiert, Gefahren eliminiert und Beschädigungen oder Vandalismus beseitigt werden. All das kontrollieren und protokollieren die Hausmeister*innen, die heute eher mit Tablet als mit Schraubenzieher unterwegs sind.

Als Quartiershelfer schulte Frank Fromhold zunehmend seinen Blick auf Gebäude und Umgebung und erschloss sich Schritt für Schritt seinen zukünftigen Verantwortungsbereich. Von der Wohnumfeldsicherheitssondierung bis zur Bestandsaufnahme von Schrottfahrrädern übernahm er gleichzeitig zusätzliche Aufgaben, die das Quartier aufwerten halfen. SGE-Teilnehmende wie er bekamen auf diese Art sukzessive einen tiefen Einblick in die Tätigkeit von Hausmeister*innen im Allgemeinen wie auch in die konkreten Gegebenheiten vor Ort. Wer sich nach eingehender Selbstprüfung von all dem nicht überfordert fühlte, hatte anschließend beste Aussichten bei der dgs. Zwei der sieben SGE-Teilnehmenden konnten direkt übernommen werden. Eine dritte Person ging inzwischen in Rente, andere entschieden sich unternehmensintern für alternative Stellenangebote. Von ganz wenigen trennte man sich in gegenseitigem Einvernehmen, weil entweder die Eignung oder das Interesse fehlten.

Nicht jeder war dem Job gewachsen, was Teamleiter und Koordinatoren der dgs jedoch nicht überraschte. „Man ist unheimlich viel auf den Beinen, hat häufig mit Müll zu tun, die Arbeitszeiten sind nicht verhandelbar“, sagt Regionalkoordinator Arno Burghardt, der unter anderem für Frank Fromhold zuständig war. „Diese Dinge bringt der Beruf nun einmal mit sich. Das liegt nicht jedem.“

Dies sei einer der Gründe für vergleichsweise häufig freiwerdende Stellen, so Arno Burghardt, ein anderer sei das Durchschnittsalter der Hausmeister*innen. Da viele den Beruf erst in fortgeschrittenerem Alter ergriffen, gingen eben oft Mitarbeiter*innen auch in Rente. Entsprechend der üblichen Fluktuation fangen bei der dgs daher kontinuierlich neue Kolleg*innen an, regelmäßig auch solche, die vorher arbeitslos waren. „Die aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommenden SGE-Kolleg*innen stellten für mich aber keine Sonderklasse dar“, sagt Arno Burghardt. „Langzeitarbeitslose oder Kurzzeitarbeitslose sind ganz normale Menschen wie jeder anderer auch. Ich möchte sie in keine Schubladen stecken.“ Aus der Sache ergebe sich, so Burghardt, dass unter Langzeitarbeitslosen tendenziell mehr Menschen zu finden seien, die vielleicht gar nicht arbeiten wollten. „Aber es gibt auch Leute, die Arbeit haben und trotzdem keine Lust. Das hängt ganz von der Person ab. Arbeitslosigkeit kann jeden erwischen, gerade wenn man lange selbständig war. Damit habe ich erst einmal kein Problem. Wichtig ist, dass jemand arbeiten möchte und interessiert ist an einem Job.“

Gesichter des SGE- degewo Gebäudeservice

Im täglichen Miteinander der Hausmeister*innen und Koordinator*innen kam daher kaum zum Tragen, ob jemand SGE-Teilnehmender war oder nicht. „Im Arbeitsalltag machte das zwar hinsichtlich der Aufgaben und Verantwortlichkeiten einen Unterschied, menschlich und kollegial aber wurden die SGE-Teilnehmenden sofort integriert“, so Benjamin Koreik. „Auf den darüber liegenden Ebenen der Personalabteilung, Vermittlung und Betreuung spielte ihr Status eine größere Rolle.“ Im Rahmen des SGE-Projektes seien die Beteiligten extern intensiv unterstützt worden. Diese Aufgabe übernahm Goldnetz, ein Träger, der alle SGE-Teilnehmenden regelmäßig beriet und coachte und nicht zuletzt als Schnittstelle zum Arbeitgeber fungierte. „An solche Strukturen andocken zu können, vereinfachte es spürbar, an Bewerber*innen überhaupt herankommen, sie anschließend fördern und integrieren zu können“, sagt Benjamin Koreik.

Der Zeithorizont des SGE-Projektes wirkte dabei zusätzlich positiv. „Nach fünf Jahren Erfahrung mit den Quartiershelfern weiß man, ob es passt oder nicht“, so Koreik. „Während einer so langen Zeit eignen sich Mitarbeiter*innen außerdem eine Menge Fachwissen an. Warum sollten wir sie gehen lassen, wenn wir sie doch brauchen?“ Jemanden wie Frank Fromhold bezeichnet Benjamin Koreik als „Sahnehäubchen“ des SGE-Programms bei der dgs; demzufolge sei es überhaupt keine Frage gewesen, dass ihm nach Projektende ein Arbeitsvertrag angeboten wurde. Nahtlos ging Frank Fromhold im Frühjahr 2025 in die Festanstellung bei der dgs über. Da sein Team ihn kontinuierlich auf diese Aufgabe vorbereitet hatte, änderte sich im praktischen Arbeitsalltag damit kaum noch etwas für ihn. Auf dem Gehaltszettel dagegen schon.

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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