Die Chance meines Lebens

Gesichter des SGE-Randa Almahwati

Niemanden, der hier nicht wohnt, verschlägt es so ohne Weiteres auf das Falkenhagener Feld in Spandau. Die Großbausiedlung aus den 1970-er Jahren ist eine Kleinstadt in sich und liegt am äußersten Stadtrand von Berlin, kurz vor Brandenburg. Für Randa Al-Mahwati wurde sie zum Arbeitsplatz, an dem sie unbedingt bleiben möchte. Sie wurde hier Stadtteilmutter – auf Umwegen. Die Anstellung war das Happy End einer Geschichte, an deren Anfang das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) des Berliner Senats stand.

Randa Al-Mahwati, Jahrgang 1978, stammt aus Syrien. Dort besuchte sie die Schule und kam 1999 nach Deutschland, um ihren aus Palästina stammenden Mann zu heiraten. Er arbeitete und sie kümmerte sich um den Nachwuchs. Beide Kinder sind inzwischen erwachsen und studieren. „Ich war fünfzehn Jahre lang erst einmal Hausfrau“, sagt Randa Al-Mahwati.

„Das SGE hat mir eine Brücke gebaut, die sonst einfach nicht dagewesen wäre.“
Randa Al-Mahwati - Stadtteilmutter

Ein Zustand, den sie 2015 zu beenden beschloss. „Ich wollte unbedingt einen Job finden, wurde aber immer wieder abgelehnt“, erzählt sie. „Ich hatte den Eindruck, dass mein Kopftuch schuld war. Damit fiel ich durch. Mir wurde nahegelegt, es auf Arbeit abzulegen. Doch das ist mir unmöglich. Das ist kein Spiel für mich als Muslima, es ist meine Pflicht, das Tuch zu tragen. Weil ich solche Vorschläge ablehnte, wurde mir unterstellt, ich wolle gar nicht arbeiten. Aber das stimmte nicht.“

Das Gegenteil war der Fall. Randa Al-Mahwati war an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie sich aktiv gesellschaftlich integrieren und Deutsch lernen wollte. Nicht zuletzt, um ihren Kindern ein gutes Beispiel zu geben. „Das war meine Hauptmotivation.“

Als das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen startete, bot sich für Randa Al-Mahwati die langfristige Perspektive, über das Programm ab 2020 eine Stelle bei der Volkssolidarität anzutreten.

Gesichter des SGE-Randa Almahwati
„Ich bekam viele Chancen. Und wenn einem jemand eine Chance gibt, muss man sie auch nutzen.“
Randa Al-Mahwati - Stadtteilmutter

In Wedding und Mitte betreibt die Volkssolidarität unter anderem Nachbarschaftszentren für Jugendliche und ein Senior*innenzentrum. Bildung und Beratung werden dort angeboten, Begegnungsmöglichkeiten geschaffen, Veranstaltungen und Feste im Sinne der interkulturellen Gemeinwesenarbeit organisiert. An diesen beiden Orten kam Randa Al-Mahwati im Rahmen einer SGE-Stelle für Besuchs- und Betreuungsdienste zum Einsatz. Ein Tätigkeitsfeld, das Nachbarschaftshilfe und unterstützende Tätigkeiten in sozialen, Pflege- oder Senior*inneneinrichtungen umfasste.

„Ich half im Grunde überall mit“, erzählt Randa Al-Mahwati. „Ich war neugierig und wollte alles lernen. Ob Telefondienst, Buchhaltung, Statistik, Anträge, ich wusste gar nicht genau, was die Regeln waren. Das weiß ich nicht, das kann ich nicht – solche Sätze kamen mir nicht über die Lippen. Ich übernahm jede Aufgabe, die man mir antrug und lernte wirklich viel dabei.“ Mitunter sei das überaus anstrengend gewesen, erzählt Randa Al-Mahwati. Einmal nein zu sagen oder etwas abzulehnen, wenn sie sich überlastet fühlte, das kannte sie nicht. „In Syrien, wo ich herkomme, würde sich so etwas niemand trauen. Dort haben die Menschen Angst, sie könnten dann ihren Job verlieren.“

„Ich wollte meinen Kindern ein Vorbild sein. Ich hätte sogar ehrenamtlich gearbeitet, das war mir egal. Hauptsache irgend etwas tun.“
Randa Al-Mahwati - Stadtteilmutter

Heute muss Randa Al-Mahwati selbst darüber lachen. „Dass es nicht schlimm ist, wenn man etwas einmal nicht schafft oder kann, das musste ich wirklich erst lernen.“ Die Jobcoaches von Goldnetz, die alle SGE-Teilnehmenden betreuten, halfen ihr dabei. Erst sie wiesen Randa Al-Mahwati darauf hin, dass niemand verpflichtet sei, sich zu überarbeiten. „Bei Goldnetz lernte ich: Man sagt nicht immer ja – und außerdem ‚und‘ anstatt ‚aber‘.“

Es gab viel zu tun und Randa Al-Mahwati verrichtete ihre Arbeit mit großem Elan. „Der Job füllte mich aus, sehr gern wäre ich nach dem SGE genau dort in eine Festanstellung gewechselt.“ Sobald sie dies ansprach, biss sie allerdings auf Granit. So gut sie auch arbeite, hieß es, ohne entsprechende Ausbildung in Deutschland würde es mit der Anstellung schwierig werden. Das ließ Randa Al-Mahwati keine Ruhe. „Ich besprach das frühzeitig mit meinem Jobcoach“, erzählt sie. „Ich wollte nach den fünf Jahren SGE auf eigenen Füßen und auf keinen Fall noch einmal ohne Job dastehen.“

Ihr Coach empfahl eine berufsbegleitende Qualifizierung zur staatlich geprüften Sozialassistentin an der ASIG-Berufsfachschule in Moabit. Im Zuge dieser zweijährigen Ausbildung konnte Randa Al-Mahwati nebenbei den Mittleren Schulabschluss (MSA) nachholen, den sie in Syrien nie offiziell abgelegt hatte. „Eine Ausbildung war schon lange mein Traum“, sagt sie. „Vor Jahren unternahm ich bereits einen Anlauf, doch die vom Jobcenter zugesagte Finanzierung fiel wieder ins Wasser, weil sich das Einkommen meines Mannes geändert hatte. Ich musste den Plan damals aufgeben.“ Als sie nun eine zweite Chance bekam, ließ Randa Al-Mahwati ihr Ziel nicht mehr aus den Augen. „Meine Chefin hätte mich gerne rund um die Uhr in der Volkssolidarität zur Verfügung gehabt, was erst einmal großartig ist“, sagt sie. „Aber sie sah auch, wie sinnvoll die Weiterbildung für mich war und stimmte zu.“

Gesichter des SGE-Randa Almahwati

2023 ging es los. Jede Woche besuchte Randa Al-Mahwati entweder an zwei oder an drei Tagen die Schule. „Gleichzeitig zu lernen und zu arbeiten, fiel mir nicht leicht“, erzählt sie. „Ich wusste überhaupt noch nicht, wie man richtig lernt. Aus Syrien war ich es gewohnt, immer nur auswendig zu lernen. So war das üblich. Hier dagegen bekamen wir ständig Fallbeispiele. Ich musste selbst argumentieren.“ Obwohl sie sich redlich Mühe gab, fielen ihre Noten anfangs noch schlecht aus. „Weil ich versuchte, wie damals in Syrien zu lernen.“ Nach und nach aber gewöhnte sie sich andere Methoden an. „Meine Noten wurden immer besser, ausgezeichnet sogar. Ich hatte immer alles richtig, einhundert Prozent, was den Inhalt anging. Leider war mein Deutsch nicht perfekt. Wegen Rechtschreib- und Grammatikfehlern wurde das Ergebnis regelmäßig eine Note heruntergesetzt. Also bekam ich nur Zweien.“

Selbst mit ihrem Zweier-Schnitt musste sich Randa Al-Mahwati aber nicht verstecken. Mit diesem vorzeigbaren Ergebnis in der Tasche, versuchte sie nach ihrem Abschluss im Februar 2025 erneut, mit der Volkssolidarität über die Festanstellung zu verhandeln. „Ich brauchte diese Sicherheit. Ich hatte Angst, dass nach dem SGE doch nichts aus einem festen Vertrag werden würde“, sagt sie. Wasserdichte Zusagen aber konnte ihr aus fördertechnischen Gründen trotzdem niemand geben. „Das war mir zu ungewiss. Ich wollte keinerlei Abhängigkeit von wem auch immer nach dem SGE riskieren.“

„Nach den fünf Jahren SGE wollte ich auf eigenen Füßen und auf keinen Fall noch einmal ohne Job dastehen.“
Randa Al-Mahwati - Stadtteilmutter

Bei den Coaches von Goldnetz stieß Randa Al-Mahwati mit ihrem Sicherheitsbedürfnis auf Verständnis. Deshalb schlugen sie ihr einen Arbeitsstellenwechsel in den besagten Stadtrandkiez von Spandau vor, zu den Stadtteilmüttern des Falkenhagener Feldes. In dieser Funktion waren dort mehrere SGE-Teilnehmende tätig, von denen sich die ersten dem Ende ihrer Programmphase näherten und ausschieden. Der gemeinnützige Träger casablanca gGmbH, ein freier Jugendhilfeträger in Berlin, wollte die Stellen nachbesetzen. Damit ergab sich dort die klare Perspektive, die Randa Al-Mahwati so wichtig war. Sie kündigte ihre SGE-Stelle sechs Monate früher als geplant und wurde nahtlos in das Landesprogramm der Stadtteilmütter übernommen. Seit Juni 2025 ist sie offiziell bei casablanca angestellt.

Als Stadtteilmutter ist sie Ansprechpartnerin für Familien mit Migrationshintergrund, die kleine Kinder haben und Orientierung im Alltag und mit Behörden benötigen. Stadtteilmütter wie sie sind zweisprachig und haben selbst eine Migrationsgeschichte, was den Zugang zu ihren Klient*innen erheblich erleichtert. „Es gibt viele Biografien, die mit meiner vergleichbar sind“, sagt Randa Al-Mahwati. „Frauen mit Kopftuch, manche alleinerziehend, ich weiß, wie das ist. Ich erfuhr auch Ablehnung. Ich kann diesen Frauen zeigen, dass es trotzdem vorangehen kann, wenn man wirklich will.“ Im besten Fall würde eine Stadtteilmutter so zum role model, zum Vorbild für andere mit ähnlichen Lebensgeschichten, sagt Beate Amler, die das Programm für casablanca betreut. „Wenn eine Stadtteilmutter etwas vorlebt, ist das viel wirksamer als jede schlaue Lektion eines Sozialarbeiters oder einer Sozialarbeiterin.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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